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Academia 8
 

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Akzeptanz: eine wichtige Perspektive in der Umweltforschung

von Ulrike Tappeiner


Am 27. Juli 1996 fand auf den Waltner Mähdern im Passeiertal die Vorstellung des Forschungsprojektes "Ökologische Wirkungen von Bewirtschaftungsänderungen in der Berglandwirtschaft" für die "betroffenen" Bauern statt. Im Zuge der Diskussionen und bei Gesprächen mit den Bauern, die für das Forschungsprojekt Teile ihrer Mähder als Versuchsflächen zur Verfügung gestellt haben, ist der folgende Kommentar in seinen Grundgedanken entstanden.

Eine Straßenbefragung über die wichtigsten Komponenten einer erfolgreichen Umweltforschung würde zu einigen offensichtlichen Antworten führen wie:

  • eine lohnende und klare wissenschaftliche Fragestellung
  • ein qualifiziertes und motiviertes Team von Wissenschaftlern
  • eine auf den neuesten Stand befindliche Meßtechnik
  • eine hinreichende finanzielle Ausstattung
  • die Einbindung in ein internationales Forschungsnetzwerk


Berechtigte Antworten, wie es scheint, doch fehlt eine weniger offensichtliche, aber nicht unwichtige Komponente: das Forschungsobjekt. Im Unterschied zum Laborwissenschaftler ist der Freilandökologe auf geeignete Meßflächen angewiesen. In unserem konkreten Fall sind dies einige Flächen mit erheblicher Ausdehnung auf den Bergmähdern von Walten, welche über Jahre hinweg eingezäunt bleiben müssen, um ungestörte und kontrollierte Messungen zu erlauben. Auf diesen Versuchsflächen werden Meßgeräte aufgebaut; den Versuchsflächen werden Boden-, Pflanzen- und faunistische Proben entnommen. Forscher und Studenten bewegen sich häufig im Gelände, um Meßgeräte zu warten und Untersuchungen durchzuführen. Im konkreten Fall bedeutet das, daß der Bauer in seiner Bewirtschaftung eingeschränkt oder zumindest gestört wird. Die Versuchsflächen müssen natürlich in erster Linie nach den Forschungszielen ausgewählt werden. Dabei werden selten die Flächen eines einzelnen (möglichst aufgeschlossenen) Eigentümers allen gestellten Anforderungen Genüge tun. In den meisten Fällen werden mehrere Eigentümer davon betroffen sein. Eine schwierige Aufgabe am Anfang eines derartigen Forschungsprojektes besteht nun darin, all diese betroffenen Bauern davon zu überzeugen, der Forschung Versuchsflächen zur Verfügung zu stellen. Es ist durchaus nicht selbstverständlich, daß ein Bauer sein Einverständnis für derartige Eingriffe auf seinen Wiesen gibt. Über diesen "Annäherungsprozeß" von praktischer und wissenschaftlicher Vertrautheit mit den Flächen soll im folgenden nun berichtet werden, weil er ein selten behandelter Aspekt der Feldforschung ist und doch in mehrfacher Hinsicht über den Erfolg eines Forschungsprojektes mitentscheidet.

Damit mit den Forschungsarbeiten überhaupt begonnen werden kann, braucht es erste Kontakte und Vorgespräche, die in unserem Fall durch die Abteilung Forstwirtschaft hergestellt und geführt wurden. Es ist ein unschätzbarer Vorteil, wenn Personen, die bei den Bauern bereits bekannt und akzeptiert sind, derartige Gespräche führen. Wenn die Bauern erst einmal ihre prinzipielle Zusage erteilt haben, beginnt die eigentliche Einrichtung der Versuchsflächen: Einzäunung der Flächen, Aufstellung von Meßgeräten, Kartierungsarbeiten im Gelände und dergleichen. Die Grundbesitzer beobachten diese Arbeiten natürlich sehr genau, und man kann sich gut vorstellen, was ihnen dabei durch den Kopf geht: Was machen diese Forscher überhaupt auf meinen Flächen? Ob da etwas Vernünftiges herauskommt? Besteht bei Umweltforschung nicht auch die Gefahr, daß die Ergebnisse zu Einschränkungen und Verboten führen?

Erst wenn Feldforschung aus dieser Perspektive betrachtet wird, kann man ermessen, welcher Vertrauensvorschuß der Forschung gewährt wird. Dessen sollte sich jeder Wissenschaftler, der nicht nur im "stillen Kämmerchen" forschen kann, sondern im Zuge seiner Arbeit auf die "Außenwelt" zugehen muß, auch stets bewußt sein. Sehr wichtig für einen derartigen Vertrauensvorschuß ist wiederum der persönliche Kontakt. So haben die Bauern z.B. sehr genau beobachtet, daß die Studenten bei der Feldforschung hart arbeiten ("Die sitzen ja den ganzen Tag am selben Fleck in der prallen Sonne und arbeiten konzentriert"), und dies schafft Gemeinsamkeiten. Auch Mitleid spielt eine bestimmte Rolle, und so werden den Studenten in der besten Tradition der Gastfreundschaft Getränke und sogar das Übernachten in der eigenen Hütte angeboten. Bauern und Studenten beginnen miteinander zu kommunizieren. Die Studenten versuchen zu erklären, wie wichtig ihre Messungen sind und welchem Zweck sie dienen. Am Ende bleibt wohl die Frage offen, wer bei diesen Erklärungen mehr lernt: die zuhörenden Bauern oder der Student, der durch seine Erläuterungen selbst ein besseres Verständnis für sein Forschungsvorhaben gewinnt. Schließlich gehört es zu den zentralen Aufgaben jedes (angehenden) Wissenschaftlers, komplexe Zusammenhänge einfach und übersichtlich zu präsentieren.

Unser Forschungsprojekt auf den Waltner Mähdern hat sehr schön aufgezeigt, wie die Bauern Schritt für Schritt ihr Verständnis für die Feldforschung erlangen: Respekt (für die harte Arbeit), Sympathie (weil die Studenten doch immer wieder Hilfe brauchen) und schließlich Interesse (was die da treiben, ist ja nachvollziehbar). Durch diese Entwicklung werden sogar größere "negative Auswirkungen" der Forschungsaktivitäten, wie vergessene Meßpflöcke in der Wiese, die in die Mähbalken geraten, großmütig hingenommen. Vor diesem Hintergrund ist es auch verständlich, daß zu der kürzlich erfolgten Vorstellung der ersten Ergebnisse unserer Forschungsarbeit auf den Mähdern eine beträchtliche Zahl von Bauern aus dem Umfeld unserer Meßflächen gekommen ist. Natürlich waren praktisch verwertbare Ergebnisse, wie etwa die Boden- und Futterwertanalysen des Versuchszentrums Laimburg, von besonderem Interesse, aber auch die eingesetzte Meßtechnik oder die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Fragestellungen wurden interessiert verfolgt. Auf den Mähdern hat man festgestellt, daß dieser Prozeß der Annäherung unter mehreren Aspekten für den Erfolg der Forschungsarbeit von Bedeutung ist. Abschließend sollen diese Aspekte noch einmal herausgearbeitet werden:

  • Selbstverständlich ist die Überlassung von Versuchsflächen eine absolute Notwendigkeit für die ökologische Forschung.
  • Es kann aufgezeigt werden - und darum könnten sich die Forscher ruhig noch mehr bemühen - daß Wissenschaft nicht etwas für die anderen ist, sondern uns alle angeht und auch von allen in den wichtigen Grundzügen verstanden werden kann.
  • Schließlich führt die Notwendigkeit, das eigene Forschungsvorhaben immer wieder zu erklären, zu einer klareren Strukturierung des Projektes. Der Forschende wird somit immer wieder daran erinnert, daß seine Forschung früher oder später für irgendjemanden von praktischem Nutzen sein soll.


In diesem Sinn hat uns der gute Kontakt zu den Passeirer Bauern motiviert, das in den Statuten der Akademie verankerte Prinzip der angewandten Forschung besser mit Inhalt zu füllen.
Wir wollen jedenfalls diesen Weg weiter gehen in der Hoffnung, daß wir bereits jetzt einen Beitrag dazu geleistet haben, daß ökologische Feldforschung als Chance für alle und nicht als theoretisch abgehobenes Tun oder gar als Gefahr gesehen wird.

Univ. Doz. Dr. Ulrike Tappeiner, Leiterin des Fachbereiches "Alpine Umwelt"


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