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Gaby inmitten ihrer Schafe, den unverkennbaren Rohstoff-Lieferanten ihres Pullovers - © Gaby Famos

Es ist ein urgemütliches Wohnzimmer, in das Gaby mich zum Gespräch bittet: Die Wände schmücken gefilzte Teppiche, auf den Fenstersimsen stehen Filztiere in vielerlei Farben und Formen, Blütenranken aus Filz ziehen sich an den Gardinenstangen entlang und die Wohnzimmerlampe wird von einem Filzschirm gekrönt. Keine Frage: Filz schafft Behaglichkeit.

Auf dem Boden lümmeln sich drei Border Collies, die mich gleich daran erinnern, wem wir den Rohstoff für Gabys famose Filzarbeiten zu verdanken haben: den Schafen! Genauer gesagt: den 200 Schafen, die Gaby und ihr Mann Jon seit vielen Jahren halten, hüten, umsorgen und alpen. „Wir haben keine reinrassigen Schafe. Vielmehr haben wir in die weißen Alpenschafe immer verschiedene ‚alte‘ Rassen, die für die Alpen typisch sind, eingekreuzt“, erläutert mir Gaby. „Die Alpenschafe werden zwar von den Fleischhändlern, die wir beliefern, verlangt – es ist einfach mehr dran an diesen Tieren. Sie sind aber definitiv weniger geländegängig als die einheimischen, leichteren Rassen, die wir aus diesem Grunde sehr schätzen.“

Zum Filzen ist Gaby zufällig gekommen: Jahrelang hatte sie im Sommer vor allem auf Kuhalpen gearbeitet – bis sie vor rund 30 Jahren ihren Mann Jon kennenlernte, der, wie sein Vater auch, mehrere hundert Schafe hielt. „Damals konnte man mit dem Verkauf der Wolle noch etwas verdienen – nicht viel, aber immerhin. Zwischenzeitlich hatte die Wolle dann überhaupt keinen Wert mehr und wurde von den Schafhaltern entsorgt oder verbrannt. Dies hat sich zum Glück wieder verändert“, erklärt mir Gaby. „Inzwischen wird weniger weggeworfen und mehr verarbeitet – der Wolle von unseren heimischen Almen wird wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht.“

Gaby in Aktion © Bun Tschlin / Flurin Bertschinger

Und das ist einfach nur erfreulich: Denn der ‚Ur-Stoff‘ lässt sich nicht nur außerordentlich vielfältig zum Einsatz bringen – vom Gebrauch als Dämmmaterial, Klapperschutz und Schneckenbremse, Rohmaterial für Designobjekte und Raumteiler über die Verwendung als Polierfilze, für Dichtungsringe und Staubsaugerzubehör bis hin zu Düngemittel. Düngemittel? „Tatsächlich kann ich einen Teil der überschüssigen Wolle inzwischen an eine Firma verkaufen, die daraus Düngepellets herstellt", erläutert mir Gaby. Aber die Wertschätzung des Materials Wolle und eine entsprechende Nachfrage nach heimischer Produktion bringt es auch mit sich, dass die Schafhaltung wieder an Attraktivität gewinnt und die Almen weiterhin bestoßen werden. Denn so viele Weiden sind im Alpenraum in den vergangenen Jahrzehnten schon brachgefallen und auf diese Weise wertvolle, sehr artenreiche Lebensräume verlorengegangen. „Tatsächlich bestoßen auch wir nicht mehr all unsere Flächen“, bedauert Gaby. Dies hat unter anderem auch mit dem Wolf zu tun: „Die Weidegründe im Val d‘Uina kann man nicht wolfssicher zäunen. Deshalb lassen wir unsere Schafe jetzt bis Anfang Mai auf Flächen am Inn weiden und bringen sie dann über den Sommer auf die Gemeinschaftsweide von Ramosch. Außer uns nutzt sie nur noch ein weiterer Bauer für seine Schafe. Ursprünglich bestand die Weidegemeinschaft mal aus zehn, zwölf Bauern.“ Aber wer kennt schon die Zukunft? Vielleicht ändert sich auch diese Situation eines Tages mal wieder.

Persönlich war Gaby jedenfalls gleich begeistert von dem tollen Naturmaterial, das ihr, angesichts von zwei Schafschuren pro Jahr, in rauen Mengen zur Verfügung steht. Anfangs hat sie die Wolle vor allem versponnen und Kleidung daraus gestrickt. Über eine Freundin kam sie dann zum Filzen – das sie nicht mehr losgelassen hat. „Mein Wissen habe ich mir vor allem über Kurse erworben; inzwischen gebe ich mein Wissen selbst in Kursen weiter", freut sich Gaby. Vor 20 Jahren schon wurde die ,Filzszene Graubünden' gegründet, ein Forum für Austausch, Weiterbildung und Inspiration für alle Filz-Fans. „Insgesamt“, so bestätigt mir Gaby, "ist das Interesse am Filzen sehr groß. Grundsätzlich beobachten auch wir ein lebendiges und wachsendes Interesse an Heimarbeit und Handwerk, und dies schon vor Ausbruch der Covid-Pandemie.“

„Der Schafswolle von unseren heimischen Almen wird mehr Wertschätzung entgegengebracht als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig ist das Interesse am Filzen sehr groß.“

Gaby Famos, Vnà

Sie sind also gut, die Perspektiven für das jahrtausendealte Handwerk des Filzens, wohl eine der ältesten Fertigkeiten der Menschheit. Es wird angenommen, dass bereits die Menschen des Mesolithikums, vor etwa 10.000 Jahren, die Technik beherrschten. Da es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt der leicht verwittert, finden sich freilich nur wenige archäologische Belege hierfür. „Es wurden Funde im Permafrost Zentralasiens, Russlands und der Mongolei gemacht. Und dabei kam auch nicht nur Schafswolle zum Einsatz, denn es lässt sich ja zum Beispiel auch Kamelhaar zu Filz verarbeiten", erläutert mir Gaby. „An der Technik des Filzens selbst aber hat sich über all die Jahrtausende nichts Wesentliches verändert.“

Auch als wertvoller Wolllieferant wieder zunehmend gefragt: Schafe © Ricarda Schmidt

Hüterin der Vielfalt: Gaby Famos, Vnà

Alle Produkte von Gaby sind handgemacht und ‚echte Bündner‘: Die Rohwolle lässt sie in der Wollspinnerei Vetsch in Jenaz waschen und kardieren. Erwerben lassen sich Gabys Filzprodukte in der Butia da Besch in Ardez: Butia da besch. Mehr über Gaby erfahren Sie auch auf der Webseite von Bun Tschlin: Filz Famos – Bun Tschlin.

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer Serie zur Ausstellung "Hüter der Vielfalt". Diese wird im Rahmen des Interreg Italien-Schweiz-Projekts „Living Intangible Cultural Heritage“ unter der Leitung von Eurac Research realisiert. Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die vom 15. Juli bis 14. Oktober 2022 im Vinschgau und der Val Mustair stattfindet. Projektpartner sind die Region Lombardei, die Region Aostatal und Polo Poschiavo.

Die Wanderausstellung wird an folgenden Orten gezeigt:

  • 15.–31. Juli 2022: Karthaus, Kreuzgang der Kartause Allerengelberg
  • 06.-07. August 2022: auf dem Festival „Marmor und Marillen" in Laas
  • 03.–18. September 2022: auf den Palabiratagen in Glurns
  • 02.–14. Oktober 2022: auf dem Erntedankfest und in der Chasa Jaura in Valchava
Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt arbeitet am Institut für Regionalentwicklung zur großen Vielfalt der Thematik ‚Lebendiges Kulturerbe‘.

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Citation

https://doi.org/10.57708/b122235120
Schmidt, R. Feltratura. https://doi.org/10.57708/B122235120

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