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Wie viele Übersetzer braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln?

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Wie viele Übersetzer braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln?
Je nach Kontext können Wörter teils sehr unterschiedlich übersetzt werden. - © unsplash.com

Seit ich während der Uni-Zeit die auf mein Berufsfeld bezogene Version dieses bekannten Witzes zum ersten Mal gehört habe, kommt sie mir sowohl in meinem Berufsalltag als auch in meinem Privatleben immer wieder in den Sinn. Na, wer kennt die Antwort?

Für alle Neugierigen löse ich den Witz gleich zu Beginn des Beitrags auf, denn eigentlich gibt es auf diese Frage nur eine logische Antwort: „Naja, das kommt auf den Kontext an.“ Wer praktische Erfahrungen im Bereich Übersetzen oder allgemein mit mehrsprachiger Kommunikation hat, wird den Witz vermutlich verstanden haben und erahnen, worum sich dieser Beitrag drehen wird. Eigentlich hätte der Titel dieses Beitrags nämlich genauso gut lauten können: „Warum ist der Kontext beim Übersetzen so wichtig?“.

Die Berücksichtigung des Kontextes ist einer der wichtigsten Faktoren, die uns Menschen beim Übersetzen in den meisten Fällen (noch) von der Maschine unterscheiden. Das ist ein entscheidender Punkt, denn bereits scheinbar einfache Wörter aus dem Grundwortschatz einer Sprache können beim Übersetzen große Hürden darstellen. Ein Beispiel dafür ist das Wort Kind. Auch wenn es auf den ersten Blick sehr einfach erscheinen mag, stellt es uns vor eine beachtliche Übersetzungsschwierigkeit: Ist das Kind nun ein Mädchen oder ein Junge? Im Italienischen gibt es beispielsweise keine geschlechtsneutrale Bezeichnung, das heißt, Kind kann sowohl bambino (Junge) als auch bambina (Mädchen) bedeuten. Woher können wir also wissen, ob wir die männliche oder die weibliche Form verwenden müssen? Das ist nur möglich, wenn wir uns den kontextuellen Rahmen anschauen: Wird das Wort Kind im Laufe des Textes an einer Stelle explizit durch ein anderes Wort ersetzt (z. B. durch „das Mädchen“/„der Junge“, durch einen männlichen bzw. weiblichen Vornamen oder etwa durch ein Pronomen wie „er“/„sie“ oder „sein“/„ihr“)? Solche kleinen Hinweise können Aufschluss darüber geben, wie wir Kind nun beispielsweise ins Italienische übersetzen sollen.

Noch ein bisschen schwieriger wird es beispielsweise beim Wort Frau. Auch das scheint einfach zu übersetzen zu sein, da es ein sehr häufig gebrauchtes Wort ist, das normalerweise in den ersten Lektionen eines Sprachkurses auftaucht. Aber Achtung: In Italienisch könnte ich beispielsweise sowohl donna als auch moglie oder signora verwenden – je nach Kontext eben. Handelt es sich einfach nur um eine weibliche, erwachsene Person, ist eine verheiratete Frau gemeint oder wird Frau als Anrede verwendet? Hier helfen uns die Hinweise vom oben genannten Beispiel Kind nur begrenzt weiter. Natürlich könnte Frau explizit durch „Ehefrau“ ersetzt werden, aber das ist auch schon alles. Ihr Vorname oder die Pronomina „sie“/„ihr“ usw. helfen uns in diesem Fall nicht weiter. Hier müssen wir auch die Wörter in unmittelbarer Nähe unter die Lupe nehmen und uns fragen, ob uns diese einen Hinweis liefern. Kommt Frau zum Beispiel hinter dem Pronomen seine vor („seine Frau“)? Oder steht Frau in Kombination mit Mann („Mann und Frau“)? Dann wird es sich wahrscheinlich konkret um die Ehefrau handeln. Steht Frau hingegen beispielsweise am Anfang eines Briefes („Sehr geehrte Frau xy“), ist die italienische Entsprechung womöglich „Gentile signora xy“. Ob wir aber in allen anderen Fällen einfach donna schreiben können? Das bleibt die Frage …

Wie diese kurzen Beispiele gezeigt haben, gibt es Wörter, die mehrere Bedeutungen zugleich haben können, auch wenn diese Bedeutungsunterschiede teilweise nur sehr klein sind. Nun ist es aber so, dass nicht alle Wörter in unterschiedlichen Sprachen gleichermaßen mehrdeutig sind, wie eben beispielsweise Kind und Frau im Deutschen und Italienischen. In den meisten Fällen hilft uns nur der Kontext dabei, zu erkennen, welche Bedeutung in einem bestimmten Fall gemeint ist und welches Wort in der anderen Sprache am besten passt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine der Standard-Antworten einer jeden Übersetzerin bzw. eines jeden Übersetzers lautet: „Naja, das kommt auf den Kontext an“.

Marlies Alber

Marlies Alber

Übersetzerin und Terminologin für Deutsch, Italienisch und Spanisch mit einer besonderen Leidenschaft für „kleine“ Sprachen wie Ladinisch oder Baskisch und einem Herz für Tiere.

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Citation

https://doi.org/10.57708/bcmxxh_p9rymeinxbxza2pw
Alber, M. Wie viele Übersetzer braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln? https://doi.org/10.57708/BCMXXH_P9RYMEINXBXZA2PW

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