Wessen Körper, wessen Entscheidung? Die EU darf das Thema Abtreibung nicht nationalen Ideologien überlassen

Weltweit zählt Abtreibung zu den umstrittensten Rechten der Frau. Die Aufhebung des Urteils Roe v. Wade in den Vereinigten Staaten hat einen erheblichen Rückschritt dieser Rechte gezeigt, jedoch ist auch davon Europa betroffen. Mit dem zunehmenden Rechtsruck wächst in Ländern wie Ungarn und Italien der politische Wille, das Recht auf Abtreibung einzuschränken. Doch diese Debatte dreht sich nicht nur um Medizin und Gesetze. Letztlich geht es um Macht, also darum, wer über die Körper von Frauen entscheiden darf.
Es gibt im internationalen Recht kein universelles Recht auf Abtreibung oder Fortpflanzung. Stattdessen hängen die Rechtmäßigkeit und der Zugang von nationalen Gesetzen ab. Diese unterscheiden sich erheblich in Bezug auf das zugelassene Stadium der Schwangerschaft, verpflichtende Wartezeiten oder die medizinische Kostenübernahme des Eingriffs. Das gilt auch innerhalb der Europäischen Union.
Zudem werden Abtreibungsgesetze häufig von politischer Ideologie beeinflusst und von Parteien instrumentalisiert, um Wählerstimmen zu gewinnen und ihre Anhängerschaft zu mobilisieren. Besonders deutlich wurde dies während der polarisierenden Debatten der US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr, als Republikaner für „Pro Life“ und Demokraten für „Pro Choice“ plädierten.
Noch entscheidender ist jedoch, dass Beschlüsse zum Schwangerschaftsabbruch immer von Menschen in Machtpositionen getroffen werden, obwohl diese Personen in der Regel mehrheitlich Männer sind. Gerade in Ländern, in denen das Recht auf Abtreibung am stärksten eingeschränkt ist, dominieren Männer jene Räume, in denen über die Körper von Frauen entschieden wird. Anders gesagt, wird die Autonomie der Frau durch die, von anderen bestimmten, Gesetze eingeschränkt. Dieses Ungleichgewicht zeigt, wie stark patriarchale Machtstrukturen noch immer bestimmen, wessen Stimmen zählen und über wessen Leben hinweg entschieden wird. Reproduktive Rechte sind an veraltete Geschlechterrollen gebunden, die von Frauen Fürsorge erwarten und von Männern Macht und Kontrolle.
Anti-Abtreibungsakteure in Europa
Einige europäische Politiker*innenn scheinen es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht zu haben, den Körper und besonders den Uterus von Frauen zu verwalten. Überall auf dem Kontinent stellen nationalistische und konservative Akteure Abtreibung als Bedrohung dar - nicht nur für die „traditionellen Familienwerte“, sondern auch für das Überleben der Nation selbst. Sie beharren darauf, dass die Hauptaufgabe der Frau darin liege, Kinder zu gebären. Angesichts demografischer Veränderungen und fallender Geburtsraten werden Frauen dazu verpflichtet, die Bevölkerung aufrechtzuerhalten, ob sie wollen oder nicht.
Ungarn unter Viktor Orbán liefert ein Paradebeispiel für diese Ideologie. Seit 2012 besagt die ungarische Verfassung, dass ungeborenes Leben ab der Zeugung zu schützen ist. Im Jahr 2022 ging die Regierung noch weiter und verordnete Frauen, die eine Abtreibung vornehmen lassen wollen, vor dem Eingriff den Herzschlag des Embryo oder Fötus anzuhören. Für Orbán sind Frauen keine Bürgerinnen mit Rechten, sondern „Baby-Maschinen“, wie der Politikwissenschaftler Robert Sata 2022 in einem Fachbeitrag schreibt. Ginge es nach dem ungarischen Staat, müsse die Fortpflanzungsarbeit der Frauen im Dienste der ungarischen Nation zu stehen. Feminismus und Gleichberechtigung gelten in seiner Weltanschauung nicht als zu schützende Grundrechte, sondern als Bedrohungen, die eingedämmt werden müssen, und der Wert einer Frau bemisst sich allein an ihrem Dienst als Mutter.
Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die sich selbst als christliche Mutter und als eine Freundin Orbans beschreibt, ist bestimmt kein „Girl’s Girl“ und auch keine Befürworterin des Schwangerschaftsabbruchs. Unter der Führung ihrer Partei Fratelli d’Italia wurde eine Maßnahme verabschiedet, die sogenannten „Lebensrechtsorganisationen“, also Anti-Abtreibungs-Aktivist*innen, unter dem Vorwand Mutterschaft zu unterstützen, Zugang zu Familienberatungsstellen gewährt. Tatsächlich schaffen diese Gruppen jedoch oft Druck und nutzen Einschüchterung und moralische Verurteilung, anstatt jenen Frauen, die sich bewusst für ein Kind entscheiden möchten, echte Hilfe anzubieten.
Hinzu kommt, dass in Italien nur 64 Prozent der Krankenhäuser über Abteilungen verfügen, in denen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden können. Weiter eingeschränkt wird der Zugang durch die hohe Rate an Gewissensverweigerungen des Gesundheitspersonals. Italienweit sind das 70 Prozent und im Süden sind sogar über 80 Prozent. Frauen müssen deshalb häufig lange Wartezeiten auf sich nehmen oder in andere Regionen, teilweise sogar in das Ausland reisen, während Politiker*innnen ihnen Vorträge über Familienwerte halten.
Orbán und Meloni sind eine Ausnahme. Auch andere rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien teilen ihre Ansichten. In Deutschland fordert die Alternative für Deutschland (AfD), dass Abtreibung eine absolute Ausnahme bleiben müsse. Sie verlangt, dass Schwangeren Ultraschall-Fotos gezeigt werden und wirbt für eine „Willkommenskultur für Kinder“. Ihr Programm sieht vor, Schwangerschaftsabbrüche nur in Fällen von Vergewaltigung oder schwerer Gesundheitsgefahr für die Mutter zuzulassen.
Warum diese Rechte wichtig sind und wann die EU eingreifen sollte
Abtreibung ist eine Frage der Gleichberechtigung. Menschen, die schwanger werden wollen, müssen selbst bestimmen dürfen, ob und wann das geschieht. Ansonsten können sie ihre körperliche Autonomie und Selbstbestimmung nicht vollständig ausüben und ebenso wenig gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass die Legalisierung von Abtreibung nicht zu mehr Abtreibungen führt, sondern diese sicherer macht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schreibt dazu: „Wenn Menschen mit ungewollten Schwangerschaften auf Hindernisse stoßen, um eine sichere, rechtzeitige, bezahlbare, wohnortnahe, respektvolle und diskriminierungsfreie Abtreibungsversorgung zu erhalten, greifen sie häufig auf unsichere Abtreibungen zurück“. Diese können potenziell schwere psychischen und physische Folgen mit sich tragen.
Warum also greift die Europäische Union, ein Projekt, das auf den Werten von Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Menschenrechten aufbaut, nicht ein? Zwar gab es bereits Anträge und Stellungnahmen zum Thema. Dies war beispielsweise der Fall, als das Europäische Parlament dafür stimmte, das Recht auf Abtreibung in die Charta der Grundrechte der EU aufzunehmen. Eine solche Änderung würde aber die Einstimmigkeit aller 27 Mitgliedstaaten erfordern, was in der aktuellen politischen Lage unerreichbar scheint.
Trotzdem ist die EU nicht machtlos. Öffentliche Gesundheit ist eine geteilte Zuständigkeit, wodurch die EU den Zugang zu sicherer Gesundheitsversorgung erleichtern, Best Practices fördern und politische Maßnahmen koordinieren kann. Genau hier setzt die Europäische Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“, die sich für sichere und zugängliche Abtreibung einsetzt, an. Sie fordert die EU-Kommission auf, finanzielle Mittel für sichere Abtreibungsversorgung in der gesamten Union bereitzustellen.
Der Initiative geht es nicht darum, nationale Gesetze zu vereinheitlichen, sondern willigen Mitgliedstaaten zu ermöglichen, Personen aus Ländern ohne ausreichenden Zugang zur Abtreibung, medizinisch zu versorgen. Die Kosten für diese Solidarität sollen mit EU-Mitteln getragen werden. Es wäre eine Versorgung mit dem Nötigsten. Die Union sollte diese Chance nutzen, um den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen aufrechtzuerhalten, anstatt diesen den nationalen Ideologien zu überlassen.
Frauenrechte werden europaweit eingeschränkt, und die EU kann es sich nicht leisten zu schweigen.
Weiterführende Literatur
Autonome Provinz Bozen - Südtirol. (2025). Zugang zum Schwangerschaftsabbruch in Südtirol gemäß Art. 4 Ges. 194/78. Südtiroler Landesverwaltung. https://www.provinz.bz.it/gesundheit-leben/gesundheit/komitees-kommissionen-netzwerke/zugang-zum-schwangerschaftsabbruch-in-suedtirol-gemaess-art-4-ges-194-78.asp
EPF SRHR Policy Atlas. (2025). European Abortion Policy Atlas. Sexual and Reproductive Rights Policy Atlas. https://abortion.srhrpolicyhub.org
Loguercio, L. (2022, October 12). Il referendum sull’aborto si è tenuto quarant’anni fa e, guardando alle ultime elezioni, meglio così. The Vision. https://thevision.com/politica/referendum-aborto-italia/
My Voice, My Choice: For Safe And Accessible Abortion. (2024). European Citizens’ Initiative. https://citizens-initiative.europa.eu/initiatives/details/2024/000004_en[Textumbruch]
Network italiano pro scelta. (2023). La tua scelta - zero ostacoli. IVG Senza Ma. https://www.ivgsenzama.it/wp-content/uploads/2025/09/La_tua_scelta_zero_ostacoli_2a_ed.pdf
Sata, R. (2022a). Im Namen der Familie. Gunda-Werner-Institut | Heinrich-Böll-Stiftung. https://www.gwi-boell.de/de/2022/01/31/im-namen-der-familie-wie-populistinnen-ungarn-gegen-geschlechtergleichstellung

Martina Senoner
Martina Senoner is a trainee researcher at the Institute for Minority Rights. She holds a Bachelor’s degree in European Studies from The Hague University of Applied Sciences and an LLM in European Union Law from the European Law and Governance School. She has participated in numerous youth exchanges across Europe, while her studies have taken her to the Netherlands, Greece and France. Committed to the European project, Martina wants to address cross-border challenges like inequality through policy and research.
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