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Digitale Religion: Hilfsmittel, aber kein Ersatz

Online-Fachtagung von Eurac Research und der Diözese Bozen-Brixen thematisiert digitalen Wandel in der Kirche – Aktuelle Studie zur digitalen Seelsorge in Südtirol vorgestellt


Dass sich Gläubige mehr Möglichkeiten der Partizipation wünschen und auch inoffizielle Kanäle nutzen, um ihren Glauben zu leben, zeichnete sich schon vor der Covid-19-Pandemie ab. So wurde etwa die bekannteste katholische App „Laudate“ bereits mehr als eine Million Mal heruntergeladen. Geschlossene Kirchen und soziale Distanzierung zwangen nun aber sämtliche kirchliche Institutionen zu einem kreativen Umdenken. Dabei kam dem Internet und den sozialen Medien eine entscheidende Rolle zu. Wie die Seelsorge vor Ort gestaltet wurde, wie Glaubensgemeinschaften auf diese Zeit der Unsicherheit reagierten und wie die Digitalisierung religiöse Rituale verändert, waren Themen der Tagung „Der virtuelle Gott“, die das Center for Advanced Studies von Eurac Research in Zusammenarbeit mit der Diözese Bozen-Brixen organisierte und bei der auch eine aktuelle Studie aus Südtirol vorgestellt wurde.

48 Geistliche und 116 Pfarrgemeinderatsmitglieder wurden kurz nach den Osterfeiertagen des vergangenen Jahres zum Einsatz digitaler Kommunikationsmittel in der Seelsorge und Glaubensvermittlung befragt. 72 Prozent der Befragten gaben an, dass das Maß an Digitalisierung in den Pfarreien in Südtirol zugenommen habe. Zwar hält sich nur etwa die Hälfte der Befragten für technikaffin - trotzdem sind 89 Prozent davon überzeugt, dass das Internet ein wichtiges Hilfsmittel für die Arbeit in der Pfarrgemeinde darstellt. Die Diözese selbst hat über unterschiedliche Angebote versucht, die Gläubigen online zu unterstützen. Dazu zählten Vorlagen für Hausgottesdienste zum Herunterladen oder Online-Bibel-Gespräche. Die meisten Initiativen der Pfarreien konzentrierten sich auf die Liturgie am Sonntag. Messen wurden über digitale Kanäle wie YouTube und Facebook, über digitales oder analoges Radio und das Fernsehen gesendet. Die Gläubigen schätzten die Nähe zur eigenen Pfarrei, nutzten aber auch die Gelegenheit, Gottesdienste des Bischofs und des Papstes oder Messübertragungen aus den Nachbarländern zu verfolgen. Einige Geistliche traten über WhatsApp-Gruppen oder Zoom in direkten Austausch mit den Gläubigen. Häufiger jedoch wurden diese Kommunikationsmittel für die Organisation innerhalb des Pfarrgemeinderats, für die Laienarbeit oder im Kirchenchor genutzt.

„Ganz klar hervorgehoben wurde die Tatsache, dass digitale Technologien zwar hilfreich sind, momentane Krisensituationen zu bewältigen oder die tägliche Seelsorge zu unterstützen, ein rein virtueller Ausdruck des Glaubens aber kein Ersatz für die physische Teilnahme innerhalb einer Gemeinschaft sein kann", betonten Harald Pechlaner, Giulia Isetti, Michael de Rachewiltz und Maximilian Walder, Forscher am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Trotzdem ist es möglich, Gemeinschaft auch im Digitalen zu erleben und viele Gläubige hatten sich schnell an die gestreamten Messen gewöhnt. Um wieder einen Ausgleich zwischen digitalen und analogen Angeboten zu schaffen, seien Möglichkeiten der physischen Zusammenkunft nun umso wichtiger - etwa durch Freiluftmessen, Familien-, Kinder- oder Krabbelgottesdienste. Rund 75 Prozent der Befragten gaben an, die digitalen Medien in Zukunft für ein ergänzendes Angebot nutzen zu wollen. Eine Tendenz, die auch in den Vorträgen unterstrichen wurde.

Aufhebung der Polarisierung zwischen online und offline

„Digitale Religion ist aktuell noch eine Reproduktion dessen, was bisher auch offline stattgefunden hat. Nach der Pandemie könnte sie aber völlig neue Wege eröffnen, Glauben zu leben", erklärte Giulia Evolvi vom Institut für Medien und Kommunikation an der Erasmus Universität Rotterdam. Die Symbolträchtigkeit des kirchlichen Raums und dessen Materialität haben sich durch die Digitalisierung nicht nur verändert, sondern intensiviert. „Der kirchliche Raum wurde während des Lockdowns mithilfe der Technologie in die Häuser der Menschen projiziert - umgekehrt dringt die Technologie wiederum als Hilfsmittel in den Kirchenraum ein." In diesem Zusammenhang betonte auch Seelsorgeamtsleiter Reinhard Demetz, wie wichtig es sei, die gängige Polarisierung zwischen online und offline, zwischen gelebtem Glauben zuhause und in der großen Gemeinschaft kritisch zu hinterfragen.

Dass digitale Medien sowohl Erfahrungsraum des Religiösen als auch Orte religiöser Kommunikation, kirchlicher Verkündigung und sozialen, gemeinwohlorientierten Handels seien, unterstrich Wolfgang Beck, Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen in Frankfurt am Main: „Digitale Netzwerke sind eine für das 21. Jahrhundert typische Sozialform, die es auch in der Kirche zu etablieren gilt und die für die diözesane Kirchenentwicklung zentral sein wird", betonte er. Dass die Pandemie nicht zuletzt eine Gelegenheit darstelle, ein partizipativeres und demokratischeres Kirchenmodell auf den Weg zu bringen, erklärte Marco Marzano von der Fakultät für Geisteswissenschaften, Philosophie und Kommunikation der Universität Bergamo. Dieses Modell sei weniger auf den Priester, die Rituale und sakrale Aspekte ausgerichtet, sondern vielmehr daran interessiert, den Gläubigen, der Gemeinschaft und dem Wort Bedeutung zu geben. Je länger diese Situation andauere, desto eher sei es möglich, dass diese als temporär gedachten technologischen Neuerungen zur regelmäßigen Praxis werden und diese Veränderungen schlussendlich institutionalisiert werden.

Podiumsdiskussion der Konfessionen

Abschluss der Tagung war ein Podiumsgespräch mit Wolfgang Prader, dem Präsidenten der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien und Diözesanbischof Ivo Muser zum digitalen Wandel in der Kirche. Bischof Muser betonte zwar, dass er dankbar für die Erfahrung und die digitalen Initiativen sei, dennoch gehe die Situation an die Substanz. Kirche könne letztendlich ohne die reale körperliche Gemeinschaft nicht überleben. Wolfgang Prader sprach sich für hybride Formate aus. Interaktion und Partizipation seien auch im digitalen Raum möglich. Beide waren sich einig, dass Kirche maßgeblich von der Gemeinschaft und der persönlichen Begegnung lebe und nicht durch rein virtuelle Angebote ersetzt werden könne.




 
 
Giulia Isetti, Harald Pechlaner, Michael de Rachewiltz, Maximilian Walder,
Center for Advanced Studies, Eurac Research, Bozen

Giulia Evolvi, Istituto di Media e Comunicazione, Erasmus University, Rotterdam
 
 
Wolfgang Beck, Pastoraltheologie und Homiletik, PTH Sankt Georgen, Frankfurt am MainMarco Marzano, Dipartimento di Lettere, Filosofia e Comunicazione, Università di Bergamo
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