
Für viele Menschen bleibt die deutsche Sprache ein wahres Rätsel und ihre Grammatik sowie ihre Rechtschreibung manchmal sehr unverständlich. Doch Kinder, die in ihrem sprachlichen Umfeld regelmäßig mit Deutsch in Kontakt sind, erwerben Sprache und ihre Grammatik ganz natürlich – ist Deutsch für sie also leicht? Und warum wird es für sie in der Schule dennoch nicht immer kinderleicht? Was wollen denn Kinder über die deutsche Sprache wirklich wissen?
Anna Volodina, ehemalige Mitarbeiterin der Abteilung „Grammatik“ am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim und seit März 2025 (Senior)Scientist am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Graz, hat kürzlich ein Buch über Fragen von Kindern zur deutschen Sprache geschrieben – und diese praktischerweise auch gleich für Kinder verständlich beantwortet. Ich habe mit Anna Volodina gesprochen, um mehr über das Buch und seine Entstehung zu erfahren.
Aivars: Liebe Anna, dein Buch stellt 21 Kinderfragen zum Deutschen vor und gibt in zugänglicher und leicht verständlicher Weise Antworten auf diese. Bei welchem Anlass bist Du mit den Fragen von Kindern zur deutschen Sprache in Kontakt gekommen?
Anna: Das Ganze hat sich eigentlich ganz natürlich ergeben. Das IDS nimmt seit 2022 regelmäßig am bundesweiten Aktionstag „Türen auf mit der Maus“ teil, der jedes Jahr am 3. Oktober stattfindet. An diesem gesetzlichen Feiertag öffnen überall in Deutschland über 800 Institutionen ihre Türen für Kinder, die einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen. Für sie haben wir verschiedene interaktive Stationen aufgebaut, wo Kinder zum Beispiel mit Hilfe von Spektrogrammen ihre Stimme „sehen“, mit Wörtern experimentieren oder eigene Emojis gestalten konnten.
Aivars: Das heißt, das sind die Fragen der Kinder, die euch am IDS besucht haben?
Anna: Ja, genau – wir sind schon beim ersten Aktionstag davon ausgegangen – oder wir haben vielleicht einfach darauf gehofft –, dass nach so vielen Eindrücken bei Kindern bestimmt noch ein paar Fragen offenbleiben würden. Dafür haben wir vom Projekt „Sprachanfragen“, in dem ich zuletzt am IDS mitgearbeitet habe, eine eigene Station eingerichtet – und dort konnten die Kinder am Ende des Aktionstages einfach all ihre Fragen zum Deutschen, ob mündlich oder schriftlich, an uns weitergeben. Und ehrlich gesagt, diese neugierige, ganz unvoreingenommene Art, mit der Kinder an Sprache herangehen, hat mich irgendwann im Laufe der Jahre auf die Idee gebracht: Warum machen wir daraus nicht ein Buch? Selbstverständlich brauchte es dafür viele hilfsbereite Hände und die Etablierung des neuen Teilprogramms SPRACHBÜHNE im IDS-Verlag, was das Ganze überhaupt möglich gemacht hat.
Aivars: Was hat dir an der Auseinandersetzung mit den Kindern und ihren Fragen zum Deutschen gefallen und welche Fragen haben dir am meisten imponiert und warum?
Anna: Ich glaube, dass mich besonders die Neugier beeindruckt hat, mit der Kinder Sprache erkunden. Sie stellen Fragen, auf die Erwachsene oft gar nicht mehr kommen, weil wir so vieles einfach hinnehmen. Kinder fragen direkt, ohne Scheu: „Was ist das längste Wort mit dem Buchstaben E?“ – eine aus der Sicht eines Erwachsenen völlig nutzlose Frage. Klingt nach Spielerei, oder? Aber solche Fragen haben oft mehr mit Sprachwissenschaft zu tun, als man zunächst denkt. Im Kern geht es hier nämlich um das Prinzip der „Rekursivität“, das sich auch in der Wortbildung zeigt: Zusammengesetzte Wörter, die sogenannten Komposita, können im Deutschen theoretisch unendlich lang werden, weil man immer neue Wörter anhängen und damit immer neue, längere Lexeme bilden kann. Kinder spüren diese Möglichkeit intuitiv, wenn sie nach dem „längsten Wort“ fragen. Und genau das macht solche Fragen so spannend: Sie klingen spielerisch, greifen aber zentrale Prinzipien der Sprache auf, ganz ohne es zu wollen.
Aivars: Interessant sind auch die Fragen in deinem Buch, in denen sich der Unterschied zwischen dem Sprachgebrauch im Alltag und dem Lernstoff in der Schule widerspiegelt. Leidet deiner Meinung nach das kindliche Interesse an der deutschen Sprache unter einem regelbasierten Deutschunterricht?
Anna: Ich würde nicht sagen, dass das Interesse der Kinder an der Sprache unter dem regelbasierten Deutschunterricht leidet – aber es verändert sich sicherlich. Die Schülerinnen und Schüler vergleichen ihren eigenen Sprachgebrauch mit dem, was sie im Deutschunterricht lernen. Dabei merken sie sofort, dass manches – wie etwa das Plusquamperfekt – im Alltag kaum eine Rolle spielt. Genau deshalb stellen sie Fragen wie: „Warum gibt es Formen und Regeln, die wir im Alltag nie benutzen?“ Das ist weniger ein Zeichen für mangelndes Interesse, sondern eher dafür, dass die Beispiele, die im Unterricht präsentiert werden, mit ihrer sprachlichen Realität wenig zu tun haben. Wenn man grammatische Phänomene wie Futur II oder Passivsätze an echten Beispielen zeigt – etwa aus der Zeitung, aus der TV-Werbung, aus einer Ankündigung in der Schule –, werden Strukturen und Regeln plötzlich viel greifbarer und verlieren ihren abstrakten Lehrbuchcharakter: Daher hoffe ich, dass das Buch auch Lehrkräfte erreicht und sie vielleicht motiviert, grammatikbezogene Themen an authentischen Beispielen zu vermitteln.
Aivars: Du hast das Forschungsprojekt zu Sprachanfragen erwähnt, in dem du Tausende Fragen aus der Bevölkerung analysiert hast. Wie unterscheiden sich Anfragen von Erwachsenen von Fragen, die Kinder stellen?
Anna: Die häufigsten Fragen von Erwachsenen betreffen mit Abstand die Normaspekte der Sprache. Dabei geht es meistens um punktuelle Fragen, wie: „Ist in diesem Satz ein Komma nötig oder nicht?“ Die meisten interessieren sich vor allem für die Lösung in einem konkreten Fall, weniger für die Regel oder den Hintergrund dafür – deshalb wird selten explizit nach einer Begründung gefragt. Bei Kindern ist es anders: Ihre Fragen sind überwiegend Warum- und Wieso-Fragen, die sich aus ihren Beobachtungen ergeben, z.B.: „Warum schreibt man fast alle Wörter im Englischen klein, aber im Deutschen groß?“. Kinder suchen weniger nach Regeln, sondern eher nach einer Erklärung für die Auffälligkeiten.
Aivars: Gab es Fragen, die selbst eine Expertin wie du nicht beantworten konntest?
Anna: Es gab tatsächlich Fragen, die nicht einfach zu beantworten waren. Das liegt aber weniger daran, dass die Fragen „zu schwierig“ gewesen wären, sondern daran, dass man manche Fragen aus verschiedenen Gründen nur ansatzweise beantworten kann. So erwartet man bei der Antwort auf die Frage nach dem Genussystem des Deutschen im Vergleich zu genuslosen Sprachen wie Englisch oder Finnisch zumindest grundlegende Kenntnisse in Sprachgeschichte und Typologie. Andere betreffen Bereiche, in denen es gar kein klares „richtig“ oder „falsch“ gibt, weil es um Sprachwandel oder Variation geht – etwa „Was ist richtig – ‚Pizza‘, ‚Pizzen‘ oder ‚Pizzas‘?“. Bei vielen Fragen ist die Antwort einfach nicht endgültig, weil wir nicht wissen, warum sich das Deutsche an genau dieser Stelle so entwickelt hat – und genau dort beginnt weiteres Nachforschen und Nachdenken.
Kinder wollen also andere Dinge über die deutsche Sprache wissen als Erwachsene. Ich habe das Buch gelesen und bin sowohl von den Fragen als auch von den Antworten fasziniert. Mein Eindruck ist, dass das Buch nicht nur für Kinder ist, sondern auch eine ältere Leserschaft anspricht, insbesondere Eltern und Lehrkräfte.

Aivars Glaznieks
Sprachwissenschaftler, den es über München nach Südtirol verschlagen hat. Sprachlich fühlt er sich zwar noch immer eher in Süddeutschland daheim, aber dafür studiert er eifrig die sprachlichen Besonderheiten Südtirols.

Anna Volodina
Sprachwissenschaftlerin an der Universität Graz – Grammatikerin aus Leidenschaft, empirische Linguistin aus Überzeugung, Kinderbuchillustratorin aus Spaß. Vor über 25 Jahren aus Russland importiert wurde sie in Heidelberg promoviert, hat fast zwei Jahrzehnte am IDS Mannheim gereift, um im österreichischen Graz privat und beruflich in den Genuss zu kommen.
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