contact | site map | imprint           7.7.2008
Logo EURAC  
  NEWS ARCHIVE    
      Events    
      Education courses    
      On research    
      New print releases    
      Job openings    
SITE SEARCH  
 

Academia 9
 

Home  |  Press  |  Academia  |  9  |  artik_10  

Forschungslabor Südtirol


Zum 1. Oktober 1996 ist Prof. Dr. Reiner Arntz, Gründungsleiter des Fachbereichs "Sprache und Recht", an seine Heimatuniversität Hildesheim zurückgekehrt und hat dort seine Lehrtätigkeiten als Professor für romanische Sprachen wieder aufgenommen. Im folgenden Interview zieht er ein Resumé seiner Tätigkeit in Bozen.

Europäische Akademie: Liest man Ihren Lebenslauf: Studium der Rechtswissenschaft und der Angewandten Sprachwissenschaft an den Universitäten Bonn und Saarbrücken, Diplomübersetzer in Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Niederländisch, Promotion zum Dr. jur., Professor für romanische Sprachen an der Universität Hildesheim... so wundert man sich mitunter, warum es Sie vor fast vier Jahren hierher nach Südtirol verschlagen hat?

Prof. Arntz: Die Frage schmeichelt mir. In Wirklichkeit war mir das damalige Angebot, nach Südtirol zu kommen, um an der Europäischen Akademie den Fachbereich "Sprache und Recht" zu leiten, sehr willkommen. Ende der achtziger Jahre ergaben sich die ersten Kontakte zu Südtiroler Politikern, die mit der Planung universitärer und postuniversitärer Strukturen begonnen hatten. In diesem Zusammenhang sprach man erstmals von einem neuartigen interdisziplinären Bildungsangebot, das soweit wie möglich die speziellen Vorteile Südtirols nutzen sollte. Der Themenkreis "Sprache und Recht", der diese Bedingung in besonderer Weise erfüllt, wurde von Anfang an in die Überlegungen einbezogen. Über meine Arbeit an der Universität in Hildesheim, wo ich wichtige Erfahrungen beim Aufbau terminologischer Datenbanken gemacht hatte, ergab sich also diese Möglichkeit.

Europäische Akademie: Wann wurde die Idee eines interdisziplinären Forschungsbereiches wie "Sprache und Recht", den es bis dato in dieser Form noch nicht gegeben hat, geboren? Welches sind die Standortvorteile Südtirols bei der Realisierung eines solch neuartigen, interdisziplinären Forschungsvorhabens?

Prof. Arntz: Als Sprachwissenschaftler und Jurist spielte ich schon seit längerem mit dem Gedanken, eine Querverbindung zwischen diesen Fachbereichen in Form von interdisziplinärer Forschungsarbeit herzustellen. Bislang fehlte es jedoch an einem Forschungszentrum, das sich vorrangig dem Themenkreis "Sprache und Recht" widmet. Als es sich anbot, eine solche Einrichtung in Südtirol anzusiedeln, weil hier eine besonders große Aufgeschlossenheit für diese Thematik besteht, war für mich von vornherein klar, daß ich mich an diesem Projekt beteiligen würde. Südtirol bietet sich für ein derartiges Pilotprojekt ja förmlich an: Hier leben drei Sprachgruppen, Italiener, Deutsche und Ladiner, zusammen. Der tägliche Umgang mit mehreren Sprachen ist für große Teile der Bevölkerung eine Selbstverständlichkeit. Seit jeher nimmt Südtirol eine Brückenfunktion zwischen dem deutschen und italienischen Sprachraum wahr. Von besonderer Bedeutung für das Zusammenleben der beiden großen Volksgruppen in Südtirol ist die gesetzlich verankerte Gleichstellung der deutschen und der italienischen Sprache in allen Lebensbereichen, insbesondere im Rechtswesen.

Europäische Akademie: Worin äußert sich nun dieser inderdisziplinäre Forschungsansatz in fachlicher Hinsicht aber auch im Hinblick auf den Alltag an der Akademie?

Prof. Arntz: Vor dem Hintergrund der Mehrsprachigkeit Südtirols hat man sich im Fachbereich "Sprache und Recht" für die Schwerpunktbereiche Terminologiearbeit, Fachsprachenforschung und Sprachenrecht entschieden. Im Rahmen der Terminologiearbeit sind wir dabei, eine Terminologiedatenbank zu erstellen, um den gesamten relevanten Wortschatz für das Rechts- und Verwaltungswesen in deutscher und italienischer Sprache systematisch zu erfassen. Diese Datenbank kann nicht in einem luftleeren Raum entstehen, sondern muß auf eine solide theoretische Untermauerung bauen, die nur durch die gemeinsame Forschungsarbeit von Juristen und Sprachwissenschaftlern gewährleistet sein kann; dasselbe gilt auch für die beiden weiteren Forschungsschwerpunkte, Fachsprachenforschung und Sprachenrecht. In unserem Fachbereich könnte man schon beinahe von einer Interdisziplinarität zweifacher Natur sprechen, weil nämlich Juristen und Sprachwissenschaftler verschiedener Muttersprachen miteinander am selben Projekt arbeiten: auf der einen Seite arbeiten wir über Fachgrenzen, auf der anderen Seite über Sprachgrenzen hinweg. Gerade diese interdisziplinäre und interethnische Komponente gestaltet den Alltag an der Akademie lebendig und abwechslungsreich.

Europäische Akademie: Wie sehr hat sich der Fachbereich "Sprache und Recht" an den konkreten lokalen Forschungsbedarf angepaßt und wie sehr an den internationalen Markt?

Prof. Arntz: Natürlich orientieren wir unsere Forschungsarbeit erst einmal am lokalen Bedarf, so daß Deutsch und Italienisch im Mittelpunkt stehen. Daneben verlieren wir aber auch die europäische Dimension nicht aus dem Blick. Das Beispiel der Schaffung einer zweisprachigen Datenbank, die auf einer einheitlichen, begrifflichen Grundlage aufbaut, ist keineswegs nur für Südtirol relevant. Zahlreiche andere sprachliche Minderheiten befinden sich in einer vergleichbaren Situation. Daher sind die Erkenntnisse, die in dieser Hinsicht in Südtirol gesammelt werden, auch für andere Sprachgemeinschaften von Interesse. Dasselbe gilt im übrigen auch für die Forschungsarbeit im Fachbereich "Minderheiten und regionale Autonomien".

Europäische Akademie: Weil Sie gerade den Fachbereich "Minderheiten und regionale Autonomien" erwähnt haben: Neben dem Fachbereich "Sprache und Recht" hatten Sie bis vor kurzem auch die Leitung des Fachbereiches "Minderheiten und regionale Autonomien" inne. Worin äußert sich der Forschungsansatz in diesem Fachbereich?

Prof. Arntz: Im Fachbereich "Minderheiten und regionale Autonomien" stellen wir den Vergleich in den Mittelpunkt und dabei gilt: nur etwas, was bereits gut dokumentiert ist, kann man gut vergleichen. Ein hoher Dokumentationsgrad ist sogar zwingende Voraussetzung für eine vergleichende Gegenüberstellung. Ein zweites prägendes Merkmal ist auch hier die Interdisziplinarität. Weil die Fragen, die wir behandeln, soziologische, juridische und sprachwissenschaftliche Aspekte miteinander verknüpfen, ergeben sich neuartige wissenschaftliche Konstellationen, die wir in Kooperation mit Universitäten und Forschungsinstituten aus dem In- und Ausland angehen. Die akademische und politische Welt zeigt großes Interesse nicht nur an den Fragen, die wir behandeln, sondern auch am Vorbildcharakter der Südtiroler Lösungen.

Europäische Akademie: Auf welche Probleme sind Sie bei der Aufbauarbeit an der Akademie am häufigsten gestoßen? Waren es Schwierigkeiten fachlicher, organisatorischer, bürokratischer, personeller... Natur?

Prof. Arntz: Ganz konkrete Probleme ergeben sich durch das Fehlen universitärer Strukturen, eine Tatsache, die die Arbeit an der Akademie mit Sicherheit nicht erleichtert. Ein Beispiel: Alle wissenschaftlichen Mitarbeiter der Akademie wollen und müssen sich wissenschaftlich weiterqualifizieren. Für Mitarbeiter, die eine deutschsprachige Promotion bzw. Habilitation anstreben, ist dies nur in Zusammenarbeit mit einer österreichischen bzw. deutschen oder schweizerischen Universität möglich; noch komplizierter ist es für diejenigen, die ihre wissenschaftliche Karriere in Italien machen wollen. Hier kommt nur das "dottorato di ricerca" in Betracht, um das man sich zunächst bewerben muß und das mit der Vergabe eines Stipendiums verbunden ist. Dieses Doktorat gilt als Hauptberuf, so daß die Doktoranden kein zusätzliches Beschäftigungsverhältnis eingehen können. Mit anderen Worten: Mitarbeiter, die ein "dottorato di ricerca" beginnen, gehen der Akademie verloren. Daher haben italienische Mitarbeiter, die zwar promovieren, aber an der Akademie bleiben wollen, keine andere Wahl, als an ausländische Universitäten, insbesondere im deutschsprachigen Raum, "auszuweichen". Anfängliche Schwierigkeiten, die es in dieser Hinsicht mit den österreichischen Universitäten gab, konnten inzwischen gelöst werden, da die Universität Innsbruck großes Verständnis für unsere Situation gezeigt hat. Solche Probleme, die sich aus den unterschiedlichen Hochschulstrukturen in Italien, Österreich und Deutschland ergeben - und manche andere -, könnte es in der Kooperation mit der Universität Südtirol nicht geben. Da aber eine eindeutige Entscheidung in Sachen Universität Südtirol leider immer noch aussteht, wird die Planung insgesamt erschwert.

Europäische Akademie: Welche angenehmen Erinnerungen verbinden Sie mit der Aufbauarbeit an der Akademie?

Prof. Arntz: Mit Sicherheit die Tatsache, etwas von Null ab aufzubauen, Pionierarbeit zu leisten, was natürlich auch die Chance bietet, eigene Ideen und Vorstellungen zu verwirklichen. Die Möglichkeit, ein internationales, mehrsprachiges junges Team zusammenzustellen, das hochmotiviert arbeitet. Ein weiterer positiver Aspekt ist die Aufgeschlossenheit für die Art von Forschungsarbeit, die hier geleistet wird, und zwar nicht nur in der Südtiroler Bevölkerung, sondern auch im übrigen Italien, wo man großes Interesse an der Arbeit der Akademie zeigt, in der man einen Brückenschlag zwischen dem italienischen und dem deutschsprachigen Kulturkreis sieht. Ich war angenehm überrascht, wie sehr man gerade auf italienischer Seite die Institution Akademie schätzt und auch das große Potential erkennt, das in ihr steckt und das es auszubauen gilt.

Europäische Akademie: Würden Sie rückblickend noch einmal ein derart schwieriges Vorhaben in Angriff nehmen?

Prof. Arntz: Ganz sicher, allerdings würde ich mir einen wesentlich klarer definierten politisch-institutionellen Rahmen wünschen - und dies im Interesse aller Beteiligten, vor allem der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Die Aufbauarbeiten und die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit wären sicher um einiges leichter gewesen, wenn die Aufgabenstellung und auch die künftige Arbeitsteilung zwischen Akademie und Universität von Anfang an eindeutig festgelegt worden wären.

Europäische Akademie: Wo sehen Sie die größten Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungsnotwendigkeiten dieser Art von interdisziplinärer Forschungsarbeit - einmal ganz spezifisch auf Südtirol bezogen und einmal in einem weitaus größeren internationalen Rahmen?

Prof. Arntz: Das Programm, das wir vor einigen Jahren für die Fachbereiche "Sprache und Recht" und "Minderheiten und regionale Autonomien" konzipiert haben, hat sich als stimmig und sinnvoll erwiesen. In Zusammenarbeit mit anderen Forschungsinstituten und Universitäten im In- und Ausland werden sich im Laufe der nächsten Jahre sicherlich weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben. Wichtig wird in nächster Zukunft vor allem der personelle Ausbau sein. Schon jetzt sind aus Mangel an Personal längst nicht alle Kooperationsmöglichkeiten realisierbar. Bei der Bearbeitung anspruchsvoller wissenschaftlicher Themen in der von uns gewünschten Tiefe und Breite bedarf es ganz einfach einer "kritischen Masse", um wirklich erfolgreich zu sein. Lokal gesehen wird es wichtig sein, die Gründung der Universität Südtirol intensiv voranzutreiben. Die Fachbereiche "Sprache und Recht" und "Minderheiten und regionale Autonomien" bearbeiten Themenbereiche, die auch für die Universität von Interesse sein werden - gleichgültig, wie diese im einzelnen aussehen wird. Der Weg, den die Akademie beschritten hat, kann also in keinem Fall in eine Sackgasse münden. Auch dann, wenn es die Universität einmal geben wird, ist die Arbeit, die bereits heute an der Akademie geleistet wird, keineswegs überflüssig. Im Gegenteil: ich sehe viele Möglichkeiten, wie Universität und Akademie einander sinnvoll ergänzen können.

Europäische Akademie: Herr Prof. Arntz, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Prof. Dr. Reiner Arntz, ehemaliger Fachbereichsleiter der Fachbereiche "Sprache und Recht" sowie "Ethische Minderheiten und regionale Autonomien" (ad interim); derzeit Professor für romanische Sprachen an der Universität Hildesheim.·


  The latest issue
 

 
 
Copyright © EURAC 2008 Send page Print page Top of page