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Center for Advanced Studies - News & Events - (Un)Gleichheit neu denken: „Es gibt kein gutes Leben auf Kosten anderer“

19 Oktober 21

(Un)Gleichheit neu denken: „Es gibt kein gutes Leben auf Kosten anderer“

Eurac Research, die Steinbeis-Hochschule und BASIS Vinschgau Venosta luden zu einer Konferenz in zwei Akten: "(Un)Gleichheit neu denken" und "Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0"

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© Eurac Research

So sehr die Welt – wie es uns die Pandemie gezeigt hat – notgedrungen eine Schicksalsgemeinschaft bildet, so eng vernetzt wir auch sein mögen, wir leben in einem System, das sich auf Ungleichheiten stützt. Viele Unterschiede bestehen schon seit dem Moment der Geburt und haben Auswirkungen auf die gesamte Biographie eines Menschen. Unsere Wirtschaftsweise verschärft soziale Gefälle und befeuert nicht zuletzt auch die Klimakrise. Was bestehenden Ungleichheitsverhältnissen entgegengesetzt werden kann, war Kern der zweitägigen Konferenz „(Un)Gleichheit neu denken“ am Donnerstag, 14. Oktober in Bozen und Freitag, 15. Oktober im Rahmen der Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0 in Schluderns.

„Der Kapitalismus hat nicht nur auf Kosten der Natur expandiert, er hat auch sein Wohlfahrts- und Gerechtigkeitsversprechen für große Bevölkerungsschichten nicht gehalten. Mehr als 2 Milliarden Menschen leben heute in Armut und Ernährungsunsicherheit. Und das, obwohl noch nie zuvor so große Mengen an Nahrungsmitteln produziert wurden.“ Barbara Unmüßig, Politologin und Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, nahm kein Blatt vor den Mund, als sie anprangerte, was die imperiale Lebensweise der globalen Mittelklasse und der Elite anrichte. Im Grunde gehe es immer um Verteilungsfragen: um die Distribution von Macht, Reichtum, Ressourcen, Chancen und um ökologische Gerechtigkeit. Der ökologische Fußabdruck der Industrienationen etwa sei um ein Vielfaches größer als ihr eigenes Territorium. Allein die EU-Staaten in denen nur 7 Prozent der Weltbevölkerung leben, verbrauchen ganze 20 Prozent der globalen Biokapazität. „Die Ungerechtigkeit des Klimawandels ist eklatant: Er unterteilt die Welt in Gewinner und Verlierer. Die Klimasünder des Nordens verbrauchen die fossilen Schätze der Erde, während die menschenrechtsverletzenden Folgen der Erderwärmung den Süden weitaus stärker treffen.“ Reichere Staaten müssten die ärmeren bei der Bewältigung dieser Vielfachkrisen auch finanziell unterstützen, den Umweltverbrauch und die Verschmutzung der Atmosphäre schneller eindämmen. Es gehe nicht darum, die Ärmeren auf das Niveau der Reichen hochzupäppeln, sondern vielmehr, die Privilegierten einzuschränken. Kein Umbauprogramm werde ohne Nutzungskonflikte vonstattengehen. Daher brauche es Pioniere der sozialen Innovation, welche Veränderungen zwar streitbar, aber doch zivil und demokratisch einfordern.

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Barbara Unmüßig© Eurac Research
Barbara Unmüßig© Eurac Research

„Es gibt kein gutes Leben auf Kosten anderer“, unterstrich der Transformationsforscher Davide Brocchi. Daher müsse eine Umverteilung vom Privatwesen zum Gemeinwesen stattfinden, das Interesse der Bürgerinnen und Bürger vor der Rentabilität der Investoren stehen und die Verwaltung weniger als Ordnungshüterin denn als Ermöglicherin sozialer Innovation fungieren. Genauso wichtig sei die Absicherung: „Wenn Menschen keine Angst haben, abzusteigen, sind sie auch offener für Veränderungen“. Gleichzeitig gehöre die Trennung zwischen Elite und gesellschaftlicher Masse historisch zur wesentlichen Ursache für den zivilisatorischen Niedergang. Die Elite habe keine Anreize, einen für sie erfolgreichen Pfad zu verlassen. Auch bemerke sie Krisen zu spät, da ihr Reichtum sich lange Zeit abfedernd auswirke.

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Davide Brocchi© Eurac Research
Davide Brocchi© Eurac Research

Nord-Süd-Gefälle und Geschlechtergerechtigkeit

Eine andere Dimension von Ungleichheit, nämlich jene innerhalb der italienischen Regionen sprach der Wirtschaftshistoriker Pier Francesco Asso von der Universität Palermo an. In keinem anderen europäischen Land sei das Nord-Süd-Gefälle ausgeprägter und anhaltender. Betrachte man die zeitgenössische Wirtschaftsgeschichte des Mezzogiorno, so stechen die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts als besonders fatal hervor. Eine mögliche Gegenmaßnahme sei vor allem die Stärkung kooperativer Netzwerke. Diese seien zwar vorhanden, konzentrierten sich im Gegensatz zu Unternehmen im Norden aber auf informelle Kontakte, Familien- und Freundeskreise, wodurch wenig Austausch und Innovation zustande komme. Stefanie Kisgen, geschäftsführende Direktorin der Steinbeis-Hochschule, sprach von der Notwendigkeit eines disruptiven Leaderships, um nachhaltige Veränderungen durchzusetzen. Genderungleichheiten in Führungspositionen thematisierte hingegen die brasilianische Juristin Juliana Oliveira Nascimento. Als eine der Gründerinnen des Frauennetzwerks „Compliance Woman Committee“, setzt sie sich für die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung von Frauen nach den Leitlinien der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung ein.

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Pier Francesco Asso© Eurac Research
Juliana Oliveira Nascimento© Eurac Research
Stefanie Kisgen© Eurac Research

Die Südtiroler Realität im Fokus der Diskussion

Geschlechtergerechtigkeit war auch eines der Themen in der Diskussionsrunde mit Cristina Masera, Generalsekretärin des Gewerkschaftsbundes AGB/CGIL, Esther Ausserhofer, Vizepräsidentin der Jungunternehmer im Unternehmerverband und dem Politikwissenschaftler Thomas Benedikter, moderiert von Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies. Noch immer werde 80 Prozent der Teilzeitarbeit von Frauen ausgeführt. Es brauche einen Kulturwandel, in dem auch Männer sich vermehrt an der Care-Arbeit beteiligen und Teilzeitmodelle etwa in einem Verhältnis von 80 zu 80 für Männer und Frauen attraktiv werden, betonte Ausserhofer. Vielfalt im Betrieb sei eine Bereicherung, keine Bremse, sie bringe innovativere Lösungen und sei nicht zuletzt ein Hebel für den Fachkräftemangel. Anzusetzen sei außerdem bei einer Vereinfachung im Vertragssystem, hob Cristina Masera hervor. Über 900 Vertragsformen gebe es in Italien. Es sei kein Wunder, dass sich insbesondere die jüngere Generation zu wenig in dem Bereich auskenne. Auch was die prekären Anstellungsbedingungen im Niedriglohnsektor anbelange, sei die Provinz gefragt. Viele Personen hätten zwar Arbeit, verdienen aber derart wenig, dass sie trotzdem auf Sozialhilfen angewiesen seien. Das koste die Provinz im Grunde mehr, als wenn sie prekäre Arbeitsverhältnisse internalisieren und einen gerechten Lohn bezahlen würde. In Südtirol gelinge es, die Armut durch Sozialleistungen zu reduzieren, unterstrich auch Thomas Benedikter. Trotzdem gebe es eine ungleichere Gesellschaft als etwa in Nordtirol, Österreich und Deutschland. Die Ungleichheit sei der Preis für das schnelle Wachstum in den vergangenen 30 Jahren. Die ungleiche Einkommensverteilung sei vor allem einem wenig progressiven Steuersystem mit vielen Schlupflöchern geschuldet sowie der geringen Gegenmacht von Arbeitnehmenden und Gewerkschaften. Auch sei es bislang nicht gelungen, leistungsloses Vermögen zur Verantwortung zu ziehen.

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Harald Pechlaner und Cristina Masera© Eurac Research
Thomas Benedikter und Esther Ausserhofer© Eurac Research

Churburger Wirtschaftsgespräche: (Un)Gleichheitsverhältnisse im ländlichen Raum

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Heiko Hauser, Hannes Götsch, Projektleiter von BASIS Vinschgau Venosta und Johannes Graf Trapp, dem Initiator der Churburger Wirtschaftsgespräche, standen in Schluderns nicht nur die regionale Ebene und Ungleichheitsverhältnisse in Südtirol, sondern auch die konkrete Mitarbeit der Teilnehmenden im Vordergrund. In der Diskussionsrunde mit Barbara Unmüßig und Davide Brocchi gab es zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum, das teils sehr konkret auf die akuten Probleme in Südtirol einging. Dabei wurde die Mobilitätspolitik ebenso genannt, wie die Defizite in der Sozialpolitik, wo gerade im Bereich Familie noch viel zu tun sei. Die Verantwortung dafür könne nicht auf die Bürgerinnen und Bürger abgeschoben werden.

Gemeinsam mit Philipp Corradini (Forscher am Institut für Regionalentwicklung) und Philipp Rier (Raumplaner), wurden Lösungsvorschläge zur Stadt-/Landflucht erarbeitet. Das Thema leistbares Wohnen wurde in Zusammenarbeit mit Ulrich Santa (Direktor der KlimaHaus-Agentur) und Ulrich Kriese (Stiftung Edith Maryon) diskutiert, während der Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt nach den Impulsvorträgen von Stefan Perini (Direktor des Arbeitsförderungsinstituts) und Matthias Einhoff (Zentrum für Kunst und Urbanistik) beleuchtet wurde. An allen drei Arbeitstischen, die von Elisa Innerhofer, Vittoria Brolis und Daria Habicher moderiert wurden, wurde deutlich, dass finanzielle und soziale Unsicherheiten Bremsen der Innovation darstellen und vor allem jungen Menschen wenig Möglichkeiten geboten werden, tatsächlich aus bestehenden Systemen auszubrechen und Neues zu wagen. Die Diskrepanz zwischen Löhnen und Lebenshaltungskosten sei eklatant. Es brauche mehr Partizipation, doch müsse diese so gestaltet werden, dass auf partizipative Initiativen auch eine tatsächliche Umsetzung folgt. Auch wurde hervorgehoben, dass Südtirol in seiner Förderpolitik zu sehr auf technische Innovationen setze und dabei leider auf soziale Innovationen vergesse.

Der erste Teil der Tagung „(In)Equality Reloaded: Glokale Ungleichheitsverhältnisse im Fokus“ fand in der Conference Hall von Eurac Research in Bozen statt und wurde in Zusammenarbeit mit der SIBE - School of International Business and Entrepreneurship der Steinbeis Hochschule Berlin organisiert. Am Freitag stand – im Rahmen der Churburger Wirtschaftsgespräche 2.0 im Kulturhaus in Schluderns – die regionale Ebene im Fokus. Hierfür arbeitete das Center for Advanced Studies mit dem Gründer- und Innovationszentrum BASIS Vinschgau Venosta zusammen. Im Anschluss an die Tagung lud Johannes Graf Trapp zu einem Umtrunk auf die Churburg.

Videoaufnahmen

Dimensionen globaler Gerechtigkeit - Barbara Unmüßig

Disuguaglianze regionali in Italia: Nuove riflessioni sul divario nord-sud - Francesco Asso

(Un)Gleichheitsverhältnisse in Südtirol: Podiumsdiskussion

Gender Inequalities in Leadership Positions - Juliana Oliveira Nascimento

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