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Keine Innovation ohne soziale Energie

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13 September 2021
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Karin Frick ist Ökonomin, Trend- und Zukunftsforscherin am Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). - © Sandra Blaser Sandra Blaser

Die pandemiebedingte Isolation hat uns mürbe gemacht und den Blick auf einen wichtigen Motor unserer Gesellschaft gerichtet: die soziale Energie. Sie ist der Schlüssel für die Entwicklung lebenswerter und nachhaltiger Regionen der Zukunft, sagt Karin Frick, Trend- und Zukunftsforscherin am Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut - GDI. Am Freitag, 17. September, spricht sie bei der zweiten Auflage des Futurologischen Kongresses „Energy: The Universal Currency“ in Bozen.

Eurac Research: Frau Frick, was ist soziale Energie und wie wird sie erzeugt?

Karin Frick: Wenn Menschen zusammenkommen, dann entsteht Energie. Es handelt sich dabei nicht um Energie im physikalischen Sinne, sondern vielmehr um soziale Energie. Sie kann sich erst durch Interaktionen in einer Gruppe entfalten. Etwa, wenn Freunde eine lebhafte Diskussion führen, eine Hochzeit feiern oder bei einer Beerdigung trauern. Diese Energie entsteht aus Wechselwirkungen, welche sich wiederum gegenseitig verstärken. Geprägt wurde der Begriff noch während der Coronakrise vom Soziologen Hartmut Rosa. Seine Beobachtung: Viele Menschen hätten das Gefühl, durch die tendenzielle Isolation ihre Energie verloren zu haben. Darin sah er wiederum die Vermutung bestätigt, dass die Quelle, welche die Bewegungsenergie der Moderne erzeugt, eben nicht in den Individuen liegt, sondern in den sozialen Wechselwirkungen zu suchen ist.

In Ihrer Forschung sprechen Sie von Kraftwerken sozialer Energie. Was kann man darunter verstehen und wo finden wir solche Kraftwerke?

Frick: Tendenziell sind Kraftwerke sozialer Energie Orte, wo viele junge Menschen zusammenkommen, wo man locker in Austausch treten und neue Leute kennenlernen kann. Denken wir etwa an die Kriterien, die über die Wohnortwahl entscheiden. Dort zeigt sich eine ähnliche Hierarchie, wie sie sich auch in Maslows Bedürfnispyramide ablesen lässt. Zuerst müssen die Grundbedürfnisse befriedigt werden: die harten Standortfaktoren wie Arbeit, Wohnung, Bildung, Sicherheit. Wenn wir uns dieser Faktoren sicher sind, werden die sozialen Bedürfnisse wichtiger, etwa Freundschaft, Kultur, Zugehörigkeit. Sobald unsere ökonomischen Voraussetzungen erfüllt sind, entscheiden wir sozial, wir gehen dorthin, wo etwas los ist und wo es viele Menschen gibt, die uns mit ihren Ideen anregen und von denen wir etwas lernen können.

Wir brauchen weniger Konkurrenz und mehr Kooperation. Innovation entsteht im Austausch mit anderen Menschen. Nur dann werden aus Regionen Kraftwerke sozialer Energie, die wie ein Magnet auf andere Menschen wirken.

Karin Frick

Trotzdem gelten gerade Individualismus und Selbstverwirklichung als große Treiber unserer Zeit. Ein Energiekiller?

Frick: In einer vernetzten Welt kommt man nicht weiter, wenn man sich isoliert. Soziale Energie ist zwar (bislang) nicht direkt messbar, doch die Folgen von fehlender Interaktion sind bereits sehr gut erforscht. Denken wir etwa an Isolationshaft. Dabei handelt sich um eine Foltermethode mit schwerwiegenden gesundheitlichen Nebenwirkungen.

Brauchen wir also auch im Sozialen eine Energiewende, um eine lebenswerte Zukunft zu gestalten? Wie muss diese umgesetzt werden?

Frick: Ja, in dem Sinn, dass wir weniger konkurrieren und mehr kooperieren müssen. Innovation entsteht im Austausch mit anderen Menschen. Je aktiver der Austausch, umso mehr neue Ideen entstehen. Als einziger Gast in einem Restaurant beispielweise, wird man sich eher deprimiert als inspiriert fühlen. Und die besten Impulse bekommt man oft von flüchtigen Bekanntschaften und nicht von nahen Freunden. Dafür braucht es öffentliche Räume, wo sich viele verschiedene Menschen kreuzen und zufällig begegnen können.

Diese Begegnung ist mit unseren - pandemiebedingten - Lebens- und Arbeitsstrukturen schwieriger geworden. Kann soziale Energie denn auch im digitalen Raum entstehen?

Frick: Ja, durchaus. So sind sehr intensiv genutzte Foren in Chats und Games ein Indikator für eine hohe soziale Energie und eine aktive Community. Online ist die soziale Dynamik besser messbar als in der realen Welt. Man erkennt viel schneller, welche Beiträge auf Resonanz stoßen. Allerdings wachsen die digitale und reale Welt immer enger zusammen. Fridays for Future und andere junge Klimabewegungen finden etwa auf sozialen Plattformen genauso wie im öffentlichen Raum statt. Politische Bewegungen, Proteste oder Aufstände – jeglicher Couleur – beginnen oft auf Social Media-Plattformen, bevor sie auf die Straße überschwappen.

Wenn Sie an ein persönliches Erlebnis denken: Wo haben Sie zuletzt soziale Energie gespürt und was hat das in Ihnen ausgelöst?

Frick: Im Vorjahr habe ich nach dem ersten Lockdown an einer Business-Tagung teilgenommen. Für fast alle war es nach vielen Wochen im Homeoffice die erste Gelegenheit, sich wieder physisch zu begegnen und Menschen zu treffen, die nicht zum engsten Familien- und Freundeskreis gehören. Die Gesprächsbereitschaft, das Redebedürfnis und das Interesse an anderen Teilnehmenden waren viel größer als noch in der alten Normalität. Vermutlich war auch der Lärmpegel höher als bei ähnlichen Veranstaltungen vor Corona. Das wäre messbar wie etwa die Lautstärke von Applaus, die ein guter Indikator für den Erfolg einer Veranstaltung ist.

Über den Futurologischen Kongress

Als der polnische Autor Stanisław Lem 1970 an seinem Science-Fiction-Roman „Der futurologische Kongress“ schrieb, war ihm wohl nicht klar, dass Jahrzehnte später ein eben solches Format in Bozen stattfinden würde.

"Energy: The Universal Currency" ist das Thema des Futurologischen Kongresses, der vom Center for Advanced Studies von Eurac Research in Zusammenarbeit mit Transart - dem Festival für zeitgenössische Kultur organisiert wird. Die diesjährige Ausgabe beleuchtet nicht nur Themen des Energieverbrauchs und der physikalischen Energie, sondern gibt auch der sozialen Energie, der Energie als transzendenter Kraft und sogar der spirituellen Energie in unserer Gesellschaft Raum.

Das hybride Festival, das verschiedene wissenschaftliche Vorträge, Diskussionsrunden und Kunstperformances vereint, findet am 16. und 17. September sowohl physisch im NOI Techpark als auch online im Live-Stream statt.

Zu den RednerInnen und KünstlerInnen gehören neben der Ökonomin und Zukunftsforscherin Karin Frick, der Erbauer kinetischer Kunstwerke Theo Jansen, der Ökonom und ehemalige Generalsekretär des Club of Rome Graeme Maxton, die Architektin und Urbantechnologin Areti Markopoulou, der Umweltingenieur Harald Desing, der Hardvard-Astrophysiker Fabio Pacucci, die Rock- und Experimental-Sängerin Daisy Press, der Pianist Christoph Grund und viele andere mehr.

Anmeldung und Programm unter: https://www.futurologicalcongress.it/

Valeria von Miller

Valeria von Miller ist Communication Manager am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Sie hat sich noch nicht entschieden, ob sie ihren Internetzugang in Zeiten sozialer Deprivation nun als Rettungsanker oder als ihren Untergang bezeichnen sollte.

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