Wie kommen Emotionen zur Sprache?

Ob Freude, Wut oder Angst – Emotionen prägen nicht nur, wie wir uns fühlen, sondern auch, wie wir sprechen, denken und entscheiden. Gerade in der Politik und in sozialen Medien werden Emotionen gezielt angesprochen – mit weitreichenden Folgen für unsere Wahrnehmung und unser Handeln.
Emotion, Sprache und Denken sind eng miteinander verbunden. Jede Sprache verfügt über zahlreiche Ausdrücke, mit denen wir unseren Gefühlen Luft machen können – sei es aus Ärger, Überraschung oder Freude. Gleichzeitig haben wir das Bedürfnis, anderen mitzuteilen, wie es uns gerade geht: Wir benennen und beschreiben unsere Gefühle, um Zuneigung auszudrücken, Mitgefühl zu zeigen oder Trauer zu teilen.
Die Psychologie geht davon aus, dass es eine Reihe von Basisemotionen gibt, die uns angeboren sind und mit denen wir unmittelbar auf unsere Umwelt reagieren. Dazu zählen etwa Freude, Angst, Wut oder Ekel. Der Psychologe Paul Ekman hat diese grundlegenden Emotionen in zahlreichen Studien untersucht und gezeigt, dass sie in vielen Kulturen ähnlich sind. Daneben gibt es jedoch auch komplexere Emotionen wie Stolz, Schuld oder Schadenfreude. Diese verbinden verschiedene Basisemotionen miteinander und sind stärker kulturell geprägt. Forschende gehen davon aus, dass sich diese komplexeren Emotionen im Laufe der menschlichen Evolution gemeinsam mit unserer Kommunikationsfähigkeit als Antwort auf zunehmend komplexe soziale Beziehungen entwickelt haben.
Emotionen können allerdings auch dazu führen, dass es uns die Sprache verschlägt und uns plötzlich die Worte fehlen. Gleichzeitig beeinflussen sie stark, wie wir denken und entscheiden. Manchmal reagieren wir unmittelbar aus einem Bauchgefühl heraus, ohne lange über Vor- und Nachteile nachzudenken. Hierbei spricht man von der sogenannten “Affect Heuristic”: Gefühle dienen hier als eine Art mentale Abkürzung, die schnelle Entscheidungen ermöglicht, aber auch zu Fehlurteilen führen kann.
Dass Emotionen unser Denken beeinflussen, ist seit der Antike bekannt. In der Rhetorik gilt es als wichtige Fähigkeit, gezielt Emotionen beim Publikum zu wecken. Geschickte Rednerinnen und Redner können so Stimmungen erzeugen, die ihre Argumente überzeugender wirken lassen. Besonders negative Emotionen haben hier eine starke Wirkung. Wenn Menschen wütend oder verärgert sind, verarbeiten sie Informationen oft weniger gründlich und stützen sich stattdessen stärker auf bestehende Überzeugungen oder Vorurteile. Studien zeigen zudem, dass Gefühle wie Ärger oder Wut die politische Beteiligung und die Protestbereitschaft fördern, gleichzeitig aber auch die Zustimmung zu besonders harten und drastischen politischen Maßnahmen erhöhen können. Populistische Akteurinnen und Akteure verstehen es häufig sehr gut, mit den Emotionen ihres Publikums zu arbeiten. Doch auch im Internet spielen Gefühle eine zentrale Rolle. Beiträge, die besonders empörend, schockierend oder emotional formuliert sind, erzeugen meist mehr Aufmerksamkeit. Sie werden häufiger angeklickt, kommentiert und geteilt. Gerade deshalb lohnt es sich, kurz innezuhalten, wenn uns eine Nachricht besonders stark aufregt oder empört. Dann kann es hilfreich sein, sich zu fragen: Versucht hier vielleicht jemand, meine Emotionen gezielt anzusprechen? Und welches Ziel könnte damit verfolgt werden?
Denn so wichtig Gefühle für unser Leben sind – Angst und Ärger sind selten gute Ratgeber, wenn es darum geht, Informationen kritisch zu beurteilen.

Maria Stopfner
Maria Stopfner interessiert sich schon seit Jahren für Sprache in der Politik und wünscht sich mehr politische Bildung und eine bessere Streitkultur für alle.
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