Romani auf dem Weg zu mehr politischer Sichtbarkeit: Das Beispiel der italienischen Partei Mistipé

Die Geschichte der Romani Minderheiten in Italien ist eine Geschichte von Ausgrenzung und Unsichtbarkeit. Trotz zahlreicher Bemühungen, Inklusionsprogramme und Bekenntnisse zur Gleichberechtigung bleiben Roma eine der am stärksten marginalisierten Gruppen in Europa. Insbesondere Romani Frauen erleben nicht nur Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts, sondern sind auch in politischen Prozessen stark unterrepräsentiert oder vollständig ausgeschlossen.
An einem kühlen Frühlingstag im Jahr 2020 sitzen drei Frauen in einer kleinen Wohnung in der Region Molise zusammen. Es sind lange Gespräche, hitzige Diskussionen, aber vor allem ein gemeinsames Ziel: eine eigene politische Partei für Romani in Italien zu gründen. Ihr Name? Mistipè – ein Wort aus dem Romanes, das Respekt und Solidarität bedeutet.
Dieser Moment stellt einen bedeutenden Wendepunkt dar. Erstmals in der Geschichte Italiens gibt es eine Partei, die sich gezielt für die politische Partizipation der Romani einsetzt. Obwohl die Romani seit Jahrhunderten Teil der italienischen Gesellschaft sind, bleiben sie in politischen Prozessen weitgehend unsichtbar. Doch nicht nur die Parteigründung an sich ist bemerkenswert – entscheidend ist, dass es drei Romani Frauen sind, die diesen Schritt wagten. Denn insbesondere Frauen, die einer marginalisierten Gruppe angehören, stehen vor großen Hürden, wenn sie sich politisch engagieren wollen, da sie häufig mehrfachen Diskriminierungen ausgesetzt sind und ihre Perspektiven in politischen Strukturen oft nicht ausreichend repräsentiert werden.
Der Kampf um Anerkennung
Viele Romani leben seit Jahrhunderten in Italien, während andere erst in den 1990er- oder frühen 2000er-Jahren nach Italien gekommen sind. Sie sprechen unterschiedliche Dialekte oder Sprachen und haben verschiedenartige kulturelle Traditionen. Diese Vielfalt wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen, was zu einer pauschalisierenden Darstellung und Vereinheitlichung führt, die der Realität der teils sehr diversen Gruppen nicht gerecht wird.
Doch was bedeutet es, wenn eine Minderheit jahrhundertelang aus politischen Prozessen ausgeschlossen wird? Es bedeutet, dass Entscheidungen über ihre Zukunft stets von anderen getroffen werden. Dass ihre Anliegen häufig überhört und ihre Rechte oft missachtet werden. Und es bedeutet, dass Vorurteile und Rassismus weiterbestehen, weil sich kaum jemand aktiv dagegen einsetzt.
Die Zahlen aus einem Report der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) sprechen eine deutliche Sprache: 98 Prozent der Romani in Italien leben unter der Armutsgrenze, weniger als 30 Prozent schaffen einen weiterführenden Schulabschluss, und nur etwa 45 Prozent der Romani-Frauen sind berufstätig.
Genau hier setzt die Mistipè-Partei an:
Wir haben diese Partei gegründet, weil wir es leid sind, dass die immer gleichen politischen Begünstigungen keinen wirklichen Zweck erfüllen. Wir brauchen einen Raum, in dem unsere Stimmen gehört werden.
Mistipè Gründerin
Die Partei ist dabei offen für alle Romani aus Italien, will aber insbesondere Romani Frauen sichtbarer machen, ihnen eine politische Stimme geben und sich gegen Diskriminierung starkmachen – nicht nur innerhalb der eigenen Community, sondern auch in der Mehrheitsgesellschaft. Die Partei will aber nicht nur das Thema der Geschlechterunterschiede beleuchten, sondern die Romani Minderheiten als Ganzes sichtbar machen.
Antiziganismus: Ein tief verwurzeltes Problem
Eine zentrale Hürde für die politische Teilhabe ist dabei Antiziganismus. Antiziganismus ist eine spezifische Form des Rassismus, die sich gegen Romani und Sinti richtet. Er äußert sich in Vorurteilen, Diskriminierung und systematischer Ausgrenzung dieser Gruppen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Antiziganismus reicht von alltäglicher Benachteiligung über Hetze in den Medien bis hin zu staatlicher Repression und Gewalt. Ein besonders drastisches Beispiel für den alltäglichen und strukturellen Rassismus gegen Romani in Italien lieferte der Lega-Politiker Alessio Di Giulio im September 2022. In einem Facebook-Video forderte er seine Anhänger auf, seine Partei zu wählen, „damit man sie nie wieder sieht und sie in Florenz nicht mehr ist.“ Mit „sie“ meinte er eine Romni, die zufällig im Hintergrund zu sehen war.
Das Video ist kein Einzelfall. In Italien ist der Antiziganismus tief in der Gesellschaft verankert. Laut einer Umfrage der FRA aus dem Jahr 2021 gaben 80 Prozent der Romani in Italien an, Diskriminierung in verschiedenen Lebensbereichen erfahren zu haben. Immer wieder gibt es Berichte über systematische Diskriminierung, etwa auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Wer in einer Bewerbung angibt, Romani zu sein, hat oft kaum eine Chance auf eine Anstellung. Diese Faktoren führen dazu, dass politische Teilhabe erschwert wird – und das insbesondere wenn Gender mit Faktoren wie Ethnizität und Rassismus überlappt.
Die doppelte Herausforderung: Frau und Romni
Eine Romni, die in Italien aufwächst, hat es doppelt schwer: Einerseits muss sie sich gegen Vorurteile aus der Mehrheitsgesellschaft behaupten, die sie oft als Bettlerin oder Kriminelle abstempelt. Andererseits kämpft sie auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft oft gegen patriarchale Strukturen: Nun, die Tatsache, dass du eine Frau bist, ist bereits ein Hindernis, seien wir ehrlich, besonders in Italien. Und wenn du zu meiner Community gehörst, einer Minderheit innerhalb einer Minderheit, dann erst recht.
Eine Romni zu sein bedeutet, mit mehreren Identitätsebenen konfrontiert zu sein: Du könntest eine Frau sein, Romni, möglicherweise lesbisch oder sogar gleichzeitig Muslimin. Verstehst du? Wenn mehrere Faktoren mit deiner Identität als Frau verbunden sind, wird es viel komplexer, politische Ebenen zu erreichen.
Eine Romni aus Italien
Dieser Erfahrungsbericht macht deutlich, wie wichtig ein intersektionaler Blick ist, um die vielschichtigen Benachteiligungen sichtbar zu machen, denen marginalisierte Frauen ausgesetzt sind.
Das Überschneiden und gegenseitige Verstärken verschiedener Formen der Diskriminierung wird mit dem Begriff der Intersektionalität beschrieben. Der Begriff hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Geprägt wurde das Konzept von der Juristin und Bürgerrechtlerin Kimberlé Crenshaw, die ihn verwendete, um zu beschreiben, wie sich verschiedene Formen der Diskriminierung überschneiden und gegenseitig verstärken. In ihrem berühmten Aufsatz von 1989 schrieb sie: „Intersektionalität ist eine Methode zur Analyse, um aufzuzeigen, wie Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung sich nicht nur addieren, sondern auf komplexe Weise miteinander verwoben sind.“
Doch die Partei Mistipè zeigt, dass sich viele Frauen nicht länger mit dieser Situation abfinden. Sie sind keine passiven Nebendarstellerinnen auf der politischen Bühne, sondern treibende Kräfte gesellschaftlicher Veränderung. Schon jetzt sind es häufig Romni, die auf lokaler Ebene soziale Projekte leiten, Bildungsinitiativen ins Leben rufen und für bessere Lebensbedingungen kämpfen.
Ein Blick in die Zukunft
Die Gründung der Mistipè-Partei ist ein Hoffnungsschimmer – nicht nur für die Romani-Community, sondern für die gesamte italienische Gesellschaft. Denn eine inklusive Demokratie kann nur funktionieren, wenn alle Stimmen gehört werden.
Um echte Chancengleichheit zu erreichen, braucht es tiefgreifende Reformen: gezielte Bildungs- und Arbeitsmarktprogramme für Romani, Maßnahmen gegen strukturellen Rassismus und politische Strategien, die intersektionale Diskriminierung in den Blick nehmen. Es ist auch wichtig anzuerkennen, dass wir hier nicht von einer homogenen Gruppe sprechen, sondern Romani Minderheiten divers sind und so auch ihre Lebensrealitäten.
Die Partei Mistipè zeigt, dass Veränderung möglich ist. Mistipè gibt Romani Frauen in Molise eine Stimme – und vor allem eine Plattform, um sich zu vernetzen, sichtbar zu werden und politisch mitzugestalten. „Wenn Roma-Frauen andere Roma-Frauen in der Politik sehen, werden Hürden abgebaut. Das leistet unsere Partei“, sagt eine der Gründerinnen selbstbewusst. Sie erinnert daran, dass Demokratie kein statischer Zustand ist, sondern ein stetiger, kollektiver Kampf – um Gleichberechtigung, Respekt und echte Teilhabe.
Und vielleicht, in ein paar Jahren, wird sich eine junge Romni in Italien nicht mehr fragen müssen, ob ihre Stimme zählt. Sondern nur noch, wo sie sie am besten einsetzt, um Veränderung zu schaffen.

Sophia Schönthaler
Sophia Schönthaler ist Post-Doc-Researcher am Zentrum für Migration und Diversität von Eurac Research und Administratorin des Eurac Research Ethic Review Board. Ihre Forschungsinteressen liegen an der Schnittstelle von Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der politischen Beteiligung von Roma-Frauen.
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