Fährt die deutsche Sprache gerade "Downhill"?

Die DichterInnen und DenkerInnen fahren gefühlt seit Jahren Downhill und hinterlassen ihre Spuren: Die einst grünen Hügel der deutschen Sprache sind inzwischen völlig von hässlichen Trampelpfaden durchzogen, das Bike ist v. a. aufgrund englischer Stolpersteine vom Trail abgekommen und der Dativ hat dem Genitiv einen Stock in die Speichen gesteckt – ist die deutsche Sprache inzwischen total lost?
Sprache ist kein statisches oder abgeschlossenes Konstrukt, welches seinen Idealzustand erreicht hat: Sie verändert sich – in der Regel unvorhersehbar und nicht selten unbemerkt – seit jeher, überall, ständig und auf allen sprachlichen Ebenen. Die graduellen Veränderungen können dabei verschiedenste Ursachen haben, welche im Sprachsystem selbst oder in der außersprachlichen Wirklichkeit begründet sind. Sprachintern können etwa die Tendenz zu artikulatorischer Vereinfachung (zugunsten bequemerer Aussprache hat bspw. das mittelhochdeutsche Zimber 'Zimmer' mit der Zeit sein -b- verloren) und das Streben nach mustergeleiteter Regelmäßigkeit (regelmäßige und frequentere Formen lösen irreguläre Ausnahmeerscheinungen ab) Sprachwandelprozesse anstoßen. Externe Faktoren finden sich hingegen in außersprachlichen Neuerungen (etwa der Benennungsbedarf aufgrund von Erfindungen) und Versuchen bewusster Einflussnahme (z. B. Sprachreformen oder sprachpolitische Maßnahmen).
Sprachliche Veränderungen sind jedoch niemals eine zwingende oder notwendige Folge sicher auszumachender Impulse, sondern bestenfalls wahrscheinlich und von Wechselwirkungen zahlreicher Zufälligkeiten und konkurrierender Einflussfaktoren abhängig. Sie entspringen jedoch allesamt dem kontextabhängigen Sprachgebrauch frei und kreativ interagierender SprecherInnen und bewegen sich im Rahmen des jeweiligen Sprachsystems sowie anatomischer Grenzen. Setzen sich sprachliche Veränderungen über den individuellen Sprachgebrauch hinaus in größeren Teilen der Sprachgemeinschaft durch, so spricht man von Sprachwandel.
Dies erfolgt zwar in den meisten Fällen weder beabsichtigt noch geplant oder kontrollierbar, und dennoch können daraus geordnete Strukturen hervorgehen, die nicht nur ebenso unbeabsichtigt, sondern meist sogar unerwünscht sind. Viele Einzelhandlungen, die unter bestimmten Bedingungen individuellen Zielen folgen, ergeben den nicht prognostizierbaren Effekt Sprachwandel. Der deutsche Sprachwissenschaftler Rudi Keller vergleicht diesen Prozess anschaulich mit der Entstehung eines Trampelpfads: Durch die wiederholte Entscheidung, den Weg über ein Wiesenstück zu verkürzen, um schneller voranzukommen, entsteht mit der Zeit ein weder geplanter noch beabsichtigter Trampelpfad. Ähnlich entscheiden sich einzelne SprecherInnen aus verschiedenen Gründen für eine bestimmte sprachliche Variante, bis sich diese womöglich durch ihre gehäufte Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch festigt und die bisher übliche Form verdrängt.
Als Abweichung von momentan geltenden Normen werden die Veränderungen gegenwärtig jedoch meist als Fehler abgetan, schuld an solchen sprachlichen Niedergangserscheinungen seien die Neuen Medien, das Internet oder die vor Anglizismen strotzende Jugend. Derartige Sprachverfallsdebatten sind absolut nichts Neues. Sprachpuristische Bestrebungen, welche den momentanen, für gut und absolut richtig befundenen Zustand der Sprache bewahren wollen, bleiben weitgehend erfolgslos. Sprachwandel ist weder gut noch schlecht, sondern eine unausweichliche Folge des Sprachgebrauchs und sogar notwendig, um auf den ebenso dynamischen außersprachlichen Kontext reagieren und den damit einhergehenden kommunikativen Bedürfnissen nachkommen zu können. Eine Sprache kann nur dann frei von Veränderungen bleiben, wenn man sie nicht verwendet, nur „tote Sprachen“ sind statisch, oder (um die anfängliche Metapher weiter aufzuplustern): „Wer sein Rad liebt, der schiebt!“, was jedoch seinen Nutzen radikal einschränkt.

Maximilian Oberhollenzer
„Hoi hoi, zwoi red denn dea asö kòmisch?“ „Mir red‘n Deutsch!“ – so die Verteidigung eines grantigen fünfjährigen Grödners vor seinem vierjährigen Ahrntaler Cousin, deren Dialekte auf wechselseitige Verwunderung stoßen. Mittlerweile widmet sich der Grödner als Linguist und Lehrer ganz der Sprache, Kategorien wie „komisch“ und „normal“ sind inzwischen verblasst und „Deutsch“ hat eine radikale Bedeutungserweiterung erfahren.
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