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Bildhauerei und Steinmetzkunst

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Bildhauerei und Steinmetzkunst
Kreativer Schaffensprozess: ein neues Werk aus Laaser Marmor entsteht - © Patrick Schwienbacher

Inzwischen ist es Mitte April und ich habe für ‚Hüter der Vielfalt‘ mit einer großen Vielzahl von Menschen hier im Vinschgau, im Unterengadin und Val Müstair sprechen dürfen. Und ich habe erfahren, auf welche Weise und wie stark sie durch ‚ihr‘ Kulturerbe auf vielfältigste Weise geprägt wurden und weiterhin werden. Sei es in Bezug auf ihre Sichtweise auf die Welt, auf ihre Lebenseinstellungen, ihr ästhetisches Empfinden oder ihren Bezug zur Natur. Wie stark das Kulturerbe erdet, ‚Heimat‘ und Zugehörigkeit bedeutet und Halt geben kann in diesen unsicheren Zeiten.

Auch vom Marmor wird immer wieder gesagt, er forme die Menschen – fast ebenso stark wie sie ihn formen. Ein Gestein, das Menschen formt? Voller Neugier mache ich mich auf nach Laas, um mich mit zwei Persönlichkeiten zu treffen, die es wissen müssen: den Künstler und Lehrer für Bildhauerei Bernhard Grassl, und einen seiner Schüler, den mittlerweile ebenfalls freischaffenden Künstler und Bildhauer Elias Wallnöfer.

Es riecht nach Motorenöl, an den Wänden hängt allerlei Schrauber-Werkzeug, reparaturbedürftige Mofas stehen im Raum verteilt, an den Wänden lehnen alte Reifen: Ich bin in der ehemaligen Mechanikerwerkstatt in der Schneidergasse 2 in Laas. Seit 1998 aufgelassen, wird sie heute noch sporadisch von Hobbyschraubern genutzt. Inmitten dieses ölverschmierten, von ehemaliger Betriebsamkeit zeugenden Ambientes erheben sich 3 strahlend weiße Porträtbüsten aus Laaser Marmor. Es ist ein starker Kontrast – und der perfekte Ausstellungsort. Denn die drei Porträtierten zeigen niemand anderen als drei Größen der Automobilbranche: Ferdinand Piëch, Felix Wankel und Frank Obrist. Gefertigt hat sie der junge Bildhauer Elias Wallnöfer aus Laas. Und, wenn ich mir die überlebensgroßen Porträts in ihrem Detailreichtum ansehe, in einer Rekordzeit von 13 Monaten.

Laas: Berge aus Marmor © Gianni Bodini

Szenenwechsel: Laas, auf der anderen Seite der Etsch. Hier, in der Kugelgasse, hat Elias sein Bildhauer-Atelier. Kein Schild oder Wegweiser führen hierher – ‚lediglich‘ ein Marmor-Relief mit sechs Gesichtern am Eingangstor zu einem Garten zeigt mir an, dass ich hier richtig bin. Ich dringe vor ins Herz von Elias Reich – und es ist genauso, wie ich es mir erhofft habe: ein heller, lichtdurchfluteter Raum, in dem der Prozess des Werdens und Entstehens der drei makellosen Marmorbüsten, die ich vor einigen Tagen in einem ganz anderen Kontext bewundern durfte, Form und Gestalt erhält, konkret greif- und vorstellbar wird. Es ist sozusagen ein ergänzender, vervollständigender Blick hinter die Kulissen der Makellosigkeit – in einen fast strahlend weißen Raum, in dem sich wohl in jeder Ritze Marmorstaub findet, in dem das gesamte Spektrum der Werkzeuge, die den Alltag von Elias ausmachen, versammelt ist, in dem die Ton- und Gipsmodelle die Geschichte vom kreativen Schaffensprozess erzählen.

„Ursprünglich handelte es sich bei den Räumlichkeiten, die heute mein Reich darstellen, um einen Stall, ein Stadel, und, als Herzstück, der Raum, in dem wir uns gerade befinden, um die alte Werkstatt meines Großvaters“, erklärt mir Elias. „Zwar habe ich diesen Raum recht stark auf meine Bedürfnisse umgestalten müssen, aber immerhin bleibt sein Charakter als Arbeitsstätte erhalten, ganz wie zu Zeiten meines Opas.“

„Ich schätze sehr, was der Stein mit mir und meinem Charakter macht.“

Elias Wallnöfer Laas

Elias entstammt keiner ‚Bildhauer-Familie‘, in der das Arbeiten mit dem Marmor von Generation zu Generation weiter-,vererbt‘ wird. Er ist der erste, der in seiner Familie den Beruf des Steinmetzes und Bildhauers ergriffen hat – und so bezeichnet er sich selbst auch als ‚familiären Quereinsteiger‘.

Er strahlt eine tiefe Zufriedenheit aus – obwohl er, wir alle kennen das, nach der Schule erst einmal orientierungslos und anfangs gar nicht mal so sicher war, dass die Bildhauerei überhaupt der richtige Weg für ihn ist. „Aber dann, im zweiten Ausbildungsjahr“, berichtet er mir, „hat mich der Marmor gepackt! Und seitdem nicht mehr losgelassen!“

Und worauf basiert diese ‚heiße Liebe‘ zum Material Marmor, möchte ich wissen. „Natürlich arbeite ich bisweilen auch mit anderen Materialen, probiere mich aus, experimentiere. Aber auch nach all diesen Erfahrungen kehre ich immer wieder zum Marmor zurück. Denn tatsächlich schätze ich, was der Stein mit mir und meinem Charakter macht.“ Langsam beginne ich zu erahnen, worin dieses ‚reziproke‘ einander Formen von Marmor und Mensch, Mensch und Marmor eigentlich besteht. Bildhauer, Künstler, Steinmetze – sie alle profitieren vom Marmor, indem sie von ihm zu Langsamkeit, Behutsamkeit, Demut erzogen werden. All dies schlägt sich unweigerlich im Charakter nieder, lagert sich dort ab, wächst Schicht für Schicht.

„Und nicht zuletzt hat mich der Marmor zum Perfektionismus erzogen“, lacht Elias. „Lieber messe ich vier, fünf Mal nach, bevor ich etwas wegmeißle, denn spätere Korrekturmöglichkeiten gibt’s ja in aller Regel nicht.“ Als ich aufbreche, werde ich im Garten noch eines letzten Statements gewahr, das mir etwas verrät über Elias Sichtweise und Einstellung zum Leben. ‚Wer nicht suchet, der findet‘ steht da, eingemeißelt in eine Reliefplatte aus blendend weißem Marmor. Ja, so ist es: Kreativität lässt sich nicht erzwingen. Am besten, man erwartet sie in aller Ruhe.

Hüter der Vielfalt: Elias Wallnöfer, Laas


Den Bildhauer und Lehrer Bernhard Grassl treffe ich nicht an einem seiner Wirkungsorte, der Laaser Steinmetzschule oder gar in seinem Atelier am Göflaner Berg, seinem persönlichen Kraftort. Vielmehr treffen wir uns auf ‚neutralem Gelände‘, inmitten bunter Torten und duftender Kaffeespezialitäten: im beliebten Café Greta mitten im Zentrum von Laas. Aber auch mit ihm führe ich eines dieser Gespräche, die mir besonders in Erinnerung bleiben werden. Und dies nicht etwa, weil ich eine Reihe neuer „Facts & Figures“ über Marmorabbau und -verarbeitung in Laas und Göflan mit nach Hause nehme. Sondern etwas über das Leben an sich erfahre.

Zu unserem Treffen erscheine ich brav mit meinen vorbereiteten Fragen und einer ungefähren Vorstellung vom Verlauf des Gesprächs. Meinen Laptop aber lasse ich dann während des Gesprächs meist geschlossen vor mir auf dem Tisch stehen – denn das Gespräch verläuft völlig anders als erwartet. Hier geht es nicht um Biografisches, Geschichtliches, den richtigen Gebrauch von Hammer und Meißel – oder die Frage, inwiefern Marmorabbau und -verarbeitung Teil der Laaser und Göflaner Identität sind. Sondern um grundsätzliche Einstellungen im und zum Leben.

Auf den Spuren des Marmors in Laas © Gianni Bodini

Dabei erkenne ich, welche Rolle Bernhard als Lehrer für seine Schüler spielen kann: indem er sie ermutigt, in sich hineinzuhören, sich selbst treu zu bleiben und freizumachen von dem, was gerade ‚angesagt‘ ist. Ihren eigenen Weg zu gehen, unabhängig davon, ob es anderen gefällt oder vor allem das Potenzial zum Geldverdienen besitzt. Und vor allem auch: sich nicht stressen zu lassen. Denn: auch Nichtstun ist Arbeit. „Es arbeitet in einem weiter“, wie er es nennt.

„Wenn man sich schon für den ‚steinigen Weg‘ einer Tätigkeit als freischaffender Künstler entscheidet, dann sollte die Tätigkeit mindestens zu einer großen Leidenschaft werden“, sagt er mir. „Dann ist es auch keine Arbeit, zu der man sich ‚zwingen‘ muss, dann fühlt es sich nicht einmal mehr wie Arbeit an. Sondern in so einem Fall hat man das große Glück, seine Passion leben zu können.“

Ganz offensichtlich ist Bernhard nicht einfach ‚nur‘ ein Lehrer an der Steinmetzschule. Sondern vielmehr ein Mentor, der das Selbstvertrauen seiner jungen Schüler stärkt und ihnen Mut macht, sich aus eventuellen familiären Fesseln zu befreien und ihren eigenen Weg zu gehen – egal, in und mit welchem Material sie später arbeiten werden. Das ist das Rüstzeug, das seine Schüler, die aus der ganzen Welt stammen, brauchen werden, wenn sie sich als freie Künstler auf dem Markt verdingen und behaupten wollen.

Er schätzt die Individualität – und zwar sowohl bezogen auf den Marmor, mit dem er arbeitet, als auch bezogen auf den Werdegang seiner Schüler.

„Wenn man sich schon für den steinigen Weg einer Tätigkeit als freischaffender Künstler entscheidet, dann sollte die Tätigkeit mindestens zu einer großen Leidenschaft werden.“

Bernhard Grassl, Laas

„Ich selbst arbeite ausschließlich mit dem Abfall“, sagt er. Immerhin 80 Prozent des zutage geförderten Gesteins. „Den reinweißen Marmor finde ich langweilig. Er erzählt keine Geschichte – beziehungsweise doch: aber eben eine langweilige. Nichts war los war in der Welt, als diese Ablagerungen vonstattengingen. Spannend sind die Geschichten, die der Stein erzählt, wenn er von Adern durchzogen wird – sie bezeugen Ablagerungen von Sedimenten, von Dreck, von Schlamm. Und das vor Millionen von Jahren. Der Stein hat dann einen Charakter, er erzählt aus seinem Leben, von den Lebewesen, die damals diesen Planeten bevölkerten. Die Werke, die wir als Bildhauer daraus erschaffen, reflektieren und erzählen jeweils diese individuelle Geschichte. Und zunehmend werden diese individuellen Geschichten von der Gesellschaft als etwas Wertvolles wahrgenommen.“

„Die besten und wirklich interessanten Geschichten, die das Leben schreibt“, sagt mir Bernhard zum Schluss, „sind diejenigen, die von Leuten erzählen, die den Mut hatten, ihren eigenen Weg zu gehen – ohne Rücksicht auf das, was andere davon halten. Unsere Lebenszeit ist so kurz; wir sollten uns selbst immer hinterfragen und versuchen, Herr über unsere eigene Lebenszeit zu bleiben und nicht dem Gefühl zu erliegen, unserem ‚Schicksal‘ ausgeliefert zu sein.“

Seit Langem lebt er diese Lebenseinstellung. Uns so sitzt hier jemand vor mir, der eine große innere Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit ausstrahlt. Und der sich ehrlich freut, wenn einer seiner ehemaligen Schüler seinen eigenen Weg gefunden hat – und glücklich geworden ist in seinem Tun. „Das ist das höchste Glück in unserem Leben, das einmalig und so kurz ist.“

Hüter der Vielfalt: Bernhard Grassl, Laas

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer Serie zur Ausstellung "Hüter der Vielfalt". Diese wird im Rahmen des Interreg Italien-Schweiz-Projekts „Living Intangible Cultural Heritage“ unter der Leitung von Eurac Research realisiert. Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die vom 15. Juli bis 14. Oktober 2022 im Vinschgau und der Val Mustair stattfindet. Projektpartner sind die Region Lombardei, die Region Aostatal und Polo Poschiavo.

Die Wanderausstellung wird an folgenden Orten gezeigt:

  • 15.–31. Juli 2022: Karthaus, Kreuzgang der Kartause Allerengelberg
  • 06.-07. August 2022: auf dem Festival „Marmor und Marillen" in Laas
  • 03.–18. September 2022: auf den Palabiratagen in Glurns
  • 02.–14. Oktober 2022: auf dem Erntedankfest und in der Chasa Jaura in Valchava
Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt arbeitet am Institut für Regionalentwicklung zur großen Vielfalt der Thematik ‚Lebendiges Kulturerbe‘.

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https://doi.org/10.57708/b122238648
Schmidt, R. Scultura e arte della lavorazione della pietra. https://doi.org/10.57708/B122238648

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