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Nils Holgersson und die wegweisenden Graugänse

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Nils Holgersson und die wegweisenden Graugänse
©Basil Huwyler -

….und es hat Zoom gemacht….gut vorstellbar, nachdem gemeinsam mit Klaus Lage die Nacht durchgetanzt wurde…aber nach dem Lesen von Büchern? Doch! Der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper verliebte sich angeblich in Selma Lagerlöf, berauscht von den Erzählungen über Nils Holgersson, Jagdhund Karr und Elch Graufell. Und der Verhaltensforscher Konrad Lorenz verliebte sich in die Graugänse der schwedischen Autorin. Für ihn war klar als er mit Holgersson und den Wildgänsen mitflog: Tiere sind auch Menschen.

Lektüren in der Kind- und Jugendzeit können also ganz schön den Kopf verdrehen oder richtiger, den entscheidenden Dreh möglicherweise für das ganze Leben geben. Wir wissen aus Autobiographien, dass einige wissenschaftliche Karrieren begannen, weil ein literarisches Werk bewusst oder unbewusst eine berufliche Leidenschaft entfachte. (Sind Wissenschaftlerninnen davon vielleicht in besonderem Gerade betroffen?). Kollege Josef Prackwieser (Center für Autonomy Experience) verriet mir, dass so manche/r Historikerin den Pfad der Geschichte nach der Lektüre von Umberto Ecos Name der Rose einschlug. Nicht immer sind die belletristischen Folgen so lebens- und berufsbestimmend. Aber welche Wechselwirkungen bestehen eigentlich zwischen Autorinnen und ihren Werken und Wissenschaftlerinnen? Noch spezifischer gefragt: Wie beeinflussen Romane, Gedichte oder Erzählungen das, was wir wissen? Oder anders gefragt: Welches Wissen können die Leserinnen aus der Literatur gewinnen?

Dass gelungene Romane und Erzählungen vor ihrer Publikation nicht nur Ergebnis von Einfallsreichtum und Kreativität sind, sondern auch eines langen Rechercheprozesses und von wissenschaftlichen Erkenntnissen inspiriert, kann, muss angenommen werden. Davon ist Christine Vescoli, Geschäftsführerin und Programmleiterin von Literatur Lana, überzeugt. Und das hat Geschichte. Elias Canetti schreibt in seinem Essay „Realismus und neue Wirklichkeit“, dass die realistischen Romanciers Balzac und Zola sich stark an den damaligen Forschungsstand anlehnten. Er führt Balzac an. Der wollte in „La Comédie humaine“, „die menschliche Gesellschaft so genau untersuchen und klassifizieren wie der Zoologe das Tierreich“. Oder Zola, der sich im „Roman expérimental“ eng an die Größen der wissenschaftlichen Physiologie orientiert. Unter Umständen kann das auch so weit gehen, dass Wissenschaftler*innen Autor*innen wegen Plagiats verklagen. Das geschah zum Beispiel 2005. Der Hamburger Meeresbiologe Thomas Orthmann war überzeugt, dass Frank Schätzing in seinem Climate-Fiction-Bestseller „Der Schwarm“ zu großzügig seine wissenschaftlichen Ergebnisse verwendete.

Wie fördern fiktionale, belletristische Texte, vor allem realistische Darstellungen, die Erkenntniserweiterung in der Wissenschaft?

Recherche und Rückgriff auf Wissenschaft oder fundierte Informationen sind für viele Autoren*innen also essenziell -, auch wenn seit je her literaturwissenschaftlich kontrovers die Frage verhandelt wird, ob fiktionale Texte überhaupt Wissen vermitteln können. Um diesbezüglich die „Authentizität“ ihres Werkes zu beweisen, legen sie gelegentlich ihr Vorgehen fast in wissenschaftlicher Manier dar. Sie erklären im Vor- oder Nachwort, was sie getan haben, in welchen Archiven sie gestöbert oder mit wem sie gesprochen haben. Manche Autoren*innen heben mit der Angabe der Informations- bzw. Datenquellen (und wissenschaftlichen Berater*innen) und Erklärungen über ihr Vorgehen bei der Recherche in der Manier von Wissenschaftler*innen hervor, wie wichtig ihnen diese Punkte als Kriterien für die Authentizität und Plausibilität ihrer Werke sind („Authentizitätsmarker“). Beispiele sind Selma Mahlknecht im Vorwort von „Fö“ (2023) und Marco Balzano im Nachwort in „Ich bleibe hier“ (2020). Selbst wenn sie, wie z.B. im Fall von Maddalena Fingerle („Lingua Madre“, 2021), von historischen Ereignissen oder Fakten abweichen, wird das im Roman vermerkt („In questo romanzo alcuni avventimenti e fatti storici sono stati modificati ai fini della narrazione.“).

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Thomas Streifeneder, Leiter des Instituts für Regionalentwicklung begrüßt die TeilnehmerInnen des Workshops© Eurac Research
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Konzentrierte TeilnehmerInnen© Eurac Research
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Christine Vescoli und Sepp Mall© Eurac Research

Aber wie sieht es umgedreht aus? Wie fördern fiktionale, belletristische Texte, vor allem realistische Darstellungen, die Erkenntniserweiterung in der Wissenschaft? Nutzen oder profitieren Wissenschaftler von belletristischen Werken bzw. literarischem Wissen, das erkenntnisreiche literarische Texte womöglich ein anderes, spezifisches (Fach-)Wissen vermitteln? Zu diesen und anderen Fragen fand letzte Woche der Internationale Workshop: Literatur & Wissen(schaft)statt. Das Institut für Regionalentwicklung und das Center for Autonomy Experience haben gemeinsam mit Literatur Lana die Tage vom 26. und 27.10. 2023 rund um dieses interdisziplinäre Thema gestaltet. Weitere wichtige beteiligte Partnerinstitutionen waren die Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung (SAAV), Universität Zürich, Freie Universität Bozen und das Naturmuseum. Finanzielle Unterstützung kam vom Amt für deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen und der Stiftung Südtiroler Sparkasse.

Lesungen von Südtiroler Werken zu den Themen Südtiroler Geschichtsroman (Sepp Mall „Ein Hund kam in die Küche“), narrative Landschaftsräume der Berge, der Dolomiten und Ladiniens (Ivan Senoner „L testamënt dl lëuf / Das Testament des Wolfes“) und die Transformation ländlicher Umwelt und Lebensräume („Nauz“ und „Synkope“ von Roberta Dapunt und Oswald Eggers „Val di Non“) eröffneten die jeweiligen Sessions. Im Anschluss diskutierten Wissenschaftler und Autorinnen fachübergreifende Fragen an der Schnittstelle von Literatur und Wissenschaft: Können Kunst und Wissenschaft voneinander profitieren und wenn ja, wie? Welche neue Einsichten eröffnen sich Autorinnen und Wissenschaftlerinnen durch das wechselseitige Erforschen ihrer Sichtweisen, Verständnisse und Perspektiven? Naturmuseum, Freie Universität Bozen und das Romanische Seminar der Universität Zürich (Rätoromanische Literatur und Kultur) kuratierten außerdem zwei Seminare zum Nature Writing bzw. Naturkultur und Südtiroler Literaturen in der Nachkriegszeit. Robert Prosser stellte sein aktuelles Buch „Verschwinden in Lawinen“ als musikalische Lesung und Bühnenstück begleitet von einem Drummer in einer Performance vor.

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Robert Prosser und Lan Sticker© Eurac Research
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Workshop: Literatur & Wissen(schaft) 2023 - Lan Sticker, Robert Prosser, Thomas Streifeneder, Christine Vescoli, Josef Prackwieser (v.l.)© Eurac Research

Stilistisch gelungene und erkenntnisreiche Literatur sowie Bücher, die Wissenschaftlerinnen in den Mittelpunkt stellen sind publikumswirksam und erreichen viele Menschen. Das unterscheidet Literatur von wissenschaftlichen Medien wie Fachartikeln, Sachbüchern, Essays usw. Deshalb verbindet sich mit dem Workshop und der geplanten Publikation die Hoffnung das Interesse an Forschungsthemen zu fördern und diese mittels der Literatur einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Weitere Veranstaltungen u.a. zur italienischen Literatur, Climate-Fiction und Migrationsthematik sind geplant.

Streifeneder Thomas

Streifeneder Thomas

Thomas Streifeneder ist der Leiter des Instituts für Regionalentwicklung und konzentriert sich vor allem auf Forschungsthemen wie ländliche und regionale Entwicklung, Agrargeographie, Sozioökonomie in ländlichen und Berggebieten und literarische Geographie. Er arbeitet unter Anderem an den Themen des Agrotourismus und der Literatur im Alpenraum.

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https://doi.org/10.57708/bopqpvs_ttcctuxhhmoxyhw
Streifeneder, T. Nils Holgersson und die wegweisenden Graugänse. https://doi.org/10.57708/BOPQPVS_TTCCTUXHHMOXYHW
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