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Zucht und Ausbildung von Hütehunden

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Zucht und Ausbildung von Hütehunden
Seinem Blick entgeht Nichts: Border Collie bei der Arbeit - © Erna Grüner

Es ist die Geschichte einer jahrtausendealten Symbiose. Sie reicht zurück in eine Zeit lange vor der Sesshaftwerdung des Menschen: 15.000 Jahre – so alt sind die ersten sicheren Hinweise auf die Existenz von Haushunden. Und entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass sich zwischen Mensch und Hund eine enge Bindung und Zuneigung entwickelten, die bis heute nichts von ihrer Intensität verloren haben. Tatsächlich bildete der Mensch im Verlauf der Jahrtausende eine tiefere emotionale Beziehung zum Hund aus als zu irgendeinem anderen Tier. Denn Mensch und Hund haben gelernt, miteinander zu kommunizieren

Meister der Hütearbeit

Einen faszinierenden Eindruck von dieser ausgeklügelten und dabei sehr sensiblen Kommunikation zwischen Mensch und Hund erhalte ich, als ich mich nach Katharinaberg aufmache, um Erna beim Training ihrer Border Collies zu beobachten. Es ist nur ein leises Pfeifen, mit dem Erna dafür sorgt, dass ihre Hunde die Schafe in eine bestimmte Richtung lenken oder einzelne Tiere von der Gruppe abspalten. Was mich dabei besonders überrascht: Die Hunde reagieren blitzschnell auf die eigentlich nur sehr leisen Töne. Rechts, links, stopp, herkommen – sämtliche Befehle sind mit bestimmten Tonfolgen verknüpft, die Hund und Halter in- und auswendig kennen. Nur in meinen laienhaften Ohren hören sie sich alle ziemlich ähnlich an.

Weil diese Kommunikation möglich ist und, wie ich bei Erna gesehen habe, reibungslos funktionieren kann, haben Hunde im Laufe der Zeit Aufgaben übernommen, die Menschen allein nicht schaffen können. Das Hüten der Schafherden in weitläufigem, unübersichtlichem, teils sehr steilem Gelände zum Beispiel. Gut vorstellbar, dass essenzielle Voraussetzung für den Beginn der Schafhaltung in großen Herden, die vor etwa 10.000 Jahren einsetzte, die Symbiose Mensch – Hund war.

Dabei züchtete der Mensch die Hunde für seine jeweiligen Zwecke. Bei den Hütehunden wurde das natürliche Jagdverhalten auf das Hüten ‚umgelenkt‘. Ins Visier nehmen, heranpirschen, einkreisen, in eine gewünschte Richtung treiben – dies sind sämtlich ‚wölfische‘ Verhaltensweisen, die Hunde bei der Jagd zeigen. Bloß, dass sie bei der Zucht und Erziehung zum Hütehund ihre ‚Beute‘ nicht mehr fangen und töten, sondern nurmehr treiben und lenken.

Jahrtausendealt: noch immer ziehen die Hirten im Sommer mit tausenden Schafen vom Vinschgau und Schnalstal ins Ötztal © Gianni Bodini

„Ein Border Collie in guten Händen ist ein König, in schlechten ein Bettler“

Von welch unersetzlicher Hilfe die Border Collies in ihrem ganz persönlichen Fall waren, schildert mir auch Erna: „Als mein Ehemann eines Tages mit drei Tiroler Bergschafen auf den Hof kam, habe ich schnell gemerkt, dass die Beaufsichtigung der Tiere in dem äußerst steilen Gelände, das wir bewirtschaften, ohne Hilfe nicht möglich ist. Da lag es nahe, dass ich mich der Fähigkeiten und des Arbeitswillens von Hütehunden zu bediene.“ Genauer gesagt der Hütehunderasse schlechthin: Border Collies. Wie ihr Name verrät, stammen sie aus einer Grenzregion, und zwar dem Gebiet zwischen England und Schottland (‚Border Country‘). Schon für das mittlere 16. Jahrhundert ist belegt, dass sie die dortigen Schäfer beim Hüten der Tiere unterstützten.

„Dieser hochspezialisierte Rassehund hat ein jahrhundertealtes Hüte-Gen im Blut. Dies macht seine Haltung auch so anspruchsvoll“, verrät mir Erna. „So einen Hund kann man nicht in einer Stadtwohnung halten und einmal täglich mit ihm spazieren gehen. Die jahrhundertelange züchterische Leistung kann man nicht einfach negieren oder ‚abschaffen‘. Dieser Hund braucht Kopfarbeit.“ Und die kann Erna ihnen bieten! Ich merke förmlich, wie sehr die Hunde danach lechzen. „Bei der Arbeit mit den Schafen muss ich mich voll auf meine Hunde verlassen können – aber auch verantwortungsvoll mit ihnen umgehen“, ergänzt sie. „Die Border Collies haben eine derart ausgeprägte Arbeitsbereitschaft, dass sie bis zum Umfallen arbeiten würden, oder auf meinen Befehl in schwieriges Gelände klettern würden, wo sie unter Umständen abstürzen könnten. Ich muss daher immer darauf achten, was und wie viel ich meinen Hunden zumute – denn sie vertrauen mir voll und ganz.“

Es ist ein beeindruckendes Wissen, das sie sich über die Jahre angeeignet hat. „Viel davon habe ich selbständig erworben, vor allem durch das praktische Training mit den Hunden, zum Beispiel beim Agility oder Dog Dancing. Als ich 16 Jahre alt war, kam der erste Hund in unsere Familie – und seither begleiten mich diese Tiere“, erklärt sie mir. „Bei den Border Collies und der Arbeit mit den Schafen habe ich mir am Anfang aber Hilfe bei erfahrenen Hirten gesucht: unter anderem bei meinem alten Klassenkameraden Lou, den ich bei einer Fortbildung in Tschengls wiedertraf.“ Gemeint ist Lorenz Blaas, der im Vinschgau auch der Hundeflüsterer genannt wird. „Seit 29 Jahren verbringt er mit seinen Border Collies den Sommer auf der Fürstenalm bei Chur. Im Winter kommt er öfters bei mir vorbei und wir trainieren unsere Hunde zusammen an den Schafen – da konnte ich mir natürlich das ein oder andere abschauen“, verrät sie mir augenzwinkernd.

„Wir sind nur eine kleine Gruppe hier in Südtirol, die sich um die Ausbildung der Hütehunde kümmert. Obwohl der Bedarf und die Nachfrage eigentlich groß sind, weil Hunde bei der Tierhaltung, besonders in der Alpwirtschaft, wieder verstärkt zum Einsatz gelangen.“

Erna Grüner, Katharinaberg

Hunde – eine der tragenden Säulen von Alpwirtschaft und Transhumanz

„Tatsächlich sind wir nur eine kleine Gruppe hier in Südtirol, die sich um die Ausbildung der Hütehunde kümmert. Obwohl der Bedarf und die Nachfrage eigentlich groß sind, weil Hunde bei der Tierhaltung, besonders in der Alpwirtschaft, wieder verstärkt zum Einsatz gelangen.“ Nicht zuletzt natürlich bei der alljährlichen Transhumanz vom Vinschgau und Schnalstal ins Ötztal. An dieser nimmt Erna allerdings nicht teil mit ihren Tieren: „Meine Schafe weiden im Sommer auf den Alpflächen unseres Nachbars, nicht allzu weit entfernt vom Hof.“

Zur Zeit hat Erna acht Hunde, von denen sie fünf mehrmals die Woche trainiert. Früher hat sie auch Hundesport betrieben und an internationalen Hütehund-Wettbewerben teilgenommen. Dies macht sie inzwischen nicht mehr. Stattdessen gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen immer wieder einmal in Kursen weiter. Vor allem auch dann, wenn Halter Probleme mit ihren Border Collies haben. „Allerdings muss ich dabei auch an meine Schafe denken“, sagt sie lachend, „denn auch sie sind ja Lebewesen. Jeden beliebigen Hund lasse ich nicht auf sie los.“ Aus den ursprünglich drei Schafen sind inzwischen 30 geworden. Sie stehen geschlossen im Steilhang und beäugen uns – oder vielmehr den Hund zu unseren Füßen – misstrauisch.

Warum Erna ihre Hunde an Schafen trainiert? „Schafe eignen sich gut fürs Training, denn aufgrund ihres starken Herdentriebs bleiben sie zusammen. Kühe und vor allem Ziegen verhalten sich da ganz anders – Ziegen können den Hunden sogar schaden, indem sie sie mit Absicht zum Absturz bringen. Prinzipiell aber ist es so, dass die Border Collies nach ihrer Ausbildung durchaus für unterschiedliche Tierarten eingesetzt werden können“, erklärt sie mir.

Im Sommer, wenn ihre Schafe auf der Alm sind, lässt Erna ihre Hunde mit Laufenten arbeiten. „Die Enten sollen die Nacktschnecken auf den Wiesen fressen. Um sie dorthin zu lenken, braucht es ein ganz feines Gefühl vonseiten des Hundes. Denn bei schnellen Bewegungen kann es passieren, dass die Enten davonfliegen.“

Und dann hat nicht einmal mehr der Border Collie eine Chance, sie wieder einzufangen.

Unverzichtbar auch bei der Transhumanz: Hüte- und Treibhunde © Gianni Bodini

Hüterin der Vielfalt: Erna Grüner, Katharinaberg

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer Serie zur Ausstellung "Hüter der Vielfalt". Diese wird im Rahmen des Interreg Italien-Schweiz-Projekts „Living Intangible Cultural Heritage“ unter der Leitung von Eurac Research realisiert. Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die vom 15. Juli bis 14. Oktober 2022 im Vinschgau und der Val Mustair stattfindet. Projektpartner sind die Region Lombardei, die Region Aostatal und Polo Poschiavo.

Die Wanderausstellung wird an folgenden Orten gezeigt:

  • 15.–31. Juli 2022: Karthaus, Kreuzgang der Kartause Allerengelberg
  • 06.-07. August 2022: auf dem Festival „Marmor und Marillen" in Laas
  • 03.–18. September 2022: auf den Palabiratagen in Glurns
  • 02.–14. Oktober 2022: auf dem Erntedankfest und in der Chasa Jaura in Valchava
Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt

Ricarda Schmidt arbeitet am Institut für Regionalentwicklung zur großen Vielfalt der Thematik ‚Lebendiges Kulturerbe‘.

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Citation

https://doi.org/10.57708/b122234967
Schmidt, R. Allevamento e addestramento di cani da pastore. https://doi.org/10.57708/B122234967

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