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Wie die Digitalisierung die Demokratie und das Wirtschaften verändert

Eurac Research, die Steinbeis-Hochschule und BASIS Vinschgau Venosta luden zu einer Online-Konferenz in zwei Akten: Demokratie und Wirtschaft neu denken und Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0


Wie nie zuvor hat die aktuelle Pandemie deutlich gemacht: Big Data, künstliche Intelligenz und das Internet spielen in unserer vernetzten Welt eine immer wichtigere Rolle. Erleben wir gerade das Ende der Demokratie wie wir sie kennen und den Beginn einer digitalen Demokratie? Und wie beeinflusst die Informationstechnologie unser Leben, Arbeiten und Wirtschaften? Diese Fragen standen im Zentrum einer zweitägigen Online-Konferenz am Donnerstag, 29. Oktober und am Freitag, 30. Oktober.


„Um Demokratie im digitalen Zeitalter zu leben, brauchen wir eine kollektive Intelligenz“, ist der Physiker und Soziologe Dirk Helbing überzeugt. „Wenn es uns gelingt, diese kollektive Intelligenz mittels digitaler Plattformen zu organisieren, müssen wir uns um die Demokratie wenig Sorgen machen, solange wir gleichzeitig neue Entscheidungsmechanismen schaffen, um Minderheiten stärker in die Debatte mit einzubeziehen. Das kann dazu beitragen, Lösungen zu finden, die auch einer größeren Gruppe zugutekommen.“ Eine krisenfeste Organisation von Demokratie sei nur durch Diversität zu erreichen. Ziel müsse es außerdem sein, Innovation zu belohnen, ihr Gehör und Raum zu verschaffen und allen zugänglich zu machen. Helbing ist Professor für Computational Science an der ETH Zürich und war einer der Gastreferenten auf der zweitägigen Konferenz „Demokratie und Wirtschaft neu denken“. Was ursprünglich als hybride Veranstaltung geplant war, musste kurzfristig in eine reine Online-Tagung umgeplant werden. Eigentlich passend, nachdem es auch in den Vorträgen um die Nutzung neuer digitaler Möglichkeiten ging.  

Schöpferisches Leadership

Digitalisierung und Globalisierung werden oft als Auslöser dafür genannt, dass Menschen an der Demokratie zweifeln. „Die Meinungsvielfalt steigt, die Menschen haben leichteren Zugang zu Informationen und trotzdem sinkt die Wahlbeteiligung“, gab Stefanie Kisgen, Professorin für Leadership an der Steinbeis-Hochschule in ihrem Vortrag zu bedenken. Was es hier brauche sei schöpferisches Leadership, Menschen, die Werte in die Gesellschaft einbringen, verlorenes Vertrauen wiederherstellen und nicht aus Machtgier heraus agieren. Denn: Die Gesellschaft spiegele zurück, was in sie eingebracht werde. Technologie ermögliche den Ausbau partizipativer Möglichkeiten, ist Fabrizio Gilardi, Professor für Policy-Analyse am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich, überzeugt. „Die Pandemie hat das Potential der Digitalisierung auch für die Stimmabgabe nochmals hervorgehoben. Trotzdem dürfen wir den Einfluss der sozialen Medien und auch den Digital Divide nicht außer Acht lassen. Nicht alle Menschen haben den Zugang oder die Fertigkeiten, sich an digitalen Prozessen zu beteiligen“, betonte er.

Technologie braucht eine Rechtsgrundlage

Jede neue Entwicklung müsse rechtskonform und ethisch vertretbar sein. Dafür plädierte Yvonne Hofstetter, Juristin, Essayistin und Honorarprofessorin für Digitalisierung und Gesellschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Setzen wir Technologien wie Künstliche Intelligenz dazu ein, um Maschinen zu überwachen, so ist das legitim. Problematisch wird ihr Einsatz, wenn es um die Überwachung von Menschen und damit von Rechtssubjekten geht.“ So werde etwa „People Scoring“, ein online betriebenes Sozialkredit-System, nicht nur in China eingesetzt, sondern auch in Chicago, wo mittels KI Gefährderlisten angelegt wurden – und dies mit Rohdaten, die per se bereits rassistisch belastet waren. Das Ergebnis: nichts anderes als technologischer Rassismus. Auch den Entscheidungen von Ethikräten steht Hofstetter kritisch gegenüber. Der Mensch sei grundsätzlich frei zu erkennen, was moralisch gut oder falsch sei. Eine universelle Ethik gäbe es insofern auch im Umgang mit Technologien nicht. „Was legitim ist, muss letzten Endes eine Entscheidung des Parlaments und keine Entscheidung der Technologie oder von Ethikräten sein. Das Recht betreibt Erwartungsmanagement und beinhaltet immer auch die Freiheit, sich ihm zu widersetzen, mit den zu erwartenden Folgen. Eine Codierung hingegen lässt keinen Entscheidungsspielraum zu.“

In der anschließenden Diskussion mit Harald Pechlaner unterstrich auch Landesrat Philipp Achammer, dass die digitale Welt kein rechtsfreier Raum sein und man die analoge Ebene auch im Digitalen nicht verlieren dürfe. Eine Art von evolutionärem Übergang vom Analogen ins Digitale prophezeite hingegen Federico Giudiceandrea, Präsident des Unternehmerverbandes Südtirol, der nicht ausschloss, dass Maschinen empathisch agieren könnten. Man könne viele Dinge, die uns menschlich machen, nicht mit Daten ausdrücken, argumentierte demgegenüber Dirk Helbing. Eine nachhaltige Gesellschaft könne nicht durch eine Superintelligenz, sondern nur durch die Entfesselung der Kreativität und Einbindung der Zivilgesellschaft geschaffen werden. Dafür brauche es geeignete Plattformen. Auch Bischof Ivo Muser unterstrich, dass er sich angesichts der technologischen Entwicklungen keine Sorgen um den Menschen mache. Maschinen könne man kontrollieren, den Menschen letztlich nicht.

Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0

Der zweite Teil der Tagung fand auch 2020 im Rahmen der Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0 statt. Welchen Einfluss kann die Ökonomie des Teilens auf lokale Wirtschaftskreisläufe nehmen? Welche Chancen haben klein- und mittelständische Unternehmen angesichts der Monopolstellung großer digitaler Konzerne? Antworten darauf bot neben Dirk Helbing, auch Jonas Pentzien vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung Berlin. „Plattformen sind die Krisengewinner Nummer 1 und es ist nicht überraschend, dass sie weltweit auch zu den wertvollsten Unternehmen gehören“, unterstrich der Experte für Plattform-Kooperativismus. Digitale Großkonzerne setzen die Spielregeln ihrer Märkte selbst, kaufen Konkurrenten auf, unterwandern Regulierungen und können den Zugang zu Informationen zeitlich und räumlich begrenzen. Dadurch schaffen sie eine Zentralisierung von Macht, die ihresgleichen sucht. Der Plattform-Kooperativismus, beziehungsweise Plattform-Genossenschaften können eine Alternative darstellen. Sie zeichnen sich durch kollektive Entscheidungsfindung, gemeinsamen Besitz, Solidarität und Kooperation sowie ein neues Innovationsverständnis aus. Zwar könne man nicht davon ausgehen, dass kooperative Plattformen die klassischen Äquivalents von heute auf morgen ablösen könnten, trotzdem verfügen sie über enormes Potenzial, etwa den Wissensvorsprung auf lokaler Ebene, ihre demokratische Praxis und die lokale wie globale Vernetzung über kooperative Dachplattformen.

Clothilde Sauvages, „Connector“ von Ouishare, einem internationalen Netzwerk zur Etablierung neuer Formen der Zusammenarbeit sprach von der Notwendigkeit einer kollaborativen Kultur. Politik und Unternehmen bräuchten neue Methoden, um mit ihrer Umwelt zu interagieren. Auch brauche es ein neues Verständnis von Leadership, nämlich eines insofern dynamischen Leaderships, als dass jene Personen die Legitimität besitzen, die auch die Kompetenz für die jeweilige Tätigkeit mitbringen. Der regionalen Ebene falle insbesondere im Bereich der Innovation eine bedeutende Rolle zu. Die Pioniere des digitalen Zeitalters seien nicht in den Metropolen, sondern auf lokaler Ebene zu finden. Dort fänden sich die idealen Voraussetzungen, um kooperative Ideen tatsächlich umzusetzen.

Mehr Raum für neue Ideen

Auch Impulse aus der Südtiroler Praxis wurden präsentiert. Unter anderem teilten Marlis Bertol, Rebecca Messner und Carmen Sigmund ihre Erfahrungen beim Aufbau der Initiative AgriHelp, einer Hilfsplattform für landwirtschaftliche Betriebe in Südtirol, die innerhalb kürzester Zeit und aus akuter Notwendigkeit aufgebaut wurde. David Smaniotto, Geschäftsführer des ARO-Konsortiums, einer Plattform zur Stärkung des lokalen Handwerks betonte, dass es zwar großes Durchhaltevermögen beim Aufbau einer lokalen Plattform benötige, sich dieses aber zu 100 Prozent auszahle. Armin Bernhard von der Bürgergenossenschaft Obervinschgau unterstrich die Notwendigkeit dezentralisierter Experimentierräume. Noch sei es so, dass neue Ideen entweder klein gehalten würden oder wieder ins alte System gepresst würden. Hier brauche es noch viel mehr Offenheit.

Der erste Teil der Tagung zum Thema „​Democracy Reloaded. Wohin führt Digitalisierung?“ wurde in Zusammenarbeit mit der Steinbeis School ofInternational Business and Entrepreneurship (SIBE) organisiert. Der zweite Teil der Tagung zum Thema „Wirtschaft und Gesellschaft im digitalen Zeitalter - eine Chance für lokale Kreisläufe?“ wurde im Rahmen der Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0 und in Kooperation mit BASIS Vinschgau Venosta abgehalten.


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