Die über Jahrhunderte andauernde Durchmischung der Bevölkerung
dürfte auch dazu geführt haben, dass sich dort ein etwas
"anderer" Menschenschlag entwickelt hat. "Der Prettauer
ist gescheit, sagen die Leute im übrigen Ahrntal. Tatsächlich
sind sie aufgeschlossener, interessierter und redefreudiger als die
übrigen Ahrntaler. Der Prettauer erlaubt sich, selbst zu denken,
er ist kein unüberlegter Jasager, sondern bildet sich selbst
ein Urteil und getraut sich, dasselbe auch zu vertreten, er will nicht
belehrt, sondern überzeugt werden.", so ein guter Kenner
und Freund des Tales.
Der
Bergbau und seine Folgen
Bereits in der Bronzezeit dürften die Kelten in Prettau im Tagesbau
Kupfer abgebaut haben, wie
vorgeschichtliche
Funde aus der Bronzezeit belegen (Bronzekelch und Axt). Wirklich Bedeutung
erhielt der Bergbau aber erst im 15. Jahrhundert. Ja, es wuchs sogar
zum größten Konkurrenten des Bergwerks in Schwaz heran,
welches damals das bedeutendste im ganzen Alpenraum war. Das Kupfer
wurde Untertag abgebaut. Zu seiner Spitzenzeit wohnten und arbeiteten
bis zu 2000 Personen in Prettau. Der blühende Bergbau hatte jedoch
auch seine Kehrseite.
Die
Wälder in Prettau wurden zur Kohlegewinnung für die Verhüttung
des Erzes regelrecht vernichtet. Lawinen, Hochwasserereignisse und
Muren waren die Folge. Und auch, das an sich schon herbe Klima in
Prettau verschlechterte sich durch die Entwaldung noch weiter. Der
Spruch "In Prettau sind 8 Monate Winter und 4 Monate ist es
kalt" trifft wohl auch deshalb heute noch zu.
Trotzdem wurde weiter abgebaut. Erst 1893 zwangen die fallenden Kupferpreise
und die gestiegenen Kohlepreise Graf Hugo von Enzenberg, den damaligen
Alleinbesitzer, zur Schließung des Bergwerks. Dies führte
zu einer wirtschaftlichen Katastrophe in Prettau. Im 20 Jahrhundert
wurde das Bergwerk immer wieder für kurze Zeit geöffnet.
So etwa arbeiteten während des 1. Weltkrieges etwa 15 Knappen
im Bergwerk,
wobei
das Kupfer hauptsächlich in den so genannten "Zementieranlagen"
gewonnen wurde. Anfang der 80-iger Jahre wurde es vorläufig das
letzte Mal geschlossen. Seit dem Frühjahr 1996 ist der St.-Ignaz-Stollen
im Besucherbergwerk zu Prettau als Schaustollen zu besichtigen. Die
Besucher fahren mit der Grubenbahn einen Kilometer in den Stollen
ein und lernen neben der harten Arbeit der Knappen im Berg auch die
unerwartete Vielfalt des Lebens im Dunkel kennen.
Prettauer
Traditionen und Bräuche
Die
Schließung des Bergwerks im Jahre 1893 bedeutete für Prettau
einen wirtschaftliche Niedergang aber auch einen Neuanfang. Auf Betreiben
der Pfarrer Johann Pescosta und Franz Kleinlechner wurden drei Frauen
nach Wien geschickt, um dort das Spitzen-Klöppeln zu erlernen.
Nach ihrer Ausbildung kehrten diese nach
Prettau
zurück, wo sie eine Klöppelschule einrichteten. Im Laufe
der Jahre entwickelte sich das Klöppeln zu einem wichtigen Wirtschaftszweig.
Die Klöppelkunst wurde perfektioniert und der gute Ruf der Spitzen
gelangte bald über Europa hinaus bis nach Amerika und Afrika.
Auch heute klöppeln noch viele Hausfrauen und führen damit
dieses Tradition weiter.
Gleichzeitig
mit dem Klöppeln dürfte sich in Prettau auch das typische
"Wurzelschnitzen" entwickelt haben. Dabei dienen Baumwurzeln
als Grundlage für geschnitzte Masken und allerhand Gesichter.
Das Ahrntal hat schon seit jeher
ein reges Brauchtum
gehabt. Neben den landesweit üblichen Bräuchen gibt es aber
einige Besonderheiten. Zu diesen zählen etwa das "Pitschilesing"
zu Allerheiligen, bei denen vermummte Gruppen von Haus zu Haus ziehen,
um singend um eine Gabe, also ein "Pitschilan" zu
bitten (früher
waren
es häufig Brotlaibe, heute meist Geld). Ein ähnlicher Brauch
ist auch das "Noijouschrain" (Neujahrschreien). Am
Neujahrstag gehen die Kinder von Haus zu Haus zum "Noijouschrain";
vor jeder Haustür wird laut und in einem singenden Tonfall der
Spruch gerufen: "Wio wintschn enk a glickselligis, fraidnraichis
nois Jou, Glick und Seïgn s´gonze Jou!". Die Kinder
erhalten dafür Süßigkeiten, die sie in ihre umgehängten
Leinensäcke stecken, oder einen kleinen Geldbetrag (besonders
in Prettau).
Schon seit dem Mittelalter ist der Ahrntaler Männer-Kreuzgang
zur "Kornmutter" nach Ehrenburg Tradition (Erengburga
Kraize): Wegstrecke Prettau - Ehrenburg - Prettau: ca. 100 km.
Am Freitag der Bittwoche bricht man um Mitternacht bei der Prettauer
Pfarrkirche auf. In allen Ortschaften kommen Leute dazu, und man zieht
betend durch das Tal, wobei in allen Kirchen - entweder auf dem Hin-
oder Rückweg - Halt gemacht, gebetet und gesungen wird. In Ehrenburg
werden die Kreuzgänger feierlich empfangen. Ganz früher
soll der Kreuzgang drei Tage gedauert haben, und es durften auch Frauen
mitgehen. Wegen verschiedener Missbräuche - z.B. sollen die mitgehenden
Frauen die "frommen" Wallfahrer allzu sehr abgelenkt haben
- hat die kirchliche Behörde versucht, diesen Brauch abzuschaffen,
allerdings vergeblich. Überhaupt gehören Bittgänge
nach Hl. Geist zur Traditon im Ahrntal. Der bekannteste ist wohl die
Jugendwallfahrt
im September.
Am
Vorabend des Kirchtages stellen Burschen des Dorfes meistens ohne
moderne technische Hilfsmittel den "Kischtamichlbaam", einen
riesigen Lärchenstamm auf, auf dessen Spitze der "Kischtamichl",
eine Strohpuppe mit - gewöhnlich - einem Krapfen und einer Schnapsflasche
in der Hand, befestigt wird. Nun müssen die Burschen Nachtwache
halten, damit der "Kischtamichl" nicht von den Burschen
des Nachbardorfes gestohlen wird, denn dies wäre eine große
Schande. Gelang es den Burschen des Nachbardorfes trotz aller Vorsicht
der - allerdings oft betrunkenen - Wächter den "Michl"
zu stehlen, so hängten sie ihn zum Gespött im Nachbardorf
kopfüber auf dem dortigen "Kischtamichlbaam" auf.
Aber
es gibt auch Bräuche, die es nur in Prettau gibt: "Kraiza
raabm" ist einer davon. In Prettau ist es üblich, dass
die Braut nach der Hochzeitsmesse Münzen unter die Kinder wirft,
welche an der "Kirchstiege" warten. Die Kinder versuchen
sich nun möglichst viele der Geldstücke zu erkämpfen
("zi raabm"). Dieser Brauch dürfte auf die Zeit der
Prettauer Bergknappen zurückgehen, welche den Bauern mit dieser
Geste deutlich zeigen wollten, dass auch sie Geld besaßen.
In Kasern wird nicht ein "Kischtamichl" aufgestellt, sondern
sein weibliches Gegenstück, die "Usche" (Ursula).
Dies geschieht nicht am allgemeinen Kirchtag, sondern am "Uschntog",
am Sonntag nach dem Fest der hl. Ursula (21. Oktober), der vom "Notdurfter"
in Prettau bis Heilig Geist gefeiert wird.