null

magazine_ Article

Klimarisiken: Europa ist nicht vorbereitet

Die erste Klimarisikobewertung im Auftrag der EU-Kommission ist abgeschlossen – ein Forschungsteam von Eurac Research war daran maßgeblich beteiligt.

PriceM
© Adobe Stock | PriceM
by Barbara Baumgartner

Europa erwärmt sich schneller als die anderen Kontinente, mit zum Teil schon katastrophalen Folgen. Welche möglichen Auswirkungen auf die Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft Europas künftig zu erwarten sind, legt jetzt die erste Klimarisikoanalyse der europäischen Umweltagentur im Auftrag der EU-Kommission dar. Die Diagnose, bei der ein Team von Eurac Research eine tragende Rolle spielte, beschreibt die drohenden Gefahren sowie die Faktoren, die uns verletzlicher machen. Und zeigt damit der EU-Kommission, wo dringend gehandelt werden muss, um Schaden zu begrenzen.

In der systematischen Analyse wurden 36 Klimarisiken mit potenziell schwerwiegenden Folgen für ganz Europa identifiziert, gegliedert in die Bereiche Ökosysteme, Nahrungssicherheit, Gesundheit, Infrastruktur und Ökonomie und Finanzen. In Bezug auf 20 Risiken sieht die Untersuchung Handlungsbedarf, für acht Risiken wird er als dringend eingestuft – dazu gehört bespielweise Hitzestress, die Zerstörung von Meeres- und Küstenökosystemen, und Überflutung.

Die 36 Hauptklimarisiken für Europa, gruppiert in fünf große Bereiche. Die Farben zeigen an, wie dringlich jeweils der Handlungsbedarf ist. Die Breite der Segmente („Tortenstücke“) im oberen Teil der Abbildung spiegelt für jeden Bereich die Anzahl der Risiken in den verschiedenen Dringlichkeitskategorien.

Das Ausmaß der Risiken hängt dabei nicht nur von Klimafolgen wie Dürre, Hitze und Starkregen ab, wie der Report unterstreicht, sondern ganz entscheidend von nicht klimatisch bedingten Faktoren. „Die Überflutungen in der Emilia-Romagna waren ein deutliches Beispiel: Die Region ist stark bebaut und versiegelt, das erschwerte ein Versickern des Wassers, viele Infrastrukturen sind veraltet. Nicht-klimatische Faktoren wie übermäßiger Flächenverbrauch, nicht gewartete Infrastruktur, soziale Ungleichheit, Verschmutzung, schlechtes Wassermanagement, überlastete Gesundheitssysteme und vieles mehr können die Risiken stark erhöhen; was andererseits bedeutet, dass die richtigen Anpassungsmaßnahmen das Risiko bei gleichbleibender Gefahr erheblich verringern“, erklärt der Klimafolgenforscher Marc Zebisch, Leiter des Center for Climate Change and Transformation, der mit einem interdisziplinärem Team von Eurac Research an der Untersuchung maßgeblich beteiligt war. Zebisch hat mit Forscherkollegen und -kolleginnen auch das Konzept der Risikobewertung entwickelt, das der Analyse zugrunde liegt (und in den vergangenen Jahren schon bei Klimarisikobewertungen in zahlreichen Ländern der Welt angewendet wurde): die Methode, sämtliche Wirkungen und Wechselwirkungen in ihrer Verkettung zu betrachten, um ein wirklich umfassendes Bild zu gewinnen.

Wirkungskette für die wichtigsten Klimarisiken in Europa, ausgehend von zentralen klimatischen Gefahren und ausgewählten nichtklimatischen Risikotreibern.

Am Anfang vieler Wirkungsketten stehen Klimawirkungen auf Ökosysteme, die durch menschliche Tätigkeiten bereits in ihrer Funktion beeinträchtigt sind, was die Klimawirkung wiederum verstärkt. Diese Effekte können sich dann kaskadenartig fortsetzen, bis sie ganze Gesellschaften betreffen, und auch auf andere Regionen oder Länder übergreifen. Beispiel Meeresökosysteme: Durch Verschmutzung und Überfischung ohnehin geschwächt, können sie durch die Klimaerwärmung so sehr leiden, dass die Fischerei stark beeinträchtigt ist oder sogar zusammenbricht – mit Folgen für Nahrungssicherheit, Arbeitsplätze, gesamte lokale oder regionale Wirtschaftssysteme. „Eine zentrale Botschaft des Reports ist deshalb: Schützen und pflegen wir die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme!“, sagt Zebisch, der mit einem Forschungsteam gerade eine vergleichbare Klimarisikoanalyse und Anpassungsstrategie für Südtirol ausarbeitet. Andere direkte Klimawirkungen, die zu Risikokaskaden von europäischer Bedeutung führen, sind Klimawirkungen auf die menschliche Gesundheit und auf kritische Infrastruktur.

Die Europäische Klimarisikobewertung ist online sowohl als Zusammenfassung als auch in der vollständigen Fassung verfügbar: https://www.eea.europa.eu/publications/european-climate-risk-assessment

Related People

Marc Zebisch

Mariachiara Alberton

Massimiliano Pittore

Matteo Prina

Steffi Misconel Schreiber

Tags

Institutes & Centers

© undefined

Related Content

news

Wo steht Südtirol auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Das Klimaplanmonitoring zeigt, wie sich die Emissionen in Südtirol entwickeln
Wir müssen lernen, auf einem verwundeten Planeten zu leben
interview

Wir müssen lernen, auf einem verwundeten Planeten zu leben

Weshalb der technische Fortschritt allein den Klimawandel nicht aufhalten wird

Related Research Projects

1 - 10
Project

REGIO/2023/OP/0004

Handbook on Cross-Border Energy Communities (2022CE160AT275)

Duration: -
Eurac Research Magazine

Science Shots Newsletter

Science Shots Eurac Research Newsletter

Get your monthly dose of our best science stories and upcoming events.

Choose language