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Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft: Interview mit Pepi Ploner

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Andrea CarlàVerena Wisthaler
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Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft: Interview mit Pepi Ploner
Pepi Ploner ist seit 2022 Obmann des Verbands der Südtiroler Musikkapellen. - © Foto Lamp Brixen

Teil eins der zweiteiligen Interviewserie zur Südtiroler Autonomie und ihrem Verhältnis zur Autonomie. Ein Gespräch mit Pepi Ploner, dem Präsidenten des Verbandes Südtiroler Musikkapellen. Den zweiten Teil, das Interview mit AVS-Präsident Georg Simeoni, finden Sie hier.

Vorwort zur zweiteiligen Interviewserie

Südtirol kann als ein "Land der Vereine" bezeichnet werden, da es in der Provinz Tausende von Vereinen und Freiwilligenorganisationen gibt und eine große Zahl von Menschen an deren Aktivitäten in den verschiedensten Bereichen teilnimmt, vom traditionellen Engagement in den Feuerwehren und Musikkapellen bis hin zu jenen, die sich um soziale und gesundheitliche Belange kümmern oder sich in Sport-, Kultur- und Freizeitaktivitäten engagieren. Eine Studie hat auch gezeigt, dass sich in Südtirol überdurchschnittlich viele Menschen ehrenamtlich engagieren (mehr als im Rest von Italien), wenn auch mit Unterschieden je nach Bildungsniveau, Alter, Sprachgruppe und Staatsangehörigkeit. Zudem unterstreichen mehrere Studien und Untersuchungen, darunter ein von Eurac Research im Rahmen des europäischen Projekts VOLPOWER durchgeführtes Forschungsprojekt, die positive Rolle, die die Welt der Vereine und der Freiwilligenarbeit in der Gesellschaft spielt. Verbände und Freiwilligenorganisationen bieten nicht nur wichtige Dienstleistungen und Aktivitäten für die Gemeinschaft an, sondern auch die bloße Teilnahme an ihren Aktivitäten hat positive Auswirkungen. Eine solche Beteiligung trägt zu mehr Vertrauen in die Gesellschaft, zur Gemeinschaftsentwicklung und zum sozialen Zusammenhalt sowie zu den Interaktions- und Integrationsprozessen von Menschen mit Migrationshintergrund bei.

In Südtirol erfahren freiwillige Vereine und Organisationen umfangreiche Unterstützung in einem komplexen rechtlichen und institutionellen System gekoppelt an Landesmaßnahmen und -politiken. Gleichzeitig sind die Vereine in dem Südtiroler Autonomiesystem eingebettet, und jede Sprachgruppe verwaltet eigenständig und unter Anwendung des Proporzsystems die kulturellen Angelegenheiten und auch die Verteilung der Beiträge. Oftmals sind die Vereine in Südtirol, nicht nur im kulturellen Bereich, auch nach Sprachgruppen organisiert, wie etwa der Club Alpino Italiano (Sektion Bozen) oder der Alpenverein Südtirol. Gleichzeitig waren sie in den letzten Jahrzehnten zunehmend Protagonisten von Momenten und Initiativen der Zusammenarbeit und des Austauschs zwischen den Sprachgruppen.

In dieser Serie von zwei Interviews haben wir mit Pepi Ploner und Georg Simeoni, den Präsidenten der relevanten Verbände in der Provinz, nämlich dem Verband Südtiroler Musikkapellen und dem Alpenverein Südtirol, den Zusammenhang zwischen dem Südtiroler Vereinswesen und der Autonomie weiter erörtert. Der Verband Südtiroler Musikkapellen hat nach Angaben aus dem Jahr 2023 209 Mitgliedskapellen (1948 waren es 53) und rund 10.000 individuelle Mitglieder, davon 40% Frauen. Der Alpenverein Südtirol verzeichnete einen enormen Zuwachs an Mitgliedern: 1947 waren es 2.486, jetzt 74.908 im Jahr 2022, wovon 46% Frauen sind. Die Interviews zeigen die Bedeutung dieser beiden Vereine für die Südtiroler Gesellschaft, die über die Dienstleistungen für ihre Mitglieder hinaus auch eine wichtige Rolle bei der Förderung des historischen Brauchtums und der Entwicklung von Kultur und Gesellschaft im Allgemeinen spielen und dank ihrer Verbindungen zu anderen italienischen Regionen und Provinzen und den transnationalen Beziehungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland dazu beitragen, über die Provinzgrenzen hinauszublicken. Dies ist den Möglichkeiten zu verdanken, die die Autonomie bietet, zu der die Vereine selbst mit einem unpolitischen, integrativen und die Vielfalt respektierenden Ansatz beitragen.

In Südtirol gibt es 209 Musikkapellen und somit ist in jedem Südtiroler Dorf mindestens eine Musikkapelle, bei vielen kulturellen Veranstaltungen im Lande darf der Aufmarsch nicht fehlen. Warum sind die Musikkapellen so wichtig in Südtirol?

Ploner: Die Rolle der Musikkapelle in Südtirol ist sehr weitläufig, sie sind zentral für die Dorfgemeinschaft, fördern den Zusammenhalt unter Jung und Alt, fördern und unterstützen die Jugend und bieten allgemein eine Lehre fürs Leben. Sie fördern unser Brauchtum und tragen unsere Kultur weiter. Wir tragen in der Musikkapelle ja auch die Tracht, das ist unser Festgewand, und die Menschen in Südtirol sind stolz, diese zu tragen als ein Zeichen unserer Identität und der Wertschätzung unserer Kultur. Auch während der Zeit des Faschismus haben die Musiktreibenden und Musikkapellen Wege gefunden, ihre kulturellen Tätigkeiten in irgendeiner Form weiter zu verfolgen, und haben somit auch dazu beigetragen, dass die Identität der deutschen und Ladinischen Minderheit im Lande ausgelebt werden konnte. Die Musikkapellen stehen aber Jeder und Jedem offen, es hat nie eine sprachpolitische Regelung der Mitgliedschaften gegeben. Allerdings hat es früher sehr wohl die Regel gegeben, dass Frauen nur als Marketenderin dabei sein durften, nicht aber als Musikantin spielen. Seit Mitte der 70er Jahre hat sich dies aber geändert, und wir haben ja mittlerweile sehr viele Frauen bei den Kapellen, die auch zentrale Funktionen übernehmen. Auch als Verband Südtiroler Musikkapellen haben wir keine sprachpolitischen Regelungen, Musik verbindet uns alle.

Warum braucht es den Verband Südtiroler Musikkapellen?

Ploner: Der Verband wurde vor 75 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um aus musikalischer, vor allem aber auch aus bürokratischer und finanzieller Sicht eine Hilfestellung und Unterstützung für das ehrenamtliche Engagement im Bereich der Musik zu bieten. Aufgrund der Geschichte unseres Landes sind wir als Südtiroler Verband auch sehr eng mit dem österreichischen Blasmusikverband verbunden, wir sind im Bundespräsidium vertreten und werden als das 10te Bundesland behandelt, außer bei den Förderungen, da bekommen wir nichts von Österreich. Wir sind aber auch in engem Kontakt mit italienischen Musikkapellen, z.B. im Trentino oder den nahegelegenen Provinzen, aber auch grenzüberschreitende Kontakte haben wir, so sind wir als Verband auch Mitglied im „Tavolo Permanente“, das ist die Vertretung der Musikvereine in den italienischen Regionen, und gerade jetzt ist dies sehr wichtig, in Anbetracht an die Reform des sogenannten Dritten Sektors. Eine Reform, die den Vereinen stark zu schaffen macht, jeder Verein sollte eine soziale Körperschaft werden bzw. wie ein Betrieb funktionieren, eine Mehrwert Steuernummer haben und vieles mehr. Wir setzen uns daher sehr stark für Abbau der Bürokratie und für eine Lösung im gemeinsamen Interesse für unser Land und unsere Vereine ein, sodass das Ehrenamt auch weiterhin getrost in die Zukunft blicken kann. Die Umsetzung der Reform wäre für viele Vereine nicht möglich und könnte sogar das Aus für viele, besonders für die kleineren Vereine bedeuten.

Wie politisch sind also die Südtiroler Musikkapellen?

Ploner: Also Musikkapellen sind gar nicht politisch, sie gehören keiner Partei an, und vertreten auch keine Ideologie, und weder wegen einer Zugehörigkeit zu einer Partei oder zu einer Religion schließen wir niemanden aus. Wie vorhin schon gesagt, Musik verbindet, und in diesem Sinne haben wir auch sehr viele Projekte, z.B. das grenzüberschreitende Euregio-Jugendblasorchester, unterstützt auch von der Euregio Tirol- Südtirol- Trentino, das Jugendliche aus allen drei Teilen der Euregio zusammenbringt zum gemeinsamen Musizieren. Mit diesen Projekten wollen wir den Abbau der Grenzen in Europa und vor allem den Frieden fördern. Wenn z.B. Regierungsvertreter und Vertreterinnen auf einen offiziellen Besuch kommen, und von der Landesregierung angefragt wird, ob eine Kapelle spielt, dann empfangen wir diese wie es Brauch ist, und meistens spielen wir dann zusätzlich auch die Europahymne – „Ode an die Freude“ von Beethoven.

Was bedeutet die Autonomie für die Südtiroler Musikkapellen?

Ploner: Durch die Autonomie können wir hier in Südtirol unsere Eigenheiten behalten, und somit war das Autonomiestatut eine sehr wichtige Errungenschaft auch für uns Musikkapellen, weil wir ja in der Kulturarbeit tätig sind. In den Statuten der einzelnen Kapellen ist der Erhalt der Tradition und der Kultur verankert, gemäß dem Autonomiestatut. Wir sind aber auch durch das Autonomiestatut territorial (Autonome Provinz Bozen) abgegrenzt, es hat schon öfter Musikkapellen gegeben aus den benachbarten Provinzen, wie Belluno und Cortina, die bei uns im Verband Mitglied werden wollten, weil sie ähnliche Ziele verfolgen, aber das ist aus politischer Sicht nicht möglich. Trotzdem sind wir aber in regem Austausch, andere Kapellen kommen oft nach Südtirol und nehmen an unseren Veranstaltungen teil, sei es aus Deutschland, Österreich, der Schweiz oder eben aus benachbarten italienischen Regionen.

Und umgekehrt, die Musikkapellen tragen eben auch sehr stark zur Gesellschaftsentwicklung, der Wirtschaft, dem Tourismus und zum Erhalt der Gemeinschaft und des Dorflebens bei, und sind somit auch zentraler Bestandteil für den Erhalt und Ausbau der Autonomie.

Pepi Ploner

Josef (Pepi) Ploner wurde am 15. März 1960 in Brixen geboren und wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Lüsen. Vormals Angestellter der italienischen Eisenbahngesellschaft (FS), ist er mittlerweile in Pension. Ploner ist seit 50 Jahren aktives Mitglied der Musikkapelle Lüsen, 30 Jahre davon als Obmann. Er war zudem 21 Jahre lang Obmann des Verbandes Südtiroler Musikkapellen, Bezirk Brixen. Am 7. Mai 2022 wurde er in Bozen zum Obmann des Verbandes Südtiroler Musikkapellen gewählt.

Besondere Ehrungen

Verdienstmedaille des Landes Tirol

Verdienstkreuz in Gold des Verbandes Südtiroler Musikkapellen

Ehrenzeichen der Gemeinde Lüsen

Ehrenobmann bei der Musikkapelle Lüsen

Andrea Carlà

Andrea Carlà

Andrea Carlà ist Forscher am Institut für Minderheitenrecht bei Eurac Research. Nach seinem Studium in Diplomatie und internationalen Beziehungen an der Universität Bologna erlangte Andrea Carlà ein Doktorat in Politics von der New School for Social Research in New York. Seine Forschung konzentriert sich auf ethnische Politik und Minderheitenschutz, Migrationsstudien und Sicherheitsfragen.

Verena Wisthaler

Verena Wisthaler

Verena Wisthaler ist Forschungsgruppenleiterin der PACS-Forschungsgruppe am Institut für Minderheitenrecht von Eurac Research. Zuvor war sie Post-Doc-Forscherin an der Universität Neuchâtel. Sie ist externe Dozentin an der Sciences Po Paris, an der Universität Wien und an der Universität Innsbruck. Sie hat einen Doktortitel in Politikwissenschaft von der Universität Leicester (2016).

Tags

  • autonomy
  • Autonomie

Citation

https://doi.org/10.57708/beie_zi8asuq_5ccmr87mpg
Carlà, A., & Wisthaler, V. Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft: Interview mit Pepi Ploner. https://doi.org/10.57708/BEIE_ZI8ASUQ_5CCMR87MPG

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