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Interpretieren mehrsprachige Menschen Aussagen anders, als sie gemeint sind?

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Interpretieren mehrsprachige Menschen Aussagen anders, als sie gemeint sind?
Missverständnisse - © rawpixels.com

Die Frage klingt zugegebenermaßen etwas plakativ, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken – gerade in einer Zeit, in der wir immer häufiger mit Menschen, die andere Erstsprachen (L1) haben, zu tun haben. Missverständnisse werden aber häufig nicht als solche erkannt, da pragmatische Nuancen oft durch grammatikalische Korrektheit verdeckt werden.

Neben den uns allen bekannten Vorteilen des Sprachenlernens, gibt es noch einen anderen Aspekt, der etwas weniger bekannt ist, aber genauso wichtig ist: nämlich die Interpretationsstrategien und das Verhalten mehrsprachiger Menschen, mit denen sich die Pragmatik beschäftigt. „Pragmatik, was ist das?“ werden sich nun manche fragen.

Die Pragmatik ist jenes Teilgebiet der Linguistik, das sich mit nichtwörtlichen und kontextabhängigen Bedeutungen beschäftigt. Ein kurzes Beispiel, das für die Pragmatik interessant ist: Die Lehrerin kommt am Tag nach der Prüfung in die Klasse und sagt: „Einige von euch haben die Prüfung bestanden“. Wie würdest du diese Aussage interpretieren? Wahrscheinlich würdest du zusammenzucken und glauben, dass nicht alle die Prüfung bestanden haben. Du hast also pragmatisch interpretiert. Aber das ist nicht die einzig mögliche Interpretation: Rein logisch betrachtet könnte die Lehrerin auch gemeint haben, dass alle die Prüfung bestanden haben, denn „einige“ bedeutet nach den Schlussregeln der Logik „einige und möglicherweise alle“, pragmatisch aber „einige und nicht alle“. Es liegt also auf der Hand, dass hier große Missverständnisse entstehen können, vor allem dann, wenn man die jeweilige Sprache noch lernt und die pragmatischen Nuancen nicht immer so interpretieren kann, wie sie vom Gegenüber gemeint sind.

Ein weiterer, nicht minder wichtiger Aspekt ist die Theorie, dass die Interpretationsstrategien zum Teil von der Sprache selbst abhängen. Das Englische neigt dazu, Aussagen wörtlich zu interpretieren, während die romanischen Sprachen (z.B. Spanisch, Portugiesisch, Italienisch) eher als pragmatisch gelten (ob dies eine Sprachfamilienfrage ist, bleibt offen) - solche Verallgemeinerungen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, zumal die Forschung auf diesem Gebiet noch in den Kinderschuhen steckt. Nimmt man diese Theorie für bare Münze, so ist es durchaus denkbar, dass eine Person, die nicht im Kindesalter bilingual wird (late bilingualism), Äußerungen anders interpretiert, als sie gemeint sind - und zwar nicht aufgrund mangelnden Wortschatzes, sondern aufgrund anderer Interpretationsstrategien, die entweder kognitiv bedingt oder eben durch die jeweilige Erstsprache.

Die im Titel gestellte Frage kann also mit „jein“ beantwortet werden, denn tatsächlich ist die Situation etwas differenzierter zu betrachten: Neuere Studien zeigen, dass nur diejenigen, die ihre zweite Sprache (L2) gelernt haben und fully immersed in dem Land leben, in dem diese Sprache gesprochen wird, solche abweichenden Interpretationsstrategien zeigen – also: fully immersed late bilinguals tend to interpret logically rather than pragmatically. (Gleiches gilt natürlich für jede weitere später erlernte Sprache.)

Dies hängt nach heutigem Wissensstand mit den mentalen Kapazitäten zusammen, die für das Sprechen einer L2 aufgewendet werden müssen. Da das Gehirn bereits ausgelastet ist (tatsächlich berichten viele von Kopfschmerzen und Müdigkeit am Ende des Tages) und eine pragmatische Interpretation tendenziell mehr kognitiven Aufwand erfordert, interpretiert das Gehirn von L2-Sprecher:innen logisch.

Ganz anders verhält es sich bei early bilinguals, bei denen bereits im frühen Kindesalter Vorteile in der kognitiven Entwicklung, insbesondere in den Exekutivfunktionen zu beobachten sind. Aber auch hier ist sich die Forschung nicht einig. Sicher ist jedenfalls, dass mehrsprachige Menschen eine höhere kulturelle Sensibilität aufweisen, was sich natürlich auch auf Denkmuster auswirken kann.

In der Tat ist dies ein Thema, mit dem sich vor allem die experimentelle Pragmatik auch in jüngster Zeit intensiv beschäftigt. Es gilt also, Augen und Ohren offen zu halten.

Sophie Braterschofsky

Sophie Braterschofsky

Pragmalinguistin im Herzen und generell fasziniert von fast allem, was sich an der Schnittstelle von Kultur und Sprache abspielt. Im Zug zwischen Wien und Florenz erwischt man sie höchstwahrscheinlich beim Stricken ihres siebenundachtzigsten Wollpullovers und beim Lauschen eines Polit-Podcasts.

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  • Ask a Linguist

Citation

https://doi.org/10.57708/b148658622
Braterschofsky, S. Interpretieren mehrsprachige Menschen Aussagen anders, als sie gemeint sind? https://doi.org/10.57708/B148658622

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