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Die NAIen in der Schule

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30 November 2021
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Neu an der Schule zu sein, ist nie einfach, aber für NAI (neo arrivati in Italia) stellt dies eine besondere Herausforderung dar. @Wilcox/UNSPLASH -

Neu an einer Schule zu sein ist wahrscheinlich nie besonders einfach, aber für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche – oder NAI (neo arrivati in Italia), wie sie auf Italienisch heißen – ergeben sich noch eine Reihe zusätzlicher Herausforderungen. Inge Niederfriniger, Leiterin der sprachgruppenübergreifenden Sprachenzentren und des Referats für Migration an der Pädagogischen Abteilung der Deutschen Bildungsdirektion, kennt diese Herausforderungen gut – und setzt sich dafür ein, dass daraus nicht unüberwindbare Hindernisse werden. Im Interview mit Verena Platzgummer vom Institut für Angewandte Sprachforschung erzählt sie davon.

Verena Platzgummer: Inge, ich möchte mit dir heute über frisch nach Südtirol zugezogene Kinder und Jugendliche sprechen, die „quer“ ins Schulsystem der Provinz einsteigen. Wie nennt ihr die – Quereinsteiger*innen?

Inge Niederfriniger: Ja, früher haben wir sie so genannt. Jetzt sagen wir eher Seiteinsteiger*innen, oder neu angekommene Schüler*innen, Schüler*innen mit rezenter Zuwanderung – je nach Zusammenhang. Im Italienischen haben wir es da einfacher: Da wird einfach das Kürzel NAI, also neo arrivati in Italia, verwendet.

Verena Platzgummer: „Neu zugezogen“ ist da aber wohl nur der kleinste gemeinsame Nenner.

Inge Niederfriniger: Genau – denn es handelt sich hier natürlich nicht um eine einheitliche Gruppe. Manche dieser Kinder und Jugendlichen sind als Flüchtlinge unbegleitet oder mit Familienmitgliedern nach Südtirol gekommen, andere sind aus Ländern in oder außerhalb der EU eingewandert. Aufenthaltsstatus und Bildungsbiographie der Schüler*innen können sich stark unterscheiden, ebenso die Sprachen, die sie mitbringen. All das hat dann natürlich großen Einfluss darauf, wie leicht oder schwer ihnen der Anschluss fällt.

Verena Platzgummer: In meinen Forschungsprojekten habe ich schon öfter solche neu zugewanderten Schüler*innen getroffen. Einmal haben eine Kollegin und ich zum Beispiel mit Händen und Füßen versucht, einer aus der Ukraine stammenden Schülerin an einer deutschen Oberschule unseren Fragebogen zu erklären. Ein andermal hat mir ein achtzehnjähriger Schüler von seinem ersten Tag im Kindergarten erzählt – er war damals gerade erst aus dem Kosovo zugezogen, wollte nach Hause, aber konnte sich den Pädagog*innen einfach nicht verständlich machen.

Inge Niederfriniger: Dann bist du ja schon mit den verschiedenen Realitäten dieser Schüler*innen in Kontakt gekommen! Obwohl der Junge aus unserer Sicht gar kein Quer- oder Seiteneinsteiger war – er war zwar neu in Südtirol, als er in den Kindergarten kam, hat aber seine gesamte Bildungsbiographie hier durchlaufen.

Verena Platzgummer: Wie kommen neu zugewanderte Schüler*innen denn an eine bestimmte Schule?

Inge Niederfriniger: Das erste Prinzip ist die altersgemäße Einstufung – das hängt auch mit dem Prinzip der Inklusion zusammen, das für das Bildungswesen in ganz Italien gilt. In anderen Ländern werden neu zugewanderte Kinder und Jugendliche manchmal in so genannten Willkommensklassen oder Einsteigerklassen beschult, bis sie die Unterrichtssprache beherrschen. Danach werden sie dann oft in Klassen eingestuft, wo sie mehrere Jahre älter sind als ihre Klassenkamerad*innen. So etwas sieht das Bildungssystem in Italien zum Glück nicht vor! Sofern die betreffenden Schüler*innen im Alter für die Grund- oder Mittelschule sind, kommen sie also meistens an eine Schule im Einzugsgebiet ihres Wohnortes.

Verena Platzgummer: Und was ist mit den Schüler*innen im Oberschulalter?

Inge Niederfriniger: Da wird es dann interessant, weil noch die ganz unterschiedlichen Ausrichtungen der Schulen ins Spiel kommen – und da ist es für neu zugewanderte Familien oft schwierig, sich zu orientieren. Meine Kolleg*innen von den Sprachenzentren bieten dazu auch Beratung an. Oft haben zugewanderte Familien in Südtirol aber auch schon ein soziales Netzwerk, etwa wenn Verwandte hier leben, und bekommen dadurch Tipps, wo sie ihre Kinder einschreiben könnten. Von diesen neuen Schülerinnen erfahren wir dann erst, wenn die Schule um Interkulturelle Mediatorinnen ansucht. Oft schicken aber auch die Schulen Jugendliche in unsere Sprachenzentren zur Beratung, weil die Lehrpersonen den Eindruck haben, die Ausrichtung der Schule passt nicht zu einem Schüler oder einer Schülerin. Generell ist es im Oberschulalter ganz besonders schwierig, in einer neuen Schule anzudocken.

Verena Platzgummer: Was ist in der Oberschule für neu zugewanderte Schüler*innen anders als in der Grund- und Mittelschule?

Inge Niederfriniger: In der Grund- und Mittelschule ist meistens die Unterrichtssprache die größte Herausforderung. In der Oberschule kommen noch die fachlichen Anforderungen der jeweiligen Ausrichtung dazu – besonders, wenn Jugendliche nicht in die erste Klasse einsteigen, haben sie damit oft Schwierigkeiten. Damit es funktioniert, muss viel zusammenkommen: eine lückenlose Bildungsbiographie, viel Motivation, genug Unterstützung von der Familie, vom Klassenrat, der Klassengemeinschaft, und das Glück, die passende Schule erwischt zu haben – alle Teile im Mosaik müssen stimmen, das ist nicht einfach! In die Vollzeit-Berufsschule ist es noch schwerer, später einzusteigen, weil da einige Fächer sehr spezialisiert sind. Da haben wir mit Lehrstellen noch bessere Erfahrung gemacht.

Verena Platzgummer: Was passiert denn mit den Schülerinnen, bei denen ein Teil im Mosaik nicht passt?

Inge Niederfriniger: Die schaffen vielleicht den Abschluss nicht, geraten in einen Hilfsjob und finden auch schwer etwas anderes, weil sie eben keine geeignete Ausbildung haben. Deshalb haben wir mit einer Reihe von Partnern jetzt ein Projekt gestartet, das Seiteneinsteiger*innen über 16 auffangen soll. Noch sind wir in einer Pilotphase – das Ziel wäre, diese Schüler*innen in einem Jahr so weit zu begleiten, dass sie entweder in eine Schule wechseln oder eine Lehrstelle oder ein Praktikum antreten können. In diesem Jahr erhalten sie Sprachunterricht, vor allem in Deutsch und Italienisch, aber auch Praxisunterricht, und besuchen verschiedene Betriebe. Die Idee haben wir uns von der SchlaU-Schule in München abgeschaut – mal schauen, was daraus wird!

Zur Person

Inge Niederfriniger leitet das Referat Migration an der Pädagogischen Abteilung der Deutschen Bildungsdirektion und koordiniert die Arbeit der Sprachenzentren, die sprachgruppenübergreifend für deutsche und italienische Kindergärten und Schulen arbeiten.

Verena Platzgummer

Verena Platzgummer ist als Soziolinguistin am Institut für Angewandte Sprachforschung tätig und beschäftigt sich mit Sprachrepertoires und Sprachideologien sowie mit Sprache in der frühkindlichen Bildung.

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