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SoLaWi: Herausforderungen und Potential

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SoLaWi: Herausforderungen und Potential
null - © Toa Heftiba on unsplash

Nicole Hambach kommt aus Deutschland und hat von 2019 bis 2021 eine solidarische Landwirtschaft in Natz-Schabs, in der Nähe von Brixen, betrieben. Dem Hof selber hat dieses Projekt nur zwei Jahre gedient. Ein Gespräch über das gemeinschaftliche Handeln und die Zukunft der Landwirtschaft.

Nicole, was ist SoLaWi für Dich?

SoLaWi ist Vorsorge. In unserer Gesellschaft sind wir es gewohnt, etwas zu retten, was schon in den Brunnen gefallen ist. Wenn wir Verantwortung in der Selbstversorgung übernehmen und lernen, beispielsweise wie Gemüse, Fleisch, Eier, Milch, etc. auf unseren Tellern landet, spüren wir die Energie der Natur. Diese Energie kann meiner Meinung nach Krankheiten vorbeugen und uns sogar vor Burnouts schützen.

Warum hast Du begonnen dich mit solidarischer Landwirtschaft (SoLaWi) zu beschäftigen?

SoLaWi war als Teil einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft gedacht, zu der sich der Hof langfristig zurück entwickeln sollte. Gestartet sind wir experimentell. Für Südtirol lagen zu der Zeit noch keine aussagekräftigen Erfahrungswerte vor. Ich habe bemerkt, dass viele Leute und vor allem Kinder wenig über ihr „Essen“ wissen. Deshalb wollte ich mehr Bewusstsein schaffen und Aufklärungsarbeit leisten. Mir sind zwei Aspekte der SoLaWi sehr wichtig: Gemeinschaft und Nachhaltigkeit. Ein solches Projekt funktioniert nur dann, wenn eine Gemeinschaft dahintersteht. Das bedeutet, dass die Arbeit und das Risiko auf Mitglieder und Produzenten gleichermaßen verteilt ist. Nachhaltigkeit bedeutet, zukünftigen Generationen einen fruchtbaren Boden übergeben zu können, den Wasserverbrauch zu reduzieren und auf chemischen Pflanzenschutz und Plastik zu verzichten. Ziel des SoLaWi-Projekts war für mich ein aktives Verständnis zu den Themen „Lebensmittel, Konsum, Verschwendung von Lebensmitteln, Vorratshaltung und Natur schaffen“. Mir war wichtig Konsumenten zu Prosumenten zu befähigen, und das geht nur mit Wissen. Mit diesem Wissen ist man in der Lage das zu schützen, was einem wichtig ist.

Was ist Deine Ausbildung? Was konntest Du von dieser Ausbildung in deinen Beruf als Landwirtin einbringen?

Ich habe Marketing mit Schwerpunkt Unternehmensberatung studiert. Gut rechnen und Werbung machen sind Fähigkeiten, die für das SoLaWi-Projekt nützlich waren. Meine Ausbildung zeigte mir auch wieder ganz klar, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen klassischen und bäuerlichen Unternehmen besteht. Bei klassischen Unternehmen muss die Bilanz jedes Jahr im Plus sein, die Tendenz muss Richtung stetiges Wachstum gehen. Beim Bauern, im Gegensatz, rechnet man die Investitionen In 10 Jahreszyklen, wenn nicht auf Generationen. Meine Ausbildung war insoweit für die Planung wichtig: In der Landwirtschaft unterschätzt man oft, wie ausschlaggebend sie ist, um einen Acker die ganze Saison produktiv zu halten. Ich habe verschiedene Weiterbildungen besucht, um weitere Kenntnisse zu sammeln, aber es ging hauptsächlich um „learning by doing“ und das nötige Herzblut.

Wir haben uns beim Kick-Off Meeting vom Projekt NEST (Nachhaltiges Ernährungssystem Südtirol) getroffen. Was erwartest Du dir von diesem Projekt?

Ein Projekt wie NEST kann verschiedene Initiativen bündeln, die bereits in Südtirol vorhanden sind und die in Richtung einer größeren Nachhaltigkeit und Regionalität gehen. Ich spüre den Willen von vielen Landwirten, Gastronomen und Unternehmen in Südtirol, die natürlichen Ressourcen vernünftig zu nutzen und Emissionen und Abfälle in den verschiedenen Phasen des Produktlebenszyklus zu vermeiden.

Kinder, Schule, Nachhaltigkeit: Wie wichtig sind sie?

Kinder sind sehr wichtig. Sie sind die Basis, unsere zukünftigen Konsumenten. Fehlt Ihnen die Sinnhaftigkeit oder Wertschätzung für Ihre Lebensmittel, hat das gravierende Folgen für die Landwirtschaft. Eine weitere Entfremdung von Natur, Tieren und Lebensmitteln bietet ungenügend Schutz für diese und schlussendlich für den Menschen selbst. Deshalb ist es unerlässlich Aufklärung zu betreiben. Hier ist auch die Politik gefordert entsprechend zu unterstützen. Durch speziell geförderte Projekte kann daran gearbeitet werden diese Entfremdung von Lebensmitteln und Tieren zu reduzieren und so wieder eine stärkere Beziehung mit der Natur zu entwickeln. Nur so werden sowohl die Nahrungsmittel als auch deren Produzenten wertgeschätzt.

Nicole und ihre Tochter Emma© Nicole Hambach

Wie wird die Zukunft Deiner Meinung nach aussehen?

Ich bleibe positiv, weil ich an die neue Generation glaube. Sie ist offen für Neues. Es ist nur wichtig, dass die ältere Generation für sie Platz macht und dass sie ihr die Freiheit lässt, neue Initiativen zu gründen und Sachen auszuprobieren. Einen weiteren wichtigen Punkt für die Zukunft stellen die Werte dar, die unsere Gesellschaft neu für sich entwickeln darf. Und das sollten wir zusammen machen. Ich sehe es so: Nach dem Krieg war Arbeit die höchste Priorität, aber in den letzten Jahren haben wir versucht, entspannter zu leben. Die Kunst für die Zukunft besteht darin, eine gute Work-Life-Balance zu finden. Die große Frage ist nun: Wie werden wir eine neue Struktur finanzieren?

Wenn Du einen Wunsch äußern könntest, welcher wäre es?

Nur einen? Darf ich vielleicht zwei? (Sie lacht.) Mein erster Wunsch ist, dass die Bauern einen angemessenen Preis für ihre Arbeit bekommen. Wenn das passiert, müssten keine Konzepte wie die SoLaWi entstehen. Jeder in der Ernährungskette möchte etwas dazuverdienen und gibt den Preisdruck dementsprechend eine Stufe weiter nach unten. Der Bauer - als letzter in der Kette - hat diese Möglichkeit nicht mehr. Im Vergleich zu früher geben die Menschen heute weniger Geld für ihr Essen aus und wissen die Arbeit der Landwirte nicht mehr zu schätzen. Es ist eine schwierige Arbeit, fast ohne Urlaub, welche die Landwirte 365 Tage pro Jahr verrichten. In den meisten Fällen ist es aber genau diese Leidenschaft die das System am Laufen hält, sonst macht man diesen Job nicht. Ich rede von den Bauern, aber auch in der restlichen Gesellschaft ist es wichtig, dass wir unseren Sinn im Leben finden. In der Arbeit seine Berufung zu finden, gibt einem Energie und macht zufrieden und glücklich. Wenn wir diesen Zustand erreichen, müssen wir uns nicht durch irgendwelchen Konsum dafür belohnen etwas ausgehalten zu haben, was wir nicht gerne machen. Der zweite Wunsch ist, dass wir uns gut um uns selbst kümmern. Wenn es uns gut geht, können wir für unsere Familie und unsere Gesellschaft eine treibende Kraft sein.

Was hast Du von deiner Erfahrung gelernt? Warum hat die SoLaWi in Deiner Gegend nicht funktioniert?

Unsere SoLaWi hat aus verschiedenen Gründen nicht weiter Bestand gehabt. Zum einem, habe ich das Projekt zu schnell gestartet, ohne sicherzustellen, dass die Gruppe der Mitglieder in ausreichender Anzahl vor Projektbeginn steht. Ich muss auch zugeben, dass es keine richtige Bottom-up Dynamik gab. Es wäre besser gewesen, wenn ich zuerst die Mitglieder gesammelt und dann mit der Produktion begonnen hätte. Eine echte Bottom-up Dynamik wäre gewährleistet, wenn eine Initiative von Gleichgesinnten zusammengekommen wäre und um die Übernahme der Produktion oder ein Stück Feld zur Realisation gefragt hätte. Ich habe diese SoLaWi sehr flexibel gestaltet und habe zu spät bemerkt, dass man während der Produktion einige klare Regeln hätte festlegen sollen, wie zum Beispiel fixe Hilfstage. Ich kann verstehen, dass wir alle mit diversen Aktivitäten beschäftigt sind, aber wenn man sich für eine SoLaWi entscheidet, sollte man sich entsprechend einsetzen und auch Zeit dafür einrichten. Weiters ist es wichtig eine Gruppe mit homogenen Interessen zu haben. Suchen die einen nur naturbelassenes Gemüse, die anderen aber Gemeinschaft, ist dies schwer in Einklang zu bringen. Was die Produktion betrifft, hätten die Kisten auch gerne weniger Gemüse haben dürfen. Für die meisten Familien war es zu viel. Und Vorratshaltung, wie einwecken, einfrieren, ist nicht jedermanns Sache. Einer der entscheidendsten Aspekte war die Distanz zwischen Produktion und Konsumenten. Die Mehrheit der Mitglieder war aus Brixen: Auch wenn die Anreise nicht so lang ist, war es doch für viele eine Herausforderung sie fix in ihren Alltag einzuplanen.

Du bist jetzt seit acht Jahren in Südtirol. Wie hat sich die Provinz verändert und in welche Richtung sollte sie gehen?

Es gab viele Änderungen, mein Eindruck ist, dass viele Leute in Südtirol in den letzten Jahren mehr Luxus leben. Ich merke auch, dass Südtirol anderen Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz in vielen Aspekten hinterherhinkt. Das müsste gar nicht der Fall sein. Wenn sich Südtirol auf das konzentrieren würde, was es gut kann: Landwirtschaft, Handwerk, Tourismus, Tradition. Diese Sparten könnten das Aushängeschild für Nachhaltigkeit werden.

Solidarische Landwirtschaft...

...ist eine innovative Strategie für eine lebendige, verantwortungsvolle Landwirtschaft. Diese stellt gleichzeitig die Existenz der Menschen sicher, die dort arbeiten und leistet einen essenziellen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung. Sie fördert und erhält eine bäuerliche und vielfältige Landwirtschaft, stellt regionale Lebensmittel zur Verfügung und ermöglicht Menschen einen neuen Erfahrungs- und Bildungsraum. Erzeuger*innen und Verbraucher*innen bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, welche auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt ist und die natürliche Mitwelt berücksichtigt.

www.solidarische-landwirtschaft.org

Elisa Agosti

Elisa Agosti

Elisa Agosti arbeitet als Junior Researcherin am Institut für Regionalentwicklung von Eurac Research. Sie ist Teil der Forschungsgruppe Rural Economy und forscht im Bereich Kulturerbe und Nachhaltigkeit.

Citation

https://doi.org/10.57708/b141467273
Agosti , E. SoLaWi: Herausforderungen und Potential. https://doi.org/10.57708/B141467273

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