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Um welche Natur geht es euch eigentlich?

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Um welche Natur geht es euch eigentlich?
Es ist gar nicht so einfach, Natur zu definieren. Sind der Mensch und sein Handeln Teil der Natur oder nicht? Welche Natur ist schützenswert? Und wie passt Übernatürliches ins Konzept, wie es etwa dem Hexenstein in den Dolomiten nachgesagt wird? - © Philipp Pliger

Der Naturschutz in Südtirol leidet unter denselben Problemen wie der Naturschutz überall. Es werden verschiedene und mitunter widersprüchliche Konzepte von Natur verwendet und miteinander verglichen. Am Ende haben dann irgendwie alle recht. Oder eben niemand. Die Gefahr bei solchen Wirren ist, dass dann das passiert, was beim Naturschutz viel zu oft der Fall ist: gar nichts.

Natur zu definieren, ist gar nicht so einfach. Vor dem Weiterlesen lade ich Sie deshalb dazu ein, kurz innezuhalten und folgende Frage zu beantworten: Was ist Natur?

Wahrscheinlich stimmen Ihre Überlegungen mit der weitaus bekanntesten dualistischen Definition überein: Natur beschreibt demnach alles, was nicht Mensch oder vom Menschen erschaffen ist. Bereits der Römische Staatsmann Cicero machte einen Unterschied zwischen Kultur und Natur. Man findet ihn auch im Gegensatzpaar Zivilisation und Wildnis. In Zeiten des menschgemachten Klima- und Weltenwandels ist diese Unterscheidung jedoch nicht so einfach aufrechtzuerhalten. Studien zeigen, dass bereits etwa 77 Prozent aller Landflächen und 87 Prozent der Ozeane durch menschliche Aktivitäten verändert wurden. Da bleibt nicht mehr viel unberührte, „natürliche“ Natur übrig.

Historisch gesehen, wurde der Kultur-Natur-Dualismus auch zur Diskriminierung instrumentalisiert. So etwa in den Vereinigten Staaten. Dort verfolgten die Europäischen Siedlerinnen und Siedler bei der Gründung ihrer Nationalparks die Idee einer menschenfreien Natur. Dafür vertrieben sie die indigene Bevölkerung aus von ihnen seit Generationen bewohnten Gebieten. Nicht nur aufgrund solcher historischen Probleme wird der dualistische Naturbegriff zunehmend kritisiert. Auch in der Theorie bröckelt seine Allmachtstellung zunehmend.

„Studien zeigen, dass etwa 77 Prozent aller Landflächen und 87 Prozent der Ozeane durch menschliche Aktivitäten verändert wurden. Da bleibt nicht mehr viel unberührte, natürliche Natur übrig.“

Alex Putzer

Jenseits des dualistischen Naturbegriffs

Eine erste Alternative zum dualistischen Naturbegriff wurde insbesondere von Charles Darwin geprägt. Seit ihm ist bekannt, dass auch der Mensch aus derselben Ursuppe entstanden ist wie das restliche Leben. Im Gegensatz zu unveränderlichem Stillstand liegt der Evolutionstheorie die Idee einer natürlichen Entwicklung zugrunde. Das Ab- und Aussterben von Leben folgt demnach der Logik der besseren Anpassung. Der Mensch, so speziell er auf den ersten Blick erscheinen mag, bleibt Teil dieser Logik. Er kann gar nicht anders. Er verändert sich ständig – mal schneller, mal langsamer – genau wie die „übrige“ Natur.

Neben der Biologie basiert auch die Physik auf einem eigenen Naturbegriff. Alles im Universum folgt den sogenannten Naturgesetzen. Nach dieser Definition ist der Klimawandel also so natürlich wie die Menschen, die ihn verursachen; die asphaltierte Straße so natürlich wie das Biotop, durch das sie führt. Solch ein Naturbegriff wertet nicht. Er beschreibt lediglich ein physikalisches Sein oder Nicht-Sein.

Was laut Biologie und Physik nicht sein kann, ist damit automatisch abartig, monströs oder – um im Ton zu bleiben – „un“- oder gar „übernatürlich“. Das Übernatürliche gehört dem Reich der Legenden und Mythen an. Wer an sie glaubt, vermutet geheime Machenschaften als Vorboten von Unheil. Zauberei wurde aus diesem Grund verboten und vermeintliche Hexen verb(r)annt. Das „Natürliche“ hingegen galt und gilt als schätzens- und schützenswert.

Ein tiefergehendes Problem entsteht dann, wenn eine Natur mit der anderen konkurriert. Die drei genannten Begriffe sind nicht problemlos miteinander kombinierbar. Der Kultur-Natur-Dualismus widerspricht der biologischen Definition. Beide widersprechen der physikalischen. Der Mensch wird manchmal als Teil von ihr verstanden, manchmal nicht. Einmal geht es um das Leben auf der Erde, andere Male um den Aufbau des gesamten Universums.

„Ein ignorant starker Kultur-Natur-Dualismus ist in Zeiten des Klimawandels und Artensterbens fehl am Platz.“

Alex Putzer

Jedes Konzept der Natur hat seine Daseinsberechtigung. Sich für eines zu entscheiden, ist dabei ebenso problematisch, wie verschiedene Begriffe miteinander zu vermischen. Letzteres passiert ständig. Als Landeshauptmann Arno Kompatscher Südtirol 2019 zum „Land der Artenvielfalt“ ernannte, fasste er die Beweggründe mit folgendem Satz zusammen: „Die Natur gehört uns nicht, wir sind ein Teil davon“. Was wie eine Anspielung auf den biologischen oder physikalischen Naturbegriff verstanden werden kann, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen doch als dualistisch. Um die Artenvielfalt zu schützen, werden nämlich Renaturierungsmaßnahmen vorgeschlagen, bei denen unter anderem zwischen „naturnahen“ und „naturfernen“ Gebieten unterschieden wird. Als naturnah gilt die – wohlgemerkt vom Menschen – unberührte Natur. Das Gegenteil wird als naturfern definiert. Wenn wir Menschen nun aber Teil der Natur sind, wie kann diese jemals fern von uns sein? Als Spektrum verschleiert, wird damit weiterhin der Kultur-Natur-Dualismus reproduziert.

So schwierig es für viele „naturnahe“ Menschen vielleicht zu akzeptieren sein mag: der Kultur-Natur-Dualismus darf und soll durchaus weiterhin existieren. Er stellt die Grundlage für einen nicht mehr wegzudenkenden Lebensstandard von uns Menschen dar. Diese Feststellung bedeutet jedoch keinen Freifahrtschein. Ein ignorant starker Dualismus ist in Zeiten des Klimawandels und Artensterbens fehl am Platz. Es braucht einen bewusst schwachen Dualismus, welcher sich vermehrt durch biologische und physikalische Überlegungen kontextualisiert und teilweise relativiert. Damit legitimiere ich in keiner Weise grenzenlosen Ressourcenverbrauch oder das immer größer werdende Problem der Bodenversiegelung. Wohl aber verteidige ich die Tatsache, dass grundlegende Bedürfnisse wie Wohnraum und Ernährung kaum ohne eine gewisse Vormachtstellung des Menschen respektiert werden können.

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Die vorsichtige Verteidigung des Kultur-Natur-Dualismus soll nicht bedeuten, dass am Ende alles beim Alten bleibt. Im Gegenteil, sein – und damit unser – Fortbestehen macht eine intensive und sorgfältige Reflexion und Rechtfertigung notwendig. Die Komplexität des Naturbegriffs hört nämlich nicht mit den drei genannten Begriffen auf. Es wird komplizierter. Auf Südtirol angewandt, hilft ein altes Kinderspiel – und gleichzeitig eine aktuelle Debatte – weitere Ansätze und unterschiedliche Verständnisse zu identifizieren: Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Den Beginn macht das Wer. Um wen geht es eigentlich? Für wen wird Naturschutz betrieben? Traditioneller Naturschutz existiert von Menschen für Menschen. Ein Fluss wird demnach geschützt, damit man ihn besser genießen, in ihm fischen, Strom generieren oder darin baden kann. Eine innovativere Antwort auf das Wer bieten die Rechte der Natur, welche den Fluss um seiner selbst willen schützen. Dabei ist die Verbindung zum Menschen oftmals irrelevant. Schutzobjekt kann auch eine vom Menschen isolierte Natur sein. Da diese Idee noch am Rande des gesellschaftlichen Bewusstseins existiert, verweist das Wer zurzeit noch meist und exklusiv auf den Menschen. Ein starker Kultur-Natur-Dualismus herrscht hier weiterhin vor.

Bei einem schwächeren Dualismus, sprich, wenn es mehr um den Fluss – oder um den Wolf – selbst geht, hilft eine Abwägung zwischen ökologischem Nutzen und Schaden. In Zahlen: 2022 hat das Land Südtirol Schadenersatz für knapp 500 vom Wolf gerissene Schafe ausbezahlt. Dieser belief sich auf rund 127.000 Euro. Diesem Schaden gegenüber steht ein ungemein höherer – und schwierig quantifizierbarer – Nutzen für die alpine Biodiversität.

Biodiversität stellt ein weiteres Konzept dar, welches vielfach mit Natur gleichgestellt wird. Sie beschreibt, dass mehr Arten ein Ökosystem resilienter machen. Je mehr Spezies sich in einem System befinden, desto besser. Die Existenz des Wolfes führt grundsätzlich zu einer Steigerung der Biodiversität. Der Mensch hingegen steht im Verdacht, die Ursache für ein Massensterben historischen Ausmaßes zu sein. Diesem Verständnis folgend, verursacht der Wolf bei Weitem keinen so großen Schaden wie der Mensch. Im Gegenteil, sein Nutzen für die Biodiversität ist unumstritten. Eine derartige Verhältnismäßigkeit spricht also eindeutig für den Wolf. Ergo: Im Zweifel für den Angeklagten.

„Bei all den Naturbegriffen bleibt die ernüchternde Bescheidenheit, dass es gar nicht so einfach ist, etwas für ‚die Natur‘ zu tun.“

Alex Putzer

Emotionsgeladene Debatten

Gewinnt also die Natur? Ein solcher Etappensieg ist nicht so eindeutig, wie er erscheint. Zusätzliche Überlegungen sind erforderlich. Als weiterer Bestandteil des Kinderspiels wären die Emotionen zu nennen, welchen in der Naturschutzdebatte eine besondere Bedeutung zukommt. Zum einen gibt es die Angst, einen Schutzreflex also, welcher Menschen und andere Tiere vor Schaden warnt. Die Angst vor dem Wolf ist dabei nicht nur – wie bei Rotkäppchen und den Drei Schweinchen – Teil von Sagen und Märchen. Auch die Realität, insbesondere jene der Südtiroler Bergbäuerinnen und Bergbauern, wird durch seine Existenz beeinflusst. Diese Angst muss ernst genommen werden. Sie soll aber nicht die einzige Emotion sein, welche die Debatte prägt.

Ebenfalls emotional aufgeladen ist der Mythos vom bösen Wolf. Fakt ist: explizite Problemtiere gibt es wenige. Meist verhält sich der Wolf wie jedes andere Tier, inklusive des Menschen: er ist auf der Suche nach Nahrung für sich und seine Nachkommen. Bei Karnivoren geht dies mit der Tötung anderer Tiere einher. Das Leid eines gerissenen Schafs ist vergleichbar mit dem eines gerissenen Rehs. Der Tod gehört zum Leben. Der wirkliche Unterschied zwischen einem Nutz- und einem Wildtier liegt in der emotionalen Bindung und der Erwartungshaltung menschlicher Besitzerinnen und Besitzer. Bei einem Nutztier kommen Hoffnung, Trauer und Angst des Menschen hinzu. Dadurch wird der Wolf zum Antagonisten.

Diese Emotionen spielen auf weitere, besonders bissige Fragen an. Wieviel Platz dürfen Emotionen in der Debatte überhaupt einnehmen? Welche reale Gefahr ergibt sich für die Bevölkerung? Ab wann werden Sensibilisierungskampagnen gegen eine unverhältnismäßige Verurteilung notwendig? Geht es bei der Angst um den einzelnen bösen Wolf oder um das gesamte Rudel? Steht also das Wohl eines individuellen Tieres, einer gesamten Spezies oder doch jenes der gesamten Natur auf dem Spiel? Um auch menschliche Emotionen miteinzubeziehen, wäre wohl eine (öko)systemische Lösung die richtige. Will heißen: Gewisse Einzeltiere dürfen für den Fortbestand der Spezies und zum Wohl eines weitestgehend friedlichen Zusammenlebens zwischen Menschen und Wölfen entnommen werden. Ich opfere damit eine Idee der Natur, um eine andere zu schützen. Tierschützer – generell auf Individuen bedacht – werden mich für diese Aussage verurteilen. Naturschützer – auf die Gesamtheit achtend – mögen sich mit der Meinung anfreunden. Fest steht: Eine perfekte Lösung für alle Beteiligten wird es in einer von Fakten und Emotionen beeinflussten Welt nicht geben.

Bescheidenheit und Tatendrang

Unter gewissen Umständen zählt die Natur, unter anderen der Mensch. Bei all den Naturbegriffen kann es passieren, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Was diese verschiedenen Überlegungen vor allem bewirken sollen, ist die ernüchternde Bescheidenheit, dass es gar nicht so einfach ist, etwas für die Natur zu tun. Welcher Natur geht es besser mit dem Wolf, welche profitiert von seinem Verschwinden? Welche Natur hilft wem oder was, und warum?

Die Natur besitzt ein nicht-greifbares, widersprüchliches, sich ständig änderndes Wesen. Die Unvereinbarkeit verschiedener Verständnisse soll aber nicht dazu aufrufen, gar nichts zu machen. Und schon gar nicht für Ignoranz plädieren. Ganz im Gegenteil. Nur, weil es das eine Natürliche nicht gibt – zumindest nicht als moralischen Imperativ – heißt das nicht, dass man sich von der Idee komplett verabschieden sollte. Spezifische Kontexte führen durchaus zu konkreten Lösungen. Der Kultur-Natur-Dualismus ist nicht so schrecklich, wie er oft dargestellt wird. Er darf in einer abgeschwächten Form gerne als grundlegende Entscheidungshilfe dienen. Trotzdem soll die nichtmenschliche Natur mehr Beachtung finden. Der Wolf hat sowohl als Individuum, als auch als Spezies seine Daseinsberechtigung. Lösungen können gefunden, Kompromisse müssen geschlossen werden. Jede Entscheidung für eine spezifische Art der Natur ist eine Entscheidung gegen viele andere - und muss dennoch getroffen werden: durchdacht und gut begründet. Bescheidenheit vor Selbstgerechtigkeit - Tatendrang vor Stillstand: so sollte die Devise eines zeitgemäßen Naturschutzes lauten.

Die Natur ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens; sowohl wortwörtlich als auch wertend; materiell und moralisch. Sich der verschiedenen Definitionen und Konzepte bewusst zu werden, soll keine abschreckende Wirkung haben, sondern dazu beitragen, den Platz des Menschen innerhalb (oder außerhalb) der Natur zu hinterfragen und damit besser zu verstehen. Natur passiert nicht von allein. Um sie effektiv zu schützen, muss sie definiert werden: mit guten Argumenten und bei vollem Bewusstsein.

Das UNESCO Chair Fellowship

Jedes Jahr vergibt der UNESCO-Lehrstuhl für Antizipation und Transformation ein digitales UNESCO Chair Fellowship. Die Fellows erhalten die Möglichkeit, eng mit dem Team des UNESCO-Lehrstuhls am Center for Advanced Studies von Eurac Research zusammenzuarbeiten und gemeinsame Interessen zu vertiefen.

Alex Putzer

Alex Putzer

Alex Putzer forscht zu den Rechten der Natur in Städten an der New York University. Zuvor war er an der Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa, dem MIT in Boston, der UPenn in Philadelphia und an der New School in New York. Er lehrte an der UvA in Amsterdam sowie an der Universität für angewandte Kunst in Wien, ist UN Harmony with Nature-Experte sowie UNESCO Chair Fellow 2023 in Interdisciplinary Anticipation and Global-Local Transformation am Center for Advanced Studies von Eurac Research.

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Citation

https://doi.org/10.57708/bramwq-yrqmqalwafgsbrmg
Putzer, A. Um welche Natur geht es euch eigentlich? https://doi.org/10.57708/BRAMWQ-YRQMQALWAFGSBRMG

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