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Anbau und Verarbeitung der Vinschger Marille

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Anbau und Verarbeitung der Vinschger Marille
Zum Reinbeißen: saftige Marillen, pflückfrisch vom Baum - © Gianni Bodini

Jetzt, Mitte April, wirkt alles ruhig auf dem Laaser Kandlwaalhof – wie aber muss es im Zeitraum Juli bis September und in den Oktober hinein zugehen? Dann sind vermutlich alle Familienmitglieder, Angestellten und Helfer von früh bis spät auf den Beinen, um die großen Mengen Obst, Gemüse und Kräuter, die hier angebaut werden, zu klauben, zu entsteinen, zu schneiden, zu verkochen, abzufüllen, abzupacken, auszuliefern. Denn die Marillen, aber auch die Weirouge-Äpfel, Palabirnen und viele andere der hier angebauten Köstlichkeiten sind nicht lange lagerfähig und müssen schnell verarbeitet werden.

Sie prägen die Kulturlandschaft vor allem am Vinschger Nördersberg: Marillenbäume © Gianni Bodini

Ich treffe Karl Luggin inmitten seiner Apfelplantagen, die er nach den Kriterien des Bioland-Verbands bewirtschaftet. Mit ihm möchte ich mich über den Anbau der Marillen unterhalten. Zwischen 250 und 300 Bäume in Mittelstammkultur sind im Besitz der Familie, darunter selbstverständlich und schwerpunktmäßig die Vinschger Marille und die Bergmarille. Gut so!

Denn zwischenzeitlich sah es gar nicht gut aus für den Marillenanbau im Vinschgau, immerhin eine jahrhundertealte Tradition. Zu stark war die ‚Konkurrenz der Äpfel‘. „Nur Äpfel zu produzieren, das ist mir zu wenig“, sagt Karl hierzu. „Ich kenne sie noch aus meiner Kindheit: die Getreideäcker mit den Marillenbäumen darauf. Auch mein Vater, der den Hof 1959 an seinem heutigen Standort errichtete, baute Marillen an. Auch wenn es heute Wiesen sind, und keine Äcker mehr: Dieses Erbe gibt man nicht so einfach auf.“

Wir betreten die ‚Heiligen Hallen‘ des Hofes, in denen die Obst- und Gemüse-Schätze verarbeitet werden. Der Duft von getrockneten Äpfeln steigt mir in die Nase. In der Ecke steht eine Ölmühle. Hier presst Karl die Marillenkerne, wodurch er wertvolles Öl für den Eigenbedarf gewinnt. Auch eine Senfmühle steht hier.

Die Hände voller sonnenverwöhnter Delikatessen © IDM Südtirol-Alto Adige/Armin Huber

„Ich kenne sie noch aus meiner Kindheit: die Getreideäcker mit den Marillenbäumen darauf. Auch wenn es heute Wiesen sind, und keine Äcker mehr: Dieses Erbe gibt man nicht so einfach auf. Nur Äpfel zu produzieren, das ist mir zu wenig.“

Karl Luggin, Laas

Um die Jahrtausendwende nämlich fasste Karl den Entschluss, sich auf die Veredelung der von ihm angebauten Erzeugnisse zu spezialisieren. Sukzessive entstand auf diese Weise eine sehr breite Produktpalette, die heute von naturbelassenem Apfelsaft über getrocknete Marillen, Palabirnen, Erdbeeren, Äpfel, Pflaumen und Kirschen bis hin zu Marillen-, Birnen- oder Kräutersenf und sogar Popcorn reicht. Besonders bemerkenswert ist die große Auswahl an unterschiedlichen Essigen – in ihrer Vielfalt ein Alleinstellungsmerkmal im Vinschgau. Natürlich findet sich darunter auch ein Marillenessig. „Unsere Essigmutter stellen wir selbst her“, erläutert mir Karl.

Dabei ist es nicht zuletzt diese Experimentierfreude und Innovationskraft, die dafür gesorgt hat, dass manch Neues, wie die Weirouge-Äpfel, seinen Weg in den Vinschgau gefunden hat – und Altbewährtes wie die Vinschger Marille, deren Schicksal vor rund 20 Jahren so ungewiss war, nicht verschwunden ist. Sondern ganz im Gegenteil: heute wieder eine lohnenswerte Frucht mit Perspektive ist.

Hüter der Vielfalt: Karl Luggin, Laas

Einen guten Überblick über die Produkte des Kandlwaalhofs erhält man auf der Webseite. Die Produkte lassen sich vor Ort im Hofladen erwerben: Unterwaalweg 10, 39023 Laas, geöffnet Montag bis Samstag von 8 – 12 und von 13:30 – 18 Uhr (Montag bis Freitag); außerdem im Vinschger Bauernladen und in den Filialen von Pur Südtirol.

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer Serie zur Ausstellung "Hüter der Vielfalt". Diese wird im Rahmen des Interreg Italien-Schweiz-Projekts „Living Intangible Cultural Heritage“ unter der Leitung von Eurac Research realisiert. Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die vom 15. Juli bis 14. Oktober 2022 im Vinschgau und der Val Mustair stattfindet. Projektpartner sind die Region Lombardei, die Region Aostatal und Polo Poschiavo.

Die Wanderausstellung wird an folgenden Orten gezeigt:

  • 15.–31. Juli 2022: Karthaus, Kreuzgang der Kartause Allerengelberg
  • 06.-07. August 2022: auf dem Festival „Marmor und Marillen" in Laas
  • 03.–18. September 2022: auf den Palabiratagen in Glurns
  • 02.–14. Oktober 2022: auf dem Erntedankfest und in der Chasa Jaura in Valchava
Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt arbeitet am Institut für Regionalentwicklung zur großen Vielfalt der Thematik ‚Lebendiges Kulturerbe‘.

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Citation

https://doi.org/10.57708/b122237845
Schmidt, R. Coltivazione e trasformazione dell’albicocca della Val Venosta . https://doi.org/10.57708/B122237845

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