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„Italienerinnen und Deutsche kämpften gemeinsam“

Ein Gespräch über die Geschichte der Frauenbewegung in Südtirol

© Archivio storico delle donne / Fondo Frauen für Frieden
by Laura Defranceschi

Den Anfang machten junge Italienerinnen, die das feministische Bewusstsein aus ihren Universitätsstädten mit zurück nach Südtirol brachten. Bald schlossen sich auch deutsche Frauen an. Im gemeinsamen Einsatz schufen sie unter anderem die 1973 gegründete Beratungsstelle AIED in Bozen, von der Familien und Frauen noch heute profitieren. Wer die Frauen waren, die sich Ende der 1960er-Jahre in Südtirol organisierten, wofür sie kämpften und was gerade die Südtiroler Bewegung ausmacht, erzählt die Historikerin Chiara Paris im Interview.

Was hat die Frauen in Südtirol dazu bewegt, auf die Straße zu gehen? Um welche Themen ging es?

Chiara Paris: Die Frauenbewegung hat ab 1968 weltweit immer mehr Aufschwung erhalten. Wenn wir an die Geschichte Südtirols in den 60er-, 70er-Jahren denken, dann ging es hierzulande aber vor allem um das Autonomiestatut und um die Selbstbestimmung der deutschsprachigen Bevölkerung. Es war wenig Raum für andere Themen. Nichtsdestotrotz wurde dieser gesellschaftliche Wandel in den 70er-Jahren auch in Südtirol spürbar. Es waren zunächst vor allem Frauen aus dem italienischsprachigen Umfeld, die sich zusammenschlossen und begannen, sich in Gruppen zu organisieren. Sie hatten an italienischen Universitäten studiert und machten das, was in den Großstädten Italiens besprochen wurde, auch hier in Südtirol zum Thema: die Legalisierung der Abtreibung, die Gleichberechtigung von Frau und Mann im Fall einer Ehescheidung, aber auch das Thema der sexuellen Aufklärung wie etwa Verhütungsmethoden – die Pille war gerade auf den Markt gekommen, und es war noch wenig darüber bekannt, wie sie genau funktionierte. Mitte der 70er-Jahre schlossen sich dann auch die deutschsprachigen Frauen in Südtirol der Frauenbewegung an.

Es war wohl eher ein städtisches Phänomen?

Paris: Ja genau, die Frauenbewegung hat sich zuerst in der Stadt entwickelt, in Bozen. Dort sticht besonders die Rechtsanwältin Andreina Emeri hervor, die 1971 das „Kollektiv Kollontai“ mitbegründete. Die Frauengruppe traf sich wöchentlich meist bei Emeri zuhause in Bozen. Eine der ersten konkreten Maßnahmen des Kollektivs war die Gründung der Frauenberatungsstelle AIED (Associazione Italiana per l'Educazione Demografica) in Bozen, die auch heute noch eine wichtige Anlaufstelle für Frauen und Familien ist und medizinische sowie juristische Leistungen und Beratungen anbietet. Ziel der Einrichtung war es damals vor allem, einen sicheren Ort für Frauen anzubieten, wo sie sich über Sexualität, Verhütung und Gesundheit informieren können.

Andreina Emeri


Andreina Emeri ist 1936 in Bozen geboren und war eine der führenden Figuren der Südtiroler Frauenbewegung. Sie studierte Rechtswissenschaften in Rom und Mailand und heiratete gegen den Willen ihrer Eltern den um viele Jahre älteren Anwalt Claudio Emeri. Gemeinsam mit ihm kehrte sie nach Bozen zurück. Sie wurde Mutter von vier Kindern und arbeitete zeit ihres Lebens als Anwältin, vertrat beispielsweise die Interessen der Gewerkschaften und des Mieterschutzverbandes. Als Mitglied der Frauengruppe „Kollektiv Kollontaj“ (in Anlehnung an die russische Revolutionärin Alexandra Kollontaj) war sie 1973 Mitbegründerin der heute noch aktiven Frauenberatungsstelle AIED (Associazione Italiana per l'Educazione Demografica) in Bozen, die dem nationalen Verband angeschlossen war. Emeri übernahm den Vorsitz und vertrat sie auf nationaler Ebene. Sie bot in der Beratungsstelle unentgeltliche Rechtsberatungen an und spielte als eine der ersten weiblichen Anwältinnen eine wichtige Rolle für ratsuchende Frauen aus allen Teilen Südtirols. 1983 kandidierte Emeri bei den Landtagswahlen in Südtirol und zog gemeinsam mit Alexander Langer für die „Alternative Liste für das andere Südtirol“ in den Südtiroler Landtag ein. 1985 starb sie unerwartet auf einer Reise in Norwegen. Im Bozner Stadtteil Kaiserau ist eine Straße nach ihr benannt.

Wie hat sich die Bewegung auf politischer Ebene niedergeschlagen?

Paris: 1964 wurden erstmals Frauen in den Südtiroler Landtag gewählt. Das waren Waltraud Gebert-Deeg für die SVP und Lidia Menapace für die Democrazia Cristiana. Im Auftrag des damaligen Landeshauptmanns Silvius Magnago gründete Gebert-Deeg die SVP-Frauenorganisation. 1972 fand schließlich die erste Landesfrauenversammlung statt. Die SVP-Frauenbewegung setzt sich bis heute für Themen und Probleme der Frauen innerhalb sowie außerhalb der Partei ein. Des Weiteren entwickelten sich die KVW-Frauen sowie ein Ableger des nationalen Frauenbundes „Unione Donne Italiane“, der eng mit der Kommunistischen Partei Italiens verbunden war. Doch es entstanden auch unabhängige Gruppierungen wie „Frauen für Frieden“, der Verein für LGBTQIA+ Menschen „Centaurus Arcigay Alto Adige Südtirol“, das Kollektiv des Feministischen Infocafés, die queer-feministische und rassismuskritische Bewegung „Frauen*marsch - Donne* in marcia“ und das offene Frauennetzwerk „Südtirol Sisters“ (SUSI), das hauptsächlich als Facebookgruppe besteht.

Die Historikerin Chiara Paris© Eurac Research | Annelie Bortolotti

In der Frauenbewegung in Südtirol kämpften Italienerinnen und Deutsche gemeinsam für ihre Rechte, es gab keine sprachliche Trennung. Das ist bis heute kennzeichnend für die Frauenbewegung in Südtirol.

Chiara Paris, Eurac Research

Welches waren Entscheidungen, die durchgebracht werden konnten?

Paris: Eines der strittigsten Themen war damals die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Frauen in ganz Italien, einschließlich der Südtiroler Frauenbewegung, forderten vehement die Legalisierung. Im Mai 1978 wurde schließlich das Gesetz Nr. 194 verabschiedet, das den freiwilligen Schwangerschaftsabbruch legalisierte, nachdem 500.000 Unterschriften Druck auf das Parlament ausgeübt hatten. Die Debatte erreichte im Mai 1981 mit zwei Referenden ihren Höhepunkt. Die Konservativen forderten die Abschaffung, die Radikalen eine Ausweitung des Gesetzes. Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht nur Südtirol, sondern ganz Italien katholisch geprägt war und ist. Beide Gruppen, Befürworterinnen und Gegnerinnen, traten stark für ihre Überzeugungen auf. Etwa 150 Frauen protestierten schweigend in Bozen gegen die Abschaffung des Gesetzes. Die Referenden scheiterten letztendlich, und das Gesetz Nr. 194 sowie der legale Schwangerschaftsabbruch blieben bestehen. Das konnte nur durch unermüdliches Mobilisieren und Kämpfen erreicht werden. Dank des Einsatzes der Südtiroler Frauen wurde die Autonome Provinz Bozen-Südtirol im Jahr 1989 zur Vorreiterin in Italien, indem sie das Landesgesetz zur Errichtung von Frauenhäusern verabschiedete. Als direkte Folge entstand in Meran ein zu dieser Zeit einzigartiges und äußerst innovatives Frauenhaus inklusive Beratungsstelle.

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Fackelzug der Frauenbewegung am 8. März 1977 in Bozen© Frauenarchiv/io storico delle Donne Bolzano / AIED - Sezione di Bolzano poi sezione Andreina Emeri
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Fackelzug der Frauenbewegung am 8. März 1977 in Bozen© Frauenarchiv/io storico delle Donne Bolzano / AIED - Sezione di Bolzano poi sezione Andreina Emeri
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Fackelzug der Frauenbewegung am 8. März 1977 in Bozen© Frauenarchiv/io storico delle Donne Bolzano / AIED - Sezione di Bolzano poi sezione Andreina Emeri
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Fackelzug der Frauenbewegung am 8. März 1977 in Bozen© Frauenarchiv/io storico delle Donne Bolzano / AIED - Sezione di Bolzano poi sezione Andreina Emeri
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Die Frauen gehen in Bozen 1977 auf die Straße, um für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs zu demonstrieren.© Courtesy of Eleonora Gelmo
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Kundgebung der Frauenbewegung 1977 in Bozen© Courtesy of Eleonora Gelmo
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Die Frauen gehen in Bozen 1977 auf die Straße, um für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs zu demonstrieren.© Courtesy of Eleonora Gelmo
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Kundgebung der Frauenbewegung "Frauen für Frieden" in Bozen 1981© Archivio storico delle donne / Fondo Frauen für Frieden
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Kundgebung der Frauenbewegung "Frauen für Frieden" in Bozen 1981© Archivio storico delle donne / Fondo Frauen für Frieden
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Kundgebung der Frauenbewegung "Frauen für Frieden" in Bozen 1981© Archivio storico delle donne / Fondo Frauen für Frieden

Haben sich die Themen geändert, als sich auch deutschsprachige Frauen der Bewegung angeschlossen haben?

Paris: Die Themen blieben dieselben. Es war ein gemeinsamer Einsatz für dieselben Anliegen. Das ist etwas, was hervorzuheben ist: In der Frauenbewegung in Südtirol kämpften Italienerinnen und Deutsche gemeinsam für ihre Rechte, es gab keine sprachliche Trennung. Das ist bis heute kennzeichnend für die Frauenbewegung in Südtirol.

Wie sieht es mit dem Feminismus in Südtirol heute aus?

Paris: Es ist noch immer notwendig, sich gegen Ungleichheiten stark zu machen. Heute geht es aber weniger nur um Frauenrechte, sondern um gleiche Rechte für alle. Die feministisch inspirierten Bewegungen sind seit ihren Anfängen Vorreiterinnen, wenn es darum geht, auf Ungleichheiten in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Das ist das, wofür sie stehen und wofür sie sich einsetzen. Es muss aber klar sein, dass dieser Einsatz kein Frauenthema ist, sondern alle gleichermaßen angeht.

Chiara Paris

Als Chiara Paris bei Recherchen bemerkte, dass es nur sehr wenige Informationen zum Feminismus in Südtirol gab, machte sie das Thema kurzerhand zum Inhalt ihrer Masterarbeit, die sie gerade an der Universität Trient schreibt. Die Historikerin forscht zudem am Center for Advanced Studies von Eurac Research und ist Mitglied der interdisziplinären Forschungsgruppe Gender Dynamics.

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