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Welche Zukunft für die Alpen?

von Mario F. Broggi


Die Alpen - ein Jahrtausende altes Kulturland

Der Mensch hat seit Jahrtausenden die Alpen bewohnt, der Eismann "Ötzi" und die Felsritzungen im Val Camonica ob dem Lago d'Iseo sind zwei frühe Beispiele seiner Aktivitäten. Die uns vertraute, liebgewonnene Kulturlandschaft wurde so in den vergangenen Jahrhunderten mit der heutigen Wald-Graslandverteilung geformt. Viele der noch ablesbaren Nutzungsformen in der Landschaft ändern sich nun im Verlaufe des 20.Jh. in recht dramatischer Weise. Die Industrialisierung führte zur Abwanderung in die Städte, auch die Zentrumsbildung innerhalb des Berggebietes verstärkte sich. Die frühere, im Zeichen der Knappheit entstandene agrarwirtschaftlich dominierte Kreislaufwirtschaft brach durch Außenwirkungen zusammen. Die Berglandwirtschaft rannte verschiedenerorts der Entwicklung der Talbetriebe nach, ohne Aussicht darauf, diese je erreichen zu können. Sie kann dadurch dieselben ökologischen und ökonomischen Probleme wie im Flachland verursachen.

Der rasche Strukturwandel muß zur Hinterfragung und Neuorientierung der bisherigen Berggebietspolitik führen

Die flächendeckende landwirtschaftliche Bewirtschaftung hat vor allem im deutschsprachigen Alpenraum ein deutliches Primat. Es galt Brachland zu vermeiden. Hierfür gingen beträchtliche Transferleistungen direkt in den Agrarbereich. Diese Struktur- und Agrarförderungen konnten allerdings vielerorts die Abwanderung nicht aufhalten bzw. höchstens verzögern. Trotz weltweit höchster Agrarförderung der Schweiz sind beispielsweise im bekannten Tourismuskanton Wallis die Bauern unter dem nationalen Schnitt von 4,2% der erwerbstätigen Bevölkerung der Schweiz vertreten, und diese wenigen sind häufig Nebenerwerbslandwirte. Die Berglandwirtschaft muß zudem in ein funktionsfähiges Gemeinwesen eingebettet sein. Im Zeichen knapper werdender Finanzen stehen in Zukunft die Mittel nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung, um dereinst überall flächendeckende Landschaftspflegeprogramme auszuschütten. Es ist auch denkbar, daß die Bereitschaft für hohe Förderungen in der zunehmend urbanen Gesellschaft abnimmt. Es könnte darum in erster Linie wichtig werden, zu wissen, wo Förderungen angemessen sind bzw. wo in einer Gesamtschau am ehesten auf sie verzichtet werden kann. Ein alleiniges Vertrauen auf Selbstregulierungsmechanismen könnte sich ungünstig bis verhängnisvoll auswirken. In diesem sich verändernden Umfeld sehen viele Disziplinen, im sozio-ökonomischen wie im ökologischen Bereich, die Notwendigkeit, sich bezüglich der Berggebietsentwicklung deutlicher zu Worte zu melden. Dabei stellt sich die Frage nach der künftigen Gestaltung unseres Alpenraumes mit einer Neubewertung der Flächennutzung.

Welche Landschaft wollen wir wo in welcher Form erhalten?

Hier erwächst ein Diskussionbedarf mit allen, die es angehen mag. Es ist der Zeitpunkt gekommen, an die Berggebietspolitik der Zukunft konkrete Fragen zu stellen. Aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes lauten einige Leitfragen: - Zum Erhalt der traditionellen Kulturlandschaft: Wo muß und soll der Mensch auf Dauer etwas tun, um bestimmte Landschaftsbilder und Artenvielfalten zu erhalten und zwar mittels Fortsetzung extensiver Bewirtschaftungen, Biotopflege etc. - Zur Schaffung von Wildnis: Wo soll der Mensch auf Dauer alles unterlassen, um die Natur zu schützen (Gewährung freier Entwicklungsdynamik, z.B. Wildflußlandschaften, Naturwälder, Wilderness areas)? - Zur nachhaltigen Entwicklung in ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension: Wo kann der Mensch gewisse Dinge unterlassen und der Natur damit nützen, ohne seine wirtschaftende Tätigkeit zu gefährden? - Welche Anreizsysteme sind gegebenenfalls erforderlich (Modell einer abgestuften Nutzung im Sinne von sustainable development)? Nachhaltigkeit ist darum auf verschiedenen Ebenen zu definieren und umzusetzen (der "billigen" Mobilität kommt hier eine stark wettbewerbsverzerrende Bedeutung zu).

Differenzierte Strategien sind angesagt

Die Schritte zur Nachhaltigkeit müssen auf übergeordneter Ebene in Form von Leitbildern oder Konzepten diskutiert werden. Es muß eine regionenspezifische Anpassung in konkreten Handlungsanleitungen erfolgen. Auf der Ebene konkreter Modellprojekte sind die ersten Umsetzungsschritte zu fördern. Signalwirkung könnte hier durch regionale Agrarleitbilder und eine Stärkung der regionalen Verantwortlichkeiten in der Agrarpolitik erreicht werden. Die Berglandwirtschaft der Zukunft ist auf eine stärkere Selbständigkeit mit Qualitätslabel auszurichten, wobei der Höhe der Direktzahlungen Grenzen zu setzen sind. Nur auf überschaubaren Einheiten kann auf natur- und kulturräumliche Rahmenbedingungen Rücksicht genommen werden. Auch ein verkrampftes Festhalten an alten Strukturen löst die Probleme nicht. Wir sind also aufgerufen, auch im Falle des Berggebietes, grundsätzliche Fragen zu stellen, um eine kreative Auseinandersetzung zu provozieren, die ihrerseits einen endogenen Prozeß auslösen kann - im Interesse der Bergbewohner und der Umwelt. Die Wissenschaft und Forschung kann für diesen angewandten Bereich Wesentliches und auch Modellhaftes initiieren. Die Europäische Akademie Bozen hat sich im Schwerpunktbereich "Alpine Umwelt" einiger substantieller Fragestellungen angenommen und wird damit die gebührende Beachtung im Alpenbogen finden. Dr. Ing. Mario F. Broggi, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Europäischen Akademie, Leiter von Umweltplanungsbüros mit Sitz in Schaan, Zürich und Wien.


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