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Getreideanbau

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Getreideanbau
Kulturlandschaftsprägend: ein Kornfeld im Oberen Vinschgau - © Gianni Bodini

Es ist 4:30 Uhr in der Früh an einem verregneten Julimorgen. Ich stehe an der Staatsstraße 38 in Eyrs. Alles schläft. Alles? Nein. Auch heute Morgen, bei diesem Wetter und zu dieser ‚Unzeit‘ ist er unterwegs, um sein Brot auszufahren: Karl Perfler. Und heute darf ich ihn begleiten.

Karl ist nicht einfach nur jemand, der in der ehemaligen Kornkammer Tirols irgendein Getreide anbaut. Und so produziert er auch nicht nur einfach irgendein gesichts- und namenloses Brot. Mit seinem ‚aufrichtigen Brot‘, wie er es nennt, ist eine Vision verbunden: „Die goldene Farbe der schwebenden Kornfelder wird in das Tal der jungen Etsch zurückfinden.“

Für ihn ist dieses allmorgendliche Ritual des Brotausfahrens Ausdruck seiner Identifikation mit seinem Getreide und seinem Brot. Aber es ist auch Ausdruck einer tiefen Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber allen Bauern, Kaufleuten und Gastronomen, die ihn dabei unterstützen, den Getreideanbau in den Vinschgau zurückzubringen. Und nicht zuletzt demonstrieren die morgendlichen Fahrten jeden Tag aufs Neue, dass seine Vision Wirklichkeit werden kann und wird: Kurze, regionale Produktions- und Lieferketten, eine Wertschöpfung, die im Tal verbleibt und uns allen – vom Bauern über den Bäcker, Händler, Gastronom bis hin zum Kunden – ein besseres Auskommen und qualitätvolleres Leben ermöglicht. „Und ich genieße die Fahrt in aller Herrgottsfrühe über die Malser Haide jedes Mal sehr. Kein Morgen gleicht dem anderen. Ich habe hier schon die herrlichsten Sonnenaufgänge erlebt“, erzählt er mir voller Leidenschaft. Für ihn bedeutet das, seiner Lebenszeit Qualität zu geben, bewusst und intensiv zu leben. Er möchte ein Vorbild sein für andere, ihnen zeigen, dass sich der von ihm eingeschlagene Weg lohnt, und eine andere Weise des Wirtschaftens möglich ist. Mit einem Gewinn, der weitaus mehr Aspekte im Leben betrifft als lediglich den monetären.

Seine Sicht auf das Leben, seine Art und Weise zu denken, zu handeln, zu wirtschaften in die Köpfe seiner Mitmenschen zu säen: Mit diesem Ziel lanciert er eine Reihe von Projekten und Aktivitäten, die sich gezielt an die breite Öffentlichkeit richten. Wie jüngst die Einrichtung der Möhrenhütte, gelegen inmitten der Apfelintensivplantagen zwischen Eyrs und Tschengls. Hier will er regelmäßig Veranstaltungen, Gespräche, Konzerte und Spaziergänge organisieren. Auch empfängt er regelmäßig Freiwillige aus aller Welt, die ihn beim Säen und Ernten des Getreides unterstützen. So verbreiten sich seine Ideen auch in Gegenden außerhalb des Vinschgau und Südtirols.

Eine neue Getreidegeneration darf heranwachsen: Karl bei der Aussaat © Karl Perfler

„Es gibt nichts Schöneres, als die eigene Kraft und Energie, Freude und Begeisterung für das Heimattal einzusetzen und einen aus meiner Sicht notwendigen Wandel zu begleiten. Meine Vision ist, dass die goldene Farbe der schwebenden Kornfelder in das Tal der jungen Etsch zurückfindet.“

Karl Perfler, Tschengls

Für ihn gibt es nichts Schöneres, als all seine Kraft und Energie, Freude und Begeisterung für sein Heimattal und den aus seiner Sicht notwendigen Wandel einzusetzen. Und sein Erfolg gibt ihm Recht: 22 Hektar bestellt er inzwischen mit Wintergetreide, 10 Hektar mit Sommergetreide. Und jährlich kommen neue Flächen hinzu.

Dabei ist er jemand, der den Getreidebau ganzheitlich denkt und betrachtet: vom Bauern über den Bäcker und Kaufmann bis zum Konsumenten. Alle sollen gut von seinem Brot leben können: die Bauern, indem sie einen fairen Preis erhalten und dann eigenmächtig wirtschaften können, ohne weiterhin von staatlichen Subventionen abzuhängen. Die Bäcker in den Dorfbäckereien, die Kaufleute in den Dorfläden, die Wirte in den Gastronomiebetrieben – auch sie fair für ihre Arbeit entlohnt. Und nicht zuletzt wir alle, die Konsumenten, die in Karls Vision souverän über unsere Ernährung entscheiden können. Wissend, dass ‚Inser Brot‘ und ‚Insre Nudeln‘ von hier stammen und für unser Tal, unsere lokale Wirtschaft, unsere Kulturlandschaft und alle darin vorkommenden Lebewesen gut sind.

Sollte es uns das nicht wert sein?

Mittlerweile ein rarer Anblick: Getreidefeld im Vinschgau © Gianni Bodini

Hüter der Vielfalt: Karl Perfler, Tschengls

Erwerben kann man Karls aufrichtiges Brot in verschiedenen Geschäften im Vinschgau (Auflistung), am besten direkt bei der Bäckerei Angerer in St. Valentin auf der Haide, wo es gebacken wird. Alternativ lässt es sich auch ofenwarm auf der Tschenglsburg genießen.

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer Serie zur Ausstellung "Hüter der Vielfalt". Diese wird im Rahmen des Interreg Italien-Schweiz-Projekts „Living Intangible Cultural Heritage“ unter der Leitung von Eurac Research realisiert. Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die vom 15. Juli bis 14. Oktober 2022 im Vinschgau und der Val Mustair stattfindet. Projektpartner sind die Region Lombardei, die Region Aostatal und Polo Poschiavo.

Die Wanderausstellung wird an folgenden Orten gezeigt:

  • 15.–31. Juli 2022: Karthaus, Kreuzgang der Kartause Allerengelberg
  • 06.-07. August 2022: auf dem Festival „Marmor und Marillen" in Laas
  • 03.–18. September 2022: auf den Palabiratagen in Glurns
  • 02.–14. Oktober 2022: auf dem Erntedankfest und in der Chasa Jaura in Valchava
Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt arbeitet am Institut für Regionalentwicklung zur großen Vielfalt der Thematik ‚Lebendiges Kulturerbe‘.

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Citation

https://doi.org/10.57708/b122236900
Schmidt, R. Cerealicoltura. https://doi.org/10.57708/B122236900

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