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Migration: Der Weg in die Selbstständigkeit

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Migration: Der Weg in die Selbstständigkeit
Der Weg in die ökonomische Selbstständigkeit ist für MigrantInnen eine Möglichkeit, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. - © Mroz Unsplash

MigrantInnen stehen vor zahlreichen Hürden, wenn sie Arbeit suchen: Ihre Kompetenzen werden nicht anerkannt, von institutioneller Seite wird erwartet, dass sie sich in die Nischen fügen, die auf dem Erwerbsmarkt für sie vorgesehen sind. Kann die wirtschaftliche Selbstständigkeit in dieser Situation eine Alternative darstellen?

Ibrahim kam mit einem Universitätsabschluss und langer Berufserfahrung aus dem Iran nach Italien und Südtirol. Sein Plan, eine Arbeit zu finden, scheiterte: „Für Ausländer“, so sagt er, „gibt es nur Arbeitsangebote im untersten Bereich des Erwerbsarbeitsmarktes. Vorwiegend körperliche Arbeit, im Baugewerbe, in der Saisonarbeit oder im Haushalt“. Nichts Fixes, nichts für jeden Tag. Als die größte Barriere am Erwerbsarbeitsmarkt beschreibt Ibrahim die Nicht-Anerkennung von Studienabschlüssen und Berufsbefähigungszeugnissen. Zunehmend hoch qualifizierte MigrantInnen finden sich dadurch in Arbeiten wieder, die nicht ihrem Qualifikationsniveau entsprechen. Mit Recht kann hier von Prozessen der Deklassierung gesprochen werden.

„Sprichst du Italienisch?“, „Ja“ „Deutsch?“, „Nein, aber Englisch.“ „Ok, hast du Arbeitserfahrung?“, „Ja, 25 Jahre.“ “Hast du eine Ausbildung?“, „Ja, einen Universitätsabschluss.“ „Was arbeitest du?“, „Ich bin ausgebildeter Fotograf.“ “Ah, nein es tut mir leid, aber hierfür gibt es keinen Bedarf, du musst deine Arbeit ändern.“ .

Ibrahim, narratives Interview, 02.03.2013

Für Ibrahim würde ein Berufswechsel bedeuten, sein Leben zu ändern. Von ihm wird verlangt, alles abrupt aufzugeben, was vor der Emigration als Arbeit für ihn sinnstiftend war. Auf institutioneller Ebene zeigt sich ein Handeln, das ein konkretes Ziel vor Augen hat, nämlich die Integration in einen bereits für MigrantInnen vorstrukturierten Erwerbsarbeitsmarkt.

Die Anerkennung von Kompetenzen

Folgt man ExpertInnenaussagen,so wird dadurch auf dem lokalen Erwerbsarbeitsmarkt und in den Nischen, die dieser für MigrantInnen bereit hält, „a priori viel an Ressource erstickt“ (L.O., ExpertInneninterview, 10.09.2013). Nach Pierre Bourdieu (1983) ist das institutionalisierte kulturelle Kapital nicht direkt in reale Möglichkeiten transformierbar, sondern bedarf, um als Ressource überhaupt zur Verfügung zu stehen, der Anerkennung von außen. Da dies, wie die Interviewausschnitte zeigen, in den meisten Fällen nicht erfolgt, kommt es zu einer Reduzierung der Verwirklichungschancen im Sinne realer und konkreter Möglichkeiten zur Umsetzung der eigenen Ressourcen. Es gibt zwei Herangehensweisen, die hier einander gegenüber gestellt werden: Auf der einen Seite das Verständnis von menschlichen Ressourcen als Kapital, d.h. als Mittel zur primären Förderung wirtschaftlichen Wachstums und auf der anderen Seite das Verständnis von menschlichen Ressourcen als Ort der Verwirklichung und Chance, das eigene Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Auf dem Erwerbsarbeitsmarkt geht es vorwiegend um die Arbeitskraft, die produziert, die leistet und damit am wirtschaftlichen Wachstum des Aufnahmelandes aktiv teilnimmt. Das Verständnis von Kapital bzw. Ressource als Ort der Verwirklichung findet hier nur wenig Platz. Ibrahim aber resigniert nicht vor einem Erwerbsarbeitsmarkt, der seine eigene Arbeitserfahrung und seine Erfahrung nicht als Ressource betrachtet, sondern entwickelt in der Auseinandersetzung mit den gegebenen Bedingungen eine reflexive neue Handlungsstrategie. „Es ist nicht nötig, dass du [bezieht sich auf den Angestellten im Arbeitsvermittlungsbüro] mir hilfst. Weil du nicht verstehst. Du sagst mir, ich soll meine Arbeit wechseln? Nach 25 Jahren Berufserfahrung? Es tut mir leid, für dich, für die italienische Regierung, für die der Provinz, dass sie meine Erfahrung nicht nutzen kann. Vielen Dank.“ (Ibrahim, narratives Interview, 02.03.2013). Mit diesen Worten verabschiedete er sich und ging.

Wirtschaften als „eingebundene Erfahrung“

Fünf Monate später eröffnete Ibrahim sein Geschäft in einer schmalen Gasse am Rande von Brixen. Damit dieses aber eröffnet werden konnte, griff Ibrahim vorwiegend auf Ressourcen aus der eigenen Lebenswelt zurück. Karl Polanyi spricht in diesem Zusammenhang von einem „eingebundenen Wirtschaften“. Individuen agieren demnach nicht wie „Atome“ außerhalb eines bestimmten sozialen Kontextes oder nach bestimmten Regeln, sondern sind in konkrete soziale, kulturelle und gesellschaftliche Kontexte eingebettet. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass MigrantInnen im Aufnahmeland stärker auf Kooperationen aus ihrem unmittelbaren Umfeld angewiesen sind, da es hier für sie und ihr wirtschaftliches Handeln effizientere und vertrautere Handlungs- und Kommunikationskanäle gibt, als in den bereits verfestigten dominanten Institutionen (Staat, Markt, Zivilgesellschaft). In den meisten empirischen Beispielen kann selbstständige Arbeit als sinnstiftend für das eigene Handeln gesehen werden, da sie eng in die persönlichen Lebenskontexte eingebettet ist. Eine solche in die Biographie eingebettete Arbeitserfahrung kann daher, im Sinne Habermas’, als transzendentaler Ort verstanden werden, wo Geltungsansprüche bestätigt und mit Sinn versehen werden.

Fazit

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Weg in die ökonomische Selbstständigkeit eine Möglichkeit darstellt, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungen haben beides zur Folge: neue Freiheiten und neue Abhängigkeiten zugleich. Angesichts der herrschenden Rahmenbedingungen im Aufnahmeland, die für MigrantInnen meist nur ein Reagieren erlauben, findet ein Agieren im Sinne eines selbstbestimmten reflexiven Handelns mehrheitlich nur zur Lebenswelt hin statt. Dort, wo ein bestimmter Grad an sozialer Vernetzung vorausgesetzt wird. Autonom bzw. selbstbestimmt zu handeln ist somit nur dort möglich, wo das Handeln soziale Sicherheit und Verwirklichungschancen erfährt. Autonomie und soziale Eingebundenheit, so die Schlussfolgerung, stehen somit in einem dialektischen Zusammenhang.

Claudia Lintner

Claudia Lintner

Claudia Lintner ist seit Oktober 2023 Professorin an der Universität Salerno. Zuvor war sie Junior Professorin für Soziologie an der Freien Universität Bozen und Lehrbeauftragte an der Alpen Adria Universität Klagenfurt. Sie forscht im Bereich Migration und Flucht, soziale und digitale Ungleichheiten sowie gesellschaftliche Transformationsprozessen.

Tags

  • Migration Issues

Citation

https://doi.org/10.57708/b187964364
Lintner, C. Migration: Der Weg in die Selbstständigkeit. https://doi.org/10.57708/B187964364

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