Wenn Begriffe strahlen: Wie wird „Atomkraft“ zu „Kernenergie“?

Wie Tabus Sprache prägen, Euphemismen „ihre Unschuld verlieren“, irgendwann „das Zeitliche segnen“ und warum die Suche nach dem richtigen Ausdruck wohl nie endet
Verinnerlichte gesellschaftliche Tabus wirken wie unsichtbare Kräfte auf Sprachen ein, sie prägen Bedeutungen, verschieben Assoziationen und lenken unsere Wortwahl. Den polynesischen Begriff tapu schnappt James Cook im 18. Jh. auf Tonga auf, wo er etwas Heiliges, Verbotenes oder Unberührbares bezeichnet. Am anderen Ende der Welt angelangt steht das Tabu seither für alles, was als unangenehm, heikel oder anstößig gilt, wie etwa Krankheit, Tod oder Sexualität.
Was in einer Gesellschaft ungute Gefühle wie Scham oder Sorgen hervorruft und tabuisiert wird, hängt von Kultur, Zeit und sozialem Kontext ab. Am eindringlichsten offenbaren sich Tabuthemen dabei in der Kommunikation: Statt offen zu sprechen, weichen wir auf Andeutungen, Fremdwörter oder beschönigende Formulierungen aus, mildern ab, verschleiern teilweise oder verschweigen ganz. So fragt jemand, der „mal muss“, lieber nach dem Bad statt nach der Toilette, in Traueranzeigen heißt es „friedlich entschlafen“, „heimgekehrt“ oder „von uns gegangen“ statt gestorben. Euphemismen (von gr. eὐ- ‘gut’ und phḗmē ‘Ausspruch’) wirken positiver oder zumindest neutraler, sie blenden unerwünschte Assoziationen aus, wahren soziale Normen oder schonen Gefühle.
Sprachkosmetische Eingriffe dieser Art sind jedoch selten dauerhaft wirksam: Hat sich ein Euphemismus etabliert, setzt oft bereits seine semantische Erosion ein. Er übernimmt die negativen Konnotationen seines Vorgängers, sodass ein Ausdruck, der bis vor Kurzem als einfühlsam, rücksichtsvoll oder höflich galt, bald unsensibel oder verletzend wirken kann. Gehen die verdrängten Gefühle und Gedanken erst einmal auf den neuen Begriff über, entsteht erneut Bedarf nach Ersatz – ein Prozess, der mitunter zu regelrechten Euphemismus-Ketten führt. Mit der Ablösung des abwertenden Begriffs „negro“ durch „black“ verfolgte die Bürgerrechtsbewegung in den USA das Ziel, diskriminierende Sprache zu überwinden und zugleich zu Selbstbewusstsein und Solidarität innerhalb der Community aufzurufen. Auch dieser zunächst stolz verwendete Begriff wurde in bestimmten Kontexten jedoch durch „African American“ ersetzt, um den Fokus weg von körperlichen Merkmalen auf den historischen und geographischen Bezug zur afrikanischen Herkunft zu lenken. Nicht alle, die unter dieser Bezeichnung geführt werden, identifizieren sich jedoch mit ihr; zudem schreibt sie einer Bevölkerungsgruppe, die seit Jahrhunderten integraler Bestandteil der US-amerikanischen Gesellschaft ist, implizit Fremdheit zu. Inzwischen etabliert sich zunehmend der allgemeinere Sammelbegriff „Black, Indigenous, and People of Color (BIPOC)“ für verschiedene rassistisch diskriminierte Gruppen; ob sich diese Bezeichnung langfristig behaupten wird, erscheint angesichts der wachsenden kritischen Auseinandersetzung jedoch ungewiss. Der US-amerikanische Linguist John McWhorter bringt dieses Phänomen augenzwinkernd auf den Punkt: „Euphemisms are like underwear: best changed frequently.“
Die gesellschaftliche Sensibilität für Abwertung, Ausgrenzung, für Würde hat dabei in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Euphemismen dienen jedoch nicht nur inklusiven Bemühungen oder der sozialverträglichen Kommunikation heikler Angelegenheiten: Sie werden genauso zur taktischen Verschleierung und Verharmlosung unbequemer Themen und somit zur Meinungslenkung und Manipulation eingesetzt. „Kollateralschäden“ im Zuge einer „militärischen Spezialoperation“ verharmlosen die Tötung unschuldiger Zivilpersonen im Krieg als unbeabsichtigte, doch in Kauf genommene Nebensächlichkeit. „Kernenergie“ klingt nicht so bedrohlich wie die mit der Atombombe assoziierte Atomenergie – auf den Ansteckern der Protestbewegung liest man hingegen nicht zufällig seit 1975 „Atomkraft? Nein, danke“ – und „Endlager“ wirkt unbedenklicher als radioaktiver Müll. Die bewusste Wortwahl soll Kritik dämpfen und Akzeptanz schaffen. Diese Strategie verliert aber – falls man nicht bereits vorher bewusst gegensteuert und das US-Verteidigungsministerium kurzerhand in „Kriegsministerium“ umbenennt – ihre Wirkung, sobald die Intention dahinter durchschaut wird. Seit 1991 macht die Jury zum Unwort des Jahres auf problematische Begriffe aufmerksam, die „gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen.“ Worte sind nicht bloß Worte, Sprache ist niemals völlig neutral: Als lebendiger Spiegel gesellschaftlicher Werte legt sie unsere Überzeugungen offen und zeigt auf, was wir zu überwinden suchen.

Maximilian Oberhollenzer
„Hoi hoi, zwoi red denn dea asö kòmisch?“ „Mir red‘n Deutsch!“ – so die Verteidigung eines grantigen fünfjährigen Grödners vor seinem vierjährigen Ahrntaler Cousin, deren Dialekte auf wechselseitige Verwunderung stoßen. Mittlerweile widmet sich der Grödner als Linguist und Lehrer ganz der Sprache, Kategorien wie „komisch“ und „normal“ sind inzwischen verblasst und „Deutsch“ hat eine radikale Bedeutungserweiterung erfahren.
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