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Kann man im Dialekt schreiben, wie man will?

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Kann man im Dialekt schreiben, wie man will?
Meran, Freiheitsstraße (Februar 2023) - Aivars Glaznieks

Wie man seinen Dialekt verschriftet, hängt wohl in erster Linie davon ab, welchen Zweck ein Text im Dialekt erfüllen soll: Handelt es sich um einen literarischen Text, wurde er zu Werbezwecken erstellt oder zur alltäglichen digitalen Kommunikation? Willkürlich wird jedoch nirgends geschrieben.

Dialekte werden zwar in erster Linie gesprochen, aber in der alltäglichen Verwendung sozialer Medien und digitaler Kommunikationsmittel auch geschrieben. Anfangs wurde das teilweise belächelt. Manche befürchteten gar, das Schreiben im Dialekt könne sich negativ auf das Schreiben in der Standardsprache auswirken – besonders bei jungen Menschen. Heute scheint das Schreiben im Dialekt in Südtiroler Alltags-Chats normal und weitgehend akzeptiert zu sein. Mittlerweile gibt es sogar Anzeichen dafür, dass der Dialekt auch in der analogen Welt häufiger geschrieben wird.

Die Verwendung von Dialekt in Marken- oder Geschäftsnamen und generell als Werbemittel im öffentlichen Raum – so mein persönlicher Eindruck – scheint zuzunehmen. Geht man zum Beispiel durch St. Walburg in Ulten, führt dort fast jedes Geschäft eine dialektale Schreibung im Namen: Es gibt einen Friseurlodn, ein Gemüseladele, ein Kosmetikstudio namens Feinhobm und ein Geschäft für Holzprodukte namens huamet. Neben dialektalen Geschäftsnamen findet man in Südtirol auch weitere dialektale Texte im öffentlichen Raum. Viele sollen ein spezifisches, meist junges, lokales Publikum ansprechen, um wie beispielsweise auf dem abgebildeten Foto eine Arbeitsstelle zu bewerben. Der Zweck solcher dialektalen Texte scheint klar zu sein: Es wird regionale Nähe vermittelt, die Texte sollen Identität stiften, die Angesprochenen sollen authentisch adressiert werden, also in der Alltagssprache der meisten deutschsprachigen SüdtirolerInnen. Doch gerade im kommerziellen Umfeld besteht häufig die Gefahr, dass der Dialekt seinen Zweck verfehlt und nur verwendet wird, um finanziellen Profit daraus zu schlagen.

Dabei ist die Verwendung von Dialekt in Texten nicht neu, sondern hat in literarischen Texten (z.B. in der Mundartdichtung von Maridl Innerhofer) und Karikaturen (z.B. in den satirischen Zeichnungen von HPD, die regelmäßig in der Wochenzeitung ff erscheinen) eine längere Tradition. Und auch seine Verschriftung ist alles andere als trivial, schließlich gibt es keine Orthografie, die die Dialektschreibung regelt. Wichtig ist, dass der Dialekttext vom anvisierten Publikum verstanden wird, was für das Schreiben wie auch für das Lesen sowohl Kenntnisse im Dialekt als auch in der Standardorthografie voraussetzt. Als Faustregel für das Verständnis könnte gelten: Je näher die dialektalen Texte am Standard bleiben, desto einfacher sind sie – auch für Ungeübte – zu lesen. Man vergleiche nur einige Texte von Maridl Innerhofer mit den Korrnrliadrn von Luis Stefan Stecher.

Auch in der digitalen Kommunikation wird der Dialekt normalerweise nicht einfach irgendwie verschriftet. Selbst in dialektalen Facebook- oder WhatsApp-Nachrichten tritt die orthografische Grundausbildung der Schreiberinnen und Schreiber, die sie für die Standardsprache gelernt haben, zu Tage – Schreiben im Dialekt ist daher alles andere als willkürlich. Im Gegenteil: Es scheinen sich langsam Konventionen herauszubilden, die unausgesprochen bestimmen, wie der Dialekt in digitaler Kommunikation verschriftet wird. Zum Beispiel wir der s-Laut vor den Konsonanten p, t, k im Dialekt zwar als „sch“ gesprochen (wie in „Luscht“ in der Abbildung oben), wird aber in den von uns untersuchten Facebook- und WhatsApp-Nachrichten meist wie im Standard, also Lust oder lust, aber nicht Luscht, geschrieben. Die Verdumpfung von a-Lauten hingegen wird, wie in dem abgebildeten Beispiel donn, überwiegend mit o realisiert, manchmal wie in der Standardorthografie mit a – nie aber mit å wie in den erwähnten Karikaturen von HPD.

Um zur Eingangsfrage zurückzukehren: Kann man im Dialekt schreiben, wie man will? Die Orthografie regelt die Schreibung von Wörtern in der Standardsprache, ihre Regeln sind verbindlich in offiziellen Texten. Im Alltag hingegen können alle schreiben, wie sie wollen, gleich welche Varietät, also Standard oder Dialekt, sie dabei wählen. Trotzdem scheint sich in Alltagstexten ein Konsens darüber herauszubilden, wie Wörter im Dialekt zu schreiben sind. Dabei spielt wiederum die Standardorthografie eine große Rolle, deren Prinzipien auch bei der Verschriftung von Dialekt greifen. Das alltägliche digitale Schreiben im Dialekt spiegelt also die hohe Literalität der Schreibenden wider, auch wenn es für manche wie Kraut und Rüben ausschauen mag.

Aivars Glaznieks

Aivars Glaznieks

Aivars Glaznieks kommt ursprünglich aus dem Allgäu. Er hat Germanistische Linguistik in München studiert und nach bestandener Promotion von seiner Familie ein T-Shirt mit der Aufschrift Mehr als a Allgaier ka a Mensch it wera! bekommen. Auch wenn er es nicht wagt, dieses T-Shirt in Südtirol zu tragen, begleitet ihn seitdem der geschriebene Dialekt auf Schritt und Tritt.

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Citation

https://doi.org/10.57708/bmuy6lg5st3q49wfmfatl9q
Glaznieks, A. Kann man im Dialekt schreiben, wie man will? https://doi.org/10.57708/BMUY6LG5ST3Q49WFMFATL9Q

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