null

magazine_ Article

1

Sichere Sprache für sicheres Arbeiten

Wie unsere Terminologieexpertinnen Institutionen und Unternehmen im Bereich Arbeitsschutz unterstützen

Annelie Bortolotti
© Eurac Research | Annelie Bortolotti
by Valentina Bergonzi

Rund 700.000 Arbeitsunfälle wurden dem Versicherungsinstitut INAIL im Jahr 2022 gemeldet, 300.000 waren es im ersten Halbjahr 2023 – nicht nur deshalb ist der Arbeitsschutz ein Bereich, in dem Worte besonders sorgfältig gewählt gehören. Worte, die die Beschäftigten für Schutzmaßnahmen sensibilisieren sollen, aber auch jene, die die Verantwortlichkeiten im Falle eines Unfalls regeln. Die Terminologieexpertinnen von Eurac Research arbeiten seit Jahren mit der Autonomen Provinz Bozen und seit kurzem auch mit den Berufsverbänden zusammen, um Schulungsmaterialien zu überarbeiten und zu übersetzen.

Die Sprache des Arbeitsschutzes verbindet sehr unterschiedliche Bereiche: Auf der einen Seite steht das gesetzesvertretende Dekret 81/2008, das mit seiner komplexen juristischen Sprache für Laien oft schwer verständlich ist. Auf der anderen Seite stehen die Angestellten, die auf Schulungen lernen, sich selbst und andere am Arbeitsplatz zu schützen, von denen aber keine Kenntnis der juristischen Fachsprache verlangt werden kann. Dazwischen gibt es Institutionen, Berufsverbände und Unternehmen, die Lernmodule mit rechtlich korrekten und gleichzeitig verständlichen Informationen anbieten müssen.

Und als ob das noch nicht genug wäre: Das Dekret wurde ursprünglich in italienischer Sprache verfasst, in Südtirol muss es das entsprechende Informationsmaterial aber auch auf Deutsch und seit einiger Zeit auch auf Englisch geben, um den Bedürfnissen von internationaler werdenden Arbeitskräften gerecht zu werden.

In diesem Spannungsfeld arbeiten die Linguistinnen von Eurac Research.

Titelbild


Wenn er sich nicht gerade um die Gesundheit und die Sicherheit des Personals von Eurac Research kümmert, geht unser Leiter des Arbeitsschutzdienstes seiner Sammelleidenschaft nach. Von jeder Reise bringt er ein Schild mit – naheliegenderweise handelt es sich um Sicherheits- und Gesundheitskennzeichen. 41 solcher Schilder, die er in Eisenwarenhandlungen und auf Flohmärkten auf der halben Welt ergattert hat, schmücken derzeit die Wände seines Büros. Die weiteste Reise hat ein Schild aus Neuseeland zurückgelegt, das teuerste stammt aus Island: 49 Euro für die Kennzeichnung eines Notausgangs. Das abenteuerlichste kommt aus Äthiopien: ein Autodreieck, das er auf dem Markt von Addis Abeba erstanden hat. Das kurioseste Schild stammt aus Bulgarien: Niemand hat bisher verstanden, was es bedeutet ...

Übersetzen: Leichter gesagt als getan

Zehn Jahre sind vergangen, seit die Sprachwissenschaftlerinnen von Eurac Research, ihres Zeichens Expertinnen für Rechtsterminologie, angefangen haben, mit der Autonomen Provinz Bozen im Bereich Arbeitsschutz zusammenzuarbeiten. Begonnen hat es mit der Übersetzung von 28 Lernmodulen ins Deutsche oder Italienische. Im Laufe der Zeit kamen weitere Aktivitäten hinzu.

„Schwierig wird es bei Begriffen für Rollen und Funktionen im italienischen Rechtssystem, für die es in Österreich, der Schweiz oder Deutschland keine Entsprechungen gibt. Hier ist die Übersetzung ins Deutsche komplex.“

Elena Chiocchetti, Linguistin

Der Arbeitsschutz betrifft alle Arbeitsbereiche. In jedem Bereich gibt es spezifische Risiken, und es werden entsprechende Arbeitsschutzmaßnahmen getroffen. Das Forschungsteam hat es dementsprechend mit Terminologien aus den verschiedensten Bereichen zu tun: Sie reichen von bautechnischen Fachausdrücken, wenn es um die Sicherheit auf Baustellen geht, bis hin zu medizinischem Vokabular, wenn es etwa die Entsorgung von Spritzen in Fachambulanzen betrifft. Dabei sind es nicht diese Fachbegriffe, die bei der Übersetzung die größten Probleme bereiten. „Wenn wir zum Beispiel von dispositivo anticaduta („persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz“) oder patologia da sovraccarico („Erkrankung durch mechanische Überlastung“) sprechen, können wir oft auf die im deutschsprachigen Raum etablierte Terminologie zurückgreifen“, erklärt die Linguistin Elena Chiocchetti. „Schwierig wird es bei Begriffen für Rollen und Funktionen im italienischen Rechtssystem, für die es in Österreich, der Schweiz oder Deutschland keine Entsprechungen gibt“. Die Versuchung einer übereilten Übersetzung kann sich als Fallstrick erweisen.

„Zuständiger Arzt“ für medico competente ist an sich nicht falsch. Diese wörtliche Übersetzung aus dem Italienischen ist jedoch nicht sehr transparent und lässt nicht unmittelbar an eine Fachperson für Arbeitsmedizin denken, die die Risiken in einem Unternehmen bewertet und die Gesundheit der Beschäftigten überwacht. In Südtirol hat sich „Betriebsarzt“ etabliert. Es entspricht dem in Deutschland gebräuchlichen Fachwort und ist vielleicht sogar verständlicher als das italienische Original.

Aber nicht für alle Begriffe oder Funktionen gibt es im deutschsprachigen Raum eine Entsprechung: Eine Figur, die es in dieser Form beispielsweise nur in Italien gibt, ist der sogenannte rappresentante dei lavoratori per la sicurezza. Es handelt sich dabei um ein Mitglied des Personals, das von der Belegschaft eines Unternehmens gewählt wird, um sie im Bereich Arbeitsschutz zu vertreten. In Südtirol kursieren je nach Text oder Organisation verschiedene Varianten: Die offizielle ist „Sicherheitssprecher“, aber es gibt auch wörtliche Übersetzungen wie „Arbeitnehmervertreter für Sicherheit“ oder „Arbeitnehmervertreter für Arbeitsschutz“. Manchmal wird sogar der italienische Ausdruck übernommen. Die Linguistinnen von Eurac Research empfehlen, immer „Sicherheitssprecher“ zu verwenden und die Texte zu harmonisieren.

In Südtirol hat sich „Betriebsarzt“ etabliert. Es entspricht dem in Deutschland gebräuchlichen Fachwort und ist vielleicht sogar verständlicher als das italienische Original.

Der Blick über den Brennerpass kann hin und wieder auch tückisch sein. Manchmal bezeichnet ein und dasselbe Fachwort in verschiedenen Rechtssystemen nämlich unterschiedliche Funktionen. So etwa „Brandschutzbeauftragter“. In Südtirol ist es ein Mitglied des Personals, das eine kurze Schulung im Bereich Brandverhütung und -bekämpfung erhält und im Notfall die Evakuierungsmaßnahmen unterstützt (auf Italienisch addetto antincendio). Anders sieht es jedoch im deutschen Recht aus. Dort ist der Brandschutzbeauftragte eine fachkundige, unter Umständen auch betriebsfremde Person, die die Unternehmensleitung in allen Belangen des vorbeugenden, organisatorischen und betrieblichen Brandschutzes berät und unterstützt – mit einer spezifischen Fachausbildung und einer ungleich größeren Verantwortung. Mit anderen Worten: Wenn es im deutschen, schweizerischen oder österreichischen Rechtssystem eine Funktion gibt, die der im italienischen Recht entspricht, kann man bei Bedarf dieselbe Benennung auch in Südtirol übernehmen. Ist dies hingegen nicht der Fall, muss man sich bewusst auf eine Benennung einigen und diese dann konsequent und korrekt anwenden. Wann immer möglich, wird in solchen Fällen versucht, Benennungen zu vermeiden, die in der grenzüberschreitenden Kommunikation zu Missverständnissen führen können. Hat sich allerdings eine Benennung im Sprachgebrauch bereits etabliert, wie im Fall des Brandschutzbeauftragten, gibt es oft keine sinnvolle Alternative. Dann ist es notwendig, denjenigen, die aus Deutschland zum Arbeiten nach Südtirol kommen, den Unterschied gut zu erklären.

Insgesamt wurden über 1.650 terminologische Einträge zum Arbeitsschutz von den Linguistinnen von Eurac Research erarbeitet und im „Informationssystem für Rechtsterminologie bistro“ veröffentlicht. In den einzelnen Terminologieeinträgen sind für jeden Fachbegriff die auf Italienisch und Deutsch verwendeten Benennungen, Definitionen, Gebrauchsbeispiele und etwaige Anmerkungen angeführt.

Help

Seit die Landesverwaltung und die Berufsverbände erkannt haben, dass es unverzichtbar ist, das Informationsmaterial auch in englischer Sprache verfügbar zu machen, um auf die „zunehmende Internationalisierung unserer Unternehmen und unserer Arbeitskräfte“ zu reagieren, wie der Koordinator des CTM – Zentrum für Technologie und Management des Unternehmerverbandes Bozen Bernhard Prünster hervorhebt, ist eine weitere Herausforderung dazugekommen. Denn verglichen mit der Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche, birgt die Übersetzung ins Englische eine zusätzliche Schwierigkeit: Die Rechtssysteme in vielen englischsprachigen Ländern basieren auf dem Common Law, d. h., sie beruhen auf Präzedenzfällen und nicht auf kodifizierten Gesetzen und Gesetzbüchern wie das italienische und das deutsche System (viele kennen dieses System aus amerikanischen Fernsehserien, in denen Anwaltsteams über vergangene Gerichtsurteile ähnlicher Fälle brüten, sie studieren und interpretieren).

Verständlicherweise macht dieser Unterschied zwischen den Rechtssystemen die Übersetzung noch komplexer und führt in einigen Fällen bis hin zur Unübersetzbarkeit.

In den letzten Monaten haben Chiocchetti und ihre Kolleginnen ein Glossar erstellt, das in einer Tabelle einige hundert Begriffe in den drei Sprachen gegenüberstellt. Das Glossar ist unverzichtbar für die Abteilung von Eurac Research, die interne Arbeitsschutzschulungen organisiert und wurde auch einem Übersetzer zur Verfügung gestellt, der im Auftrag des Unternehmerverbandes, des HGV, des Raiffeisenverbandes und des Südtiroler Gemeindenverbandes Lernmodule ins Englische übersetzt hat.

Gefahr oder Risiko? Übersetzungen im Wandel

„Im Laufe der Jahre hat sich das Tätigkeitsfeld der Übersetzerinnen und Übersetzer erweitert“, erklärt Chiocchetti. „Neben Übersetzungen im engeren Sinn, befassen wir uns zunehmend auch mit der inhaltlichen Überarbeitung und der Anpassung der Texte an ein nicht fachkundiges Publikum, wie die allgemeine Mehrheit der Beschäftigten“. Die Übersetzerinnen helfen dabei, von Fachleuten verfasste Texte über komplexe Inhalte anschaulicher zu gestalten. „Wir prüfen, ob die Originaltexte einheitlich formuliert sind und vereinfachen bei Bedarf die Inhalte, um sie für Nichtfachleute verständlicher zu machen und eine bessere Grundlage für die Übersetzung zu schaffen“, so Chiocchetti weiter.

Der Unterschied zwischen „Risiko“ und „Gefahr“ wird im Einheitstext zum Arbeitsschutz sehr deutlich gemacht. Einige chemische Stoffe sind von Natur aus gefährlich, das chemische Risiko kann aber durch geeignete Arbeitsschutzmaßnahmen wie dem Tragen von Schutzbrille, -maske und -handschuhen verringert werden.© amorn - stock.adobe.com

Seit Neuestem werden die Texte auch im Hinblick auf eine gendergerechte Sprache überarbeitet.

In einigen Fällen gibt es Eingriffe in die Form, wenn etwa komplexe Sätze vereinfacht werden, oder in die Struktur, wenn zum Beispiel Textabschnitte durch übersichtlichere Tabellen ersetzt werden. In anderen Fällen geht es hingegen darum, Sachverhalte, die nur für Profis der Arbeitssicherheit selbstverständlich sind, präzise zu erklären. Das beste Beispiel dafür sind die Begriffe „Risiko“ und „Gefahr“: In der Alltagssprache werden die Wörter, sowohl im Italienischen als auch im Deutschen, oft als Synonyme verwendet. Laut dem gesetzesvertretenden Dekret 81/2008 sind es jedoch zwei ganz verschiedene Begriffe, deren Unterschied man kennen muss. Die Gefahr ist in bestimmten Arbeitsmitteln und Wirkstoffen immanent und kann an sich nicht vermieden werden. Ammoniak, zum Beispiel, ist ein gefährlicher chemischer Stoff. Die einzige Möglichkeit die Gefahr zu vermeiden, besteht darin, ihn nicht zu verwenden. Ein Risiko hingegen entsteht, wenn Menschen und Gefahren zusammentreffen. Das Risiko kann durch geeignete Arbeitsschutzmaßnahmen verringert werden. Wenn ich also bei meiner Arbeit gezwungen bin Ammoniak – das eine „Gefahr“ darstellt – zu verwenden, muss ich das „chemische Risiko“ durch das Tragen von Handschuhen, Maske, Schutzbrille usw. minimieren.

Seit Neuestem werden die Texte auch im Hinblick auf eine gendergerechte Sprache überarbeitet. Chiocchetti und ihre Kolleginnen prüfen, welche Formen – immer im Bereich des Arbeitsschutzes – ein Höchstmaß an Inklusion gewährleisten, ohne rechtliche Unsicherheit zu schaffen und das ohnehin schon dichte Informationsmaterial zu überfrachten. Es ist zum Beispiel einfach, „der Arbeitnehmer hat Anspruch auf Urlaub“ durch „wer arbeitet, hat Anspruch auf Urlaub“ zu ersetzen. Wird jedoch aus dem „Betriebsarzt“ die „betriebsärztliche Fachperson“, besteht die Gefahr, dass der Bezug zu der rechtlich definierten Funktion nicht mehr immer klar und deutlich erkennbar ist. Das Gleichgewicht zwischen Rechtssicherheit und inklusiver Sprache zu finden, bleibt eine offene Baustelle.

Laufende Projekte


SSL-Laien Anhand der von der Landesverwaltung verfassten Lernmodule, die in zwei Sprachen verfügbar und für ein heterogenes Publikum mit unterschiedlichem Ausbildungsniveau verständlich sein müssen, untersucht das Projektteam die Rolle der Übersetzerinnen und Übersetzer bzw. des Übersetzungsprozesses in Kommunikationskontexten mit Wissensgefälle.

SSL-Eurac Der Forschungsschwerpunkt des Projekts liegt auf den möglichen Interventionsstrategien, um Lernmodule zum Thema Arbeitsschutz mit häufigen Verweisen auf die Gesetzgebung inklusiver und einem zunehmend genderbewussten Zielpublikum gerecht zu machen, ohne jedoch Missverständnisse oder Zweifel aus rechtlicher Sicht zu verursachen. Das Projekt bietet auch die Möglichkeit, die verschiedenen anwendbaren Strategien für die drei von Eurac Research verwendeten Sprachen zu vergleichen: Italienisch, Deutsch und Englisch.

Related People

Elena Chiocchetti

Natascia Ralli

Tags

Institute & Center


Related Content

What is the difference between a minority language and a minoritised language?
ScienceBlogs
connecting-the-dots

What is the difference between a minority language and a minoritised language?

Elena ChiocchettiElena Chiocchetti
„Italienerinnen und Deutsche kämpften gemeinsam“
interview

„Italienerinnen und Deutsche kämpften gemeinsam“

Ein Gespräch über die Geschichte der Frauenbewegung in Südtirol

news

Wo steht Südtirol auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Das Klimaplanmonitoring zeigt, wie sich die Emissionen in Südtirol entwickeln

Related Research Projects

1 - 10