Zukunft Familie: Was Südtirol von Schweden und einer österreichischen Gemeinde lernen kann

In Südtirol heißt es, die Familie sei die tragende Säule der Gesellschaft. Doch geben Politik und Wirtschaft den Familien auch die Mittel dazu, Beruf und Familie zu balancieren? Die “Allianz für Familie” und “Thrive+” wollten es wissen und entwickelten gemeinsam den Elternfragebogen „Zukunft Familie“, den über 3.000 Eltern ausgefüllt haben – offen, ehrlich und oft sehr emotional. Die Antworten zeigen, dass Betreuungsplätzen fehlen, die finanzielle Belastung hoch ist und die Familien ungleich behandelt werden. Während in Ländern wie Schweden echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf längst Realität ist, wartet Südtirol noch auf den großen Schritt. Mit “Zukunft Familie” setzen sich Thrive+ und die Allianz für Familie entschlossen dafür ein, dass Familie kein ständiger Kraftakt, sondern wieder ein Zuhause sein darf.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Südtirol nach wie vor eine große Herausforderung. Jährlich kündigen rund 1.000 Frauen im ersten Lebensjahr ihres Kindes, weil sie keine passende Betreuungslösung finden oder die Belastung schlicht zu groß wird. Hinzu kommt, dass 48 Prozent der Personen in Teilzeit mehr arbeiten würden, wenn es verlängerte Betreuungszeiten gäbe. Gleichzeitig bleiben Führungspositionen mehrheitlich männlich besetzt, obwohl Frauen statistisch gesehen oft über höhere Bildungsabschlüsse verfügen. Die Geburtenrate in Südtirol ist 2024 auf ein historisches Tief von 1,39 Kindern pro Frau gesunken, während der Gender Pay Gap mit 17,3 Prozent und der Gender Pension Gap mit 32,6 Prozent gravierende Unterschiede sichtbar machen. Diese Zahlen sind ein Warnsignal für Politik und Gesellschaft. Lösungen sind gefordert.
Eine Mutter, die in "Teilzeit" arbeitet gibt es nicht. Sie verdient nur einen Bruchteil. Wir müssen endlich Mütter für Care-Arbeit bezahlen. (Das allermindeste ist es, die Jahre der Care-Arbeit als voll wertende Pensionsjahre zu zählen). Care-Arbeit ist richtige Arbeit- das muss sich ändern.
Teilnehmer*in Fragebogen "Zukunft Familie"
Schweden als Vorbild
Schweden wird in Europa häufig als leuchtendes Beispiel für Familienpolitik genannt, und das nicht ohne Grund. Dort haben Eltern ab dem ersten Lebensjahr ihres Kindes einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Die Betreuung ist nicht nur flächendeckend verfügbar, sondern auch flexibel: Ganztagesangebote, Abend- und Wochenendbetreuung gehören selbstverständlich dazu. In Schweden stehen beiden Elternteilen jeweils 240 von insgesamt 480 Tagen Elternzeit zu, wovon 90 Tage pro Person nicht übertragbar sind, sodass jeder Elternteil einen eigenen Mindestanteil hat, den der andere nicht übernehmen kann. Darüber hinaus herrscht eine familienfreundliche Kultur in der Arbeitswelt, so werden beispielsweise keine Meetings nach 16 Uhr angesetzt. Maßnahmen, die nicht nur die Gleichstellung fördern, sondern auch die Geburtenrate stabilisieren, die Erwerbsbeteiligung von Frauen und damit ihre finanzielle Absicherung auf hohem Niveau halten, und den Männern die Möglichkeit gibt, sich gleichermaßen um die Kinder kümmern zu können. Für Familien bedeutet das weniger Stress und Konflikte. Für die Kinder bedeutet diese Strategie ein entspannteres und gesünderes Aufwachsen.
Prägraten in Osttirol: Ein Beispiel aus der Nähe
Auch näher an Südtirol gibt es gute Modelle. Die Gemeinde Prägraten in Osttirol hat ein flexibles System im Kindergarten entwickelt, das auf die Bedürfnisse der Eltern eingeht. Nachmittagsbetreuung bis 16:30 Uhr, ein Mittagstisch, digitale Buchungssysteme und enge Zusammenarbeit mit Vereinen für Ferienangebote sorgen für Entlastung. Mit nur rund 25 Schließtagen im Jahr bleibt die Betreuung verlässlich, was einentscheidender Faktor für Eltern ist, die in einem Pendlergebiet leben. Das Motto „Angebot schafft Nachfrage“ hat sich hier bestätigt: Die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertiger Betreuung gibt Eltern die Chance, Beruf und Familie langfristig besser zu vereinbaren, den Kindern die nötige Kontinuität und der Wirtschaft und Arbeitgeber:innen mehr Planungssicherheit. Davon profitieren alle Beteiligten.
Die Stimmen der Eltern
Der Fragebogen „Zukunft Familie“, an dem sich knapp 3.500 Eltern beteiligt haben, zeigt deutlich, die großen Schwierigkeiten der Eltern, Beruf und Familie zu vereinen. Dazu zählt der Wiedereinstieg in den Beruf, die Verfügbarkeit von Kindergarten- und Kita-Plätzen, die Ferienbetreuung und starke finanzielle Belastungen. Besonders die Sommermonate stellen viele Familien vor große Herausforderungen. Mehr als die Hälfte der Eltern gab an, Schwierigkeiten bei der Betreuung in dieser Zeit zu haben. Noch mehr der Befragten, mehr als 60 Prozent, machen sich starke oder sehr starke Sorgen um ihre Altersvorsorge. Die Belastung liegt dabei in den meisten Fällen bei der Mutter. Über 80 Prozent der Eltern gaben an, dass überwiegend die Mutter Elternzeit nimmt.
Vereinbarkeit ein Ziel für alle gemeinsam werden- Mütter und Väter, Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen, Wirtschaft und öffentliche Hand. "Vereinbarkeit" ist ein beliebtes Schlagwort ohne Inhalt und Substanz solange es noch als "normal" angesehen wird, dass Frauen unbezahlt die Fürsorgearbeit leisten (für Kinder und zu pflegende Angehörige) und damit unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem stützen ohne dafür Anerkennung und Wertschätzung zu erhalten.
Teilnehmer*in Fragebogen "Zukunft Familie"
Besonders eindrücklich war, dass der Fragebogen für viele Eltern weit mehr als ein schnelles Durchklicken durch vorgefertigte Antworten. Er entwickelte sich zu einem Ventil, um Sorgen, Ärger und Frust, aber auch konkrete Vorschläge zu äußern. Über 1.200 teils lange und detailliert formulierte Kommentare sind eingegangen. Diese Stimmen zeigen, wie hoch der Druck im Alltag vieler Familien ist und wie groß das Bedürfnis nach Veränderung ist. Sie geben unmissverständlich zu verstehen, dass es nicht nur um abstrakte Zahlen geht, sondern um reale Lebenssituationen, die ohne politische und gesellschaftliche Lösungen kaum zu bewältigen sind.
Es sollten besonderes jene Familien mehr unterstützt werden, die keine Großeltern haben, denn sie schaffen es kaum, den ganzen Sommer ihre Kinder irgendwo unterzubringen.
Teilnehmer*in Fragebogen "Zukunft Familie"
Was sich ändern muss
Die Forderungen, die aus dem Fragebogen „Zukunft Familie“ hervorgehen, sind klar:
- mehr Eintrittsmöglichkeiten in den Kindergarten
- ein Mittagstisch in allen Gemeinden
- ein garantierter Platz in der Kleinkinderbetreuung
- ein Ganzjahreskindergarten
- Ganztagsbildung ab dem Grundschulalter in Zusammenarbeit mit Sport-, Kultur- und Musikvereinen
Diese Schritte wären nicht nur eine Unterstützung für Eltern, sondern auch eine Investition in die Zukunft des Landes. Die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und demografischen Vorteile lassen sich nicht von der Hand weisen. Ganz besonders im Fokus steht aber das gesunde Aufwachsen von Kindern und die Chancengleichheit, der Südtirol dadurch einen Schritt näher kommen würde.
Großer organisatorischer Aufwand und Mehrfachbelastung zwischen Freiberufler, Kinder, Haushalt. Bin jetzt im Burnout, weil ich mit zwei kleinen Kindern und dem Haushalt komplett alleine auf dem Bauernhof geschuftet habe
Teilnehmer*in Fragebogen "Zukunft Familie"
Und jetzt?
Die Beispiele aus Schweden und Prägraten machen deutlich, dass Vereinbarkeit keine Utopie ist, sondern eine Frage politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Prioritäten. Südtirol steht vor der Wahl: Entweder es bleibt bei kleinteiligen Übergangslösungen, oder es gelingt ein mutiger Schritt hin zu einer echten Familienpolitik, die Eltern entlastet, Kinder fördert und die Zukunft des Landes sichert. Denn eines ist klar: Vereinbarkeit ist kein Frauenthema – sie ist ein Zukunftsthema für uns alle.
Südtirol bietet bereits einiges an Angebot und Unterstützung und darauf können wir aufbauen. Es reicht aber noch nicht. Wir können mehr.
Teilnehmer*in Fragebogen "Zukunft Familie"

Ingrid Kapeller
Ingrid Kapeller ist Mitarbeiterin beim Forum Prävention in Bozen und dort in der inhaltlichen Projektarbeit tätig – insbesondere zu sexualisierter Gewalt, transgenerationalen Traumata, Familienpolitik, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie studierte Kommunikationswissenschaften und Gender, Kultur und sozialer Wandel an den Universitäten Wien und Innsbruck. Ihre Masterarbeit, in der sie die Berichterstattung über Femizide in italienischen und österreichischen Qualitätsmedien analysierte, wurde mit dem Förderpreis für wissenschaftliche Arbeiten vom Landesbeirat für Chancengleichheit ausgezeichnet. Sie ist zudem Sexualpädagogin und Mitgründerin des feministischen Podcasts “ätsch bätsch”.

Gudrun Brugger
Gudrun Brugger ist Psychologin im Forum Prävention, tätig in den Fachstellen Familie und im Bereich Suizidprävention, und arbeitet zudem für die Allianz für Familie. Sie hat Psychologie in Wien studiert und anschließend dort die Ausbildung zur Klinischen und Gesundheitspsychologin abgeschlossen. Nach mehreren Jahren praktischer Erfahrung im klinisch-psychologischen Bereich erweiterte sie ihr Profil durch die Absolvierung der Tiroler Journalismusakademie in Innsbruck und freiberufliche Mitarbeit als Lektorin für Südtiroler Verlage und Medien. Ihr besonderes Engagement gilt dem Bereich der psychischen Gesundheit. Zuletzt wirkte sie am Event „Zukunft Familie“ sowie am dazugehörigen Elternfragebogen mit.

Thina Adams
Thina Adams leitet seit 2018 das LUMEN – Museum of Mountain Photography am Kronplatz in Bruneck. Ihre Ausbildung führte die gebürtige Südtirolerin nach Wien und Innsbruck, wo sie Kunstgeschichte, Wirtschaft und Marketing studierte. Beruflich war sie zuvor für die Galerie Martin Janda, die Galerie Rhomberg und das Museion in Bozen tätig. Seit 2016 ist Adams im Ausschuss und künstlerischen Beirat des Stadtmuseum Bruneck und ist Mitbegründerin der Ausstellungserie „Wege zum Museum“ sowie der neuen Ausrichtung des ECK Museum of Art. Nicht nur im beruflichen Leben beschäftigt Sie sich mit der bildenden Kunst, auch diverse private Projekte für Unternehmen und Hotels setzt sie um. Ein Beispiel ist die Ausstellungserie im AmaStay Hotel in St. Vigil. Dort gibt es vier Ausstellung pro Jahr, die sich inhaltlich mit den vier Werten (Fokus, Stay, Relax, Adventure) des Hotels auseinandersetzen. Seit 2022 ist Sie auch Gründerin des Vereins thrive, ein Verein welcher sich für female empowerment und personal growth einsetzt.
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