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Wir müssen lernen, auf einem verwundeten Planeten zu leben

Weshalb der technische Fortschritt allein den Klimawandel nicht aufhalten wird

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Die libysche Hafenstadt Darna nach den verheerenden Überflutungen im September 2023

© Reuters/Contrasto | ESAM OMRAN AL-FETORI

ESAM OMRAN AL-FETORI
by Sigrid Hechensteiner, Rachel Wolffe

Die Soziologin und Humangeografin Elisa Ravazzoli und der Geoökologe Marc Zebisch haben unterschiedliche Fachgebiete, aber eine gemeinsame Überzeugung: Technischer Fortschritt allein wird den Klimawandel nicht aufhalten. Es gilt, alle Disziplinen einzubeziehen und bei der wahren Ursache anzusetzen – dem menschlichen Handeln. Ravazzoli und Zebisch leiten gemeinsam das neu gegründete Zentrum für Klimawandel und Transformation bei Eurac Research. Academia hat ihnen einige brennende Fragen gestellt.

Angesichts des Klimawandels und drohender und bereits eingetretener Katastrophen gibt es oft zwei entgegengesetzte Reaktionen: Die ewigen Optimisten erklären, der Mensch verfüge über so hoch entwickelte Fähigkeiten, dass er die Gefahren der Klimaveränderung mit Hilfe neuer Technologien abwenden werde; die Pessimisten dagegen vertreten, der Zug sei ohnehin schon abgefahren, man könne nichts mehr tun. Wie gehen Sie mit diesen gegensätzlichen Überzeugungen um?

Marc Zebisch: Nun, wir müssen beide Perspektiven vereinen. Wir brauchen eine lösungsorientierte, einigermaßen optimistische Haltung, um schnell und effektiv zu handeln und ehrgeizige Maßnahmen zu ergreifen. Dies erfordert den Einsatz neuer Technologien, zum Beispiel von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, die noch zu entwickeln sind. Auch naturbasierte Lösungen sind nötig; dazu gehört, dass wir Flüsse und Torfmoore renaturieren oder Städte begrünen. Andererseits müssen wir akzeptieren, dass der Klimawandel und die damit verbundenen Risiken bereits eine fundamentale, globale Krise ausgelöst haben, die sich weiter verschärfen wird. Jüngste Ereignisse wie die beispiellose Flutkatastrophe in Libyen, mit mehr als 10.000 Opfern, zeigen die Auswirkungen der globalen Erwärmung von +1,2 °C. Jetzt bewegen wir uns auf eine Welt mit +2 °C bis +3 °C zu. Wir müssen uns auf eine wärmere Welt und die potenziellen nachteiligen Folgen vorbereiten, darunter mehr Konflikte um Wasser, Ressourcen und Land.

Elisa Ravazzoli: Als Forschende müssen wir wissenschaftlich fundierte Informationen liefern. Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen umzustimmen, die skeptisch sind oder davon überzeugt, dass nichts mehr zu machen ist. Es liegt in unserer Verantwortung, durch wirksame Kommunikation das Verständnis zu vertiefen, Informationen zugänglich zu machen, den Dialog anzuregen und das Gefühl zu stärken, dass man etwas tun kann und gemeinsam Verantwortung trägt. Den Technologie-Gläubigen möchte ich sagen: Hightech-Lösungen spielen sicher eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die gegenwärtigen und erwarteten Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen, aber für sich alleine können sie die Probleme nicht lösen. Um die komplexen Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen, braucht es einen umfassenden Ansatz, der über den technologischen Fortschritt hinausgeht und zur eigentlichen Ursache des Klimawandels zurückkehrt: zum menschlichen Handeln!

Als Forschende müssen wir wissenschaftlich fundierte Informationen liefern. Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen umzustimmen, die skeptisch sind oder davon überzeugt, dass nichts mehr zu machen ist.

Elisa Ravazzoli

Herr Zebisch, Sie beschäftigen sich seit zwei Jahrzehnten mit dem Klimawandel; bis vor einigen Jahren wurde das Phänomen oft angezweifelt, jetzt leugnen es nur noch einige extreme Kreise. Hat sich Ihr Forschungsauftrag und Ihre Arbeit dadurch verändert?

Zebisch: Ja und nein. Ja, weil sich heute die Öffentlichkeit und diejenigen, die die Entscheidungen zu treffen haben, des Klimawandels viel stärker bewusst sind und von der Wissenschaft Lösungen verlangen. In der Vergangenheit ging es eher darum, den Klimawandel tatsächlich zu beweisen. Und nein, weil die Wissenschaft nicht gut darin ist, Lösungen zu liefern – ihre Sache ist die Analyse, das Ziehen von Schlussfolgerungen. In meiner persönlichen Forschungsarbeit geht es darum, Klimarisiken zu verstehen. Entscheidungsträger und -trägerinnen wollen oft Informationen, um zu wissen, was zu tun ist. Wir helfen aber vor allem, den Handlungsbedarf zu ermitteln – Lösungen können wir nicht vorschreiben.

Hat man zu spät erkannt, dass die Bekämpfung des Klimawandels und die Bewältigung seiner Folgen nicht nur Sache der Naturwissenschaften ist?

Ravazzoli: Die Erkenntnis, dass auch sozialwissenschaftliche Expertise erforderlich ist, hat sich erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts durchgesetzt. Zuvor lag der Fokus vor allem auf den Klima- und Umweltwissenschaften und der Atmosphärenphysik. Ich bin Soziologin und Humangeografin mit Erfahrung in territorialer Entwicklung. Als Geografin bin ich darin geschult, Probleme ganzheitlich zu betrachten und auch ganzheitliche Lösungen zu finden, sowie die Interaktion zwischen Mensch und Raum zu untersuchen. Diese Herangehensweise ist angesichts des interdisziplinären Charakters des Klimawandels sehr nützlich, besonders was die menschliche Dimension betrifft: Welche Rolle spielen soziale Strukturen und Prozesse? Wie können Gemeinschaften sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen und resilienter werden? Wie kann man sie einbinden, wenn es um die Anpassung an den Klimawandel und seine Mitigation geht?

Die Energiewende von fossilen zu elektrischen Energieträgern und von hohem zu niedrigem Verbrauch ist der wirksamste Weg, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Marc Zebisch

Transformation ist das neue Schlagwort: Wir müssen die Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften, grundlegend ändern. Wo ist der Wandel besonders dringlich, und welche Veränderung würde relativ schnell viel bewirken?

Zebisch: Ich bin Naturwissenschaftler, aber in den vergangenen Jahren habe ich verstanden, dass die wichtigste Frage nicht lautet: „Was müssen wir über den Klimawandel wissen?“, sondern: „Warum handeln wir nicht, um ihn aufzuhalten?“. Einen Teil der Erklärung liefern die bestehenden Gesetze, Vorschriften und Subventionen. Viele Fördermaßnahmen unterstützen immer noch Tätigkeiten, die zu weiteren Emissionen führen oder unsere Verletzlichkeit gegenüber dem Klimawandel erhöhen. Das Gleiche gilt für die Finanzsysteme. In Technologien, die mit fossilen Brennstoffen zusammenhängen, wird immer noch mehr investiert, als in grüne Lösungen. Die Art und Weise, wie politische und finanzielle Entscheidungen getroffen, umgesetzt und bewertet werden, muss sich grundlegend ändern. Dies kann relativ schnell geschehen, etwa durch Elemente wie einen Klimacheck für jede bestehende und neue Politik oder Investition.
Die Energiewende von fossilen zu elektrischen Energieträgern und von hohem zu niedrigem Verbrauch ist der wirksamste Weg, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Den allgemeinen Verbrauch zu verringern und nicht nur Energie, sondern auch Rohstoffe und Güter gerecht zu verteilen, wäre ein entscheidender, aber schwierig zu bewerkstelligender Wandel, da unser derzeitiges System durch den Verbrauch angetrieben wird. Ein künftiges System sollte stärker auf Suffizienz und Kreislaufwirtschaft ausgerichtet sein.

Ravazzoli: Unsere wirtschaftlichen, sozialen, politischen und Governance-Systeme müssen sich ebenso ändern wie Verhaltensweisen und Mentalitäten. Doch ist nicht immer klar, was genau geändert werden muss, von wem und für wen, und welche Folgen das haben wird. Was die Regierungssysteme angeht, so gilt es Governance-Modelle zu entwickeln, die verschiedene Ebenen, Sektoren und Akteure einbeziehen; es braucht Interaktion zwischen den Sektoren und Akteuren, Koordination zwischen den Ebenen, und mehr gesellschaftliche Partizipation und ziviles Engagement: Eine Politik wird gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie von allen getragen wird.

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Was müssen wir über den Klimawandel wissen?“, sondern: „Warum handeln wir nicht, um ihn aufzuhalten?“

Marc Zebisch

Ist Klimaresilienz eine Frage der Technologie oder der Gesellschaftspolitik? Werden die jüngeren Bevölkerungen des globalen Südens klimaresilienter sein als die alternden Industrieländer?

Ravazzoli: Die Technologie liefert Werkzeuge und Lösungen, aber die effektive Resilienz hängt von den sozialen und politischen Rahmenbedingungen ab. Junge Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern könnten eine größere Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel entwickeln, aber in vielen Fällen verfügen Entwicklungsländer nicht über ausreichend finanzielle Ressourcen und politische Stabilität, oder die nötigen inklusiven Entscheidungsprozesse, um resilient zu werden. Resilienz ist ein systemweiter Wandel, unabhängig vom Alter der Bevölkerung.

Zebisch: Die sozialen Aspekte sind entscheidend. Reichere Länder sind zwar „Hauptverursacher“ des Klimawandels, aber oft weniger davon betroffen. Sie sind auch weniger verwundbar, weil sie technisch und finanziell besser ausgestattet sind, um sich anzupassen. In Zukunft wird der Loss-and-Damage-Mechanismus des Pariser Abkommens diese reicheren Länder rechtlich verpflichten, die ärmeren zu unterstützen und zu entschädigen. Junge Menschen in den am stärksten betroffenen Ländern sind die ersten, die versuchen, in Regionen mit günstigeren Bedingungen zu gelangen, und diese Abwanderung wird noch zunehmen. Wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten und den Ländern nicht bei der Anpassung helfen, könnte es zu einem aggressiveren Zurückdrängen der Migrationsbewegungen und zu zunehmend mehr Konflikten kommen.

Die Technologie liefert Werkzeuge und Lösungen, aber die effektive Resilienz hängt von den sozialen und politischen Rahmenbedingungen ab

Elisa Ravazzoli

Glauben Sie an einen freiwilligen gesellschaftlichen Wandel in kleinen Schritten, oder wird es wie bei der Covid-Pandemie drastischen politischen Zwang geben müssen?

Zebisch: Tatsächlich wird beides nötig sein, denke ich. Verglichen mit dem Klimawandel war Covid ein relativ kurzfristiges Ereignis. Der Klimawandel verlangt nach nachhaltigen Maßnahmen, die von der Gesellschaft akzeptiert, gefordert oder sogar initiiert werden. Wir brauchen also einen Kulturwandel – Kultur im Sinne von „wie Sachen gemacht werden“. Dies kann nur gelingen, wenn freiwillige gesellschaftliche Veränderungen zu größeren politischen Veränderungen führen. Gleichzeitig brauchen wir eine verantwortungsbewusste Politik, um grundlegende und wirksame Veränderungen zu entwickeln. Hier muss man wissen, dass wichtige Policy-Entscheidungen glücklicherweise meist nicht von Politikern kommen, die direkt von der öffentlichen Meinung abhängig sind. Wichtige Klimamaßnahmen wurden von Experten vorbereitet, die für die Europäische Kommission arbeiten.

Ravazzoli: Ich glaube auch, dass der wirksamste Ansatz eine Kombination aus beidem ist. Einerseits können freiwillige Maßnahmen im Sinne von Bottom-up-Initiativen einen Kulturwandel bewirken und eine Dynamik erzeugen, die die Akzeptanz – auch von relativ radikalen – Veränderungen erhöht. Andererseits kann politischer Zwang in der Form von Top-down-Strategien und -Vorschriften, die Anreize zur Einführung nachhaltiger Praktiken bieten, eine breite Wirkung zu erzielen. Um erfolgreich umfassende und nachhaltige Lösungen zu schaffen, sollten Strategien jedoch auf die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen, Gemeinden und Einzelpersonen setzen.

Was überwiegt bei Ihnen in Bezug auf den Klimawandel: Optimismus oder Pessimismus?

Ravazzoli: Was mich optimistisch stimmt, ist der zunehmende Klima-Aktivismus von Jugendlichen, mit zahlreichen Initiativen überall auf der Welt. Junge Menschen sind verantwortungsbewusst und sensibel in Bezug auf Umweltfragen. Sie setzen sich für Klimaschutz und eine sinnvolle Umweltpolitik ein. Dieses Verantwortungsbewusstsein ist entscheidend, wenn man die komplexen und dringenden Probleme des Klimawandels bewältigen will. Was mich pessimistisch stimmt, sind der Mangel an globaler Zusammenarbeit, die geopolitischen Spannungen und unterschiedlichen nationalen Interessen, die jede wirksame gemeinsame Anstrengung behindern. Und obwohl sich Gemeindeverwaltungen verstärkt mit dem Klimawandel und damit verbundenen Umweltproblemen befassen, klafft immer noch eine Lücke zwischen politischen Zielen und konkreten Maßnahmen.

Zebisch:: Ich würde mich nicht in eine der beiden Kategorien einordnen. Ich würde sagen: Ohne Optimismus könnte ich meine Arbeit nicht machen; und dass wir das Schlimmste abmildern können. Andererseits erwarte ich, dass der Klimawandel unsere Gesellschaft – insbesondere die ohnehin schon verletzlicheren Teile der Gesellschaft – in noch nie dagewesener Weise treffen wird, und dass nicht alle diese Auswirkungen zu vermeiden sind. Ich glaube, dass wir lernen müssen, auf einem verwundeten Planeten zu leben. Ich würde das nicht als Pessimismus bezeichnen, sondern als radikalen Realismus.

Zentrum für Klimawandel und Transformation


Im Zentrum für Klimawandel und Transformation arbeiten Teams aus mehreren Eurac Research Instituten und Zentren inter- und transdisziplinär zusammen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf ökologische und soziale Systeme zu untersuchen, und um zu verstehen, in welchen Wechselbeziehungen die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels stehen, die zu Hauptrisiken führen. Das Zentrum ist einer der Partner im Projekt RETURN (multi risk science for resilient communities under a changing climate), das vom italienischen PNRR (Piano Nazionale di Ripresa e Resilienza) finanziert wird

Marc Zebisch

Marc Zebisch ist Geoökologe und leitet das Zentrums für Klimawandel und Transformation von Eurac Research. Er hat am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und der TU-Berlin promoviert und beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit Klimafolgenforschung und Klimarisikobewertung.

Elisa Ravazzoli

Elisa Ravazzoli koordiniert die Forschungsgruppe "Space and Society" am Institut für Regionalentwicklung von Eurac Research und ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Klimawandel und Transformation von Eurac Research. Nach ihrem Studium der Soziologie und Geographie promovierte sie in Wirtschaft und Territorialpolitik an der Universität Bologna. Sie beschäftigt sich mit Transformationspraktiken, sozialer Innovation, lokalen und regionalen Entwicklungsprozessen und der Anpassung an den Klimawandel.

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