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Ein Dorf denkt über sich selbst und seine Zukunft nach

Eine Geschichte über die Begegnung einer Forschungsgruppe mit einer Dorfgemeinschaft, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen will

Daniele Bolza
© | Daniele Bolza
by Daniela Mezzena

Was bleibt von einem Dorf, wenn bis auf die Alten alle wegziehen oder zu einem Pendlerleben gezwungen werden? Wenn selbst die grundlegendsten Erledigungen nur in den Nachbardörfern möglich sind? Dann ist es Zeit innezuhalten, die Gegenwart zu analysieren und über die Zukunft nachzudenken. Und genau das haben die Expertin für Regionalentwicklung Federica Maino und eine kleine, aber bunte Arbeitsgruppe aus der Gemeinde Tre Ville im Trentino gemacht.

Die interessantesten Geschichten schreibt manchmal der Zufall. Und so beginnt auch diese an einem Sommernachmittag, als Ivan Simoni aus Montagne, einem Weiler der Gemeinde Tre Ville, auf dem Heimweg den Radiosender wechselt und auf ein Interview stößt. Im Studio spricht eine Forscherin über die Zukunft von Bergdörfern, von kleinen Weilern, die sich entvölkern, und über Projekte, die sie wiederbeleben sollen. Simoni dreht den Ton lauter. Im Radio sprechen sie über Seren del Grappa, er aber denkt an sein Heimatdorf: Montagne, 223 Seelen, im westlichen Trentino.

Wie viele andere Dörfer hat auch Montagne mit den typischen Problemen von abgelegenen Gebieten zu kämpfen: mangelnde Dienstleistungen und Arbeitsplätze, Überalterung, Bevölkerungsrückgang. In den darauffolgenden Tagen geht Simoni ein Satz nicht mehr aus dem Kopf: „Es ist die Dorfgemeinschaft, die eine Schlüsselrolle spielt, wenn man einen Ort wiederbeleben will“. Im Kulturverein teilt er seine Gedanken mit seinen Freunden, und wenige Wochen später erhält Federica Maino, die Wissenschaftlerin aus dem Radiointerview, einen Anruf aus Montagne. „Wenn sich eine Gemeinde an uns wendet, um einen lokalen Entwicklungsplan auszuarbeiten, stellen wir sofort klar, dass wir keine Zauberformeln haben. Aber wir können der Bevölkerung helfen, sich ihrer Situation und der Zukunft, die sie sich vorstellt und wünscht, bewusst zu werden“, sagt die Umweltingenieurin Federica Maino, die sich auf Konfliktmanagement und partizipative Methoden spezialisiert hat.

Die Gemeinschaft krempelt die Ärmel hoch

Unter dieser Prämisse fährt Maino zum ersten Treffen mit der Dorfgemeinschaft nach Montagne. Es erwarten sie etwa fünfzig Personen aller Altersgruppen mit unterschiedlichen Berufen und Funktionen. Schon die folgenden Treffen finden in Arbeitsgruppen aufgeteilt statt und man beschließt, das Projekt nicht nur auf den Weiler Montagne zu beschränken, sondern die gesamte Gemeinde Tre Ville miteinzubeziehen. Die Mitwirkenden analysieren die Stärken und Schwächen des Dorfes, skizzieren erste Vorschläge und suchen nach Kooperationsmöglichkeiten in der näheren Umgebung. Aus der Idee zweier Studenten, die zum Pendeln BlablaCar nutzen, entsteht BlablaMountain: eine Initiative, um die Vorschläge und Bedürfnisse der jungen Bevölkerung zu sammeln. Gemeinsam mit einem Multimedia-Künstler entwickeln etwa dreißig junge Leute zwischen 23 und 29 Jahren eine Reihe von Ideen und stellen sie bei einem der Projekttreffen vor. Auf dieser Grundlage entwirft die Gruppe drei Zukunftsszenarien für das Dorf: auf künstlerische und kulturelle Angebote setzen, das Gastgewerbe stärken und die Bildungsmöglichkeiten aufwerten. „Um diese drei Themen zu vertiefen, haben wir erfolgreiche Beispiele in anderen Berggebieten mit ähnlichen Merkmalen analysiert und diejenigen, die sie realisiert haben, gebeten, uns von ihren Erfahrungen zu berichten. Es war auch eine mehrtägige Bildungsexkursion in die Emilia Romagna geplant, die wir jedoch aufgrund der Pandemie absagen mussten. Die Treffen wurden online fortgesetzt“, erinnert sich Federica Maino.

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Treffen mit der Dorfgemeinschaft© Eurac Research
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Beim Workshop „Blabla Mountain“ wurden die Ideen der jungen Bevölkerung gesammelt.© - Sara Maino
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Jeden Sommer findet in Montagne das Theaterfestival „Montagne racconta” statt.© Le Ombrie
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Das Theaterfestival „Montagne racconta”© Le Ombrie
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Lieblingsort: historischer Dorf- und Waschbrunnen
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Lieblingsort: Manez

Zuerst die Menschen, dann die Zimmervermietung

Die Covid-Pandemie vereitelte einige der Ziele, die sich die Menschen gesteckt hatten. „Die Tatsache, dass wir uns nicht persönlich treffen konnten, hat die Motivation der Gruppe stark gebremst. Es fehlte die Kraft, alle drei der von den Projektteilnehmern erdachten Pläne zu verwirklichen. Sobald es möglich war, nahmen wir die persönlichen Treffen wieder auf und angesichts der Ungewissheit über die Zukunft sprach sich die Gruppe dafür aus, die Bemühungen auf ein einziges Projekt zu konzentrieren: ein Netzwerk für ein sogenanntes generatives Gastgewerbe schaffen, das auf dem achtsamen Umgang mit Menschen, Beziehungen und Orten beruht“, sagt Maino. Es ging also darum, ein touristisches Angebot zu schaffen, das durch kulturelle Angebote und den Kontakt mit der Natur Arbeitsplätze hervorbringt. Auf diese Art und Weise wurden auch die Ideen der jungen Bevölkerung aufgriffen.

Die Gastfreundschaft ist nur ein Teil eines größeren und komplexeren Projekts zur Aufwertung des Gebiets. Wir haben bei den Menschen begonnen, um zur Vermietung der Zimmer zu gelangen.

Federica Maino

„Wir haben die Anwesenden gefragt, welche Art von Gästen sie ansprechen möchten, was sie ihnen anbieten würden, wohin sie sie bringen möchten und wie sie sich von der Konkurrenz abheben würden. Durch den Austausch von Ideen, persönlichen Erinnerungen und Geschichten, die sie zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln brachten und die manchmal auch rührend und ergreifend waren, wurde der Gruppe der große materielle und immaterielle Reichtum von Tre Ville bewusst“, erklärt Maino. Den Besucherinnen und Besuchern hatte die Gemeinde viel zu bieten: Ruhe, saubere Luft, eine authentische Beziehung zu den Menschen, eine einzigartige und sehr alte Geschichte der Nutzung des Gemeinguts, atemberaubende Aussichten, gesundes Essen, lange und gut gepflegte Waldwege, hochkarätige kulturelle Veranstaltungen im Bereich des Erzähltheaters – kurzum landschaftlichen, historischen und natürlichen Reichtum. „Dies war ein grundlegender Schritt. Die Gastfreundschaft ist nur ein Teil eines größeren und komplexeren Projekts zur Aufwertung des Gebiets. Wir haben bei den Menschen begonnen, um zur Vermietung der Zimmer zu gelangen. Die Talente und Fähigkeiten jedes Einzelnen wurden genutzt, neue Arbeitsmittel getestet und Ziele, Werte und Träume geteilt, um Tre Ville auf authentische, originelle und nachhaltige Weise gastfreundlich und attraktiv zu machen“, erklärt Maino.

Auf die Methode kommt es an

Und genau dieser gemeinsame Weg ist der Trumpf, den die Gemeinschaft in den kritischen Momenten ausspielen kann, denen sie auf ihrem Entwicklungsweg bestimmt begegnen wird. Einen dieser Momente hat Tre Ville bereits erlebt. Der Entwicklungsplan sah die Gründung einer Gemeinschaftsgenossenschaft vor, die sich um das Gastgewerbe kümmern sollte. Eine kleine Gruppe war schon zum Leitungsausschuss ernannt worden. Aus privaten Gründen konnten einige zu jenem Zeitpunkt jedoch die Veränderungen, die die Leitung der Genossenschaft mit sich bringt, nicht mit ihrem Leben in Einklang bringen.

Was das Projekt für uns so wertvoll macht, ist nicht nur das Ergebnis, sondern die Methode. Und die Fähigkeit der Dorfgemeinschaft, sich neu zu organisieren und schnell einen Plan B zu entwickeln, beweist, dass die Methode gut verinnerlicht wurde.

Federica Maino

Damit das Projekt nicht ins Stocken gerät, beschloss die Gemeinschaft, die Idee der Genossenschaft vorübergehend auf Eis zu legen und sich an eine Immobilienagentur zu wenden. „Für uns Forschende, die wir seit den ersten Treffen begeisterte Anhänger der Gemeinschaftsidee waren, wäre es natürlich schön gewesen, die Gründung der Genossenschaft gemeinsam zu feiern. Aber darum geht es nicht in unserer Arbeit. Was das Projekt für uns so wertvoll macht, ist nicht nur das Ergebnis, sondern die Methode. Und die Fähigkeit der Dorfgemeinschaft, sich neu zu organisieren und schnell einen Plan B zu entwickeln, beweist, dass die Methode gut verinnerlicht wurde. Die Gemeinschaft will das Projekt nach wie vor leiten, es geht im Moment nur darum, auf günstigere Bedingungen dafür zu warten“, schließt Federica Maino.

Open Research Award


Montagne Vitali – Vitalberge wurde als eines von drei Projekten in der Ausgabe 2023 mit dem Eurac Research Open Research Award ausgezeichnet. Mit dieser Initiative werden die Leistungen von Forscherinnen und Forschern gewürdigt, die sich aktiv dafür einsetzen, die Forschung kollaborativer und gerechter zu gestalten und den Austausch und die Verbreitung von Wissen zu verbessern.

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