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Alltagsgewohnheiten und Energieverbrauch

Erkenntnisse aus einer Studie während des ersten Lockdowns

09 March 2021

Im April 2020 hat eine Forschergruppe eine offene Online-Befragung durchgeführt, um zu untersuchen, wie sich das Energieverhalten infolge der Corona-Einschränkungen in den italienischen Haushalten verändert hat. Die Stichprobe der Befragung ist nicht repräsentativ. Weil aber eine große Anzahl an Menschen an der Befragung teilgenommen hat – mehr als 3.500 – können aus den Ergebnissen interessante Erkenntnisse abgeleitet werden, die in weiteren Studien vertieft und bei der Planung von Maßnahmen für einen gerechteren Zugang zu Energie und einen bewussteren Umgang berücksichtigt werden sollten.

Vor exakt einem Jahr sind die Menschen in Italien erstmals in ihrem Leben mit einem Lockdown konfrontiert worden: Drei Monate lang wurden sie dazu verpflichtet, vorwiegend zuhause zu bleiben und ihre Kontakte auf ein Minimum zu beschränken. In den Augen vieler Forscher haben sich unsere Wohnungen in kleine Labore verwandelt, in denen untersucht werden konnte, wie sich diese drastischen Veränderungen auf ganz unterschiedliche Bereiche unseres Lebens auswirken. Forscherinnen von Eurac Research haben ihren Blick auf die Energienutzung in den privaten Haushalten gerichtet und sich gefragt, welches Energieverhalten die Nachfrage verändert hat und welches nicht; aber auch, wie es uns zuhause ergangen ist und wie sich der Lockdown auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ausgewirkt hat. Können wir aus den Ergebnissen energiepolitische Maßnahmen für die Zukunft ableiten? Analysiert man die tausenden Antworten unter Berücksichtigung der Stichprobe, lassen sich daraus interessante Erkenntnisse ableiten.

Stichprobe

Die 3.500 Teilnehmer der Befragung leben vorwiegend in Norditalien. 45 Prozent davon haben ihren Wohnsitz in der Region Trentino Südtirol, die meisten in der Autonomen Provinz Bozen (30 Prozent). Die Befragung war nur online verbreitet worden. Dies hat sich auf die sozio-demografischen Eigenschaften der Stichprobe ausgewirkt - so verfügt die Mehrheit der Teilnehmer über ein höheres Bildungs- und Einkommensniveau als der italienische Durchschnitt. Die Ergebnisse dieser Befragung sind daher nicht repräsentativ und können weder auf die italienische noch auf die Südtiroler Gesamtbevölkerung übertragen werden.

Geografische Verteilung der Teilnehmer. Quelle: Energieverhalten in privaten Haushalten während des Lockdowns, N=3519© Silke de Vivo

Antworten

Wie hat sich die Energienachfrage in den privaten Haushalten verändert?

Hefe war im ersten Lockdown in den Lebensmittelgeschäften äußerst knapp. Dies lässt schon vorausahnen, dass die Befragten angaben, den Backofen (40 Prozent der Stichprobe) und den Herd (fast 35 Prozent der Stichprobe) im Vergleich zur Zeit vor dem Lockdown häufiger genutzt zu haben. Im Allgemeinen lässt sich der Anstieg der Energienachfrage im Haushalt daran erkennen, dass Haushaltsgeräte mehr genutzt wurde und mehr Zeit Tätigkeiten wie Kochen und Putzen gewidmet wurde. So gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, während des Lockdowns häufiger gekocht zu haben. Davon erklärten insbesondere Frauen und Menschen in der Altersgruppe zwischen 60 und 69 Jahren, mehr Zeit dafür aufgewendet zu haben: Daraus kann man ableiten, dass sich die Gewohnheiten je nach der Zusammensetzung des Haushalts und der Eigenschaften der Wohnung verändert haben.

Auch wenn die erhobenen Zahlen nur einen kleinen Bevölkerungsanteil betreffen, können diese so interpretiert werden, dass ein Anstieg der Energienachfrage immer auch ein potenzielle Energieeinsparung bedeuten kann: Informationen darüber, wie sich die Energiegewohnheiten in Tausenden von Haushalten verändert haben, können also dabei helfen, Sensibilisierungskampagnen und energiepolitische Maßnahmen besser zu gestalten.

Die Eigenschaften der Haushalte

Aus der Befragung gehen zwei wichtige Hinweise zu den Eigenschaften der Haushalte hervor: zum einen sind Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien nur begrenzt vorhanden (in einem von fünf Haushalten), zum anderen hält ein Viertel der Befragten die Wärmedämmung in ihrem Haushalt für unzureichend.

Anlagen zur Erzeugung von Energie aus erneuebaren Energiequellen (EEQ)

Wahrnehmung der Qualität der Wärmedämmung in den Haushalten

Zwischenmenschliches Vertrauen und soziale Beziehungen: Wie hängen sie mit dem Energieverhalten zusammen?

In der Fachliteratur gibt es viele Studien, die ein hohes Maß an zwischenmenschlichem Vertrauen mit einem Bewusstsein für Nachhaltigkeit in Verbindung bringen. Aus diesem Grund haben die Forscherinnen von Eurac Research einige Fragen zu den sozialen Beziehungen in den Fragebogen aufgenommen. Die Teilnehmer der Befragung gaben an, ihren Mitbewohnern und Nachbarn in hohem Maße zu vertrauen. Berücksichtigt man die Fachliteratur, besteht laut Stichprobe daher eine potenziell günstige Ausgangslage für Sensibilisierungskampagnen zu energiesparendem Verhalten, die sich, auch wenn sie nur einen Teil der Haushaltsmitglieder erreichen, auf deren soziales Umfeld ausbreiten könnten.

Energiearmut

Von Energiearmut ist dann die Rede, wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, die Kosten für ihre Stromrechnungen und für andere Energiedienstleistungen zu tragen. Um dies in der Stichprobe zu untersuchen, haben die Forscherinnen zwei Indikatoren der Europäischen Beobachtungsstelle für Energiearmut ausgewählt: die wirtschaftliche Schwierigkeit, die Wohnung angemessen zu heizen und jene, die Stromrechnungen zu begleichen. Etwa 3,5 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie schwierig sei, für die Heizkosten aufzukommen, im italienischen Durchschnitt sind es laut Europäischer Beobachtungsstelle 14 Prozent. Auch die Begleichung von Strom- und Gasrechnungen ist für 3,5 Prozent der Befragten schwierig, was in etwa dem nationalen Durchschnitt (4,5 Prozent) entspricht. Befragte, die mit diesen Schwierigkeiten konfrontiert sind, wiesen vorwiegend folgende Merkmale auf: niederes Einkommen, Arbeitslosigkeit, junges Alter, schlechte Wärmedämmung der Wohnung und keine Verfügbarkeit von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie.

„Etwa 10 Prozent der Befragten, die nicht von Energiearmut bedroht sind, haben angegeben, infolge des Lockdowns Schwierigkeiten bei der Bezahlung der Stromrechnungen zu erwarten. Diese Wahrnehmung muss aufmerksam betrachtet werden, weil sich dadurch das Energieverhalten der Menschen ändern könnte, um die entsprechenden Kosten zu senken, etwa beim Kochen oder bei der Nutzung des Internets im Homeoffice“, sagt Jessica Balest, Soziologin von Eurach Research, die für die Studie verantwortlich ist.

„Außerdem ist zu beachten, dass sich Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf der sozialen Ebene auswirken können“, fährt Daniele Vettorato, Leiter der Forschungsgruppe für urbane und regionale Energiesysteme von Eurac Research, fort. „Insbesondere, wenn es um Sanierungen im sozialen Wohnbau geht – wir haben jene im europäischen Projekt Sinfonia begleitet – ermöglicht die Senkung der Energiekosten auch den weniger Wohlhabenden einen gerechteren Zugang zu Energie. Hinzu kommt, dass das Wohnen in einem sanierten, modernen und komfortablen Gebäude, das vielleicht auch nocht mit Sensoren ausgestattet ist, die Informationen zum Energieverbrauch sammeln, die Haltung der Mieter beeinflusst; ihr Energieverhalten wird bewusster und verantwortungsvoller.“

iconReport

Das Energieverhalten in privaten Haushalten in Italien während des ersten Lockdowns.

Eine explorative Studie

Report in italienischer Sprache und Zusammenfassung in deutscher Sprache

Welche Überlegungen kann man aus dieser Befragung ableiten?

Die Daten zu den Eigenschaften der Haushalte der Befragten zeigen, dass es derzeit für die stärkere Verbreitung von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie im Wohnbereich noch Hindernisse gibt, ebenso wie für die Durchführung massiver energetischer Sanierungen von Gebäuden. „Finanzielle Anreize sind also nach wie vor sehr wichtig und die Einführung des 110-Prozent-Bonus setzt viele Baustellen in Bewegung. Allerdings ist die Bürokratie immer noch eine große Hürde, vor allem in Mehrfamilienhäusern, wo es notwendig ist, dass die Mehrheit den Sanierungsarbeiten zustimmt“, erklärt Wolfram Sparber, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energie. „Ein weiteres Problem bei diesem großzügigen Anreiz ist die knappe Frist. In diesen Monaten sind die Unternehmen damit beschäftigt, die Baustellen zu organisieren, Material zu beschaffen und die für die Eingriffe notwendigen Expertisen zu entwickeln. Das ist alles sehr zeitaufwändig und wahrscheinlich wird die Zeitspanne zwischen dem Start der Bauunternehmer und dem Auslaufen des Anreizes Ende 2022 kurz sein.“

“Die Energienutzung in Haushalten ergibt sich aus einer Kombination der technologischen Komponente - zum Beispiel daraus, ob Haushaltsgeräte oder Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien vorhanden sind - und der sozialen und kulturellen Komponente, die durch zwischenmenschliche Beziehungen und kulturelle Gewohnheiten gekennzeichnet ist. Aus diesem Grund könnte eine Erweiterung der technologischen Sichtweise um eine soziale und kulturelle Sichtweise dabei helfen, effizientere politische Maßnahmen und Sensibilisierungskampagnen für die Energiewende zu planen, weil dabei tatsächliche Gewohnheiten - zum Beispiel die Art und Weise, wie Haushaltsgeräte genutzt werden - und unterschiedliche Eigenschaften der Haushalte berücksichtigt werden“, so Balest abschießend.

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