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„Vertrauen bedeutet, Werte und Ziele zu teilen, nicht unbedingt den Weg“

Die Vizedirektorin Roberta Bottarin erzählt, wie sie ihre Aufgabe während der Pandemie erlebt hat

Jens Lelie
© Unsplash | Jens Lelie
by Valentina Bergonzi, Sigrid Hechensteiner

Sich in die Lage des anderen versetzen: Seine Fähigkeiten und Bedürfnisse erkennen, flexibel sein, Vertrauen haben. Es ist eine pragmatische Lehre in Humanismus, die die Biologin und stellvertretende Direktorin von Eurac Research Roberta Bottarin aus einem Jahr Arbeit in der Pandemie zieht.

Ein Blick zurück auf das vergangene Jahr: Was hat Ihnen die größten Schwierigkeiten bereitet, womit sind Sie am besten zurechtgekommen?

Roberta Bottarin: Ich denke, in unserem kleinen Bereich haben wir so gut wie möglich auf eine Situation reagiert, die unvorstellbar war. In den schwierigsten Momenten hat mich ermutigt, dass wir uns im Team ausgetauscht und gemeinsam die jeweils nächsten Schritte beschlossen haben. Am schwierigsten fand ich, dass „Dauer“ eine völlig unkalkulierbare Variable war. Die kurzfristig notwendigen Entscheidungen waren klar. Mittelfristig waren die Aussichten ungewiss. Und auf die Frage nach der ferneren Zukunft lautete die häufigste Antwort: Ich weiß es nicht.

Hat diese Erfahrung auch Ihren Blick auf jene verändert, die täglich und von Berufs wegen weitreichende Entscheidungen treffen müssen, die sich auf ganze Gesellschaften auswirken?

Bottarin: Unbedingt! Ich urteile weniger schnell über alle jene, die in komplexen und neuen Situationen regieren – vorausgesetzt natürlich, sie handeln im guten Glauben. Es ist zum Beispiel nicht gesagt, dass sie immer Zugang zu allen Informationen haben. Und jede Entscheidung, mag sie noch so wohlüberlegt sein, wird auch Unzufriedenheit auslösen. Bevor man bestimmte Entscheidungen heftig kritisiert, sollte man wenigstens versuchen, die dahinterstehenden Überlegungen zu verstehen.

Es ist nicht gesagt, dass Entscheidungsträger immer Zugang zu allen Informationen haben.

Roberta Bottarin
Roberta Bottarin, Vizedirektorin von Eurac Research© Eurac Research | Ivo Corrà

Denken Sie, Forscherinnen und Forscher könnten in der Öffentlichkeit und Politik eine aktivere Rolle spielen?

Bottarin: Ich denke, sie haben sich während der Pandemie stark eingebracht. Wir alle waren in diesen Monaten persönlich betroffen und haben so viel wie möglich über Viren und die Verbreitung von Krankheiten gelernt – dieses Wissen war wichtig, um uns selbst zu schützen, aber auch, um Entscheidungen zum Schutz der Gemeinschaft zu treffen. Dies sollten wir auch in anderen Bereichen so halten, in denen die Auswirkungen auf den Einzelnen auf den ersten Blick nicht so unmittelbar und direkt sind, zum Beispiel beim Klimawandel. In meinen Augen ist es deshalb absolut notwendig, die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Forschung, Politik und Gesellschaft nicht wieder abbrechen zu lassen. Ich persönlich erlebe mit einer gewissen Frustration, dass meine Forschung abgeschlossen ist, wenn die Daten ausgewertet und die Ergebnisse präsentiert sind. Werden die Daten verwendet? Wie werden sie verwendet? Wie können wir unsere Forschung so ausrichten, dass sie jenen, die in Politik und Verwaltung die Entscheidungen treffen, von Nutzen ist? Gerne hätte ich hier einen konstanteren Austausch.

Ich persönlich erlebe mit einer gewissen Frustration, dass meine Forschung abgeschlossen ist, wenn die Daten ausgewertet und die Ergebnisse präsentiert sind. Werden die Daten verwendet? Wie werden sie verwendet? Wie können wir unsere Forschung so ausrichten, dass sie jenen, die in Politik und Verwaltung die Entscheidungen treffen, von Nutzen ist?

Roberta Bottarin

Wie kompromissbereit können Forscher sein, wenn ihre Ergebnisse nicht wirklich berücksichtigt werden?

Bottarin: Um es ganz klar zu sagen: Zusammenarbeit ist notwendig, aber sie funktioniert nur, wenn man sich gegenseitig vertraut. Vertrauen bedeutet, die gleichen Werte und Ziele zu haben, aber nicht unbedingt, die gleichen Wege zu gehen. Wer forscht und wer Politik macht, stellt teilweise unterschiedliche Erwägungen an: Anstatt starr auf unserem Standpunkt zu beharren, sollten wir dies akzeptieren; respektieren, dass man ein Ziel auch auf anderen Wegen erreichen kann, und gemeinsam überlegen, wie man zu einem Ergebnis gelangt, das allen Bedürfnissen gerecht wird. Wenn ich einen Vergleich zum familiären Bereich ziehen darf: Es gibt viele Gründe für gegenseitiges Unverständnis – von der Kleiderwahl bis zu schulischen Fragen; aber was zählt, sind die Werte. Im Übrigen müssen beide Seiten lernen, einander zu vertrauen.

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Eurac Research: Das Pandemie-Jahr in Zahlen

„Vertrauen“ war auch das Schlüsselwort in diesem Jahr des Smart Working.

Bottarin: In der Tat. Diese Lösung mag nicht jedem liegen, aber auch hier gehen Vertrauen und Engagement Hand in Hand. Wir hätten den ein oder anderen Ausfall verstanden und akzeptiert, aber wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diese Situation reagiert haben, hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Und ich weiß, dass es manchmal sehr mühsam war, die Arbeit zuhause neu zu organisieren; darüber hinaus habe ich persönlich sehr die Forschung im Feld vermisst, die Messungen und Probenentnahme in der Natur.

Ich möchte nichts von dem Erlebten vergessen; wir haben daraus gelernt, sind daran gewachsen, es ist Teil unseres emotionalen Erfahrungsschatzes.

Roberta Bottarin

Welches Bild wird Ihnen von diesem Jahr Arbeit in der Pandemie in Erinnerung bleiben?

Bottarin: Statt am Abend der Weihnachtsfeier vor einem Meer lächelnder Gesichter zu sprechen, stand ich dieses Mal Mitte Dezember vor einer Kamera, um einen Weihnachtsgruß aufzunehmen – ein paar Gedanken zum Jahresende, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter online erreichen würden. Das hat mich bewegt; ich spürte, wie sehr ich den persönlichen Kontakt vermisste und wie unersetzlich auch dieser Teil unserer Arbeit ist. Dieses Video steht symbolisch für all die Monate, in denen unsere sozialen Kontakte auf Null reduziert waren. Und doch möchte ich nichts von dem Erlebten vergessen; wir haben daraus gelernt, sind daran gewachsen, es ist Teil unseres emotionalen Erfahrungsschatzes.

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