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„Digitalisierung ist ein gesellschaftlicher Lernprozess“

Gespräche zwischen Disziplinen: Die Wissenschaftsjournalistin Sigrid Hechensteiner und IT-Experte Dietmar Laner im Interview.

by Barbara Baumgartner

Vor wenigen Jahren noch waren Sigrid Hechensteiner, Leiterin der Kommunikation, und Dietmar Laner, Leiter der IT, große Verfechter der Digitalisierung in der Kommunikation und Datenverarbeitung. Heute sehen sie das Thema mit etwas kritischeren Augen: Die Herausforderung ist keine rein technologische, sie ist eine gesellschaftspolitische.

Frau Hechensteiner, welches Medium nutzen Sie am liebsten, um Neues aus der Welt der Wissenschaft zu erfahren?

Sigrid Hechensteiner: Podcasts, weil ich zwischen Beruf und Familie kaum noch zum Lesen komme. Zuhören kann ich auch beim Wäschefalten, beim Gassi gehen mit dem Hund, auf dem Weg zur Arbeit. Neulich war ich so in den Podcast „Science Versus“ vertieft, dass ich ohne Sehbrille aus dem Haus gegangen bin – und ich bin wirklich blind. (lacht)

Und wie steht es mit sozialen Medien?

Hechensteiner: Die nutze ich auch in der Kommunikation, beruflich und privat, aber mit großer Vorsicht. Ich weiß, dass mir Inhalte von Algorithmen vorgeschlagen werden. Und ich will mich auf keinen Fall in Filterblasen bewegen, die jede Form von konstruktivem Dialog mit Andersdenkenden unterbinden.

Herr Laner, Information wird heute mehr denn je von Technologien bestimmt. Wie gefährlich ist es, wenn IT-Experten die Kommunikationsflüsse von Millionen Menschen lenken?

Dietmar Laner: Das ist natürlich gefährlich. Nicht umsonst geraten soziale Medien zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. In ihren Anfängen rund um den Arabischen Frühling 2011 wurden sie von der Sozialwissenschaft als Instrument zur Mobilisierung gegen Autokratie und Diktatur gefeiert, heute machen gerade autoritäre Regimes sie sich als Multiplikatoren von Fake News und abstrusen Narrativen zunutze; westliche Demokratien werden ausgehöhlt. Das liegt auch daran, dass soziale Medien von gewinnorientierten Privatunternehmen programmiert werden.

Hechensteiner: Rückblickend glauben Regierungen, dass Firmen wie Facebook und Co. stärker reglementiert gehört hätten. Jetzt will man das nachholen, aber wie genau die Reglementierung aussehen soll, darüber wird heftig diskutiert. Tatsache ist, dass das sehr junge Social-Media- Recht den IT-Entwicklungen immer etwas hinterherhinkt. Und ob sich rechtlich Fake News verhindern lassen, bin ich mir nicht sicher. Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht auf Meinung, nicht das Recht auf belegtes Wissen.

Wie kann Wissen belegt werden?

Laner: Durch die transparente Offenlegung von Daten und Analyseverfahren. Wenn Forscherinnen und Forscher heute ein Ergebnis veröffentlichen, dann liefern sie immer öfter auch die Datensätze mit, aufgrund derer sie zu ihrem Ergebnis gekommen sind; und legen die Methoden offen, die sie zur Auswertung der Daten angewandt haben. Umso wichtiger ist es, dass die Datensätze sauber erhoben und digitalisiert werden.

Hier kommt Ihr Team ins Spiel, Herr Laner?

Laner: Gemeinsam mit den Forscherinnen und Forschern suchen wir IT-Experten nach den bestmöglichen informationstechnischen Lösungen, um große Daten zu organisieren, zu speichern und zu visualisieren. Im Projekt „Internationales Netzwerk für ökologische Langzeitforschung Matschertal“, haben wir etwa eine Plattform gebaut, die sämtliche Daten wie beispielsweise Temperatur, Luftfeuchte, Niederschlag und Wind für die unterschiedlichen Messstationen beinahe in Echtzeit abbildet.

© Eurac Research | Tiberio Sorvillo

"Die Wissenschaftskommunikation ist heute stärker gefordert denn je: Auf der einen Seite gilt es, Desinformation zu unterbinden, auf der anderen, den Dialog mit Andersdenkenden aufrechtzuerhalten."

Sigrid Hechensteiner

Und wenn das Wissen erst einmal belegt ist, dann liegt es an der Kommunikation, ein verständliches Narrativ zu finden.

Hechensteiner: Was – wie sich in Pandemie- und Kriegszeiten herausstellt – Äußerst schwierig ist. Wir befinden uns inmitten eines Kampfes der Narrative, der vor allem digital ausgetragen wird: So wird das Netz mit Falschmeldungen geflutet oder in extremen Fällen den Menschen der Zugang zu Information ganz verwehrt. Die Wissenschaftskommunikation ist heute stärker gefordert denn je: Auf der einen Seite gilt es, Desinformation zu unterbinden, auf der anderen, den Dialog mit Andersdenkenden aufrechtzuerhalten.

© Eurac Research | Tiberio Sorvillo

"Zurzeit ist der Hype um KI größer als ihre Möglichkeiten. Aber sie wird auch Einzug in die Wissenschaft finden. Und dann müssen wir uns die ethische Frage stellen, was wir Maschinen überlassen wollen, was selbst entscheiden."

Dietmar Laner

Welche Rolle wird künftig Künstliche Intelligenz bei der Datenerhebung und -verarbeitung in der Wissenschaft spielen?

Laner: Zurzeit ist der Hype um KI größer als ihre Möglichkeiten. Es wird in Zukunft aber möglich sein, Prozessschritte in der Wissenschaft Maschinen zu überlassen. Die Frage, die wir uns dann stellen müssen, ist vor allem eine ethische. Welche Entscheidungen oder Arbeitsabläufe wollen wir einer Software überlassen, und welche wollen wir weiterhin selbst treffen oder ausführen? In Verwaltungsprozessen setzt Eurac Research schon heute KI ein. Dazu zählt das Ticketing-System, eine Software, mit der interne Leistungen angefordert werden. Eine KI sorgt dafür, dass jede Anfrage bei der richtigen Ansprechperson landet.

Hechensteiner: KI wird auch in der Kommunikation eine zunehmend bedeutende Rolle spielen. 2020 kam das erste KI-Sprachproduktionssystem auf den Markt. GPT-3 – so der Name – kann mit minimalen Vorgaben Texte selbst verfassen und ergänzen. Das selbstlernende System kann menschliche Denk- und Argumentationsmuster so akkurat reproduzieren, dass die von der Maschine generierten Texte kaum mehr von menschgemachten zu unterscheiden sind. Ein wunderbares Tool für all jene, die häufig Ähnliche Texte verfassen müssen, ich denke da etwa an Meteorologen; aber ein besorgniserregendes Tool, wenn es von Online-Trollen genutzt wird. In „Nature“ ist soeben ein Artikel zum Thema erschienen: Darin warnt die Autorin vor dem Vertrauensverlust, den Forschung erleidet, wenn Sprachproduktions-KI nicht reglementiert wird.

Welche Vorteile bringt die Digitalisierung?

Laner: Sie bringt zum einen große Entlastung im Forschungsmanagement: Wir sind heute in der Lage, komplexe Verwaltungsprozesse zu digitalisieren. Wir gewinnen dadurch wertvolle Zeit, die wir in unser Core-Business – die Forschung – investieren können und schaffen Transparenz. Dank Digitalisierung hat die Forschung enorm an Geschwindigkeit aufgenommen.

Hechensteiner: Dank Digitalisierung erreichen wir heute in der Kommunikation weitaus mehr Menschen. Über die Eurac Research-Website, unsere Socials und Blogs können wir Forschungsergebnisse ungefiltert und aus erster Hand erzählen und mit der Gesellschaft in Dialog treten. Allein schon die Zahl der Webinare hat sich im letzten Jahr verdreifacht. Das Interesse an Forschung ist auch in Südtirol groß, vor allem beim jungen Publikum. Wurden wir früher als Elfenbeinturm wahrgenommen, hat die Digitalisierung viele Türen geöffnet.

Sigrid Hechensteiner

Sigrid Hechensteiner hat als Konferenzdolmetscherin und Wissenschaftsjournalistin schon immer die Translation von einer Sprache in die andere fasziniert, aber auch von komplexer Fachsprache in allgemeinverständliche Stories. Seit 1996 arbeitet sie für Eurac Research in Kommunikationsprojekten, seit 2019 als Leiterin der Kommunikation. Privat – ihr Mann ist Kanadier – pendelt sie schon seit 20 Jahren zwischen Quebec und Südtirol, im Gepäck ihre zwei Töchter und der Familienhund. Wenn sie richtig abschalten möchte, dann paddelt sie im Kanu in Kanadas Norden dem Wifi davon.

Dietmar Laner

Dietmar Laner hat an der TU Wien betriebliche und medizinische Informatik studiert und ist seit der ersten Stunde IT-Leiter von Eurac Research und unibz. Sein Herzensprojekt ist das Wissenschaftsnetzwerk Südtirol, das allen Südtiroler Akteuren IT-Dienste bereitstellt, um Spitzenforschung voranzutreiben. Außerhalb der Arbeit ist Dietmar Laner ein begeisterter Foodie. Wenn er nicht in einer italienischen Trattoria sitzt, dann greift er gern selbst zum Kochlöffel. Zurzeit versucht er, den Geschmack von Fleisch in die vegane Küche zu zaubern.

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