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Unsichere Zeiten: Über Unsicherheit und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen

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Unsichere Zeiten: Über Unsicherheit und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen - © Andy Li on Unsplash

Müsste man den aktuellen Zustand der Welt mit einem einzelnen Wort beschreiben, wäre “Unsicherheit” vermutlich der adäquateste Begriff dafür. Regierungen vieler Länder setzen nationale Ausgangssperren durch, Gesundheitssysteme stehen vor dem Kollaps und Unternehmen müssen ihre Tätigkeit per Gesetz einstellen. Kurzum: Das Coronavirus hält die Welt auf Trab. Wie es in den nächsten Wochen und Monaten weiter gehen wird, weiß niemand. Die Unsicherheit über den zukünftigen konjunkturellen Verlauf ist enorm.

Während Unsicherheit im deutschen Sprachgebrauch negativ konnotiert ist – wir verbinden den Anstieg von Unsicherheit mit einem Anstieg der Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis negativere Konsequenzen für uns haben wird als bis dahin erwartet – definieren Ökonomen Unsicherheit als die Streuung unserer Erwartungen. Anders erklärt: In der Volkswirtschaftslehre bedeutet ein Anstieg der Unsicherheit nicht nur einen Anstieg der Wahrscheinlichkeit, dass es schlechter kommt als erwartet, sondern auch einen Anstieg der Wahrscheinlichkeit, dass es besser kommt als erwartet. Volkswirtschaftlich betrachtet impliziert ein Anstieg von Unsicherheit somit auch neue Chancen.

Dibiasi_Unsichere Zeiten_implizite Finanzmarktvolatilität

Vergleichbare Höhen der impliziten Finanzmarktvolatilität, ein geläufiges Unsicherheitsmaß, wurden in Deutschland (VDAX) und den USA (VIX) lediglich während der Finanzkrise 2008 beobachtet. Grafik: eigene Darstellung.


Die Mechanismen der Unsicherheit

Trotz vorher genannter Symmetrie, hat ein Anstieg von Unsicherheit negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Für die negativen Effekte der Unsicherheit sind vordergründig zwei Mechanismen verantwortlich. Der erste Mechanismus fußt im Prinzip des abnehmenden Grenznutzens. Dieses Prinzip beschreibt die Gegebenheit, dass eine zusätzliche Einheit einen kleineren Nutzen stiftet, als die Reduktion derselben Einheit, Nutzen verringert. So ist eine Gehaltkürzung von monatlich 200 Euro üblicherweise schmerzhafter, als uns eine Gehaltserhöhung im selben Umfang lieb ist. Zwar erhöht ein Anstieg der Unsicherheit Chancen und Risiken im gleichen Umfang, da die Risiken jedoch negativer, als die Chancen positiv bewertet werden, führt ein Anstieg der Unsicherheit zu einem Zögern bei Wirtschaftsakteuren: Konsumenten verschieben Konsumentscheidungen, Firmen schieben Investitionen und Personalentscheidungen auf und Banken zögern die Vergabe von Krediten hinaus. Das zögerliche Verhalten resultiert in einer geringeren Gesamtnachfrage, was eine Verlangsamung der konjunkturellen Entwicklung mit sich zieht.

Der zweite Mechanismus, weshalb Unsicherheit zu einer Abschwächung der Wirtschaftsdynamik führt, liegt in den realen Anpassungskosten. Bau- und Ausrüstungsinvestitionen sind stets mit Kosten verbunden, welche über die reinen Anschaffungskosten hinausgehen. Diese Kosten umfassen unter anderem Produktionsunterbrechungen während der Bau- oder Installationsphase oder aber zusätzliche Schulungen, um Mitarbeiter mit neuen Produktionsanlagen oder neuer Software vertraut zu machen. Zudem sind Kapitalinvestitionen teilweise irreversibel. Dies bedeutet, dass ein Unternehmen getätigte Investitionen meist nur mit einem Abschlag wieder veräußern kann. Aufgrund dieser Anpassungskosten und der Irreversibilität kann es für Unternehmen profitabel sein, bei einer Erhöhung der Unsicherheit, bestimmte Investitionsprojekte aufzuschieben. Ähnlich verhält es sich mit den Beschäftigten. Auch Anpassungen bei der Anzahl der Mitarbeiter wie etwa Neueinstellungen und Entlassungen, führen üblicherweise zu Zusatzkosten. So kann sich die Suche nach einem geeigneten Mitarbeiter oft als kostenintensiv erweisen. Kündigungen können hingegen beachtliche Abfindungen und Rechtskosten mit sich ziehen.

Ein und dieselbe fiskal- oder geldpolitische Maßnahme wirkt in Zeiten mit geringer Unsicherheit stärker als in Zeiten hoher Unsicherheit. Um denselben Effekt zu erzielen, muss ein fiskal- oder geldpolitischer Impuls in solchen Krisenzeiten also deutlich stärker ausfallen.

Tatsächlich belegen wissenschaftliche Studien, dass in Zeiten erhöhter Unsicherheit Unternehmen darauf verzichten, offene Stellen zu besetzen, um nicht zusätzliche Suchkosten stemmen zu müssen. Anpassungskosten führen somit dazu, dass Unternehmen bei einem Anstieg der Unsicherheit mit einem Aufschub von Investitionen und Personalentscheidungen reagieren. Das geringere Investitionsvolumen und die sinkende Beschäftigung reduziert wiederum die Gesamtnachfrage, was sich, wie bereits erwähnt, negativ auf die Ökonomie auswirkt.

Kurzum: Empirische Studien zeigen, dass sich steigende Unsicherheit negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Ökonomie auswirkt. Ein unerwarteter Anstieg von Unsicherheit reduziert Investitionen und Beschäftigung, führt zu einem Rückgang des Konsums und der Produktion.

Subjektivität und Erwartungen spielen eine große Rolle

Unsicherheit bezieht sich stets auf unsere Erwartungen. Wirtschaftliche Akteure wie Konsumenten und Unternehmen treffen ständig Entscheidungen und passen ihre Gewohnheiten und Tätigkeiten laufend an sich ändernde Bedingungen an. Auf der einen Seite reagieren Firmen und Haushalte auf bereits eingetroffene Ereignisse: Geht eine Bestellung bei einem Unternehmen ein, wird das bestellte Produkt produziert. Wird einem Beschäftigten das Gehalt gekürzt, hat das Auswirkungen auf sein Konsumverhalten. Zusätzlich zu realisierten Ereignissen, reagieren wirtschaftliche Akteure aber auch aufgrund noch nicht eingetretener Ereignisse. Ein Unternehmen, dessen Hauptkonkurrent vom Markt verschwindet, wird vermutlich seine eigene Produktion erhöhen, um einen eventuellen Anstieg der Nachfrage bedienen zu können. Obwohl sich die zusätzliche Nachfrage beim Unternehmen selbst noch nicht eingestellt hat, bereitet sich das Unternehmen bereits auf den erwarteten Anstieg vor. Das bedeutet, dass ökonomische Akteure auf sich verändernde Erwartungen reagieren. Neben der Reaktion auf sich verändernde Erwartungen, reagieren Haushalte und Unternehmen aber auch auf Veränderungen der Unsicherheit bezüglich ihrer Erwartungen.

Ursachen von Unsicherheit und ihre wirtschaftspolitische Relevanz

Die Ursachen der Unsicherheit sind oft in politischen Entscheidungen zu finden. Zwar erhöht auch der Ausbruch von Epidemien, Naturkatastrophen oder Terroranschläge die allgemeine Unsicherheit, ein beachtlicher Teil resultiert jedoch aus politischen Entscheidungen. Der Brexit, die drohende Wiedereinführung hoher Importzölle unter Donald Trump oder unpräzise formulierte Maßnahmen zur Überbrückung der Coronavirus-Krise sind Beispiele politischer Entscheide, die zu erhöhter Unsicherheit führten. Politische Entscheide sind nicht nur für einen Großteil der Unsicherheit verantwortlich, wirtschaftspolitische Maßnahmen und Unsicherheit stehen auch in einer andauernden Wechselbeziehung. Zum einen können politische Entscheidungen selbst, die Unsicherheit in einer Ökonomie erhöhen. Zum anderen beeinflusst das Level der Unsicherheit wiederum die Wirksamkeit von wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Da Unsicherheit das Zögern von Unternehmen und Haushalten erhöht, nimmt auch die Reaktion dieser wirtschaftlichen Akteure auf fiskal- oder geldpolitische Anreize ab. Ein und dieselbe fiskal- oder geldpolitische Maßnahme wirkt daher in Zeiten mit geringer Unsicherheit stärker als in Zeiten hoher Unsicherheit. Mit anderen Worten: Um denselben Effekt zu erzielen, muss ein fiskal- oder geldpolitischer Impuls bei hoher Unsicherheit deutlich stärker ausfallen. Möchte die öffentliche Hand private Investitionen in den Wohnbau mittels Steuersubventionen fördern, müssen die Steuererleichterungen in einer Phase hoher Unsicherheit deutlich höher sein als in einer Phase geringer Unsicherheit.

Fazit

Aufgrund der Coronavirus-Krise erreicht das Niveau der Unsicherheit ein Rekordhoch. Neben der Sinnhaftigkeit und Wirkungsweise sollten wirtschaftspolitische Entscheidungsträgen bei der Gestaltung der Unterstützungsmaßnahmen deshalb zwei weitere Faktoren berücksichtigen. Zum einen sollten die Maßnahmen präzise und widerspruchsfrei formuliert sein, sodass diese die vorherrschende Unsicherheit nicht noch weiter erhöhen. Zum anderen sollte bei der Gestaltung der Maßnahmen in Betracht gezogen werden, dass Akteure in einem unsicheren Umfeld zögerlicher agieren. In die Maßnahmen verpackte Anreize, welche bei Unternehmen ein bestimmtes Verhalten fördern sollen, müssen im Vergleich zu einer „normalen“ Periode ungleich höher ausfallen, um dieselben Effekte zu erzielen.


Andreas Dibiasi, Center for Advanced Studies, Eurac ResearchAndreas Dibiasi ist Makroökonom am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Er ist derzeit im Schichtdienst. Wenn er sich nicht mit den volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise beschäftigt, hütet er seine Kinder.

 

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