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Für eine Begegnungswissenschaft

von Rudolf Kallinger


Unzählige zeitgenössische Philosophen beklagen die Art und Weise, wie Erkenntnis gewonnen wird. Auffallend dabei ist, daß sie vordergründig mit Ängsten und apokalyptischen Gedanken aufwarten, ohne etwas Positives in der Wissenschaftsentwicklung hervorzuheben. Die Wissenschaft wird heute radikal zur Verantwortung gezogen, wenn über die Verobjektivierung von Mensch und Natur gesprochen wird. Was demgegenüber gefordert wird, ist ein Umdenken, das eben deshalb so schwierig ist, weil es die Grundmauern der abendländischen Erkenntnisgewinnung in Frage stellt. Deshalb gibt es heute mehr Fragen als Antworten: Wie finden wir zu einem Denken, zu Erkenntnistheorien, die den Dialog miteinschließen? Wie finden wir jenseits der Verobjektivierungen zu einem neuen Denken? Die "Postmoderne", meinte der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard einmal, besteht darin, daß wir wieder Zeit zum Nachdenken gewinnen. Aber das Nachdenken sollte schließlich auch zu einem Umdenken führen. Daß es heute umzudenken gilt, bezweifeln wenige, wobei eben die Frage nach dem Wie ungeklärt zu sein scheint. Im folgenden versuche ich anzudeuten, welche Richtung ein solches Umdenken in Anknüpfung an die Hauptströmungen des zeitgenössischen Denkens einschlagen könnte.

Die Konjunktion des wahrnehmungsbezogenen Denkens

In den letzten Jahren erscheint in philosophischen Strömungen eine Hochkonjunktur des wahrnehmungsbezogenen Denkens. Diverse philosophische Strömungen versuchen dem Wort "Ästhetik" eine Bedeutung zu geben, indem sie das Ästhetische weiter zu fassen versuchen als bisher üblich. Dabei ist es vor allem wichtig, so der Berliner Philosoph Wolfgang Welsch, das Ästhetische bewußt wieder im Sinn von "Aisthetik" zu verwenden. Unter "Aistethik" versteht Welsch die Thematisierung von Wahrnehmungen aller Art, ohne daß sich diese zu einer einheitlichen Theorie verdichten müßten.

Aber ebenfalls verstärkt erscheinen in den letzten Jahren Strömungen, die sich die Frage stellen, ob wir die Wirklichkeit über die Wahrnehmung erfahren oder ob wir die Wirklichkeit erzeugen. Hinter diesen Geistesströmungen steht der alte Verdacht, daß die Außenwelt von uns nicht als solche wahrgenommen werden kann, sondern einzig durch unsere subjektive Verfaßtheit in unserer Vorstellungswelt erscheint. Versucht man diese beiden heterogenen Pole zu verbinden, so stößt man einerseits auf die "Wahrnehmungen" und andererseits auf den erzeugenden Anteil, der zu den Wahrnehmungen hinzukommt und in der Aktivität des Denkens liegt.

Erkenntnistheoretische Ansätze der Moderne

Gehen wir kurz zurück auf erkenntnisheoretische Ansätze der Moderne, so finden wir eine analoge Heterogenität: fassen wir die angeführten zwei Pole zusammen, so behauptet eine erkenntnistheoretische Position, daß allein über die Wahrnehmungen (Erfahrungen) Gewißheit erlangt werden kann, während eine andere Behauptung lautet, daß allein im Denken die Gewißheit zu finden ist.
Daß beide Positionen, wenn sie sich ausschließen, nicht richtig sein können, zeigt ein einfacher Gedanke: Der Mensch besitzt die Möglichkeit, sich zu öffnen, sich den Wahrnehmungen und Erfahrungen hinzugeben, wobei hier die Gefahr droht, daß er sich im Außen verliert, wodurch es zu einer "Ich-Verdünnung" (Lievegoed) kommen kann. Aber es kann sich ein Mensch auch verschließen und abschotten, wobei hier die Gefahr droht, daß er sich in seinem Denken einschließt, was zu einer abgeschlossenen Selbstbezogenheit führt. Dieser einfache Vergleich sollte veranschaulichen, daß die Einseitigkeit der Erkenntnispositionen verkürzt ist und daß sie - weiter betrachtet - sogar pathologische Situationen aufzeigt. Weiters zeigt dieser Vergleich, daß dem Menschen der Neuzeit, wie Lievegoed schreibt, beide genannten Wege offen stehen, wobei sie sich in einem Gleichgewicht bewegen sollten. Nicht die lebensweltliche Erfahrung, sondern einzig Erkenntnistheorien gehen hier von uneinlösbaren Verhältnissen aus, da sie entweder die Erfahrung oder das Denken als Grundsatz betrachten.

Innerhalb dieser polaren Bewegungen siedeln sich die modernen Erkenntnisfragen über das Ich an. Ist dieses Ich nun eine Monade, das aus seinem Denken nicht heraus kann und die Wirklichkeit konstruiert oder ist dieses Ich ein leeres Faß, das von außen abgefüllt wird? Meinen die einen, daß man zur Gewißheit nur durch die Wahrnehmung (Erfahrung) gelangt, so meinen die anderen, daß man zur Gewißheit nur durch das Denken gelangt. Innerhalb dieser Strömungen kennen wir zwei große Fragen: Ist das menschliche Erkennen ein Prozeß, der eine getreue Abbildung der Realität zu vollziehen hat oder ist das Erkennen ein Prozeß, der keine beweisbaren Verbindungen zur äußeren Realität hat (da der Verstand seine Gesetze nicht aus der Natur schöpft, sondern sie dieser vorschreibt)?

Um diesen Gedankengang besser zu veranschaulichen: innerhalb moderner Erkenntnisströmungen versuchte das selbstbewußte Denken die Wahrnehmungen und Erfahrungen zu verdrängen, während im selben Augenblick die Erfahrungswissenschaften das Denken, weil es als subjektiv betrachtet wurde, zu eliminieren versuchten. Daher stehen sich in den Erkenntnisfragen zwei schroffe Abgründe gegenüber. Denn diese beiden Erkenntnisfragen bezogen sich in der abendländischen Tradition in ihrer Ausschließlichkeit auf sich, indem sich ein Entweder/Oder-Verhältnis stabilisierte. Naturwissenschaftliches Denken neigt zu Verobjektivierung, während geisteswissenschaftliches Denken ganz im Subjektiven schwelgt. Hinter dem Verobjektivierungsdrang lauert die erkenntnistheoretische Annahme, daß in der Erfahrungswelt schon eine volle Wirklichkeit gegeben ist, die der Mensch nur nachträglich zu entschlüsseln hat, während hinter den subjektiven Ansätzen die Grundauffassung lauert, daß wir die Opfer unserer eigenen Begrenzheit sind, wodurch der subjektive Standpunkt einer endlosen Problematisierung unterworfen wird, jedoch immer mit der Gewißheit, daß wir zu der Welt, wie sie an sich ist, keinen Zugang finden. Auf der erkenntnistheoretischen Suche nach der Wirklichkeit ereignet sich hier Entscheidendes. Im erfahrungswissenschaftlichen Bereich muß der Mensch die inneren Erlebnisse, Gedanken und Gefühle wie ein Kleid abstreifen, bis nichts mehr an Wirkungen derselben in ihm enthalten sind, um zu einer Objektivität zu gelangen. Die Erfahrungswissenschaft darf die Natur nur in Vorstellungen abbilden, die nichts von dem enthalten, was als innere Wirkungen bezeichnet werden könnte. Übersetzt in den gereinigten Vorstellungen sollte sich ein Spiegel der Natur abbilden. (R. Rorty)

Im geisteswissenschaftlichen Bereich hingegen wird der Kontakt mit der Wirklichkeit vorwiegend im menschlichen Innenleben, das mit der Außenwelt einen marginalen Kontakt unterhält, gesucht. Verbinden sich diese beiden Erkenntnisansätze, so werden wir auf die Neurophysiologie verweisen. "Mach dir keine Illusionen! Was Du wahrnimmst hat überhaupt nichts mit dem Gegenstand außer Deinem Körper zu tun. Das Nervensystem ist keine Rohrpost, durch die Informationen oder Gegenstände in das Gehirn befördert werden. Vom ersten sinnlichen Eindruck an, den Deine Sensoren von einem Ding gewinnen, wird ja Druck, Wärme, Licht, Klang usw. umgesetzt in chemische oder elektrische Prozesse, die in und zwischen den Neuronen in Deinem Organismus stattfinden. Was über diese Nervenbahnen schließlich zu Vorstellungen und Begriffen in Deinem Gehirn führt, kann überhaupt nichts mehr mit dem Gegenstand zu tun haben, den Deine Sinne wahrgenommen haben (Maturana/Varela)." Hier wird abermals bewiesen, daß der Mensch von der Welt, wie sie an sich ist, nichts wissen kann. Diese Theorien versuchen zu zeigen, daß uns die Spuren der Außenwelt auf dem Weg vom Sinneseindruck bis zum Eintritt ins Bewußtsein restlos verloren gehen.

Der Erkenntnisprozeß als Realität

Die Paradoxie scheint folgendes zu sein: es ist dazu gekommen, selbst in den Wahrnehmungen der Sinne nur Innenerlebnisse zu sehen (R. Steiner), die den Menschen von der wahren Erkenntnis der sinnfälligen Welt abschließen. Aber es ist auch dazu gekommen, die sinnliche Welt als die einzig gültige anzuerkennen, wenn Erkenntnis gewonnen werden soll.
Versucht man diese strikte Opposition zwischen Außenwelt und Innenwelt zu überwinden, so muß gesagt werden, daß Wahrnehmen und Denken zwei Seiten der Wirklichkeit darstellen. "Das Wahrgenommene kann eigentlich erst durch den Akt des Denkens in einen Zusammenhang gestellt werden und als etwas Ganzes, als etwas Sinnbezogenes erfaßt werden" (Steiner). Die Wahrnehmung dringt von außen auf uns ein und das Denken, d.h. die Denkfähigkeit, verändert und gestaltet das Wahrgenommene in einem schöpferischen Prozeß. Mit anderen Worten: Der Erkenntnisprozeß, der zur eigentlichen Realität führen sollte, ist selbst eine Realität.
Um diese Gedanken nun zusammenzuziehen, so geht daraus hervor, daß das Erkennen ein lebendiger Prozeß ist, der einerseits auf die Wahrnehmungen verwiesen ist, aber andererseits von der Aktivität des Denkens durchdrungen ist. Jede Ausschließlichkeit führt zu einer Einseitigkeit, die es zu überwinden gilt. Wenn Wahrnehmung und Denken zwei Seiten der Wirklichkeit darstellen, so gilt es, daß sie sich gegenseitig durchdringen, um ein menschliches Wahrnehmen zu gestalten, das nur erreicht werden kann, wenn es vom Denken und Fühlen durchdrungen wird.
Daher ist Wahrheit kein Abbild der Realität, kein Brunnen aus dem geschöpft wird, sondern ein schöpferischer Prozeß, an dem der Mensch seinen erzeugenden Anteil nimmt. Dabei ist das Denken das gestalterische Element, das zur erfahrbaren Welt hinzutritt und diese verändert. Der Mensch stellt sich so in den Erkenntnisprozeß hinein, daß der Erkenntnisprozeß zugleich ein Gestaltungsprozeß ist, weil eben der Mensch kein müßiger Zuseher des Weltprozesses ist, sondern ein Akteur.
Eines der wesentlichen Merkmale, die Rudolf Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" (1894) hervorkehrt, besteht darin, daß das Denken eine Bewußtheit erreicht hat, die es ihm ermöglicht, frei zu denken, indem sich die Menschen selbst als Akteure und Erzeuger ihrer Denkinhalte verstehen. Und in dem kleinen Büchlein "Wahrheit und Wissenschaft" ist zu lesen: "Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist, daß die Wahrheit nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die ideelle Abspiegelung von irgend einem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten. Die Aufgabe der Erkenntnis ist nicht: etwas schon anderwärts Vorhandenes in begrifflicher Form zu wiederholen, sondern die: ein ganz neues Gebiet zu schaffen, das mit der sinnfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt." Der Zusammenklang von Wahrnehmung und Denken, der sich im Erkenntnisweg zeigt, macht deutlich, daß Erkenntnis ein Prozeß ist, der in die Wirklichkeit eingreift.

Pluralität der Perspektiven und Sichtweisen

Im Unterschied zu früheren Zeiten erkennen die Menschen heute in der "Postmoderne" verstärkt, daß sie selbst Schöpfer der Werte und Lebenshaltungen sind. Je mehr das eigene Denken sich seiner selbst bewußt wird, desto mehr stellt sich die Frage nach der Richtigkeit der verschiedenen Standpunkte. Seit dem Aufkommen der Bewußtseinsphilosophie spitzte sich auch hier eine Frage zu: Wie gehen wir mit einander konkurrierenden Weltanschauungen um? Daher versuchen zeitgenössische Philosophen die Pluralität ins Zentrum des Denkens zu stellen. Die Grunderfahrung der Postmoderne, meint Welsch, ist die des unüberschreitbaren Rechts hochgradig differenter Wissensformen, Lebensentwürfe, Handlungsmuster. Fortan, so Welsch, stehen Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit im Plural. Aber um zu dieser zwischenmenschlichen Wahrheit vorzudringen, benötigt es die Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein, sowie die Anerkennung des Eigenen in seiner Einzigartigkeit.

Diese beiden Pole schließen sich, aufgrund der Egoität, zumeist aus. Aber nichtsdestotrotz gilt es hier umzudenken. Um hier an Cannti zu erinnern: jeder ist der Mittelpunkt der Welt, aber nur weil die Welt voll von solchen Mittelpunkten ist, ist sie kostbar. Diese Kostbarkeiten zu nützen, bedeutet nicht nur Ethik in das Leben zu bringen, sondern auch Erkenntnis. Das Wesentliche ist dies: die Pluralität der Perspektiven und Sichtweisen läßt sich heute nicht mehr auf ethische Umgangsformen reduzieren, da in ihr ein Erkenntniswert verborgen liegt. Die praktische Idee des Teamworks läßt sich auf diese Erkenntniserweiterung, die durch Teamarbeit zustande kommt, zurückführen. Neue Probleme wie die Zunahme an Gesichtspunkten und die Komplexität der einfachsten Sachen erfordern neue Fähigkeiten, die zu erweiterten Erkenntnissen führen können.

Die Notwendigkeit des Gedankenaustauschs

Es liegt heute in der Freiheit des Menschen, selbst zu entscheiden, was sein "Ich" ist bzw. werden könnte. Nicht mehr der Satz "Ich denke also bin ich" ist heute von zentraler Bedeutung, sondern der Satz "Ich denke, also kann ich mich verändern und erweitern". Aber können wir dies alles allein? Oder benötigen wir für die eigene Veränderung nicht ständig Anregungen von außen? Aber alle Anregungen von Außen gleiten durch den Menschen hindurch, wenn sie nicht im inneren bzw. zwischenmenschlichen Bereich verarbeitet werden.

Hier liegt die große Gefahr der Information. Die Wichtigkeit der Information wird niemand mehr bestreiten; ebenso tauchen jedoch Vermutungen auf, die dem zuwachsenden Informationsüberschuß mißtrauisch entgegenblicken.
Die Zunahme der äußeren Vielfalt und Information, so eine gängige Befürchtung, führt zu multiplen Persönlichkeiten und fraktalen Subjekten. Gerade daher ist es so wichtig, daß die aufgenommenen Informationen zwischenmenschlich verarbeitet werden, um ihren Abstraktionsgehalt zu verlieren.

Um hier an alltägliche Beispiele zu erinnern: nichts kann befruchtender sein, als nach einem Vortrag eine anregende Diskussion zu führen. Die dahinterliegende Frage und der Grund, weshalb sich eine Diskussion ereignet, werden meist auf ähnlichem Boden stehen: einen Menschen interessiert, wie ein anderer Mensch das Gehörte oder Gesehene empfunden und erlebt hat. Die inneren Erlebnisse eines anderen Menschen, so fremd sie einem selbst des öfteren sind, entpuppen sich letztendlich immer als Bereicherung und Erkenntniserweiterung.
In diesem einfachen Beispiel liegen unzählige Strebungen postmoderner Philosophien verborgen. Was können zeitgenössische Philosophen wohl meinen, wenn sie auf die zentrale Wichtigkeit der Pluralität und der unterschiedlichen Sichtweise hinweisen? Was könnte mit dem Satz wohl gemeint sein, daß die Erkenntnis, daß man nicht um jeden Preis der Welt recht haben muß, eine unglaubliche Freiheit beinhaltet?

In all diesen Denkansätzen liegt eine Forderung: wir müssen lernen umzudenken. Konkreter: wir müssen unser eigenes Denken in Bewegung bringen, indem wir in einen regen Gedankenaustausch treten. Aber das eigene Denken kommt nur in dem Maße wirklich in Bewegung, soweit es in der Lage ist, von sich abzusehen und gewillt ist, in fremde Standpunkte einzutauchen, um dann wieder gestärkt bei sich zu verweilen.
Dieser Prozeß ließe sich auch noch anders veranschaulichen: in dem Moment, wo ein Ich spricht, muß es ganz bei sich sein, um klare Gedanken zu formulieren und in dem Moment, wo ein Ich zuhört, muß es ganz beim anderen sein, um die Gedanken und Empfindungen des anderen zu verstehen. Ekstase heißt, um an Nietzsche zu erinnern, in fremdes Sein einkehren.
Diese Bewegung zu erlernen, erfordert eine Flexibilität, von der ich vermute, daß sie noch nicht im rechten Maß ausgebildet und auch noch nicht vollends als Erkenntnisgewinn und Lernprozeß akzeptiert worden ist.

Lernen in und an der Begegnung

Die eben angedeuteten Strebungen versuchen begegnungszentriertes Lernen zu integrieren: Erkenntnis als Erkenntnisprozeß. Einerseits unbefangen wahrnehmen und andererseits aktiv denken. Der Gedanke der Intervision versucht zu artikulieren, daß jeder Mensch beide Fähigkeiten in sich besitzt und verstärkt herausbilden kann. Dies ist auch der eigentliche Bildungsprozeß: eine Pendelbewegung zwischen dem passiven Prozeß des Zuhörens und Wahrnehmens und dem aktiven Prozeß des eigenen Denkens.
Gerade in der heutigen Zeit scheint die Herausbildung dieser Fähigkeit erforderlich zu sein. Denn einerseits werden hierarchische Denkmuster, die von oben nach unten gegliedert sind, unglaubwürdig (was die zeitgenössische Philosophie mit dem Ende der Meta-Erzählungen zu artikulieren versucht), und andererseits müssen an die Stelle der Meta-Erzählungen neue Erzählungen treten. Dem wird in intervisionären Gruppenprozessen ein Ohr geschenkt, da die Verschiedenheit der Standpunkte und Sichtweisen zu einem Ausgangspunkt erklärt wird. Allerdings kann aus diesem Ausgangspunkt, wenn die Akzeptanz der Verschiedenheit eingeklagt wird, das Visionäre entstehen. Denn Visionen kommen nicht mehr von einem "Supervisor", sondern sie entstehen "intervisionär". Obgleich alltägliche Prozesse den intervisionären Erkenntnisprozeß belegen (man denke an selbstorganisierte Studiengruppen, die durch einen gegenseitigen Austausch und Beratungsprozeß Erkenntnisse über die unterschiedlichen Standpunkte gewinnen) sind Erkenntnisprozesse doch noch relativ starr strukturiert. Heute immer noch gängige Meinung ist die Vermutung, daß die Verschiedenheit an Standpunkten, wenn der Meta-Standpunkt fehlt, nur ein "Tohuwabohu" erzeugen kann. Gleichzeitig sind wir dem "Tohuwabohu" aufgrund der derzeitigen Informationsmöglichkeiten ohnedies ausgeliefert. Daher versucht die Intervision mit Methoden zu arbeiten, die den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen entspringen. Diese Verhältnisse deuten auf eine zunehmende Individualisierung, aus der sich ein Methodenpluralismus entwickelt hat, der dem heutigen Menschen eine Flexibilität abfordert, die Bekanntes überschreitet. Immer wenn neue Probleme auftauchen, benötigt es neue Fähigkeiten. Die Suche nach neuen Denkmöglichkeiten findet sich in postmodernen Erkenntnistheorien wieder. Beispielsweise, meint Richard Rorty, "kann man sich die bildende Philosophie als eine Liebe zur Weisheit denken, die zu verhindern versucht, daß unsere Gespräche zu Forschungsprozessen degenerieren, zu einer Tauschbeziehung von Theorien." Sein Vorschlag ist demnach, daß bildende Philosophie darauf abzielen sollte, das Gespräch in Gang zu halten. Aber ein Gespräch bzw. eine Gesprächskultur beinhaltet, daß sich ein Mensch im Ich des anderen begegnet (Lievegoed).
Um es nochmals zu sagen, diese Begegnung darf nicht auf die Ethik reduziert werden, sondern es sollte verstärkt damit begonnen werden, darin einen wirklichen Erkenntnisprozeß zu erblicken, der (zukünftige) Wirklichkeit gestaltet.

Dr. phil. Rudolf Kallinger, Familienberater und Mitarbeiter am Institut für Sozialästhetik (Innsbruck)

Abstract :

Der Mensch ist ein Phänomen, in dem wir uns wiedererkennen und das sich in uns wiedererkennt. Dieses dialogische Erkenntnisverhältnis ist prinzipiell in keine wie immer geartete Erkenntnistheorie der modernen Wissenschaft einzubauen. Jede Erkenntnistheorie setzt, um im modernen Sinn Wissenschaft zu sein, ein Erkenntnisobjekt voraus. Für intersubjektive Begegnungen ist moderne Wissenschaft nicht zuständig. Man kann zwar den anderen mit seiner Zustimmung oder ohne sein Wissen oder mit Gewalt in einen Gegenstand der Erkenntnis verwandeln, und dann ist die moderne Wissenschaft kompetent für ihn. Sie nimmt dabei den Verlust des Dialogs, des Anerkennens des anderen, in Kauf. Der Preis einer derartigen Objektivierung des Menschen ist die fundamentale Einsamkeit und daher Absurdität der Erkenntnis. (Villem Flusser)


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