Museion: Kunst und Sprache
von Andreas Hapkemeyer
Damit ein junges Museum in einem regionalen und überregionalen Kontext eine sinnvolle Rolle zu spielen vermag, muß es sich komplementär zu den bereits existierenden Institutionen verhalten. Es empfiehlt sich eine Spezialisierung, die es von den anderen Museen unterscheidet und ihm eine eigene Identität sichert. Konkret auf das Museum für Moderne Kunst Bozen bezogen bedeutet dies: An der Grenze gelegen, hat es sich - neben einer Bestandsaufnahme der regionalen Kunst - zum einen die vergleichende Darstellung von Kunst und Künstlern aus dem deutschen und italienischen Kulturraum zum Ziel gesetzt; zum anderen hat es in dem Sektor "Kunst und Sprache" eine Marktlücke ausgemacht, in der es sich mit Ausstellungen, der Sammlung und der Bibliothek profiliert.
Spätestens seit dem Beginn dieses Jahrhunderts sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Kunstformen ins Rutschen geraten. Die Verbindung von Bild und Schrift ist ein paradigmatisches Phänomen, das sich vom Kubismus über Futurismus und Dadaismus bis zur Kunst der 70er, 80er und 90er Jahre herauf verfolgen läßt. Theoretisch ließe sich anhand einschlägiger Werke aus dem Bereich "Kunst und Sprache" ein Leitfaden durch die wichtigsten Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts erstellen. Da heute aber ein rückwärts gerichtetes Ankaufen von Kunst nicht mehr finanzierbar ist, muß sich eine Erwerbspolitik - sie wird derzeit in umsichtiger Weise von der Landesregierung getragen - im wesentlichen auf die gegenwärtigen Strömungen bzw. diejenigen der unmittelbaren Vergangenheit beziehen. Obwohl der Bereich "Kunst und Sprache" als schwer zugänglich gilt, ist er als überaus repräsentativ für die moderne Kunst zu klassifizieren.
Im Museum ist es im Lauf der Jahre zu mehreren einschlägigen Ausstellungen gekommen: In "Denkräume. Heinz Gappmayr, Maurizio Nannucci, Lawrence Weiner" wurden 1992 Positionen von Konzeptkünstlern der 60er und 70er Jahre vorgeführt, die sich der Sprache als Medium bedienen. In "Der schnelle Gestus. Achille Perilli - Hans Staudacher" wurde 1994 hingegen der schriftgestische Aspekt informeller Kunst der 50er und 60er Jahre hervorgehoben. Die im Herbst 1996 anlaufende Ausstellung "Foto-Text Text-Foto" ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Museum für Moderne Kunst Bozen und dem Frankfurter Kunstverein: in ihr geht es anhand von 30 Künstlern mit 90 Werken aus aller Welt um das Verhältnis von Fotografie und Text in der bildenden Kunst von 1966 bis 1996. Die Ausstellung behandelt einen Sonderfall des oben angesprochenen Phänomens.
Heute sind im Museum mehrere hundert Blätter aus dem Bereich der internationalen visuellen und konkreten Poesie vorhanden, die den Grundstock einer Studiensammlung bilden; von anerkannten Konzeptkünstlern wie Kosuth, Barry, Weiner, Darboven, Boetti, Gappmayr, Nannucci, Art & Language usw. sind über Kunstankäufe des Landes bedeutende Werke in die Sammlung gelangt, die namhafter Museen würdig sind. Originalblätter stehen aus konservatorischen Gründen ausschließlich Forschern zur Verfügung. Für Schulen und Kulturinstitutionen besteht die Möglichkeit, sich vom Museum aus den Beständen kleinere Ausstellungen zusammenstellen zu lassen.
Der in der Bibliothek dem Bereich "Kunst und Sprache" gewidmete Sektor umfaßt derzeit ca. 500 Titel. Wahrscheinlich gelangt noch innerhalb des Jahres 1996 ein rund 3.000 Bücher und mehrere hundert Blätter umfassendes spezialisiertes Archiv als Dauerleihgabe in den Besitz des Museums. Damit würde das Museum für Moderne Kunst definitiv zu einer der im speziellen Bereich bestdokumentierten Institutionen im weiteren Umfeld. Die Bücher können - wie die anderen 7.000 Titel der Bibliothek - von Schülern, Studenten, Lehrern und sonstigen Interessierten benutzt werden.
Die Stärke eines in einem bestimmten Sektor spezialisierten Museums ist, daß es sich aus der - zurecht - oft als zu homogen kritisierten Landschaft moderner Museen heraushebt. Gleichzeitig vermag es sich - in einem klar umgrenzten Bereich - zu einem interessanten Studienort zu entwickeln, da weder Originalwerke noch Literatur in den nächstgelegenen Bibliotheken und Universitäten in vergleichbarem Ausmaß zu finden sind. Diese Komplementarität auch zu dem in akademischen Einrichtungen Vorhandenen legt die Zusammenarbeit mit kunsthistorischen und literaturwissenschaftlichen Instituten nahe. Von vornherein wurde beim Aufbau des Bereichs "Kunst und Sprache" im Museum für Moderne Kunst Bozen an eine Vernetzung mit universitären Strukturen gedacht. Die Bestände an Büchern und Werken können sinnvollerweise Gegenstand von Diplomarbeiten und Dissertationen werden, wodurch sich auch in akademischer Hinsicht allmählich ein Schwerpunkt herauskristallisieren würde. Ziel des Museums für Moderne Kunst Bozen ist es, sich auf möglichst anspruchsvollem Niveau in das bestehende Netz moderner Kunstinstitute einzufügen, aber auch ein interessanter Ansprechpartner für die umliegenden akademischen Institutionen deutscher und italienischer Sprache zu werden.
Dr. Andreas Hapkemeyer, Vizedirektor des MUSEION, Museum für moderne Kunst Bozen.