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Agrotourismus, aber bitte authentisch!

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Agrotourismus, aber bitte authentisch! - © Basil Huwyler

Ein Gruppe von Experten für den Urlaub auf dem Bauernhof hat gerade ein Positionspapier veröffentlicht, um authentischen Agrotourismus zu fördern. Dabei steht der bewirtschaftete landwirtschaftliche Familienbetrieb im Zentrum des touristischen Angebotes.

Agrotourismus oder Urlaub auf dem Bauernhof steht in Europa hoch im Kurs. Weltweit werden Vereinigungen gegründet, um dieses nachhaltige Tourismusangebot im ländlichen Raum zu entwickeln. Die Unterschiede sind aber groß. Jeder Staat und viele Regionen haben ihre eigenen Definitionen und Regeln. Eindeutige internationale Vorgaben, auch auf europäischer Ebene, existieren nicht. Selbst die EU ist sich nicht einig. Sie spricht einmal von der notwendigen Entwicklung von “Agrartourismus” und ein anderes Mal will sie die „Landwirtschaft und ländlichen Tourismus durch die Förderung eines nachhaltigen und verantwortungsvollen Tourismus im ländlichen Raum zusammenbringen”. Politiker betonen die Bedeutung des Agrotourismus, damit vor allem kleine Familienbetriebe zusätzliche Einkommen auf den Höfen erwirtschaften können.

Klärung statt Verklärung – ein Dokument definiert grundlegende Merkmale und Ziele
Eine Gruppe von internationalen Experten will deshalb mehr Klarheit schaffen, was genau gemeint ist. Zu ihr gehören Vertreter agrotouristischer Vereinigungen mit Marketingkompetenz aus dem deutsch- und italienischsprachigen Raum sowie Wissenschaftler aus Europa und Amerika. Sie untersuchen, wie der Tourismus im ländlichen Raum nachhaltiger werden kann. Vor Kurzem einigten sie sich in einem Positionspapier auf wesentliche Merkmale. Außerdem formulieren sie nachhaltige Ziele, Nutzen und Potentiale, die mit Urlaub auf dem Bauernhof erreicht werden können.

Die Schlüsselmerkmale eines authentischen Agrotourismus
Authentischer Agrotourismus bedeutet: ein voll funktionsfähiger landwirtschaftlicher Betrieb, der zwar ein touristisches Angebot hat, aber dessen Einkünfte großteils aus der Landwirtschaft stammen. Nur dann kann der Gast seinen Urlaub in einer unveränderten landwirtschaftlichen Umgebung verbringen. Sie wirkt konsistent, also Hof, die landwirtschaftlichen und touristischen Tätigkeiten bilden eine sinnvolle, harmonische und widerspruchsfreie Einheit. Betriebe, die nur noch einen Esel oder eine Katze und kaum Merkmale eines richtigen Bauerhofes haben, gehören nicht dazu. Die Lebens -und Wirtschaftsweise des Bauernhofes ist durch eine enge Verbindung mit der lokalen Kultur und dem ländlichen Lebensstil charakterisiert. Agrotourismus schafft eine zusätzliche landwirtschaftliche Einkommensmöglichkeit auf dem Hof und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass:

  • ein persönlicher Austausch zwischen dem Landwirt und dem Gast und damit zwischen sozial unterschiedlichen Gruppen entsteht und verstärkt wird,
  • die landwirtschaftlichen Praktiken, Traditionen und Kenntnisse aktiv und auf partizipativer Weise erfahren werden,
  • die Gäste also dazu eingeladen werden, am Leben auf dem Bauernhof teilzunehmen und Landwirtschaft hautnah zu erleben,
  • dadurch die Umweltbildung und ein vertieftes Verständnis der Mensch-Umwelt-Beziehungen gefördert werden und
  • genuine landwirtschaftliche Produkte vom Hof verköstigt und erworben werden können.

Eine internationale Plattform zum Agrotourismus
Darüber hinaus geht es auch darum, eine internationale Plattform im Sinne eines Experten-Netzwerkes aufzubauen und die Agrotourismus-Webseite kontinuierlich weiter zu entwickeln. Damit wird ein regelmäßiger länderübergreifender Austausch und Informationsdienst über Praktiken und Analysen von Agrotourismus entwickelt. Integrativer Bestandteil sind regelmäßige internationale Konferenzen und Workshops in Bozen und in anderen Ländern. Das Positionspapier ist das Resultat intensiver Beratungen im Anschluss an den ersten Weltkongress zum Agrotourismus, der Anfang November 2018 an der Eurac stattgefunden hat. Mit diesem Positionspapier legt die Expertengruppe den Grundstein für eine einheitliche Regelung des Sektors auf europäischer und internationaler Ebene.

Die Notwendigkeit klarer Regeln
Warum soll etwas international geregelt werden, was sich bisher auch ohne länderübergreifendes Reglement erfolgreich entwickelt hat? Warum etwas vereinheitlichen, was eventuell Ausdruck der kulturellen Vielfalt des ländlichen Raumes ist? Die Notwendigkeit eindeutige Merkmale zu definieren ist eng mit der exponentiellen Entwicklung und der Kultur der ruralen Gebiete verbunden.

Den Erfolg des Sektors und die enorme Nachfrage nutzen manche Anbieter, Touristen mit ähnlichen Angeboten zu locken, die wenig oder nichts mit einem authentischen Urlaub auf dem Bauernhof zu tun haben. Es geht also einerseits darum, diejenigen zu schützen, die gerne einen Urlaub auf einem Hof verbringen wollen, der noch bewirtschaftet wird und der einen Einblick in die landwirtschaftliche Lebens- und Arbeitswelt ermöglicht. Andererseits werden damit auch die Interessen der Anbieter verteidigt, die eben eine agrotouristische Tätigkeit in diesem Sinne anbieten. Damit wird es außerdem möglich, gezielt die richtigen Betriebe zu fördern und auch statistisch die Entwicklung im Sinne eines Monitorings zu erfassen. Dem Gast die ländliche, bäuerliche Kultur nahe zu bringen, die hofeigenen Produkte und die traditionelle Kulinarik zu vermitteln, spielt bei einem authentischen Urlaub auf dem Bauernhof Angebot eine große Rolle. Deshalb ist dieses deutlich von anderen touristischen Angeboten im ländlichen Raum zu unterscheiden, die diese Leistungen und Merkmale nicht erfüllen. Nur so können Touristen ländliche Gebiete abseits der Tourismuszentren kennenlernen. Und zwar ganz authentisch.


Thomas Streifeneder Regional Development Agriculture Eurac research BlogsThomas Streifeneder ist Wirtschaftsgeograph und leitet das Eurac-Institut für Regionalentwicklung. Ihn beeindrucken engagierte Menschen im ländlichen Raum, Querdenker, die etwas wagen. Mit seinen Posts will er auf innovative soziale und ökologische Initiativen hinweisen und damit andere zum Umdenken inspirieren. Besonders interessiert ihn, wie die ländlichen Lebens- und Wirtschaftsweisen in der Prosa darstellt werden, wie genau sie diese wahrnimmt und welche Aussagen damit gemacht werden.

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