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Anthropologie

Unterwegs zu einer anthropologischen Wissenschaftsauffassung von Roland Benedikter


Nichts beschäftigt das Denken am Ende unseres Jahrhunderts mehr als das Empfinden, daß wir in einer Zeit der Verwandlungen und der Übergänge leben, in der sich zukunftsweisende Neuerungen in allen Bereichen des menschlichen Lebens vorbereiten. Es sind die Symptome der Zivilisation selbst, die dieser Annahme Nahrung geben. Auf breiter Front wird eine Änderung in der vernünftigen Binnendimension unserer Gesellschaft sichtbar: das ehemals unumstößlich Sichere der großen Sinn- und Deutungsentwürfe wird unsicher, das scheinbar Festgefügte flüssig, das vormals Einheitlich-Ganze bis in seine einzelnen Bestandteile hinein plural, fraktal und heterogen. Die Welt wird vielfältig und prozessual; sie zerfällt im Rahmen des fortschreitenden Modernisierungsprozesses in komplexe Faktenzusammenhänge ohne ideelle Einheit und zeigt dabei ein leeres Zentrum.
Weil der Bezug der einzelnen Erscheinungen auf einen übergreifenden Deutungszusammenhang unter dem Vorrang der Performativität, der Effizienz und des Tauschwertes des Wissens mehr und mehr schwindet, muß das Bemühen um Erkenntnis, das Welt im Verstehen erschließen will, zusehends mit unzusammenhängenden Bruchstücken in voneinander weitgehend isolierten Spezialbereichen operieren; es muß auf diese Weise selbst fragmentarisch, segmenthaft und sektoriell werden. Die sektorielle Selbsteingrenzung des Denkens in hochspezialisierten Problemlösungskomplexen ist eine natürliche Folge der inneren Ausdifferenzierung des gegenständlich-werkhaften Verhältnisses der modernen Wissenschaft zur Welt. Denn diese Wissenschaft geht in ihrem Erkenntnisbemühen von der Annahme der "objektiven" Existenz einer materiellen Außenwelt aus, die unabhängig vom menschlichen Bewußtsein vorliegt. Das Bewußtsein hat dieser Auffassung nach lediglich die Aufgabe, diese Außenwelt in durch Erkenntnisgrenzen beschränkten Einzelsegmenten widerzuspiegeln bzw. operativ zu "rekonstruieren". Dabei muß möglichst alles Subjektive und Persönliche aus dem Erkenntnisprozeß beseitigt werden, um "objektive" und allgemeingültige Erkenntnisergebnisse zu erlangen. Allein die Denkinhalte sind wichtig - der stets individuell gefärbte Vorgang des Denkens selbst dagegen, der die Denkinhalte erst erarbeitet, muß sorgfältig von seinen Ergebnissen geschieden und aus dem Erkenntnisprozeß getilgt werden. Das Denken als solches soll hinter den Gegenständen verschwinden. Vorrangiges Ziel dieses Verfahrens ist die Bewältigung der Natur, die Kontrolle der ökonomischen und sozialen Entwicklung, die Befriedigung von lebensweltlichen Versorgungsbedürfnissen und die Erhöhung des Lebensstandards.
Das Unbehagen an diesem Selbstverständnis der Wissenschaft wächst. Denn immer deutlicher wird: Wirklichkeit als praktische Lebensrealität ist nichts "objektiv" Vorgegebenes, das bloß theoretisch widergespiegelt werden will, sondern Wirklichkeit muß als Ganzheitlich-Gegebenes durch den einzelnen Menschen erst ergriffen, begriffen und gestaltet werden, um überhaupt "wirklich" zu sein.
Die Wirklichkeit als von Menschen in Denken, Fühlen und Wollen erschaffene Realität ist aber mit dem bisherigen dialektisch-reduktiven Bewußtsein immer weniger zu fassen. Die Reduktion von Wissenschaft auf die Produktion von operativen Symbolsystemen unter Versorgungs- und Optimierungsgesichtspunkten bei Ausschluß aller Aspekte von individuellem Denkprozeß, persönlich mitfühlender Verantwortung und subjektiven Sinnmomenten wird weder der sich rasch wandelnden Welt der Wirtschaft, der Technik und der Sozialverhältnisse noch dem Erkenntnisbedürfnis des Einzelnen gerecht. Der Ruf nach einer anthropologischen Neuorientierung des wissenschaftlichen Selbstverständnisses wird heute so laut, daß er nicht länger überhört werden kann.

"Das zivilisatorische Kulturbewußtsein findet seine hervorragende Ausprägung in der Wissenschaft. Das Denken, welches diese Wissenschaft hervorgebracht hat, ist in höchstem Maße rational. Es hat in außerordentlicher Weise die quantitativ-materielle Seite der Welt erfaßt und durchdrungen. Dieses Denken bringt die Errungenschaften der modernen Technik hervor, feiert Triumphe in Präzision und Zuverlässigkeit. Gleichzeitig führt es aber zu einer immer stärkeren Ablähmung der Beziehungen zu Lebendigem, zu Unwägbarem, zu nur qualitativ Faßbarem. Fasziniert von der scheinbar einzigartigen Exaktheit anorganischer Wissenschaften sind auch die Wissenschaftler fast aller übrigen Disziplinen dazu übergegangen, ihre Gegenstände nach quantitativen Gesichtspunkten zu untersuchen. Ob damit aber eine Aussage über das Wesen der Sache in jedem Fall gemacht werden kann, darf bezweifelt werden. Einerseits hat das Denken eine Entwicklung durchgemacht, welche als Bewußtseinsentwicklung und Philosophiegeschichte verfolgt werden kann. Der Sinn der Entwicklung des Gedankens im Westen als Philosophie und des daraus erwachsenden Wissenschaftsbegriffs war es, die Materie zu erreichen. Andererseits ist das Denken aber im Verlauf seiner Entwicklung an einem Punkt angelangt, wo es sich nicht mehr nur in der historischen Rückschau, sondern in aktueller Selbsterfassung und Selbsterforschung begreifen kann und muß."

J. Beuys/R. Rappmann/P. Schata/V. Harlan, Soziale Plastik, 1976.

Die Selbstauflösung des wissenschaftlichen Ganzheits- und Wahrheitsanspruchs

Am Anfang unseres Jahrhunderts dominierte die empirisch-positivistische Wissenschaftsauffassung, die davon ausging, daß die äußere materielle Welt alles sei, was der Fall ist. Die äußere, sinnlich erfahrbare Welt ist das Ganze, das durch empirische und logische Objektivität erschlossen werden kann. Diese aus dem 19. Jahrhundert stammende Grundüberzeugung der Wissenschaft ließ sich aber unter den dynamischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr lange halten. Der Philosoph Wolfgang Welsch hat in seiner Analyse der Entwicklung des modernen Wissenschaftsbegriffs seit der Jahrhundertwende darauf hingewiesen, daß dessen innere Veränderung entscheidend durch den schrittweisen "Abschied vom Ganzen" gekennzeichnet ist. Er verweist zur Untermauerung dieser Beobachtung auf drei wichtige Theoreme der Naturwissenschaft und Mathematik, die am Anfang unseres Jahrhunderts entstanden sind: auf Einsteins Relativitätsprinzip, auf Heisenbergs Unschärferelation und auf Gödels Unvollständigkeitssatz.

An diesen Theoremen zeigt sich beispielhaft, daß für die moderne Weltsicht Ganzheit als Erkenntnisanspruch des Menschen "nicht mehr praktikabel" ist, weil kein aufgeklärtes natur- oder geisteswissenschaftliches Bezugssystem der Wissenschaft so widerspruchsfrei in sich geschlossen sein kann, wie es das empirische, darwinistische und evolutionistische Wissenschaftsverständnis des 19. Jahrhunderts für sich in Anspruch nehmen zu können geglaubt hatten. Hatte der Positivismus des beginnenden Industriezeitalters noch emphatisch gemeint, alle Erkenntnisfragen in einer objektiven, in sich logisch geschlossenen und potentiell universalen Systematik fortschreitend umfassen und abhandeln zu können, so muß man nun - unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst, die zur Einsicht in die allgemeine Bedingtheit, Relativität, Unschärfe und Unvollständigkeit universaler Theoriesysteme gelangt ist - erkennen, daß "es nur eine Vielzahl eigenständiger und eigenzeitiger Systeme gibt, und man kann nur deren Relationen, nicht aber ein Ganzes darstellen."1 Die Idee des Ganzen und mit ihr die Idee der Wahrheit wird obsolet, weil das Ganze nicht mehr mit dem Anspruch auf Wahrheit umgriffen werden kann.

"Operieren ohne letztes Fundament"

Logische Folge dieser Einsicht ist, daß das wissenschaftliche Selbstverständnis "Wahrheitsansprüche auf das Maß spezifischer und begrenzter Transparenz reduzieren" muß. Dadurch wird "das Operieren ohne letztes Fundament zur Grundsituation"2 der erkennenden Vernunft unseres Jahrhunderts. Eine "Zeitenwende der Erkenntnistheorie"3 hat stattgefunden. Mit dieser "Zeitenwende" ändern sich nicht nur die Vorstellungen der Wissenschaft von sich selbst. Vielmehr gerät auch die Vorstellung von der Möglichkeit einer Wissenschaftstheorie an und für sich in Mißkredit. Denn obwohl die fragmentarisch gewordene Wissenschaft die Vorstellung von der universalen Gültigkeit kausaler Zusammenhänge als ideellen Kern ihrer pragmatischen Operabilität stillschweigend fortführt, muß sie diese Grundidee zugleich als äußere Legitimation aufgeben und weitgehend durch deren Wirkungen - die konkreten Leistungen der Wissenschaft für den Fortschritt - ersetzen. Damit verliert die Wissenschaftstheorie ihren Existenzanspruch; denn die Besinnung auf das Problem der Erkenntnis an sich (die Gnoseologie), auf das Grundlegende der wissenschaftlichen Welterschließung, auf die Erforschung der "Fundamente" des Wissens hat dort keinen Platz mehr, wo die Idee des "Fundaments" in grundsätzlicher Weise aufgegeben werden muß.

Grundlagenkrise des Wissens

Diese in der Wissenschaftsgeschichte sogenannte "Grundlagenkrise" des Wissens am Anfang unseres Jahrhunderts hat in der Folge zu einer grundlegenden Selbstdifferenzierung des empirisch- rationalen Wissenschaftsbegriffs durch Relativierung und Pluralisierung geführt. Dabei hat sich vor allem dreierlei augenfällig gezeigt: 1. daß der zweckrationale Begriff von Wissenschaft selbst kein objektiv-allgemeingültiger sein kann, sondern in Wahrheit stark situative Züge trägt und in ständiger Umwandlung und Bewegung begriffen ist;
2. daß daher aus der Sicht des weiterhin dominierenden subjektfreien, empirisch-pragmatischen Selbstverständnisses von Wissenschaft der wissenschaftlichen Exploration keinesfalls mehr Erkenntnis im Sinne von "Wahrheit", sondern bloß noch situative Operabilität oder "Gangbarkeit" (viability) zukommen kann;
3. daß das integrative und seinem Anspruch nach umfassende Wissenschaftsverständnis der frühen bürgerlichen Moderne in seiner reduktiv-autoritären Form eines "reinen" Empirismus, Positivismus oder Evolutionismus und mit seinem gegenständlich-abspiegelnden Weltverhältnis unter den dynamischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht zu halten ist, vielmehr durch die Bewegung des wissenschaftlichen Fortschritts selbst auf seinen im Kern limitativen Charakter verwiesen wird und daher in eine Pluralität von begrenzten und differenten Spezialbereichen auseinanderfallen muß, die alle ihr positives Eigenrecht affirmieren und deshalb bald die Fühlung zueinander verlieren;
4. daß die Idee der grundsätzlichen Ganzheit des Erkennens zugunsten wandelbarer funktionaler Relationen und Konstellationen abdanken muß, wenn sie weiterhin positivistisch-empirisch, d.h. rein gegenständlich-werkhaft angestrebt wird.

"Gangbarkeit" statt Wahrheit

Die Auswirkungen

Die Wirkungen dieses - kraft seiner theoretischen Ausgangssituation logischen und notwendigen - Auseinanderstrebens des herkömmlichen Wissenschaftsbegriffs kommen eigentlich erst seit den 60er Jahren zu voller Wirkung. Der Fluchtpunkt der Fermentierung im Inneren des wissenschaftlichen Bewußtseins läßt sich mit Blick auf die heutige Situation so zusammenfassen: es gibt keine Erkenntnis, die den Anspruch auf Gültigkeit jenseits ihrer funktionalen Wirklichkeitsverankerung durch Nützlichkeit in sich tragen könnte. Wahr ist das, was wir sehen und tun. Alle Erkenntnis ist in ihrem Innersten relativ und kraft ihrer Brauchbarkeit und Weltbewältigungskraft, nicht aber als Weltorientierung oder gar als Wahrheitsanspruch akzeptabel. Wahrheit und Ganzheit gibt es nicht, Erkenntnis - auch wissenschaftliche - bleibt fragmentarisch, begrenzt und vorübergehend. Das Verhältnis des Erkennens zur Außenwelt ist hypothetisch, nicht wirklich; es verändert sich je nach Konstellation. Erkennen und Wirklichkeit lassen sich nur mehr durch operative Applikabilität aufeinander beziehen, nicht aber durch einen gemeinsamen, "wesenhaften" inneren Bezug. "Wirklichkeit" als solche gibt es nicht, ebensowenig wie es ein Erkennen "substantieller" Art geben kann (Popper). Logische Folge: "Wenn alles Gegebene fragwürdig ist - dies ist die Hypothese sogar der Wissenschaft - und rekonstruiert werden muß, dann stößt man auf die Schwierigkeit, ohne Stützung auf Gegebens, ohne Fundament konstruieren zu müssen."4
Die alles entscheidende Frage ist dabei nur: wer konstruiert, wenn nun nach der Subjektivität (19. Jahrhundert) auch die Objektivität des Erkennens (20. Jahrhundert) folgerichtig in Zweifel gezogen und schließlich - unter dem Vorrang der erkenntnistheoretisch immer weiter ins Zentrum tretenden Praktikabilität der Erkenntnis - eliminiert werden muß?
Jedes ernsthafte, aufgeklärte wissenschaftliche Bewußtsein der Gegenwart überschreitet diese selbst auferlegten Erkenntnisgrenzen nicht - schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit vor dem Kollektiv. Die Situation, die sich aus dieser grundlegenden Entlassenheit der modernen Wissenschaft aus ihren eigenen erkenntnisleitenden Sicherheiten ergeben hat, ist bekannt. Die überwiegende Mehrzahl der zeitgenössischen wissenschaftlichen Weltbilder operiert - trotz aller theoretischen Binnenpluralisierung - weiterhin mit den alten puristisch-rationalen, binären und mechanistisch-ganzheitlichen Maßstäben unter Ausschluß der Eigendimension des Einzelmenschen und gestaltet damit tatkräftig die Welt (Gen- und Computertechnologie, neue Medien, Atomwissenschaften), während gleichzeitig das Vertrauen in die "substantielle" Rationalität der Wissenschaft - d.h. in ihre umfassende Vernunft jenseits ihrer intellektuell-technischen Problemlösungskapazitäten - nicht nur in den lebensweltlichen Zusammenhängen der Bevölkerung, sondern rasch zunehmend auch unter den Wissenschaftlern selbst in rapidem Schwinden begriffen ist. So ist das Paradox entstanden, daß die wissenschaftlich konstituierte Welt immer weniger an die Gültigkeit, Nützlichkeit und Fähigkeit ihres Wissens zu tatsächlicher Bedürfnisbefriedigung glaubt, obwohl sie de facto nach wie vor gemäß den für diese Bedürfnisbefriedigung eingerichteten, in der Zwischenzeit aber vor der Vernunft unglaubwürdig gewordenen Regeln und Verfahrensweisen funktioniert. 5

Das Signum der Moderne: der Übergang von Substanz- zu Funktionsbegriffen

Die Ursprünge dieses zentralen Paradoxons unserer heutigen Wissenschaftsverfassung lassen sich noch bis vor den Anfang unseres Jahrhunderts zurückverfolgen. Die paradigmatische Bemühung um Entmythologisierung des wissenschaftlichen Denkens sowie um "Reinigung" der (als Kampfinstrument gegen das absolutistische Weltbild benutzten) bürgerlichen Rationalität durch die frühe Moderne des 19. Jahrhunderts versucht konsequent, das erkennende Subjekt aus dem Erkenntnisprozeß zu tilgen, um "rein objektive Tatsachenerkenntnisse" zu gewinnen.
Diese Bemühung des aufstrebenden Bürgertums ist jedoch, wie bald sichtbar wird, nicht nur "auf die Zerstörung all jener Substanzbegriffe gerichtet, die am Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen Begriff und Gegenstand"6 festhalten, d.h. den Gegensatz zwischen "Wesen" und "Erscheinung" beibehalten. Vielmehr unterminiert sie bei konsequenter Anwendung des Primats der "reinen" Objektivität nicht nur die Anerkennung des Eigenwertes des Denkvorganges bei der Konstitution von Erkenntnis, sondern auch jeden nicht-funktionalen Zusammenhang zwischen Denken und Gegenstand, um schließlich eine Echo-Wissenschaft zu konstituieren, deren Aufgabe in der vom erkennenden Subjekt freien Abspiegelung der ohne es bereits fertigen Welt zu Zwecken funktionaler Bewältigung, Beherrschung und "Gangbarkeit" liegt. Eine frühe Gegenbewegung gegen diese sich abzeichnende "Entsubstanzialisierung" des bürgerlichen Erkenntnisinteresses ist die Romantik, die das "Wesen" der Erscheinungen verzweifelt - unter Rückgriff auf mythologisches Gedankengut - zu retten sucht.

Objektivität - Selbstentmündigung oder Selbstermächtigung des Denkens?

Der Soziologe Otto Negt kommentiert: "Was Ernst Cassirer als epochale Tendenz der modernen Geschichte der Begriffsbildung aufdeckt, nämlich der unabwendbare Übergang von den Substanzbegriffen zu den Funktionsbegriffen, hat in den Wissenschaften eine radikale Änderung der Denkweise bewirkt. Ständig unter dem Leistungsdruck, aller Formen des realitätsüberschreitenden Denkens, der sozialen Utopien ebenso wie der Tendenzkategorien, sich zu entledigen, um nicht in den Verdacht philosophischer Spekulation zu geraten, vollzieht sich in dieser auf empirische Forschung reduzierten Sparte eine Selbstreinigung, die am Ende das kritische Denken selbst antastet - eine Selbstentmündigung."7
Warum Selbstentmündigung? Weil offenbar vergessen wird, wer "widerspiegelt", wer die kontingente Objektivität der Außenwelt "rekonstruiert". Ist es nicht stets ein einzelnes Subjekt, das denkt, aber unter den Auspizien des einseitig performativen Wissenschaftsverständnisses8 der frühen Moderne meint, den individuell-"substanziellen" Individualitätsanteil seines Denkens aus dem Erkenntniszusammenhang ausschalten zu müssen - und zu können?
Erkenntnis lebt unter den Prämissen des positivistischen Weltbildes nur mehr in der abstrakten Übertragung von empirischen Daten in funktionale Beziehungen und gibt es auf, zum "Kern" oder "Wesen" eines Dinges oder Sachverhaltes vordringen zu wollen. Sie reduziert sich auf die Kennzeichnung von Phänomenen und die Verwendung von deren Wirkungszusammenhängen ohne Anspruch auf "substantielle" Begriffsbildung. Der erkennende Mensch hat mit dem, was er erkennt, nichts mehr zu tun. Das ist zwar nicht grundsätzlich zu verurteilen, sondern aus den Erkenntnisbedürfnissen der Zeit zu erklären, bedeutet aber in jedem Fall eine Verarmung des Abenteuers des Erkennens.
Der holländische Universitätsprofessor Bernhard C.J. Lievegoed faßt diese Entwicklung so zusammen: "Die Naturwissenschaft hat .. das Dogma formuliert, daß ontologische Fragen nicht gestellt werden dürfen: es darf nicht nach dem Sein der Dinge gefragt werden. Zulässig ist allein die Frage, wie die Kräfte des Kosmos wirken, die Frage, was dies für Kräfte sind, jedoch nicht. So wissen wir beispielsweise, wie eine positive und negative Ladung wirkt. Wir wissen aber nicht, was "Ladung" eigentlich ist. Und wenn wir sie dann schließlich "Energie" nennen, ist das nicht mehr als eine Worterklärung. Der Materialismus offenbart hier seinen prinzipiell agnostizistischen Charakter und ist darin durchaus ehrlich. Dies gilt zumindest für die "echten" Wissenschaftler, nicht aber für diejenigen, die die Wissenschaft popularisieren und uns dabei vormachen wollen, daß die bloße Benennung der Phänomene schon ihre Erklärung sei."9

Die sieben Krisen der zeitgenössischen Wissenschaft

Aus dem Dilemma einer Wissenschaftsauffassung, die - wie gesehen - meint, daß ontologische Fragen nach dem "Sein" und dem "Wesen" der Dinge ebensowenig zum Erkenntnisprozeß gehören wie das Begehren nach individuell-substantieller Erkenntnis, nach "Ganzheit" und "Wahrheit", die aber eben dadurch ihre eigenen Erkenntnisgrundlagen sowie die ursprüngliche Legitimation ihrer Erkenntnissuche untergräbt, ergibt sich eine tiefe Verunsicherung des wissenschaftlichen Bewußtseins am Ende unseres Jahrhunderts, die als Krise zur Erscheinung kommt. Diese Krise manifestiert sich in sieben miteinander zusammenhängenden Konflikt- und Schwellenpunkten, die sich jeweils entweder in den inneren Voraussetzungen und Motivationen oder in den institutionellen Strukturbedingungen äußern, unter denen Wissenschaft betrieben wird. Welches sind diese sieben Krisenbereiche?
Aus der Leugnung individualisierter Substanzbegriffe ergibt sich eine Wert- und Weltanschauungskrise, die folgerichtig in eine Identitätskrise führt, weil sie dem eigenen Handeln den Boden entzieht bzw. Erkennen und Handeln auseinanderspaltet. Die Identitätskrise wiederum führt in eine Vertrauenskrise sowohl des Wissenschaftlers zu seinem Tun im besonderen als auch des Geldgebers zur Wissenschaft im allgemeinen: eine Finanzierungskrise ist - zumindest an den öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen - die Folge (wie gegenwärtig besonders bei den naiv die Naturwissenschaften nachahmenden "Geisteswissenschaften" deutlich). Weitergehend ist mit der inneren Zersplitterung des wissenschaftlichen Selbstbewußtseins bei gleichzeitiger Unterminierung der Überzeugung, daß Erkennen und Wirklichkeit "substantiell" zusammenhängen, oftmals das Gefühl einer Beliebigkeit verbunden, die in eine Wissenskrise führt. Diese Wissenskrise ist auch dadurch hervorgerufen, daß die Beliebigkeit des Wissens, das seinen Wahrheitsanspruch verloren hat, mit einem rasanten Anschwellen des Informationsstroms verbunden ist.
Schließlich ist unter den gegenwärtigen Bedingungen des ungeklärten Wirklichkeitsbezugs des Erkennens und der faktischen Nichtexistenz des gemeinsamen Streits um die Wert- und Wahrheitsfrage eine Vereinzelung der Wissenschaftler in "pluralen" Erkenntnisansätzen zu beobachten, die mit einer Kommunikations- und Zusammenarbeitskrise einhergehen. Die binnenwissenschaftliche Sozialökologie ist, weil das Individuelle als solches im Wissensprozeß nicht vorkommt, in ihrer Bedeutung weitgehend aus dem Blickfeld des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gedriftet, wurde durch "private" Erkenntnishaltungen und Weltentwürfe als Motivation kompensiert und muß nun unter den sich wandelnden Bedingungen der Gegenwart, die angesichts der Zunahme von Problemkomplexität ein gemeinsames Vorgehen von sich aus einfordern, mühsam wiederentdeckt werden.

Das gemeinsame Grundproblem der gegenwärtigen Wissenschaftstheorien

Alle diese Krisenmomente sind jedoch nur äußere Symptome eines tieferliegenden Destabilisierungszustandes, der die veralteten Grundlagen der traditionellen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung betrifft. Deren Problematik fokussiert sich - wie bereits angedeutet - in der Aufgabe des Ringens um einen "substantiellen" anthropologischen Gegenstandsbezug, d.h. in dem Verlust des wissenschaftlichen Ganzheits- und Wahrheitsanspruchs. Von dieser Problematik sind alle heute dominierenden Hauptströmungen des wissenschaftlichen Selbstverständnisses gleichermaßen betroffen: der wissenschaftstheoretische Positivismus (Wiener Kreis, R. Carnap), der wissenschaftstheoretische Falsifikationismus (K.R. Popper), die Theorie der Paradigmen und der Wissenschaftsgeschichte (T.S. Kuhn), der wissenschaftstheoretische Pluralismus (H. Spinner) und der wissenschaftstheoretische Anarchismus (P. Feyerabend).
Ihnen allen gemeinsam ist die - unausgesprochene oder ausdrückliche - Überzeugung, daß es "Wahrheit" für das menschliche Erkennen nicht geben kann - und daß das erkennende Subjekt entweder keinen Platz im Erkenntniszusammenhang beanspruchen kann (Carnap, Popper, Spinner) oder aber - weil seine Spuren aus dem Erkenntnisprozeß ebensowenig wie aus den gewonnenen Ergebnissen zu tilgen sind - eben für die grundlegende Relativität (Spinner) bzw. Irrationalität (Kuhn, Feyerabend) aller Erkenntnis oder für die Entkoppelung des wissenschaftlichen Welterschließungsprozesses von jeder "substantiellen" Wirklichkeit (Kuhn, Feyerabend) steht .
Helmut Kiene bemerkt dazu: "Der Diskurs durch die verschiedenen Spielformen der heutigen Wissenschaftstheorie macht deutlich, daß eine wissenschaftliche Erkenntnis gar nicht wahr bzw. gar nicht rational sein müsse. So ist es der Grundsatz der seit mehreren Jahren dominierenden falsifikationistischen Wissenschaftsauffassung von Karl R. Popper, daß wissenschaftliche Erkenntnisse prinzipiell widerlegbar sein müßten, daß sie also - um wissenschaftlich zu sein - prinzipiell nicht letztendlich wahr sein dürften. Darüber hinaus bestreitet der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend die Rationalität der Wissenschaft in so gut wie jeder Hinsicht"11.
Feyerabend tut dies bekanntlich im Anschluß an den amerikanischen Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn, der zeigte, "daß der historische Werdegang der Wissenschaft durch irrationale Einschläge gekennzeichnet ist. Nicht nur die Rationalität, sondern auch die propagandistische Kraft der Wissenschaftler steuert den Entwicklungsprozeß des menschlichen Wissens."12 Mit Thomas Kuhns sogenannter "Paradigmentheorie" vollzieht sich endgültig die Auflösung der Wissenschaftssystematik (die Suche nach dem "richtigen" bzw. "wahren" Verhältnis zwischen Erkennen und Wirklichkeit) in Wissenschaftsgeschichte. Was heißt das im einzelnen?

"Paradigmatische" Verhältnisse

Der Grundgedanke Kuhns ist es, daß in jeder Epoche ein in sich nicht rational begründeter, seinem Wesen nach irrational-vorurteilshafter Grundgedanke über die "richtige" Methodik und das "wahre" Selbstverständnis von Wissenschaft vorherrscht, der das Grundmodell bzw. "Paradigma" abgibt, auf dessen Grundlage sich das Wissen einer Zeit aufbaut. Das "Paradigma", das in einer Epoche Gültigkeit beansprucht, ist ein erkenntnisleitendes Vorurteil mit vorübergehender Geltung. Es ist einerseits nützlich, weil es die Erkenntnisbestrebungen einer Zeit ausrichtet und konzentriert, ist andererseits aber mit ideologischen Herrschaftsansprüchen verbunden, die die Vielförmigkeit der Wissenssuche gefährden. Paradigmen sind also einerseits relativ und unwahr, andererseits unverzichtbar, weil es für den wissenschaftlichen Welterschließungsprozeß keine andere Grundlage als erkenntnisleitende Vorurteile geben kann. Die "Wahrheit" einer Wissenschaft ist der Geist ihrer Zeit, sie kann nicht an ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit gemessen werden.
Die Wissenschaft der Gegenwart steht solcherart "in der Krise der Paradigmenproblematik. Und das bedeutet: Die Wissenschaft, so wie sie sich gebärdet, ist nicht in einer Rationalität und Wahrheit gegründet, sondern ist eine pseudorationale Geschäftigkeit innerhalb paradigmatischer Vorurteile".13 Schließlich kann kein Wissenschaftler - so Kuhn - einen letzten wissenschaftlich-rationalen Grund für die bestimmte Art und Weise seines Erkenntnisinteresses noch seiner wissenschaftlichen Grundhypothesen angeben. Dies - so Kuhn - eben vor allem deshalb nicht, weil der wissenschaftliche Erkenntnisprozeß in keinem "wesenhaften" Zusammenhang zur Wirklichkeit steht und deshalb die Wahl des wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses von subjektiv-unbewußten Vorprägungen, nicht aber von einer der Wirklichkeit und dem Erkennen gemeinsamen Beschaffenheit hergeleitet ist. An die Stelle der Wahrheitsgeleitetheit der Erkenntnis tritt der Wechsel von einzelnen zeit- und epochenbedingten Paradigmata, der keinem logischen Schema folgt, weil er selbst wesentlich durch irrationale und außerwissenschaftliche Momente bedingt ist.14 Unter dem Gesichtspunkt des Paradigmas lösen sich Wissenschaftssystematik und Erkenntnistheorie in Wissenschaftsgeschichte auf.

Ist die Wissenschaft irrational?

Betrachtet man diese prägenden Begründungszusammenhänge, die zugleich als Selbstdeutungsmuster gegenwärtiger Wissenschaft dienen, so stellt sich unweigerlich die Frage, "was heutige Wissenschaftstheoretiker dazu bewegt, Wissenschaft und Wahrheitserkenntnis sowie Wissenschaft und Rationalität auseinanderzudividieren und obendrein die Möglichkeit zur Wahrheitserkenntnis, ja die Möglichkeit jeder Rationalität im umfassenden Sinne in Zweifel zu ziehen. Da herrscht einerseits die Auffassung, daß >WahrheitErkenntnisseWahrheitErkenntnisse< hervorbringen, wenn die Erkenntnisse nicht wahr sind? Und wie kann man von einem Begriff der Wahrheit sprechen, wenn der Mensch gar keine Wahrheit erkennen kann?
Solange die Wissenschaftstheorie weder in der Lage ist, einen Wissenschaftsstreit rational beizulegen noch die Paradigmenproblematik der Wissenschaft zu beheben noch überhaupt den Begriff der Wahrheit klarzulegen, muß sie natürlich auch gegenüber jedem Streit über die Wissenschaftlichkeit und die Wahrheit ihrer eigenen Aussagen ratlos bleiben. Die eigentliche und ungelöste Problematik der zeitgenössischen Wissenschaftstheorie ist deshalb die rationale und wahre Begründung ihrer eigenen Grundlagen selbst."15

Gibt es Auswege?

Aus der inneren Schwierigkeit dieser - im Rahmen der empirisch-positivistischen Grundhaltung der gegenwärtigen Wissenschaft grundlegenden - Problemstellung ergibt sich bei genauer Betrachtung, daß diese nur unter Einbeziehung eines anthropologischen Standpunktes lösbar ist. Ihre Lösung verlangt nach einem anthropologisch-ganzheitlich erweitertem Denkansatz.
Genauer: faßt man die angedeuteten Schwierigkeiten des zeitgenössischen Selbstverständnisses der Wissenschaft und seines paradigmatisch bestimmten Bezugs zu "Wirklichkeit" und "Wahrheit" zusammen, so zeigt sich, daß der zentrale Ansatzpunkt in einer anthropologischen Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und Denken im Erkenntnisvorgang liegen muß. Dabei kann man von einer Grundeinsicht des abendländischen Wissenschaftsbegriffs ausgehen: daß jeder Erkenntnisakt auf etwas beruht, was allen Menschen - bei aller Verschiedenheit - gemeinsam ist, was etwas Objektives in der Individualität darstellt: die Erfahrung von "wesenhafter" Kongruenz und Kontingenz von Erkennen und Erkanntem, die sich nicht aus der "reinen" Wahrnehmung, sondern erst im Zusammenspiel zwischen Wahrnehmung und Denken ergeben kann.
Dieser Punkt sei hier abschließend ansatzweise umrissen, um einen ersten Ausweg aus dem Grunddilemma der zeitgenössischen Wissenschaftstheorie zwischen "reiner" Empirie und seelischer Wirklichkeit anzudeuten.

Ein Ansatz zur Lösung des Grundproblems: das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken in anthropologischer Betrachtungsart

Der entscheidende anthropologische Perspektivenwechsel gegenüber den bisher vorherrschenden paradigmatischen Theorien liegt hierin: "Denken ist nicht Widerspiegelung, nicht Wiederholung eines schon vorher Dagewesenen, nicht Umsetzung eines Seienden in eine bloß andere Form der Existenz. Denken ist Schöpfung. Die Erfahrung bietet zwar mannigfachstes Material, das uns jedoch nur Ausgangspunkt und Anlaß für wissenschaftliche, d.h. denkende Betätigung sein kann. In der Form der Erfahrung belassen, bietet dieses Material nur ein zeitlich und räumlich neben- und nacheinander geordnetes Bild der Welt. Auf der Ebene der Erfahrung bestünde Wissenschaft im Dokumentieren unzähliger zusammenhangloser einzelner Faktoren. Jede ordnende Bemühung geht über die Erfahrung hinaus, stellt Beziehungen fest, die nicht erfahrbar, sondern denknotwendig sind. Steine mögen tausendmal zur Erde fallen, für die bloße Beobachtung bleibt das eine Abfolge nicht verknüpfbarer Ereignisse. Das Gesetz der Gravitiation kommt nicht dadurch zur Erscheinung, daß Steine fallen, und mögen es auch noch so viele sein. Das Gesetz kommt nur dadurch zur Erscheinung, daß es gedacht wird.

Denken ist Schöpfung, nicht Widerspiegelung

Das Denken ist aber erst dann gegeben, wenn der Mensch vorher tätig gewesen ist. Die Welt ist fertig, wenn der Mensch ihr gegenübertritt. Indem er tätig wird, indem er Begriffe zur Erscheinung bringt, indem er denkt und erkennt, schafft er den Zusammenhang des vordem zusammenhanglos Gegebenen. Er ordnet die Welt, er erfaßt ihre Gesetze, er bringt ihr Wesen, das Wirkende hinter dem Gewirkten zur Erscheinung. Alle Gesetzmäßigkeit kann nur dadurch zur Erscheinung kommen, daß sie von Menschen gedacht wird. Die Gesetzmäßigkeiten des Denkens treten durch seinen Vollzug in Erscheinung. Sie müssen nicht hinter der Erscheinung des Denkens gesucht werden, sondern sind durch die Tätigkeit erfahrbar.
Das Denken ist (daher) Quellpunkt der menschlichen Freiheit. (Es) ist einerseits persönlichster Ausdruck der Individualität, der Subjektivität; es bringt aber andererseits durch seine Tätigkeit Ergebnisse zur Erscheinung, welche nicht subjektiver Natur sind. Es scheint (hierin) ein unlösbarer Widerspruch vorzuliegen, der aber dadurch gelöst werden kann, daß man zwischen Schauplatz und Inhalt zu unterscheiden lernt. Weil der allererste Schritt in der Wissenschaft zeigt, daß man als Mensch um das Denken nicht herumkommt - und man somit nach möglichst umfassender und voraussetzungsloser Erforschung dieses Werkzeugs trachten muß -, muß Erkenntnistheorie die Grundlage jeder weitergehenden Untersuchung sein."17

Besinnung auf den Prozeß des Erkennens

Statt sich - wie bisher - exklusiv auf Erkenntnisgegenstände und Problemlösungsinhalte zu richten, muß Wissenschaft, die die Zukunft gewinnen will, sich wieder verstärkt auch auf ihren eigenen Erkenntnisprozeß besinnen und ihn als eigenständige, erforschungsnotwendige Realität anerkennen. Es muß erkannt werden, daß Subjekt und Objekt beidermaßen zu gleichen Teilen an der Genese von Erkenntnis mitwirken - und daß Erkenntnis überhaupt nur aus dem Zusammenwirken der beiden Faktoren "Wahrnehmung" (Empirie) und "Denken" (Begriffsbildung) entstehen kann.18
Das erkennende Denken (die sachgerechte Begriffsbildung) jedoch bleibt stets ein Ereignis, welches an das Ich eines individuellen Menschen gebunden ist. Erkenntnistheorie muß daher wieder in ihrer genuin ontologischen Dimension begriffen werden: "Ins Visier genommen wird die geistige Erkenntnistätigkeit selbst, die alle wissenschaftlichen Ergebnisse hervorgebracht hat. Damit wird der Hauptpunkt des Menschen in Augenschein genommen: sein Vermögen zur Wahrheitserkenntnis und seine Fähigkeit zur Freiheit. Nicht nur die Frage: wie verlaufen die Prozesse der Natur? - sondern auch die Fragen: Wie erkenne ich als Mensch die Naturprozesse? Wie verlaufen die geistigen Prozesse des Erkennens? - werden zum Gegenstand der Wissenschaft. Nicht nur die wissenschaftlichen Ergebnisse, sondern die begriffliche Genese, der Erkenntnisprozeß selbst, steht im Mittelpunkt."19 Anders gesagt: es gilt anzuerkennen und mit der Erkenntnis zu arbeiten, daß Gedanke (Denkinhalt) und Denken (Denkakt) zwei verschiedene, jedoch gleichberechtigte Seiten des Erkenntnisvorganges sind. Ihre grundsätzliche Verschiedenheit muß ebenso wie ihr Zusammenwirken einer vorurteilslosen Erforschung unterzogen werden, wenn man das Verhältnis zwischen Außenwelt und Innenwelt in einen neuen, produktiven Zusammenhang bringen will, der - neben dem unschätzbaren Erkenntnisgewinn - allein einen echten Humanisierungseffekt und damit einen ethischen Impuls für die Wissenschaft darstellen kann.

Anthropologisierung der Wissenschaft heißt: die Beziehung zwischen Gedanke (Denkinhalt) und Denken (Denkakt) einer neuen Erforschung unterziehen

Ausblick: Ontologisierung der Wissenschaft

Damit ist (ganz unvollständig und fragmentarisch) umrissen, was die eingangs erhobene Forderung nach einer Reanthropologisierung der Wissenschaft in einem ersten Schritt konkret bedeuten muß: Ontologisierung der Wissenschaft, d.h. erneute Hinwendung zu Aspekten des individuellen Erkenntnisprozesses, welcher Realität im Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Denken entscheidend konstituiert. Das Umdenken beginnt bei der Verschiebung des Blickpunktes von der exklusiven Betrachtung der Gegenstände des Erkennens und der "objektiven" Ergebnisse des Erkenntnisvorganges zu einer erneuten Überpüfung der inneren Relationen zwischen den Erkenntnisgegenständen (Denkinhalt) und dem lebendigen Erkenntnisvorgang (Denkakt).
Dabei muß die erneut grundsätzlich zu stellende Frage: "Was hat wissenschaftliches Erkennen mit der Wirklichkeit zu tun?" so gestellt werden, daß sie voraussetzungslos allein an die Erfahrung angenüpft wird, die jeder Mensch an seinem eigenen Denken und Wahrnehmen machen kann. Dazu noch einmal Bernard Lievegoed: "Unter dem Einfluß der immer mehr dominierenden Naturwissenschaften findet man es inzwischen normal, daß Phänomene, gleich welcher Art, externalisiert und sozusagen von außen her beschrieben werden. Da aber von außen nur ein bestimmtes Verhalten beschrieben werden kann und da das, was sich zwischen einem Ereignis und der Reaktion darauf abspielt, unsichtbar ist, hat sich eine Wissenschaft entwickelt, die meint, das innere Geschehen sei eine Art "black box", über die man keine wissenschaftlich abgesicherten Aussagen machen könne. Aber gerade das, was innen geschieht, sind eigentlich wir. Eine wirklich moderne, Vollständigkeit anstrebende Wissenschaft sollte sich auch damit befassen."20
Wie eine solche Wissenschaft im einzelnen aussehen könnte, welchen vier erkenntnistheoretischen Hauptschwierigkeiten sie sich gegenübersieht, in welchen Dialog sie mit den fünf dominierenden Wissenschaftstheorien der Gegenwart - dem Neopositivismus, dem Falsifikationsimus, der paradigmenzentrierten Wissenschaftsgeschichte, dem Pluralismus und dem Anarchismus - treten kann und wie sie konkret von aktuellen Entwicklungen im Inneren der zeitgenössischen Wissenschaft eingefordert wird, soll in einem der nächsten Beiträge dieser Rubrik näher und systematischer dargestellt werden.

Anmerkungen

1 W. Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Berlin 1993, S. 186.
2 ebda.
3 Vgl. H. Kiene, Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie, Stuttgart 1984, S. 25f.
4 J.-F. Lyotard, "Grundlagenkrise", in: Neue Hefte für Philosophie, Heft 26, 1986, S. 2.
5 Vgl. z.B. P. Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Frankfurt/M 1976 sowie ders., Erkenntnis für freie Menschen, Frankfurt/M 1980.
6 O. Negt, Das permanente Macht-Dilemma der Geistes- und Sozialwissenschaften, in: H. Reinalter/R. Benedikter (Hg.), Die Geisteswissenschaften im Spannungsfeld zwischen Moderne und Postmoderne, Berlin 1996, S. 16 (im Druck).
7 ebda. 8 Vgl. J.-F. Lyotard, Das postmoderne Wissen, Wien 1978


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