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„Sie rieten mir nachdrücklich, das Land mit meinem Sohn zu verlassen.“ Eine Wissenschaftlerin aus der Ukraine berichtet

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06 May 2022
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Alle erteilen ihren Unterricht online, haben Heimweh, machen sich große Sorgen um ihre in Odessa gebliebenen Ehemänner und träumen vom Kriegsende und davon, nach Hause zurückkehren zu können. - © Anton Konstantinov - Unsplash

Elena Vasylchenko ist Germanistin an der Nationalen Metschnikow Universität in Odessa* und Expertin für die deutsche Sprache beim Goethe-Institut. Vor kurzem ist sie mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Mutter aus der Ukraine geflohen und hat in Wien eine Bleibe gefunden. In dem Interview berichtet sie über ihre persönlichen Erfahrungen als Wissenschaftlerin und Mutter, aber auch über die Situation anderer Wissenschaftler*innen aus ihrem Land.

Andrea Abel (Eurac Research): Kennengelernt haben wir uns bei der Internationalen Deutschlehrertagung (IDT) 2017 in Fribourg in der Schweiz im Zusammenhang mit der Sektion „Sprachliche Variation des Deutschen“, die Sie als Germanistin an der Nationalen Metschnikow Universität in Odessa gemeinsam mit Jutta Ransmayr von der Universität Wien geleitet haben. Nun sind Sie in Wien, aber nicht beruflich, sondern als Flüchtling. Können Sie erzählen, was Sie – und möglicherweise Ihre Familie oder einen Teil Ihrer Familie – letztendlich dazu bewogen hat, Ihre Heimat zu verlassen? Sicherlich keine leichte Entscheidung ...

Elena Vasylchenko (Nationale Metschnikow Universität): Nach Wien sollte ich im August zu der IDT 2022 als Sektionsleiterin kommen. Das Schicksal hat anders entschieden. Am 24. Februar sind wir wegen der zahlreichen Explosionen um 5 Uhr morgens aufgewacht und haben sofort mit Schrecken verstanden, dass der Krieg begonnen hatte. Wir hatten auf keine Warnung gehört, hatten nicht geglaubt, dass dieser Wahnsinn möglich ist … Wir, das heißt ich, mein sechsjähriger Sohn, mein Mann und meine Mutter, sind sofort zu meinen Schwiegereltern umgezogen, weil ihre Wohnung im Erdgeschoss liegt, unsere dagegen im 9. Stock, was gefährlicher ist. Und außerdem haben sie ihren eigenen Keller, der schnell zu erreichen ist und wo wir uns in relativer Sicherheit fühlten. Tag und Nacht hörten wir Luftalarm, Explosionen … Ich sah die erschrockenen Augen meines Kindes … Ich habe mit Kolleginnen aus Charkiv und Mariupol telefoniert, als es dort noch nicht so schlimm war. Die Situation verschlechterte sich aber so rasch, dass sie mir eines Tages sagten, hätten sie gewusst, wie schlimm es würde, hätten sie ihre Städte sofort verlassen. Sie rieten mir nachdrücklich, das Land mit meinem Sohn zu verlassen, bevor es zu spät war. Nach einer Woche sind wir – ich, mein Sohn und meine Mutter – über Moldau nach Wien gefahren. Mein Mann musste zurückbleiben, da er Reservist ist.

Wie wurden Sie in Wien aufgenommen? Was mussten Sie organisieren?

Als der Krieg ausgebrochen ist, haben mir meine lieben Kolleginnen aus Wien, Jutta Ransmayr und Iris Hoheneder, sofort geschrieben, dass ich mit Ihrer Hilfe und Unterstützung rechnen könne. Jutta hat uns Unterkunft gegeben, alles Nötige unglaublich schnell organisiert, sodass wir nach unserer Ankunft wirklich alles hatten, was man für ein normales Leben braucht. Darüber hinaus hat sie sich um einen Arbeitsplatz an der Universität Wien für mich gekümmert, wo ich dank eines internen Programms der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät für Flüchtlinge aus der Ukraine in einem Büro sowohl meine wissenschaftliche Arbeit als auch meinen Unterricht online fortsetzen kann. Es entstand auch sofort eine Projektidee, die von der Professorin İnci Dirim ausging. Es geht um eine kleine Recherche anlässlich der Integration ukrainischer Kinder in das österreichische Schulsystem. İnci Dirim hat mit Kolleg*innen einen Diagnosetest für türkisch-deutsch bilinguale Grundschulkinder der 2. Klasse entwickelt. Das Instrument zielt auf die Analyse der frühen literalen Aktivitäten, also vom Umgang mit geschriebenen Texten, der Schulkinder. Die Untersuchung, die von mir durchgeführt werden muss, wird dem Sprachenpaar Ukrainisch-Deutsch und dessen Wechselbeziehungen gewidmet. Die Datenerhebung ist für Juni geplant.

Ich wurde auch schon eingeladen, an einem Infotag zu ukrainischen Schüler*innen in Wien mit einem Kurzvortrag teilzunehmen und einerseits über die Unterschiede zwischen den beiden Schulsystemen, andererseits über konkrete Beispiele für Integrationsprobleme der ukrainischen Kinder zu sprechen. Damit kann ich den österreichischen Lehrkräften behilflich sein, sich besser und schneller mit den aus der Ukraine geflüchteten Kindern zu verständigen, und so auch einen Beitrag leisten, die Situation zu verbessern. Von der IDT-Tagungsleitung werden wir auch stark unterstützt: Iris Hoheneder hat mich mit vielen Kollegin*innen bekannt gemacht, wir haben ihre Familien kennengelernt, unsere Kinder spielen gemeinsam auf wunderschönen Spielplätzen, was für meinen Sohn besonders wichtig ist. Er hat hier schon neue Freunde gefunden und viel Freude an gemeinsamen Spielen. Wir werden nicht im Stich gelassen und fühlen hier sicheren Boden unter unseren Füßen. In den ersten Tagen haben wir uns in Wien als Kriegsflüchtlinge registrieren lassen. Der Staat unterstützt mit Grundversorgung und gibt die Arbeitsmöglichkeit nach dem Erhalt des so genannten blauen Ausweises. Auf der offiziellen Ebene werden die durch den Krieg Vertriebenen also auch unterstützt.

Sie sind Wissenschaftlerin an der Universität Odessa. Ihre Arbeit dort mussten Sie ganz plötzlich liegen lassen. Wie war das für Sie? Und was machen Sie zurzeit bzw. können Sie in Wien Ihre Arbeit in irgendeiner Weise fortsetzen?

Seit dem 14. März findet an ukrainischen Schulen und Universitäten wieder Online-Unterricht statt. Wer die Möglichkeit hat, sich dem Unterricht anzuschließen, macht es. Natürlich sind nicht viele Studierende anwesend, denn die meisten sind geflohen und nicht immer ist die Internetverbindung bei ihnen stabil. Aber wir freuen uns, dass der Unterricht trotzdem läuft. Die Corona-Zeit hat uns vieles beigebracht … Außerdem lenkt die Arbeit und die Vorbereitung auf den Vortrag für den Infotag über ukrainische Schüler*innen in Wien von den schlimmen Gedanken ab, zumindest während des Tages …

Was wissen Sie über andere Wissenschaftlerinnen aus der Ukraine? Wie ist die Situation für sie?

Das Land verlassen haben vor allem Kolleg*innen mit kleinen Kindern. Viele sind in Deutschland, einige in Tschechien. Alle erteilen ihren Unterricht online, haben Heimweh, machen sich große Sorgen um ihre in Odessa gebliebenen Ehemänner und träumen vom Kriegsende und davon, nach Hause zurückkehren zu können. Etwas ist mir bei der Kommunikation unter Kolleg*innen aufgefallen: Meine Muttersprache ist Russisch. Vor dem Krieg gab es nie Probleme, was die Kommunikation unter ukrainischsprachigen und russischsprachigen Kolleg*innen anging. Heutzutage gäbe es sicherlich auch keine. Aber wenn wir die Wahl zwischen Ukrainisch und Russisch haben, dann wählen wir jetzt Ukrainisch.

Sie sind Germanistin und Expertin für Deutsch als Fremdsprache. Welche Rolle spielt denn Deutsch in der Ukraine? Wie wichtig sind Fremdsprachenkompetenzen in der Ukraine insgesamt? Welche könnten in Zukunft besonders relevant sein?

Nun haben alle verstanden, dass es im Leben außerordentlich wichtig sein kann, Fremdsprachen zu beherrschen. Die deutschsprachigen Länder nehmen ukrainische Flüchtlinge auf und wer Deutsch kann, fühlt sich viel sicherer im neuen Land. Was die Rolle der deutschen Sprache in der Ukraine vor dem Krieg angeht, kann ich feststellen, dass das Deutsche durch die englische Sprache immer mehr verdrängt wurde. Sowohl in Schulen als auch an Unis verringerte sich die Stundenzahl für Deutschunterricht. Bei den privaten Sprachkursen nahm Deutsch immer die zweite Position nach dem Englischen ein.
Stark gefördert wird das Interesse an der deutschen Sprache und Kultur durch das Goethe-Institut in der Ukraine. Ich persönlich habe eine Ausbildung beim Goethe-Institut abgeschlossen und wurde zur Trainerin und Multiplikatorin der deutschen Sprache. Damit Deutsch als Fremdsprache nach allen neueren Tendenzen und modernen didaktisch-methodischen Ansätzen in Schulen und Hochschulen unterrichtet wird, werden den ukrainischen Lehrkräften kostenlose Fortbildungen angeboten. Mit großer Freude tutoriere ich solche Fortbildungskurse und erinnere mich an die Zeit, als ich noch als Teilnehmerin daran teilgenommen und wie viel neues Wissen und Können ich erworben habe. 2017 fand die IDT unter dem Motto „Brücken gestalten – Mit Deutsch verbinden“ im schweizerischen Freiburg statt. Es bringt die Wichtigkeit des Deutschen und des Fremdsprachenkönnens generell sehr gut zum Ausdruck sowie trägt zur besseren Verständigung zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen, Traditionen, Geschichten, zur Toleranz und Empathie bei.

  • Odessa (russische Schreibweise) / Odesa (ukrainische Schreibweise)

About the Interviewed

Elena Vasylchenko, Dr., Dozentin an der Fakultät für Romanistik und Germanistik an der Nationalen Metschnikow Universität in Odessa. Studium der deutschen Philologie. 2005 Promotion zum Thema „Realisierung des Phonems /r/ in den Nachrichtenlesungen zwischen 1925-2003“ (instrumental-phonetische Untersuchung). Von 2013 bis 2020 Inhaberin des Lehrstuhls für Fremdsprachen an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Nationalen Metschnikow Universität. Wissenschaftliche Schwerpunkte: Phonologie und Phonetik des Deutschen, Methodik/Didaktik des DaF-Unterrichts, Nationale Standardvarietäten des Deutschen.

Autorin von mehr als 50 wissenschaftlichen Publikationen, u. a. Mitautorin der Lehrwerks „DU: Deutsch für ukrainische Germanistikstudierende“ (in 4 Bänden), Herausgeberin des Sammelbandes der Beiträge, die im Rahmen der Sektion «Sprachliche Variation im Deutschen» der XVI. Internationalen Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer vorgestellt wurden: Sprachliche Variation im Deutschen: Unterrichtsdidaktische, deskriptive und internationale Perspektiven / Jahrbuch für Internationale Germanistik, Reihe A – Band 132. Herausgegeben von Jutta Ransmayr und Elena Vasylchenko. Peter Lang AG, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Bern 2019. DOI 10.3726/b13270 Multiplikatorin der deutschen Sprache und Trainerin des Goethe-Instituts. Sprachkompetenzen: Russisch, Ukrainisch, Deutsch (Goethe-Zertifikat C2)

Andrea Abel

Andrea Abel ist Sprachwissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Angewandte Sprachforschung von Eurac Research.

Tags

  • Krieg
  • Sprachen

Citation

https://doi.org/10.57708/b121453938
Abel , A. „Sie rieten mir nachdrücklich, das Land mit meinem Sohn zu verlassen.“ Eine Wissenschaftlerin aus der Ukraine berichtet. https://doi.org/10.57708/B121453938

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