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Wie funktioniert die Immuni-App?

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Wie funktioniert die Immuni-App? - © Adobe Stock/cristianstorto

Am 15. Juni 2020 ist die Immuni-App in Italien offiziell gelauncht worden. Die App kann dabei helfen, eine zweite Covid19-Welle zu verhindern, wenn möglichst viele Italienierinnen und Italiener die App nutzen. Marc Röggla spricht mit dem IT-Experten Christoph Moar über die Funktionsweise der App und über Privacybedenken.

Herr Moar, wieso sollten wir die App auf unseren Smartphones installieren?

Sinn der Immuni App ist es, mich zu warnen, wenn ich in den letzten Wochen in der Nähe von jemandem war, der später positiv bei einem Corona Test getestet wurde.  Wenn ich das weiß, kann ich verhindern, dass sich das Virus erneut ungebremst ausbreitet: Zum Beispiel kann ich mich freiwillig in Isolation begeben, um das Risiko einer Verbreitung zu minimieren. Oder auf Symptome achten und um einen Test ansuchen.

Die App hilft uns, Infektionsketten nachzuverfolgen: Wenn jemand positiv getestet wird, schreibt er heute auf einem Blatt Papier alle Personen auf, die er in den letzten Wochen getroffen hat. Mitarbeiter beim Gesundheitsamt müssen dann Telefonnummern recherchieren und diese Menschen überzeugen, in Isolation zu gehen. Das ist ein langsamer und fehleranfälliger Prozess, der bei steigenden Fallzahlen zum Scheitern verurteilt ist. Die Konsequenz ist dann ein Lockdown, wie wir ihn schon erlebt haben.

Mit der App wird diese Arbeit automatisiert: auch wenn ich nur im Bus neben einer Person saß, deren Namen ich nicht kenne, oder im Training mit der Fußballmannschaft einem Risiko ausgesetzt war – diese Personen werden informiert, wenn ich später positiv getestet wurde. Ich schütze also mich und meine Liebsten ganz direkt, und die Gesellschaft!

Wie funktioniert die Immuni App?

Ja, die Kernfrage ist wirklich, wie das mit der Warnung der App im Nachhinein funktioniert, und wie sie das macht, ohne unsere Privatsphäre zu berühren? Dafür wurde ein einfaches und völlig anonymes Verfahren erdacht. Wenn ich die App installiert habe, und in die Nähe eines anderen Smartphones komme, dann verschickt meine App alle zehn Minuten eine völlig neue Zufallszahl. Mein Gegenüber empfängt diese, und verschickt ebenfalls eine Zufallszahl. Unsere Mobiltelefone merken sich nun 14 Tage lang alle diese Zahlen.

Nun kann ich zum Beispiel in dieser Zeit krank werden und positiv getestet werden. Jetzt wird mich der Arzt fragen, ob ich die Zufallszahlen, die ich in den letzten Wochen hinausgetragen haben, auf einen Server hochladen möchte. Da diese Zahlen überhaupt nichts über mich oder andere aussagen, werde ich das gerne tun – denn dann haben meine Liebsten, Freunde und Geschäftspartner die Chance, ganz anonym zu erfahren, dass sie jemanden getroffen haben, der vielleicht schon das Virus übertragen konnte.

Wenn ich „meine“ Zahlen hochlade, werden diese mit denen aller anderen heute als krank gemeldeten Patienten gemischt und in einem Paket abgelegt. Alle installierten Apps holen sich nun täglich dieses Datenpaket herunter und vergleichen die darin enthaltenen Zufallszahlen mit jene, die sie in den letzten 14 Tagen „gehört“ haben.

Wenn das Handy feststellt, dass ich eine, zwei oder mehrere dieser Zahlen gehört habe, und das über 10, 20 oder 40 Minuten lang, und vielleicht im Abstand von 2mt, 4mt oder mehr war, dann wird es mich warnen, dass ich einem Virusträger ausgesetzt war, und ich bitte in Isolation gehen sollte. Auch diese Information erfolgt anonym – nur ich weiß das, und ich weiß nicht, wann und wen ich getroffen habe, der das Virus auf mich hätte übertragen können.

Ich (der Autor dieses Beitrags, Anm. der Red.) habe in einem vorhergehenden Beitrag auf diesem Blog meine Privacybedenken zu ähnlichen Apps kundgetan. Wie ist das bei Immuni?

Die Frage nach der Einhaltung der Privacy ist essenziell bei solchen Tracing Apps. In der Tat werden in bestimmten Ländern, zum Beispiel in China und Südkorea, Verfahren angewendet, die wirklich festhalten, dass eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Lokal war. Hinter Immuni stehen nicht nur Epidemiologen und Statistiker, sondern auch Datenschützer und Sicherheitsexperten. Und es ist unmöglich ist, Immuni für fremde Zwecke zu missbrauchen und Informationen über einen Menschen auszuspähen.

Wir sprechen vom Prinzip der „Datensparsamkeit“: Das Verfahren benötigt nur ganz wenig Daten, um einen mögliche Virusexposition zu erkennen. Das sind zufällige Zahlenfolgen und der Abstand zwischen Sender und Empfänger. Mehr Daten stünden für einen wie auch immer gearteten Missbrauch gar nicht zur Verfügung. Auch wenn jemand die von mir verschickten oder von mir empfangenen Zufallszahlen in die Hand kriegen sollte, kann dadurch nichts über mich oder meine Kontakte erfahren werden.

Viele Menschen zögern, die App zu installieren. Meist sind Bedenken im Bereich Datenschutz ausschlaggebend. Wie garantiert die App meine Privacy?

Neben der Datensparsamkeit auch durch die dezentrale Datenhaltung und Datenverarbeitung: Die findet nur auf meinem Smartphone statt. Solange ich nicht krank bin und meine Zufallszahlen freiwillig weitergebe, liegt alles nur auf meinem Handy. Auch die Prüfung, ob „ich“ eine Zahl gehört habe, die von einem Infizierten gemeldet wurde, findet nur bei mir statt. Das garantiert mir, dass es gar keine zentrale Instanz (Server, Behörde, Rechenzentrumsbetreiber) gibt, die irgendwas von mir erfahren könnte.

Wissen wir, wie viele Italiener die App bereits installiert haben?

Aktuell ungefähr drei Millionen, das ist sicher ein guter Start. Die Modelle hinter dem Verfahren belegen, dass ca. 56% der Population die App installieren müsste, um ein Ausbreiten einer Infektion erfolgreich verhindern zu können. Ein zweiter Lockdown wäre ausgeschlossen, wie bei der Herdenimmunität durch eine Impfung.

Wenn weniger als 56% der Bevölkerung die App haben, so ist sie nicht gleich nutzlos. Jedes Prozent an Bevölkerung, das die App nutzt, hilft dem Gesundheitssystem, eine Infektionsausbreitung zu verhindern. Aber wie bei einer schwachen Impfquote besteht auch bei einer schwachen Appquote keine Garantie darauf, dass ein zweiter Lockdown verhindert wird.

Wird es folglich weiterhin notwendig bleiben, das eigene Umfeld persönlich zu informieren?

Es ist immer hilfreich, zusätzlich zur App jene Menschen auch direkt zu informieren, zu denen wir einen besonders nahen Bezug haben. Jede Maßnahme hilft, diese Epidemie im Griff zu behalten. Ohne App wäre ich aber gar nicht in der Lage, flüchtige Kontakte, zum Beispiel im Stadtbus, zu informieren. Sogenannte „Superspreader“, beispielsweise ein Kellner in einem vielbesuchten Lokal, hätten gar keine Chance, all ihre Kontakte persönlich zu informieren.

Was ist also Ihr Fazit?

Mit dieser App wurde schnell reagiert und ein Werkzeug bereitgestellt, mit dem wir uns und unsere Liebsten schnell und unproblematisch schützen können. Es ist für uns alle kein Aufwand, die App zu installieren und die nächsten Monate lang zu betreiben – verglichen mit dem, was ein zweiter Lockdown für uns alle bedeuten würde. Es ist wie mit einer Impfung. Wenn wir alle mitmachen erreichen wir völlig schmerzlos unser Ziel. In diesem Sinne hoffe ich, dass es mir viele nachmachen, die App installieren und das eigene Umfeld darauf ansprechen.

Weitere Informationen zur Immuni App erhalten Sie im Südtiroler Podcast Isch gleich mit Christoph Moar als Studiogast: https://ischgleich.podigee.io/25-immuni-christoph-moar

Marc Röggla, Center for Autonomy ExperienceMarc Röggla ist Leiter des neugegründeten Center for Autonomy Experience bei Eurac Research. Der Rechtswissenschaftler und Experte für Minderheitenrecht ist zudem Generalsekretär der Europäischen Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen.
Christoph Moar ist Informatiker und Mitgründer eines IT-Unternehmens in Südtirol. Wenn man ihn im Lockdown zwingt, zu Hause eingesperrt zu bleiben, programmiert er statistische Covid-19-Auswertungen und schaut sich den Sourcecode von Contact Tracing-Apps an. Im normalen Leben bevorzugt er aber Skitouren und Running – und er liest jede Academia, die er vom Schreibtisch seiner Frau klauen kann.

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