Von unsichtbaren Frauen: Warum die Wirtschaft Frauen nicht sieht

Frauen leisten einen Großteil der unbezahlten und schlecht bezahlten Arbeit – ein strukturelles Problem, das tief im kapitalistischen System verankert ist. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen des Gender Pay Gaps, deckt verborgene Mechanismen der Entwertung weiblicher Arbeit auf und zeigt, warum ein grundlegender Wandel überfällig ist.
In Südtirol verdienen Frauen im Durchschnitt 17,2% weniger Geld als Männer. Der sogenannte Gender Pay Gap ist eines der zentralen Themen, die im kürzlich erschienenen Gender Report diskutiert werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum das eigentlich so ist. Neben den Gründen, die der Report für den Gender Pay Gap nennt, lohnt es sich darüber hinaus einige Grundannahmen des derzeitig vorherrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystems zu hinterfragen. Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass der Gender Pay Gap aus systemischer Perspektive kaum überraschend ist, da sowohl Frauen als auch die Natur strukturell abgewertet werden. Aus wissenschaftlicher Sicht haben sich damit vor allem die verschiedenen Strömungen der Feministischen Ökonomie beschäftigt, die seit den 1970er Jahren die geschlechterbezogene Blindheit der vermeintlich objektiven, klassischen Ökonomie kritisieren und dekonstruieren.
Tatsächlich ist unser Wirtschaftssystem gar nicht so neutral und unabhängig von der Gesellschaft, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Vielmehr ist es durch gesellschaftliche Strukturen geprägt und reproduziert diese. So können wir auch nicht von einer neutralen Wirtschaft reden, wenn diese auf einem androzentrischen Verständnis aufbaut, das eine männlich-zentrierte Sichtweise repräsentiert und keinen Platz für andere Realitäten lässt. Dieses Verständnis wird allerdings nicht explizit angesprochen oder aktiv benannt, sondern durch „strategisches Schweigen“ vorausgesetzt – so wie lange Zeit vorausgesetzt wurde, dass die Frau in der Rolle der Hausfrau zu Hause bleibt, während der Mann als Familienernährer zur Arbeit geht. Ziel der feministischen Ökonomie ist es, dieses strategische Schweigen zu brechen, um auf die geschlechterbedingten Ungleichheiten, wie z.B. Gender Pay Gap oder „Gläserne Decke“, im patriarchal kapitalistischen Wirtschaftssystem aufmerksam zu machen und mit diesen zu brechen. Die Soziologin Maria Mies erklärt, dass ein solches Wirtschaftssystem nur bestehen kann, weil es ständig Bereiche ausbeutet und abwertet, die als „freie Kolonien“ gelten. Dazu gehören Sorgearbeit, die informelle Wirtschaft, die Natur und der Globale Süden. Drei Symptome dieses Wirtschaftssystems eigenen sich besonders gut, um diese These zu unterstreichen: das Menschenbild des Homo oeconomicus, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messwert für wirtschaftlichen Erfolg und die enge Definition von Arbeit.
Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass der Gender Pay Gap aus systemischer Perspektive kaum überraschend ist, da sowohl Frauen als auch die Natur strukturell abgewertet werden.
Jenny Ufer
In der klassischen Ökonomie gilt der Homo oeconomicus als das ideale Menschenbild. Er agiert als rationales, egoistisches und emotionsloses autonomes Individuum, dessen Hauptziel die wirtschaftliche Nutzen- und Profitmaximierung ist. Das Personalpronomen „er“ ist hier bewusst gewählt, denn seine Eigenschaften gelten in unserer Gesellschaft als typisch „männlich“. Somit verkörpert der Homo oeconomicus das wirtschaftlich androzentrische Weltbild, in dem männlich häufig mit menschlich gleichgesetzt wird. Gleichzeitig bildet er die Grundlage vieler klassischer Theorien zur ökonomischen Entscheidungsfindung – auch wenn mittlerweile zahlreiche Studien, insbesondere aus der Verhaltensökonomie, das Bild des Homo Oeconomicus als rein rationalen Entscheider als überholt betrachten. In ihrem Buch Beyond Economic Man (1993) zeigen Marianne A. Ferber und Julie A. Nelson, dass viele ökonomische Entscheidungen keinesfalls nur aus rationaler Nutzenmaximierung getroffen werden, sondern solidarische Motivationen und gemeinschaftliches Wohlergehen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. In einer kürzlich erschienenen Studie wurden dem Homo oeconomicus zusätzlich psychopathische Züge zugeschrieben, die sich durch besonders gefühlloses, egoistisches und manipulatives Verhalten äußern, auf den ersten Blick jedoch relativ normal erscheinen.
Neben dem Menschenbild des Homo oeconomicus zeigt auch die Art und Weise, wie wirtschaftlicher Erfolg und Wohlstand durch das immer weiter steigende Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen werden, einen klaren Gender Bias. Denn das BIP erfasst alle Güter und Dienstleistungen, die in einem bestimmten Zeitraum produziert werden. Doch Güter und Dienstleistungen, die nicht käuflich erworben werden können, werden dabei nicht berücksichtigt. Alles, was außerhalb des Marktes erbracht wird, hat im ökonomischen Sinn keinen Wert und zählt dementsprechend nicht zum BIP. Das betrifft auch die Hausarbeit, die traditionell in den Händen der Frauen liegt. In ihrem Buch If women counted (1988) zeigt die Autorin und frühere Politikerin Marylin Waring, dass die Auswahl, was als wirtschaftliche Aktivität im BIP gemessen wird und was nicht, einer patriarchalen Machtordnung unterliegt, die Militarismus, Umweltzerstörung und Werkzeuge der Kolonialisierung begünstigt. Frieden, Natur und Sorgearbeit werden außer Betracht gelassen, da sie keinen messbaren wirtschaftlichen Mehrwert erbringen. Nach einer solchen Logik gelten alle unbezahlten Aktivitäten, wie die unentgeltliche Sorgearbeit, als unproduktiv und ökonomisch wertlos – sie zählen nicht. Somit werden sie strukturell durch ihre Nicht-Beachtung im BIP unsichtbar gemacht und erfahren wenig bis keine gesellschaftliche Wertschätzung. Waring fasst diese Nicht-Sichtbarkeit wie folgt zusammen: Wenn man als Produzent*in in der Wirtschaft eines Landes unsichtbar ist, ist man auch bei der Verteilung von Sozialleistungen, wie etwa der Rente, unsichtbar – es sei denn, man wird als „Problem“ oder „Belastung“ bezeichnet.
Das Eisberg Modell (Diverse Economies Iceberg)
Credit: Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License | Community Economies Collective | All rights reservedDie strukturelle Unsichtbarkeit und die damit verbundene gesellschaftliche Nicht-Wertschätzung spiegeln sich auch in der eingeschränkten Definition von Arbeit wider. Besonders eindrucksvoll wird diese Kritik am Eisberg Modell von Maria Mies deutlich. Der obere, sichtbare Teil des Eisbergs repräsentiert die formale Lohnarbeit in unserer Gesellschaft, also all die Arbeit, für die wir bezahlt werden. Der viel größere, untere Teil des Eisbergs zeigt die unbezahlte Arbeit, wie zum Beispiel Kindererziehung, Hausarbeit oder Pflege von Angehörigen. Diese Arbeit „zählt“ allerdings nicht als wirtschaftlich wertvoll. Vielmehr wird sie als selbstverständlich angesehen, obwohl sie die Grundlage ist, ohne die der obere Teil des Eisbergs gar nicht existieren könnte. Auch wenn Frauen heute ein wichtiger Teil der Lohnarbeit sind und nicht mehr „nur“ die Rolle der Hausfrau erfüllen, heißt das nicht, dass sie diese Aufgabe hinter sich gelassen haben. Die meisten Frauen arbeiten nach ihrer ersten Schicht der Lohnarbeit noch die sogenannte „zweite Schicht“ der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit. Um auf deren grundlegende Bedeutung aufmerksam zu machen, rief eine Gruppe von Frauen 1972 die Wages for Housework Kampagne ins Leben. Ziel dabei war es allerdings nicht, eine Bezahlung für Sorgearbeit zu fordern, obwohl der geschätzte Wert von unbezahlter Sorgearbeit bei rund 10.8 Billionen US-Dollar (ca. 10.000 Milliarden Euro) jährlich liegt. Das entspricht ungefähr zwei Dritteln der Wirtschaftsleistung der Eurozone im Jahr 2023. Vielmehr wollten die Gründerinnen die systemische Abhängigkeit des kapitalistischen Systems von unbezahlter Sorgearbeit aufzeigen: Wenn das System tatsächlich für diese Kosten aufkommen müsste, würde es wahrscheinlich unwirtschaftlich werden, was wiederum die sozialen patriarchalen Strukturen aufbrechen würde.
Anstatt sich nur auf gleiche Bezahlung zu fokussieren, brauchen wir hier dringend einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel, der die unterliegenden patriarchalen kapitalistischen Strukturen aufbricht und überwindet.
Jenny Ufer
Die drei Kritikpunkte zeigen, dass der Gender Pay Gap als Symptom eines Systems verstanden werden muss, welches die strukturelle Ausbeutung und Entwertung von Frauen, Natur und dem Globalen Südens vorsieht. Anstatt sich nur auf gleiche Bezahlung zu fokussieren, brauchen wir hier dringend einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel, der die unterliegenden patriarchalen kapitalistischen Strukturen aufbricht und überwindet. Ein möglicher Ansatz ist der sich ständig weiterentwickelnde Zusammenschluss zwischen Degrowth und Feministischer Ökonomie. Degrowth als politisches Projekt und soziale Bewegung zielt auf eine demokratische Transformation hin zu einer Gesellschaft, die deutlich weniger Energie und Ressourcen verbraucht, die Demokratie vertieft, ein gutes Leben für alle garantiert und soziale, globale sowie ökologische Gerechtigkeit sichert – ohne dem ständigen Wachstumszwang unterworfen zu sein. In seiner feministischen Ausprägung stellt Degrowth die Sorgearbeit für unsere Mitmenschen und unsere Umwelt ins Zentrum. Dabei wird klar erkannt, dass das gesellschaftliche Miteinander, aber auch unser (Über-)Leben auf dem Planeten fundamental von Sorgearbeit abhängt und diese dementsprechend geschätzt werden muss. Eine faire Bezahlung kann dazu beitragen, diese Wertschätzung zu zeigen – nicht nur zwischen den Geschlechtern durch die Überwindung des Gender Pay Gaps, sondern auch in globalen Produktionsketten und durch die Berücksichtigung der wahren Kosten der Zerstörung unseres Planeten. Gleichzeitig müssen wir uns jedoch fragen, was in unserer Gesellschaft wirklich wichtig ist – oft sind es nämlich genau die Dinge, die nicht käuflich sind. Somit ist es dringend an der Zeit, uns vom kapitalistischen Paradigma Preis = Wert = Sichtbarkeit zu trennen.
In einem feministischen Degrowth-Verständnis würde das Ganze dann so aussehen: gesellschaftliche plus ökologische Relevanz ergibt Wert und Sichtbarkeit. Mit dieser Neuausrichtung treten Frauen nicht mehr länger als unsichtbare Akteurinnen im patriarchal kapitalistischen System auf, sondern als sichtbare, gleichwertige und gesellschaftlich geschätzte Menschen, die sich für ein nachhaltiges und gerechtes Leben für alle einsetzen.

Jenny Ufer
Jenny Ufer studierte Degrowth mit den Schwerpunkten Ökologie, Wirtschaft und Politik in Barcelona. Seit 2023 arbeitet sie als Junior Researcher am Center for Advanced Studies von Eurac Research. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Fragen der sozial-ökologischen Transformation, globaler Gerechtigkeit, feministischer Ökonomie und Degrowth.
Discover
Forschung sichtbar machen.
Finden Sie die verknüpften Expertinnen und Experten, Projekte, Publikationen und Forschungsfelder hinter diesem Blogbeitrag.
This content is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International license except for third-party materials or where otherwise noted.

