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Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft: Interview mit Georg Simeoni

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Verena WisthalerAndrea Carlà
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Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft: Interview mit Georg Simeoni
Georg Simeoni ist seit 2009 der Präsident des Alpenverein Südtirol (AVS). - © Alpenverein Südtirol

Teil zwei der zweiteiligen Interviewserie zur Südtiroler Autonomie und ihrem Verhältnis zur Autonomie. Interview mit Georg Simeoni, Präsident des Alpenverein Südtirol (AVS).

Dies ist der zweite Teil der Interviewserie "Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Autonomie.". Den ersten Teil, das Interview mit Pepi Ploner, dem Präsidenten des Verbandes Südtiroler Musikkapellen, finden Sie hier.

Der AVS war sehr präsent in der Diskussion um die Südtiroler Orts- und Flurnamen, und hat sich sehr für den Erhalt der historischen, deutsch- und ladinischsprachigen Namen eingesetzt. Was bedeutet der Minderheitenschutz und die Südtiroler Autonomie für den AVS?

Simeoni: Die Autonomie für das Vereinswesen eine große Bedeutung, lässt Möglichkeiten der der eigenen Entfaltung zu. Andererseits trägt auch der AVS maßgeblich zum Schutz der Autonomie und auch zum Schutz der Minderheiten in Südtirol bei. In unserer Satzung ist festgelegt, dass der AVS ein Verein der deutsch- u ladinischsprachigen Bergsteiger ist. Somit verfolgt der AVS auch kulturelle und historische Aufgaben, wie man bei der Diskussion um die Beschilderung der Wanderwege sieht. Wir möchten die richtigen Namen und Bezeichnungen verwenden, und das hat zu Konflikten geführt. Die richtigen Namen sind für uns die historisch gewachsenen Orts- und Flurnamen, die wir verteidigen, und der AVS hat sich deshalb auch lange gewehrt die faschistischen und von Tolomei übersetzen Namen zu verwenden. Schlussendlich wurde dieser Konflikt durch das Fitto-Durnwalder Abkommen [2010] geregelt, und der AVS musste sich beugen, sonst wäre die Finanzierung der Wegebeschilderung ausgeblieben Die Wege wurden zunehmend auch instrumentalisiert, früher waren die Wege dazu da, von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Mittlerweile wurden die Wege klassifiziert, eingetragen und in einer Datenbank erfasst, die Beschilderung aufgeteilt zwischen dem AVS, der zuständig ist für Beschilderung von 35% der gesamten Wanderwege in Südtirol, den Naturparken (15%), den Tourismusvereinen (auch 35%) und dem CAI (zuständig für 15%), und die Wege haben somit auch mehr Sichtbarkeit bekommen, die Namen mussten zweisprachig oder zwei-namig sein, und wurden damit auch zu einem Politikum.

Der AVS ist aber kein politischer Verein?

Simeoni: Nein, unsere Hauptaufgabe ja auch nicht die Übersetzung der Orts- und Flurnamen, oder die Beschilderung der Wege. Der AVS vereint eine große Vielfalt an Meinungen und Positionen, es sind alle gesellschaftlichen Richtungen präsent: Einige empfinden die Diskussionen um die Orts- und Flurnamen als antiquiert, andere wollen gar keine italienischen Namen akzeptieren, aber der AVS ist auch Dienstleister, und muss auch deswegen garantieren, dass Wege so beschildert sind, dass ich die Menschen, die Südtirolerinnen und Südtiroler, aber auch die Touristen, zurechtfinden in den Bergen.

Wie sind die Beziehungen zum CAI (Club Alpino Italiano), dem Verband der italienischen Bergsteiger und Bergsteigerinnen?

Simeoni: Grundsätzlich haben wir ein sehr gutes Verhältnis, der Berg, die Natur und das Leben in der Natur sind für uns wichtiger als die Politik. Aber wir wissen natürlich um die Geschichte des CAIs, aber die muss man hinter sich lassen, und man kann auch nicht länger die Menschen in die Verantwortung nehmen für etwas, das vor 70 oder 100 Jahren passiert ist. Zudem ist es auch beim CAI so wie bei uns, es gibt nicht die eine politischen Stimme, sondern es ist die Vielfalt der Mitglieder, und die Vielfalt der Positionen, die wir heute auch schätzen.

Der Alpenverein ist der mitgliederstärkste Verein in Südtirol. Was zieht die Südtirolerinnen und Südtiroler zum Alpenverein?

Simeoni: Zu unseren Hauptaufgaben gehört der Erhalt und die Vermittlung der Geschichte und er Kultur, wir wollen die Geschichte leben und der Jugend vermitteln, und vor allem Kultur des Bergsteigens und der Geschichte des Bergsteigens erhalten und weitergeben. Wir geben auch Bücher heraus, wir haben Singgemeinschaften, wir organisieren Feiern, wir pflegen die Gemeinschaft. Für sind alle offen, für alle, die bei uns leben, und wir pflegen auch die Zusammenarbeit und den kulturellen mit anderen Bergsteigerorganisationen, dem CAI in Südtirol und in ganz Italien, mit dem österreichischen, dem Schweizer und dem deutschen Alpenverein.

Wir leben in Südtirol zwischen zwei Kulturkreisen, und hier ist auch die Autonomiefrage zentral. Was bedeutet Heimat für uns: Wir Südtiroler und Südtirolerinnen mussten uns hier behaupten, und unsere Heimat ist das Umfeld, in dem wir leben und das wir gerne haben. Und die Berge gehören maßgeblich zu diesem Umfeld, zu dieser unseren Heimat. Und diese Heimatverbundenheit, dieses Gefühl der Heimat, ist für so viele in Südtirol so wichtig, und ich denke, deswegen ist der AVS auch so wichtig für die Südtiroler.

Georg Simeoni

Georg Simeoni wurde 1950 in Bozen geboren und wohnt heute in Neumarkt. Nach dem Abschluss der Gewerbeoberschule mit der Fachrichtung Maschinenbau war er bis 2008 Amtsdirektor des Amtes für Entsorgungsanlagen. Seit 1998 widmet sich Georg Simeoni als Mitglied der Landesleitung des Alpenverein Südtirol dem Bereich Hütten und Wege. Seit 2009 ist er Präsident des Alpenverein Südtirol.

Verena Wisthaler

Verena Wisthaler

Verena Wisthaler ist Forschungsgruppenleiterin der PACS-Forschungsgruppe am Institut für Minderheitenrecht von Eurac Research. Zuvor war sie Post-Doc-Forscherin an der Universität Neuchâtel. Sie ist externe Dozentin an der Sciences Po Paris, an der Universität Wien und an der Universität Innsbruck. Sie hat einen Doktortitel in Politikwissenschaft von der Universität Leicester (2016).

Andrea Carlà

Andrea Carlà

Andrea Carlà ist Forscher am Institut für Minderheitenrecht bei Eurac Research. Nach seinem Studium in Diplomatie und internationalen Beziehungen an der Universität Bologna erlangte Andrea Carlà ein Doktorat in Politics von der New School for Social Research in New York. Seine Forschung konzentriert sich auf ethnische Politik und Minderheitenschutz, Migrationsstudien und Sicherheitsfragen.

Tags

  • autonomy
  • Autonomie

Citation

https://doi.org/10.57708/bcw2pyspltru62_zstyxhmw
Wisthaler, V., & Carlà, A. Die Rolle der Vereine in der Südtiroler Gesellschaft: Interview mit Georg Simeoni. https://doi.org/10.57708/BCW2PYSPLTRU62_ZSTYXHMW

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