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Von Ungleichheit und Umverteilung: Ein Gespräch mit Barbara Unmüßig über die Notwendigkeit eines Wandels

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13 September 2021
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Barbara Unmüßig ist Politikwissenschaftlerin und Vorstand der Heinrich Böll Stiftung. Sie setzt sich in engem Kontakt mit Menschen aus dem globalen Süden für eine faire, gerechte und ökologisch orientierte Weltwirtschaft ein. - © Bettina Keller

Der Amazonas brennt, reproduktive Rechte von Frauen werden eingeschränkt, der Gender-Pay-Gap wächst und die Pandemie verschärft die Krise in Pflege und Care Arbeit. Inzwischen machen Milliardäre Weltraumurlaub und heißen neue Mitglieder in ihrem exklusiven Club willkommen. Was solche Ungleichheiten für uns bedeuten, bespricht Barbara Unmüßig, Politologin und Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, am 14. und 15. Oktober bei der Konferenz „(Un)Gleichheit neu denken“ und den Churburger Wirtschaftsgesprächen 2.0, organisiert vom Center for Advanced Studies von Eurac Research in Zusammenarbeit mit der Steinbeis-Hochschule und Basis Vinschgau Venosta in Bozen und Schluderns.

Eurac Research: Frau Unmüßig, Sie beschäftigen sich mit Ungleichheitsfragen auf den verschiedensten Ebenen. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen dazu und wie haben Sie diese geprägt?

Barbara Unmüßig: Der Kampf gegen Ungerechtigkeit hat mich politisiert. In der ersten Klasse des Gymnasiums wurde mir schlagartig klar, dass die Kinder aus akademischen Familien mit besseren Startbedingungen an die Schule kamen als Kinder aus Arbeitsfamilien. Damals habe ich mich zum ersten Mal ungleich gefühlt - und unterlegen. Der Zugang zu Bildung ist eine Gerechtigkeits- und eine soziale Frage. Diskriminierung und Sexismus sind weitere sehr persönliche Erfahrungen, die sich durch alle Lebensabschnitte und beruflichen Stationen ziehen. In meinem gesamten politischen Engagement sind globale Ungerechtigkeiten – ob sozial, politisch und im Ökologischen - zentrale Themen geworden.

Könnten wir uns denn eine Welt ohne Ungleichheiten wünschen? Wann ist Ungleichheit legitim?

Unmüßig: Menschen sind generell unterschiedlich, sowohl was ihren Charakter, religiöse und spirituelle Präferenzen, äußere Erscheinung, sexuelle Orientierung als auch was ihren familiären Hintergrund, soziale und ökonomische Startbedingungen angeht. Eine absolute Gleichheit lässt sich hier nicht herstellen. Rechtliche Ungleichheit ist aber in keinem Fall legitim. Der Gender-Pay-Gap muss weg. Die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersex-Personen ist mit nichts zu rechtfertigen. Für alle Mitglieder einer Gesellschaft muss es - unabhängig von persönlichen Merkmalen und Herkunft - gleiche Rechte und gleiche rechtsbasierte Zugänge zu Grundgütern und Chancengleichheit geben. Es ist Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen.

Die Ungerechtigkeit des Klimawandels ist himmelschreiend: Er unterteilt die Welt in Gewinner und Verlierer. Die Klimasünder des Nordens verbrauchen die fossilen Schätze der Erde, während die Folgen der Erderwärmung den Süden weitaus stärker treffen.

Barbara Unmüßig

Unsere Wirtschaftsweise verschärft soziale Gefälle und befeuert die Klimakrise. Beleuchtet man das eine Ungleichgewicht, erkennt man eine Unzahl an Zusammenhängen. Wo können wir bei diesen zahllosen Verwicklungen überhaupt ansetzen?

Unmüßig: Es ist gar nicht so einfach zu bestimmen, wo Prioritäten für Gerechtigkeit liegen. Wir müssen alle Dimensionen gleichzeitig angehen. Im Grunde geht es um Verteilungsfragen: um die Distribution von Macht, Reichtum, Ressourcen, Chancen und um ökologische Gerechtigkeit. Der ökologische Fußabdruck aller Industrienationen ist größer als ihr eigenes Territorium. Unser exzessiver Produktions- und Lebensstil nimmt der Mehrheit der Weltbevölkerung den Umweltraum und schränkt ihre Fähigkeiten ein, ihr Leben zu verbessern. So nutzt etwa der Futtermittelanbau für Massentierhaltung und Fleischkonsum gigantische Flächen in Brasilien oder Argentinien. Menschen vor Ort werden vertrieben, Ökosysteme zerstört. Dürreperioden, Stürme oder Überschwemmungen bedrohen als Folgen des Klimawandels die Lebensgrundlage vieler. Die Ungerechtigkeit des Klimawandels ist himmelschreiend: Er unterteilt die Welt in Gewinner und Verlierer. Die Klimasünder des Nordens verbrauchen die fossilen Schätze der Erde, während die menschenrechtsverletzenden Folgen der Erderwärmung den Süden weitaus stärker treffen. Reichere Staaten müssen die ärmeren bei der Bewältigung dieser Vielfachkrisen auch finanziell unterstützen, den Umweltverbrauch und die Verschmutzung der Atmosphäre schneller eindämmen.

Was bedeutet das für die finanziellen Verhältnisse auf globaler Ebene?

Unmüßig: Während die Zahl der absolut Armen und Hungernden seit 2017 wächst, nimmt die Vermögensungleichheit weiter zu. Die Gesamtzahl der Milliardärinnen und Milliardäre hat sich in den zehn Jahren nach der Finanzkrise von 2008 fast verdoppelt. Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt 84 Prozent des globalen Vermögens. Männer besitzen weltweit 50 Prozent mehr als Frauen und laut UN Women scheint es, als ob mit der Pandemie 25 Jahre feministische Errungenschaften zunichte gemacht worden seien.

Unser exzessiver Produktions- und Lebensstil nimmt der Mehrheit der Weltbevölkerung den Umweltraum und schränkt ihre Fähigkeiten ein, ihr Leben zu verbessern.

Barbara Unmüßig

Stichwort Armutsbekämpfung: Wohlstand geht in vielen Fällen mit steigendem Konsum einher. Welche Strategien gibt es, um diesem reinen Wachstumsdenken entgegenzuwirken – auch in jenen Ländern, die gerade einen Aufschwung erleben?

Unmüßig: Ob bei sozialer- oder Umweltgerechtigkeit, es geht immer auch um materielle Umverteilung. Wir müssen unseren ökologischen Fußabdruck deutlich reduzieren. Wir - das sind die globale Mittelklasse und die Elite, die immer noch 80 Prozent der Umweltgüter verbrauchen und für 80 Prozent der Klimagasemissionen verantwortlich sind. Der Staat muss den Gemeinschaften die Rechte an Gemeingütern wie Luft, Wasser, die Atmosphäre sichern. Darauf hat jeder Mensch den gleichen Anspruch. Wir brauchen eine Weltwirtschaft, die allen Menschen dient und die Natur und Umwelt nicht unwiederbringlich zerstört.

Sie sagen, dass Proteste allein nicht ausreichen, um Veränderungen zu erwirken. Wie wird aus Protest Politik und Veränderung zugunsten der Menschen und der Demokratie?

Unmüßig: Ein Beispiel für die Kurzlebigkeit von Protesten ohne Formalisierung sind die jene in den Jahren 2013 und 2014 in Brasilien. Die Bevölkerung hat gegen die teuerste Fußballweltmeisterschaft aller Zeiten, die 2014 stattfinden sollte, protestiert. Sie protestierten dabei auch gegen Korruption und soziale Missstände, etwa gegen eine Erhöhung der Bustarife. Die Städte Rio de Janeiro und São Paulo nahmen die Erhöhung schnell zurück. Das war es aber auch schon. Zwei Jahre später hat das Land dennoch die Olympischen Spiele veranstaltet. Mitten in einer schweren ökonomischen und sozialen Krise. Protest allein reicht tatsächlich nicht. Es braucht Übergänge in institutionalisierte Formen von Politik. Heute ist das aber unter autoritären Bedingungen, wie es leider für eine Mehrzahl der Länder auf diesem Planeten, von Belarus bis Hongkong gilt, gar nicht mehr möglich.
Es gibt aber auch das hoffnungsgebende Beispiel aus Chile. Dort ist nach heftigen Massenprotesten ein Übergang in konkrete politische Prozesse gelungen. Die Bevölkerung hat es im Oktober 2019 geschafft, den Weg zuerst für ein Verfassungsreferendum und schließlich für eine neue Verfassung zu öffnen. Diese wird vom ersten Verfassungskonvent der Welt ausgearbeitet, der zur Hälfte aus Frauen besteht. An seiner Spitze steht Elisa Loncón – als indigene Frau eine Vertreterin jener Völker Chiles, die bislang ausgegrenzt wurden. Hoffnung geben mir auch „Fridays for Future“, der Aufbruch der jungen Generation, die Mutigen überall auf der Welt, die sich nicht mundtot machen lassen.

Zum Abschluss: Was lesen Sie gerade?

„Welt im Lockdown“ des Wirtschaftshistorikers Adam Tooze. Es schildert nicht nur sehr präzise, wie und warum Staaten und nationale Ökonomien auf jeweils eigene Weise und mit sehr unterschiedlichen Resultaten auf das Pandemiegeschehen reagiert haben, sondern analysiert die Pandemie im Kontext der anderen großen Krisen unserer Zeit, von der weiter schwelenden Finanzkrise über die Klimakrise bis zur Geflüchtetenkrise. Und das Buch „Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn“ von Tim Jackson. Darin lotet der Autor Wege aus unserer Wachstumsfalle aus und lädt zum Nachdenken darüber ein, was das Leben wirklich lebenswert macht.

Zur Person

Barbara Unmüßig ist Politologin und seit 2002 Vorstand der Heinrich-Böll- Stiftung in Berlin. Sie leitet die internationale Arbeit der Stiftung in Lateinamerika, Afrika, Asien, dem Nahen und Mittleren Osten und die des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie. Die thematischen Schwerpunkte der Stiftung, nämlich Globalisierung, Geschlechterpolitik, internationale Klima-, Agrar- und Ressourcenpolitik sowie Demokratiearbeit, werden von ihr verantwortet. Sie ist außerdem Vorsitzende der Jury des Anne-Klein-Frauenpreises.

Alessandra Volgger

Alessandra Volgger ist Sozialwissenschaftlerin und Praktikantin am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Sie befasst sich vor allem mit Themen der Globalisierung, mit sozialen Protestbewegungen, Gerechtigkeit und Entwicklungspolitik. Besonders freut sie sich über das Gedeihen ihrer Avocadobäumchen nach langen Monaten des Wartens.

Valeria von Miller

Valeria von Miller ist Communication Manager am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Sie hat sich noch nicht entschieden, ob sie ihren Internetzugang in Zeiten sozialer Deprivation nun als Rettungsanker oder als ihren Untergang bezeichnen sollte.

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