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Über den Tod hinaus vereint

Eine Studie zu Mensch-Tier-Bestattungen in der Nekropole des Seminario Vescovile in Verona rückt die vorrömische Gesellschaft in den Fokus der Forschung

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Bestattung eines Hundes und eines Säuglings in der Nekropole des Seminario Vescovile in Verona.
Mit freundlicher Genehmigung der SABAP-VR (Soprintendenza archeologica, belle arti e paesaggio per le province di Verona, Rovigo e Vicenza).

© Courtesy of SABAP-VR | S. R. Thompson

S. R. Thompson
by Elena Munari

Es kommt recht häufig vor, dass in prähistorischen Grabstätten auch Überreste von Tieren gefunden werden. Meist handelt es sich um rituelle Speisebeigaben für die Verstorbenen. Unklar ist aber die kulturelle Bedeutung jener Fälle, in denen ganze Tiere mit Menschen bestattet wurden. Ein Forschungsteam von Eurac Research und den Universitäten Bern und Mailand hat 161 Bestattungen aus der Nekropole des Seminario Vescovile in Verona analysiert. 16 davon enthielten Tierknochenfunde – unter anderem von Pferden und Hunden.

„Das Fehlen von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Individuen, die mit Tieren bestattet wurden, ist ein sehr wichtiges Ergebnis für unser Verständnis der sozialen Strukturen vorrömischer Gesellschaften, die in der späten Eisenzeit in Norditalien lebten“, erklärt Stefania Zingale, Genetikerin von Eurac Research, die die Beprobung der menschlichen Überreste in Verona koordiniere und die paläogenetischen Analysen in Bozen durchgeführt hat. „Die Studie zeigt, dass diese besonderen Bestattungen nicht mit dem sozialen Status oder der Familienzugehörigkeit der Individuen in Verbindung standen. Die Gesellschaftsstruktur war aller Wahrscheinlichkeit nach komplexer, als wir dachten.“

Die Untersuchung hat gezeigt, dass auch Kinder mit Tieren bestattet wurden. Außerdem stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass die Hunde, die mit den Individuen bestattet wurden, untereinander keine gemeinsame Nahrungsbasis hatten, was darauf hindeutet, dass sie im Leben der Menschen unterschiedliche Rollen spielten. Mit den jetzt verfügbaren Daten können neue Fragestellungen untersucht werden – über die Bevölkerungsgruppen, die in der vorrömischen Zeit im Alpenraum lebten, war bisher nur wenig bekannt. Die Untersuchung der Grabfunde kann viele Antworten liefern, denn Bestattungsrituale sind reich an Symbolen und Traditionen, mit denen Gemeinschaften ihre kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Besonderheiten zum Ausdruck bringen.

Die DNA-Analysen konzentrierten sich auch auf das genetische Profil der menschlichen Überreste und zeigen, dass diese Individuen aus der späten Eisenzeit ähnliche mütterliche mitochondriale Linien aufweisen wie andere europäische Individuen aus jener Zeit. Dies unterstützt die archäologische Analyse, die zeigt, dass sie auch bestimmte kulturelle Elemente mit anderen europäischen Bevölkerungsgruppen teilten: Die Analyse der Bestattungen und Grabbeigaben ergab gewisse Ähnlichkeiten mit transalpinen kulturellen Traditionen, möglicherweise mit dem Einfluss lokaler (venezianischer) und mediterraner (römischer) Elemente.

Die vorrömischen Gesellschaftsstrukturen waren aller Wahrscheinlichkeit nach komplexer, als wir dachten.

Stefania Zingale

Die Studie von Eurac Research und den Universitäten Bern und Mailand ist die erste multidisziplinäre Analyse der Funde aus der Nekropole in Verona. Am Forschungsteam beteiligt waren das Institut für Mumienforschung von Eurac Research für die paläogenetischen Untersuchungen, die Abteilung Anthropologie des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern für die anthropologischen und Isotopen-Analysen, und die Abteilung für Kultur- und Umwelterbe (Dipartimento di beni culturali e ambientali) der Universität Mailand, die auf Zooarchäologie spezialisiert ist. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift PlosOne veröffentlicht und verdeutlicht die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit in der archäologischen Forschung.

Link zum Artikel: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0293434

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Bei den Renovierungsarbeiten am Seminario Vescovile, einem großen Gebäudekomplex mit zahlreichen Innenhöfen im Herzen von Verona, wurde eine Nekropole aus der späten Eisenzeit mit Hunderten von Gräbern freigelegt. Die Skelette wurden katalogisiert und der zuständigen Behörde zur weiteren Untersuchung übergeben.© Courtesy of SABAP-VR - S. R. Thompson
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Bestattung eines Pferdes, das auf eine Frau in Rückenlage gelegt wurde. Mit freundlicher Genehmigung der SABAP-VR (Soprintendenza archeologica, belle arti e paesaggio per le province di Verona, Rovigo e Vicenza).© Courtesy of SABAP-VR - S. R. Thompson

Das Projekt


Die Forschung ist Teil des Projekts CELTUDALPS, das von der Autonomen Provinz Bozen und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert wird. Es ist das erste Projekt mit einem multidisziplinären Ansatz für die Untersuchung von Populationen der späten Eisenzeit aus Kontinentaleuropa und verfolgt das Ziel, neue, offen-zugängliche Isotopen- und Genomdaten für zukünftige Studien von Populationen auf beiden Seiten der Alpen zu generieren.

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