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Wolf und Bär: gangbare Lösungen finden

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17 August 2021
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Schafe in hochalpiner Region: ein Idyll, das bald der Vergangenheit angehört? - © Wikimedia

Wolf und Bär in christlichen Heiligenlegenden: bloß fromme Geschichten?

Das Bärengehege bei Sankt Romedius im Nonstal im Trentino ist ein Magnet für Wallfahrer und Touristen, besonders für Kinder. Es erinnert an die Legende, dass der hl. Romedius von Thaur einen Bären, der sein Pferd gerissen hatte, kurzerhand dazu verdonnert hat, ihm anstelle des Pferdes als Lasttier zu dienen. Um das Leben des hl. Korbinian rankt sich eine ähnliche Legende. Und der hl. Franz von Assisi soll einen Wolf, der den Bewohnern von Gubbio das Leben schwer gemacht hat, gerügt und gezähmt haben. Bloß fromme Legenden? Weltfremde Naturromantik? Oder Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden zwischen Mensch und Tier? Zeugnisse für das jahrhundertelange, wenn auch nie konfliktfreie Auskommen mit den wilden Tieren?

Bär im Gehege von San Romedio im Nonstal © Youtube

Warum wurden Bär und Wolf bei uns ausgerottet?

Wolf und Bär polarisieren nicht erst heute. Es sind Großraubwildtiere, die uns mit der Natur konfrontieren, die stärker ist als wir und die uns nicht immer nur freundlich gesinnt ist, sondern auch bedrohlich und gefährlich sein kann. Viele Jahrhunderte lang lebten die Menschen im Alpenraum mit Wolf und Bär. Deren Präsenz war wohl nie problemlos, aber auch nie existenzgefährdend für die vorwiegend bäuerliche Bevölkerung. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Bär und Wolf bei uns ausgerottet. Mehrere Faktoren haben dazu geführt: die neuzeitlich-moderne Vorstellung der beherrschbaren und zu bezwingenden Natur; das Selbstverständnis des Menschen, der sich nicht mehr als Teil der Natur verstanden hat, sondern als ihr gegenüberstehend mit der Berechtigung, sie den eigenen Interessen zu unterwerfen; die Verbreitung volkstümlicher Märchen durch die Gebrüder Grimm, in denen der Wolf systematisch als Symbol des Bösen dargestellt wurde, auch wenn der Wolf zugleich Projektionsfläche einer romantischen Naturmystik blieb; schließlich die Ausbreitung des ursprünglich adeligen Jagdwesens, für das Wolf und Bär direkte Konkurrenten darstellten, und die Entwicklung von immer präziseren Jagdwaffen, die das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Tier zugunsten des Menschen verschoben.

Die Koexistenz mit dem Großraubwild verlernt

Seither haben sich sowohl die Landwirtschaft als auch das gesellschaftliche Leben tiefgreifend verändert, nicht zuletzt durch die Erschließung und Nutzung fast aller Regionen von den Talsohlen bis in die hochalpinen Regionen. Durch Trockenlegungen, Flussbegradigungen, Wildbachverbauungen, Lawinenschutz usw. haben wir versucht, die Natur zu bändigen und immer intensiver zu nutzen. Immer weniger Bauern müssen für eine immer größere Bevölkerung Nahrungsmittel produzieren. Eine wachsende Zahl von Bergbauern kann ihre Höfe nur im Nebenerwerb fortführen. Zudem hat sich die hiesige Bevölkerung – im Unterschied zu den meisten Regionen der Welt – daran gewöhnt, nicht mehr von Wildtieren bedroht zu werden.

Bär und Wolf: Bedrohung für die Zukunft der Landwirtschaft?

Es gibt mittlerweile aber auch ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass wir als moderne Gesellschaft unsere Beziehung zu Natur, Umwelt und Tieren neu bedenken müssen. Auf regionaler wie globaler Ebene betreiben wir mit den modernen Wirtschaftssystemen und der intensiven Landwirtschaft Raubbau an der Natur und beschleunigen den globalen Klimawandel, der die Welt als Lebensraum für immer mehr Menschen, aber auch Tier- und Pflanzenarten bedroht. Der Druck einer ökologischen Neuausrichtung nimmt sowohl auf die Obst- als auch auf die Berglandwirtschaft zu. Es wird nicht nur die Produktion gesunder Lebensmittel gefordert, sondern auch die Pflege und Erhaltung der Landschaft, die auch dann, wenn sie im Privatbesitz ist, als Lebens- und Erholungsraum insgesamt ein öffentliches Gut darstellt, das unser Land auszeichnet. Besonders werden Formen von Land- und Forstwirtschaft verlangt, die ökologisch nachhaltig sind und Artenvielfalt und Umwelt schützen. Ob wir den Konflikt um Bär und Wolf bewältigen, kann auch als Testfall angesehen werden, ob wir den Herausforderungen des Klimawandels mit all seinen Folgen auch in unseren Breitengraden gewachsen sein werden. Klimaschutz, Schutz der Biodiversität (zu denen Wolf und Bär gehören) und Ökologisierung der Landwirtschaft sind unterschiedliche Facetten ein und derselben Problematik. Langfristig stellen nämlich die Folgen der Klimaveränderung für die heimische Landwirtschaft ein stärkere Herausforderung und Bedrohung dar, besonders auch für die Bewirtschaftung der Almen (Stichwort Verbuschung und Verunkrautung etc.).

Der Wolf: Feindbild für einen, Projektionsfläche für eine romantische Naturmystik für die anderen? © Wikimedia

Extrempositionen überwinden

In den aktuellen Debatten zu Bär und Wolf stehen sich zwei Positionen unversöhnlich gegenüber: auf der einen Seite extreme Tierschützer (sie stehen nicht für die Mehrheit der Tierschützer), für die ein Abschuss eines Großraubwilds unter keinen Umständen in Frage kommt; auf der anderen Seite Vertreter der Berglandwirtschaft und zunehmend auch des Tourismus (obwohl es bislang keine Evidenz für eine negative Auswirkung auf den Tourismus gibt), die vehement eine wolfsfreie Region verlangen: „Bei uns gibt es keinen Platz für Bär und Wolf“, lautet die Devise. Lösungsvorschläge, die nicht jeglichen Abschuss von eingewandertem Großraubwild vorsehen, werden von vorneherein als nicht akzeptabel abgelehnt. Leidtragende dieser verhärteten Fronten und des seit Jahren ungelösten Problems sind in erster Linie die weiterhin nur unzureichend behirteten bzw. geschützten Nutztiere, die eine leichte Beute für den Wolf darstellen, und die Bauern, die Nutztierrisse zu beklagen haben und die angesichts fehlender Lösungsperspektiven verständlicherweise verärgert und verunsichert sind. Wobei zu bedenken bleibt, dass rein statistisch das Großraubwild bei Weitem nicht die Hauptursache der jährlichen Verluste an Nutztieren darstellt. Viel mehr Nutztiere kommen durch Abstürze, Blitzschlag etc. zu Tode.

Tierschutz als gemeinsamer Nenner in der Debatte

Beide aufgezeigten Extrempositionen und Verweigerungshaltungen sind zu überwinden. Tier- und Umweltschutzgruppen müssen die Situation und Bedenken der Bauern ernst nehmen, umgekehrt dürfen Umwelt- und Tierschützer, die sich gegen die Option eines „wolffreien Südtirols“ aussprechen, nicht als Naturromantiker oder „Wolfskuschler“ verschrien und als Feindbilde dargestellt werden. Es gilt schlicht, sich der Realität zu stellen und gangbare Lösungen zu erarbeiten, die auch rechtlich abgesichert sind und sich im Rahmen sowohl der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie als auch der Richtlinie über den Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere der EU bewegen. Ich plädiere für eine sachliche, wissenschaftsbasierte Diskussion, die den Tierschutz umfassend in den Blick nimmt – im Sinne des Vermeidens von Leid, Schmerz und Angst eines jeden (!) Tieres. Allerdings ist aus ethischer Perspektive zu differenzieren zwischen dem Leid, dass Beutegreifer den Beutetieren zufügen, wofür Tieren keine moralische Verantwortung zugeschrieben werden kann, und dem Tierleid, dass der Mensch in der Tierhaltung und Fleischindustrie ethisch zu verantworten hat. Leidverhinderung inkludiert, alle Möglichkeiten von Herdenschutz konsequent und langfristig umzusetzen, trotz Rückschläge und auch wenn sie keinen absoluten Schutz vor Rissen bieten. Das know how nimmt jedoch kontinuierlich zu und die finanziellen Ressourcen seitens der EU stehen bereit. Es bedarf zugleich aber auch einer dem konkreten Bestand angepassten Regulierung von geschützten Arten und einer diesbezüglichen Auslegung bzw. Adaptierung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU.

Debatte in breiteren Kontext einbetten

Die Debatte um Bär und Wolf muss meines Erachtens aber auch im breiteren Kontext der aufgezeigten gesellschaftlichen Entwicklungen verortet werden, die insgesamt eine Neubewertung unserer Beziehung zur Natur, Umwelt und den Nutz- wie Wildtieren erfordern.

(Der Beitrag wurde im Katholischen Sonntagsblatt der Diözese Bozen-Brixen Nr. 26/2021 erstveröffentlicht und für diesen Blog geringfügig überarbeitet.)

Martin M. Lintner

Martin M. Lintner ist Prof. für Theologische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen und setzt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Mensch-Tier-Beziehung und mit Fragen der Tierethik auseinander, z.B. im Buch Der Mensch und das liebe Vieh. Ethische Fragen im Umgang mit Tieren (Tyrolia 2017) oder zuletzt als Hg. des OpenAccess-Bandes Mensch – Tier – Gott. Interdisziplinäre Annäherungen an eine christliche Tierethik (Interdisciplinary Animal Ethics 1) (Nomos 2021).

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