Ein Forum der wissenschaftlichen Begegnung
Interview mit Igna Hosp
Europäische Akademie: Seit nunmehr sechs Jahren organisieren Sie als international anerkannte Kulturpublizistin zusammen mit Prof. Valentin Braitenberg und Prof. Peter Mulser das einmal jährlich stattfindende Bozner Treffen, das nun bereits zum dritten Mal von der Europäischen Akademie mitgetragen wird. Das diesjährige Treffen behandelt den Themenkreis "Kosmologie und Information". Warum gerade dieses Thema?
Inga Hosp: Dazu müßte ich etwas ausholen auf das Gründungsanliegen der Bozner Treffen, die ja eigentlich aus der persönlichen Bekanntschaft mit zwei im Ausland arbeitenden Südtiroler Forschern entstanden sind. Ich habe 1986 ein Buch geschrieben über aus Südtirol weggegangene Forscher und Künstler1, um deren Spuren wiederaufzunehmen. Unter diesen befanden sich auch Valentin Braitenberg, Hirnforscher und Begründer des Max-Planck Instituts für Biologische Kybernetik in Tübingen, sowie Peter Mulser, theoretischer Physiker in Darmstadt. Nun befindet sich einer der größten Gräben im Diskurs der modernen Wissenschaften zwischen den Physikern und den Biologen. Ein Schlüsselbegriff dieser Auseinandersetzung ist die Information. Diesen Graben zu überspringen und Schlüsselbegriffe dieses Diskurses zu thematisieren, war das Grundanliegen der Bozner Treffen. Es ging also immer um solche Schlüsselbegriffe, die von der einen und der anderen Seite beleuchtet werden sollten, und so verhält es sich auch beim 7. Bozner Treffen mit dem Thema "Information und Kosmologie". Information ist inzwischen Schlüsselbegriff vieler Wissenschaften, und wir wollen sehen, was Physiker, Mathematiker, Psychologen oder etwa Biologen mit diesem Begriff anzufangen wissen. Im Grunde genommen geht es also um den Begriff Information und darum, wie er in die Kosmologie bzw. in das Weltbild hineingespiegelt wird.
Europäische Akademie:Dennoch mag für so manch einen die Verbindung zwischen "Kosmologie" und "Information" auf den ersten Blick nicht einsichtig erscheinen. Wie können zwei so differenzierte Themen zusammenfinden?
Inga Hosp: Die Antwort kommt aus dem Untertitel des Treffens. Wir fragen zwei wissenschaftliche Fraktionen: "Wie kommt Struktur in die Welt?" Die Antworten darauf sind vom Informationsbegriff her gesehen sicherlich andere als von der kosmologischen Seite, aber man kann es versuchen, und nachdem es ja auch ein Grundanliegen der Bozner Treffen ist, die Sprachen verschiedener Wissenschaften über den Graben der Verständnislosigkeit hinweg miteinander ins Gespräch zu bringen, kommt es bei den Bozner Treffen immer wieder zu Themenansätzen, die meist zwei getrennte, oft auch kontrastierende Begriffe im Obertitel angeben und dann aber den Versuch einer brückenschlagenden Unterzeile machen.
Europäische Akademie: Derart fachliche Themen sprechen natürlich auch ein eher fachkompetentes Publikum an. An wen richten sich die Bozner Treffen in erster Linie?
Inga Hosp: Wir haben uns von vornherein an die akademische Schicht im Lande ganz allgemein gewendet. Wir richten uns an Studenten, in erster Linie aber an Lehrer der Oberschulen bzw. Mittelschulen. In dieser Hinsicht hat das Bozner Treffen auch schon eine ansässige Zuhörerschaft, ein Stammpublikum vorzuweisen. Ein kleiner Wermutstropfen der Bozner Treffen ist jedoch die Tatsache, daß wir seit Jahren versuchen, die Anerkennung dieser Veranstaltung für die Lehrerfortbildung zu erreichen, was leider vom Pädagogischen Institut immer wieder mit dem Argument abgelehnt wird, daß die Themen der Bozner Treffen zu wenig unterrichtsspezifisch seien. Ein Standpunkt, den ich offen gestanden nicht verstehe, da ein Treffen, das der Horizonterweiterung der Unterrichtenden dienen kann, ja schließlich auch fürs Unterrichten von einiger Wichtigkeit sein kann. Grundsätzliches Anliegen war es jedoch, in einem Land, das bis vor einigen Jahren Hochschulstrukturen erst als Streifen am Horizont gesehen hat, einen akademischen Diskurs in Gang zu bringen, was von der Kulturabteilung der Südtiroler Landesregierung, die das Treffen finanziert, auch von Anfang an verstanden und honoriert worden ist. Wir sind auch manchmal gefragt worden, ob wir eine Art Vorläuferschaft zu Hochschulstrukturen sind. Das waren und sind wir mit Sicherheit nicht. Dazu ist das Bozner Treffen viel zu wenig institutionalisiert.
Europäische Akademie: Weil Sie gerade das Thema Hochschulstrukturen angeschnitten haben, möchte ich gleich folgende Frage an Sie richten: Als relativ junge Einrichtung, an deren Gründung ihr Mann, Landesrat Bruno Hosp, maßgeblich beteiligt war, lag und liegt der Akademie das Projekt "Hochschule in Südtirol" ganz besonders am Herzen. Was für eine Art von Hochschule würden Sie sich für Südtirol wünschen?
Inga Hosp: Grundsätzlich begrüße auch ich das Vorhaben, in Südtirol Hochschulstrukturen zu errichten. Welche? Nun, jene die gebraucht werden zuerst! Und die eine oder andere, für die Südtirol einen besonderen Standortvorteil aufweist. Abgesehen vom fachspezifischen Spektrum - zu dem ich jedoch nichts sagen kann und möchte, weil es Gegenstand der Kulturpoltik des Landes ist und ich mich durchaus als Privatperson verstehe - finde ich, daß eine Hochschulstruktur in Südtirol den großen sprachlichen Vorteil des Landes nutzen sollte und sicherlich auch nutzen kann. In diesem Rahmen würde eine Hochschule auch sicher viel Aufmerksamkeit finden. Denn wer möglicherweise von auswärts hierher kommt, für den kann diese Zweisprachigkeit oder vielleicht sogar Dreisprachigkeit ein großer Ansporn sein, ein "Hirnkitzel", wenn wir es so nennen wollen. Das ist ein atmosphärischer Vorzug, den Südtirol als Hochschulstandort vorzuweisen vermag und der sicherlich auch in einen Vorteil umzumünzen ist.
Europäische Akademie: Der Fachsprachendialog und die besondere Sprachgestalt der Bozner Treffen waren Ihnen von Anfang an ein besonderes Anliegen. Ist es nicht schwierig, eine solch fachliche Tagung mit einer zusätzlichen besonderen Sprachregelung zu koordinieren? Erschöpft sich das Ganze nicht auf längere Sicht?
Inga Hosp: Ganz richtig, der Fachsprachendialog war von vornherein ein starkes Agens für das Projekt "Bozner Treffen", ebenso die besondere Sprachgestalt: alle Vorträge und Diskussionen können in der jeweiligen Muttersprache der Vortragenden geführt werden, also in deutsch oder italienisch, was natürlich eine passive Sprachkompetenz in der jeweiligen Fremdsprache nicht nur bei den Vortragenden, sondern auch beim Publikum voraussetzt. Dadurch ergibt sich eine ganz nette Art von Dialog, und wir ersparen uns das umständliche Medium der Simultanübersetzung. Die Teilnehmer finden das nicht nur originell, sondern auch sehr praktisch. Es entspricht auch einem Ansatz von Prof. Braitenberg zur Sprachkompetenz, der besagt, wenn in Europa alle Leute vielleicht zwei Sprachen aktiv und weitere zwei Sprachen passiv beherrschen würden, dann wäre das Sprachenproblem sehr bald gelöst. Natürlich hatten wir zunächst einige Bedenken, daß sich diese doch recht einzigartige Kombination von Fachthemen und besonderer Sprachregelung allmählich erschöpft. Im Laufe der Zeit hat sich jedoch eine Stammreferentenschaft herauskristallisiert, und neuerdings, seit die Beiträge des Bozner Treffen mit jeweils knapp einjährigem Abstand in der doch sehr renommierten Rowohlt-Reihe rororo-science erscheinen, kommen auch aus entfernten Gegenden des deutschen und italienischen Sprachraums Anfragen. Seltsamerweise sind wir mit dem heurigen Bozner Treffen auch im offiziellen Programm der Lehrerfortbildung in Berlin.
Europäische Akademie: Kommen wir noch einmal kurz auf das Thema des diesjährigen Bozner Treffen zu sprechen: "Kosmologie und Information". Wird diese Themenstellung aufgrund des großen Kulturverlustes, der in den letzten Jahren immer mehr beklagt wird, nicht auch Anstoß zu Kritik geben?
Inga Hosp: Es mag schon sein, daß auch Kritik in der Diskussion mitläuft. Ich denke, daß das Beste, was auf der Ebene dieses kleinen, fast zufälligen und nicht institutionalisierten Treffens gegen "Kulturverlust" getan werden kann, darin besteht, Schlüsselworte der heutigen Kultur in den Mittelpunkt einer seriösen Debatte zu stellen, um sie sozusagen aus dem Geschwätz zu "erlösen". Allein der Begriff Information liegt derart unter dem Informationsmüll verschüttet, daß man sich kaum vorstellen kann, wie tief er in die einzelnen Fachbereiche hineinreicht und wie verschiedenartig er mit Bedeutung aufgeladen sein kann, etwa für den Physiker, den Biologen, den Psychologen, den Kommunikationswissenschaftler usw. Aber wir sind beim Bozner Treffen schwerpunktmäßig ja nicht auf der Seite der Kulturwissenschaften, sondern genau auf der Brücke zwischen den erwähnten wissenschaftlichen Positionen.
Europäische Akademie: Sie sprachen gerade von Brückenfunktion. Brückenfunktion auszuüben ist auch ein wichtiges Anliegen der Europäischen Akademie. Wie sehen Sie als erfahrene Publizistin die Akademie auf dem internationalen wissenschaftlichen Markt, und was würden Sie sich für deren Zukunft wünschen?
Inga Hosp: So wie Sie das geschildert haben, stehen wir mit unserem kleinen Bozner Treffen genau am gleichen Ort, nämlich auf der Brücke des Logos der Europäischen Akademie, denn die beiden Grundanliegen der Akademie sind ebenso wie die des Bozner Treffens Verständigung zwischen Sprachgruppen und Verständigung zwischen großen Fachgebieten. Insofern ist es nur gut, daß die Akademie nun auch als ideelle Mitveranstalterin des Bozner Treffens aufscheint. Der Akademie wünsche ich, daß sie mit all ihren Schlüsselanliegen bzw. geplanten Fachgebieten bald "in die Gänge" kommt. Ihre Position auf dem internationalen "Markt" ist durch gründliches Recherchieren abgesichert, deshalb wird sie dort ihre "Nische" gut ausfüllen.
Europäische Akademie: Ich bedanke mich herzlich für das interessante Gespräch. Abschließend vielleicht nur noch schnell den genauen Termin des heurige Bozner Treffens für alle Interessenten!
Inga Hosp: Das heurige 7. Bozner Treffen findet vom 5. bis 7. Oktober im Schloß Maretsch statt, mit 15 Tagesvorträgen und jeweils einem Abendvortrag am ersten und letzten Tag im Museum für Moderne Kunst. Bei diesen beiden Vorträgen kommen Gelehrte zu Wort, die sich an ein noch breiteres Publikum wenden, was uns natürlich auf großen Andrang hoffen läßt.
Dr.phil. Inga Hosp, Kulturpublizistin und Mitbegründerin der Bozner Treffen
1 Hosp, Inga: Südtirol von außen. Lebensbilder zwischen Heimat und Ferne. Bozen: Athesia, 1986. 440 S.